https://queer.de/?46702
Folge 34 von 53
Schwule Symbole im Film: Farbliche Zwischentöne
Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß und "männliche" und "weibliche" Farben, sondern auch farbliche Zwischentöne wie Rosa und Pink, die eine lange schwule Geschichte haben.

Alles schön rosa: Kleidung und Schlafzimmer des schwulen Bruno (D: Jean-Paul Belmondo) in "Ein irrer Typ" (1977)
- Von
20. August 2023, 07:22h 19 Min. - Diese Artikelserie wurde gefördert von der Homosexuellen Selbsthilfe e.V., www.hs-verein.de.
Lavendel, Violett und Flieder – das frühere Rosa
In Deutschland war Lila in den Zwanzigerjahren die Signalfarbe von Schwulen und Lesben. In den USA war Lavendel (bzw. Violett und Flieder) seit Ende der Zwanziger- und vor allem in den Fünfziger- bis Sechzigerjahren eine schwule Signalfarbe und wird in diesem Kontext bis heute filmisch aufgegriffen. Ehen von schwulen Männern mit Frauen wie die von Rock Hudson werden in den USA als "lavender marriage" bezeichnet.
In Deutschland haben die Farben Lavendel, Violett, Flieder und Lila keine so weitreichende Tradition. Ralf Jörg Raber schreibt in seinem Buch über Homosexualität auf Schallplatte und CD viel über die Bedeutung des "Lila Liedes" von 1920 ("Wir sind wie wir sind", 2010, S. 21-26) und bringt Beispiele aus der Literatur und dem schwulen Berliner Nachtleben (s.a. "Lila Lied" auf queer.de). Der Anglist Jody Skinner verweist in seiner Arbeit "Bezeichnungen für das Homosexuelle im Deutschen" (1999, 2. Bd., S. 210-211) darauf, dass diese Mischfarbe aus Rot und Blau "farbensinnbildlich weder kalt noch heiß" sei und als "analog zu warm" angesehen werden könne. Außerdem geht er darauf ein, dass in der NS-Zeit die Bezeichnungen "Himbeerbubi" und "Himbeerheini" aufkamen, die einen indirekten Bezug zu Rosa haben (S. 144-145).
Ältere Filme aus den USA und Großbritannien
Die "Encyclopedia of Lesbian and Gay Histories and Cultures" (2000, S. 747) geht ausführlich auf "Lavendel" als Symbol ein und bringt literarische Beispiele. Der Artikel bietet zwar keine eindeutige Erklärung, warum sich Lavendel zu einer schwulen und lesbischen Symbolfarbe entwickeln konnte, aber es wird darauf verwiesen, dass Lavendel eine Mischung aus den beiden (geschlechtsspezifisch konnotierten) Farben Rot und Blau ist. Der Filmhistoriker Vito Russo ("Die schwule Traumfabrik", 1990), der für alte schwule Filme immer eine gute Referenz ist, beschreibt "Lavendel" als ein Schlüsselwort in "Why bring that up?" (1929, S. 38), verweist auf den Schwulen in einer lavendelfarbenen Wolke in "Any Wednesday" (1966, S. 129) und erwähnt auch die lavendelfarbenen Häuser in "Ein Stall voll süßer Bubis" (aka: "The Gay Deceivers", 1969, S. 150) und die lavendelfarbenen Gewänder in "The Goodbye Girl" (1977, S. 153). Auf Russos Buch basiert die Dokumentation "The Celluloid Closet" (1995, hier online), die zur Lavendelfarbe auf den Film "The Broadway Melody" (1939, 8:45 Min.) verweist. Außerdem wird eine Szene aus "Ein Pyjama für zwei" (1961, 36:10 Min.) gezeigt, in der Doris Day überrascht ist, dass es Männer gibt, die in einer Wohnung mit einem lila Fußboden leben.
Auch Hermann J. Huber hat für diese Farben einen Blick. Er schreibt in seinem Filmlexikon "Gewalt und Leidenschaft (1989) darüber, wie der englische Exzentriker Quentin Crisp in dem Film "Wie man sein Leben lebt" (1975, S. 197) mit "lila Schal durch Londons City flaniert". Ähnlich wie Vito Russo fiel auch Huber der Film "Ein Stall voll süßer Bubis" (1969, S. 165) auf, worin jedes Apartment in Lavendel-Farbe gestrichen ist.

Eine schwule Rolle? Ein Mann in "Ein Pyjama für zwei" (1961) sagt zu Doris Day, dass er einen lila Fußboden hat
Neuere Filme aus den USA und Großbritannien
Zu den bisher genannten kann ich einige weitere Filme ab Mitte der Neunzigerjahre beisteuern, wie z. B. die Titel zweier Dokumentationen und deren farbliche Gestaltung: In "The silver screen. Color me lavender" (1997) geht es um Homosexualität in der Filmgeschichte und in "The Lavender Scare" (= Die Lavendel-Angst, 2017) darum, dass Schwule ab den Fünfzigerjahren in den USA als "Sicherheitsrisiko" eingestuft und systematisch aus allen öffentlichen Ämtern entlassen wurden. Aus dem Bereich der Spielfilme sind das Verkaufsgespräch in "Red Dirt" (2000), der Name "Mr. Violett" in "Der Club der gebrochenen Herzen" (2000), einige Farbgestaltungen in "Beginners" (2010) und das Homer-Simpson-Zitat "Am liebsten isst er Lavendel und rosa Zuckerwatte" ("Die Simpsons", Folge 18/6) zu nennen. Die rund 100 Jahre alte Symbolfarbe ist in den USA immer noch recht lebendig und regelmäßig in Filmen zu finden. Auch der zeitweise lavendelfarben angestrichene Bus in dem australischen Film "Priscilla" (1994) gehört in diesen Kontext.
Exkurs: Lila als Symbol der Frauen- und Lesbenbewegung
So wie sich Frauen- und Lesbenbewegung nicht klar trennen lassen, sind auch die Bedeutungen von Lila als Zeichen der Frauen-, Lesben- und Homosexuellenbewegung nicht immer klar zu trennen. Schon im 19. Jahrhundert entdeckte die Frauenbewegung die Farbe Violett bzw. Lila für sich. Auch hier besteht vermutlich ein Zusammenhang mit der Tatsache, dass Lila eine Mischung aus Rot bzw. Rosa ("weiblich") und Blau ("männlich") ist. In den Siebzigerjahren trugen viele Feministinnen lila Kleidung und vor allem Lila Latzhosen erfreuten sich großer Beliebtheit.
Für lesbische und bisexuelle Frauen wurden Veilchen und ihre violette Farbe zu einem eigenen Symbol, was seinen Ursprung in einem Gedicht-Fragment von Sappho und/oder in Édouard Bourdets Drama "La prisonnière" (1926) hatte. Als dieses Theaterstück zensiert wurde, bekundeten viele Menschen mit Veilchen ihre Solidarität (Wikipedia). Eine Überschneidung mit Lila als Symbol der Frauen- und Homosexuellenbewegung stellt daher vielleicht auch das violette DVD-Cover von "Violet … sucht Mr. Right!" (2010) dar. In diesem Film versucht Violet zu ihren schwulen Freunden auf Distanz zu gehen, um endlich einen Freund zu finden.

Lavendel als Farbe für Schwule in "The silver screen. Color me lavender" (1997). Violett als Farbe, Frauenname und Filmtitel in "Violet … sucht Mr. Right!" (2010)
Ältere Filme aus Deutschland
Hermann J. Huber verweist in seinem schon erwähnten Filmlexikon ("Gewalt und Leidenschaft, 1989) auf "Ludwig II." (1954, S. 108) hin, wo "allenfalls an der lila Farbe seiner Schlafröcke (…) Ludwigs Homosexualität abgelesen werden" könne. Auch das lila Tuch in "Das Bildnis des Dorian Gray" (1970, S. 31) und die Schlussszene im "zartvioletten" Schlafzimmer in "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" (1971, S. 130) sind seiner Aufmerksamkeit nicht entgangen.

Das zartviolette Schlafzimmer in "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" (1971)
Neuere Filme aus Deutschland
In einer Folge der Krimi-Serie "SOKO Leipzig" (Folge 8/6, 2008) scheint der fiktive Name eines Schwulen- und Lesbenzentrums "Lila Lust" anachronistisch zu sein, weil die Regenbogenfahne ja schon seit längerer Zeit Rosa und Lila verdrängt zu haben scheint. Dieser Annahme kann man jedoch als reales Beispiel das Homosexuellenzentrum "Rosa Lila Villa" in Wien entgegenhalten, das in der Homosexuellenbewegung der späten Siebzigerjahre seinen Ursprung hat, als sich der Regenbogen eben noch nicht durchgesetzt hatte. Ähnliches gilt für den immer noch existierenden Verein RosaLinde e. V. in Leipzig. Wie schon erwähnt, ist Lila bis heute auch die Farbe der Frauenbewegung und es gibt viele positive Beispiele, in denen Frauen und Schwule gemeinsam für Emanzipation kämpften, was sich dementsprechend auch farblich niederschlagen kann.
Als Beispiel von unseren niederländischen Nachbar*innen kann die rosa/lila gestaltete Wohnung des älteren schwulen Paares in der Serie "Durchgehend warme Küche" (1991-1994) ergänzt werden.
Lavendel als Geruch
Ich kenne zwei Filmbeispiele, in denen es zwar um Lavendel geht – allerdings nicht um die Farbe, sondern um den Geruch. In der "Tatort"-Folge "Das Glockenbachgeheimnis" (Folge 423, 1999) riecht der Brief des schwulen Paul Rochus nach Lavendel, was wie ein altes stereotypes Klischee wirkt. In der Komödie "Bullyparade" (2017) wurde – wie auch schon vorher in "(T)raumschiff Surprise" (2004) desselben Regisseurs, Michael "Bully" Herbig – das gesamte Repertoire an Schwulen-Klischees aufgegriffen, wozu auch "Mr. Spucks" erste Worte auf dem "Planeten der Frauen" gehören: "Moschus, Lavendel." Ich gehe davon aus, dass – basierend auf der Farbe – auch der Duftstoff schwul konnotiert wurde. Weitere Filmbeispiele oder Hinweise in der Literatur zur schwulen Filmgeschichte sind mir jedoch nicht bekannt.
Pornos
Für Schwulenpornos scheinen diese Farben kaum relevant zu sein. Der Name des recht kleinen schwulen Pornolabels "Lavender Lounge Studios" und die Namen der Darsteller "Chris Violet" und "Clark Purple" gehören hier zu den wenigen Fundstücken.

Das Pornolabel "Lavender Lounge Studios"
Pink und Rosa – Schwulen-Klischee par excellence bis heute
Der Name der Farbe Rosa leitet sich von der Rose ab. Im Gegensatz zur energiegeladenen Farbe Rot klingt bei Rosa Zärtlichkeit an. Die Zuschreibung von Rosa als Symbolfarbe für schwule Männer geht auf die NS-Zeit zurück, als Schwule im KZ einen rosa Winkel tragen mussten, um sie auf diese Weise wegen ihrer angeblich "weiblichen" Veranlagung mit einer "weiblichen" Farbe zu stigmatisieren. Seit den Siebzigerjahren wird die Farbe Rosa von Schwulen in Deutschland als politische Signalfarbe verwendet – in ähnlicher Form wie in den USA die leicht abweichende Farbe Pink.
Pink in Filmen aus den USA und Großbritannien
Der Film "Pink Flamingos" (1972) genießt mittlerweile Kultstatus. Der offen schwule John Waters machte mit diesem provokanten Spielfilm die Dragqueen Divine zum Underground-Star. Die pinken Flamingos in dem Spielfilm "Another Gay Sequel" (2008) sowie in den Kurzfilmen "Straight from the Suburbs" (1998) und "Gaydar" (2002) sind offenbar Referenzen auf diesen Waters-Film. Als John Waters im Rahmen einer Gastrolle bei den "Simpsons" (Folge 8/15) eine ihm nachempfundene schwule Zeichentrickfigur synchronisierte, wurde auch hier eine Szene mit pinken Wänden und einem pinkfarbenen Flamingo eingebaut.

Pinke Wand und pinker Flamingo: John Waters als Gastrolle bei den "Simpsons" (Folge 8/15)
Neben "Pink Flamingos" (1972) greifen auch die Filme "Pink Narcissus" (1971) und "Touch of Pink" (2004) die schwule Signalfarbe als erste Information zum Film bereits im Titel auf. Die beiden Dokus "Fabulous! The Story of Queer Cinema" (2006) und "The Castro. Neighborhoods. The Hidden Cities of San Francisco" (1997) werden mit DVD-Covern in Pink beworben, was gut zu ihrem jeweiligen historischen Inhalt passt.

Werbung mit viel Farbe: "Touch of Pink" (2004) und "The Castro" (1997)
Weil pinke Kleidung Männer "verweiblicht", erinnern mich einige Szenen an den recht ähnlichen Unterhaltungswert von Travestie-Filmen. Entsprechende Szenen sind daher vor allem in Komödien bzw. komödiantischen Szenen zu finden. Schwule Männer in pinker Kleidung sind in "Fluchtpunkt San Francisco" (1971), "Zwei irre Typen auf heißer Spur" (1982), "Pool Days" (1993, 6:20 Min., hier online), "Eating Out 3" (2009) und "Mismatched" (2014) zu sehen. Pinke Kleidung kann dabei auch das Selbstbewusstsein schwuler Männer betonen: Wenn sich in "Jeffrey" (1995) Sterling (D: Patrick Stewart) stolz als "Pink Panther" kleidet, ist dies der gleiche Stolz wie zehn Jahre spätere bei den Männern der "Pink Patrol" in der US-Serie "Queer as Folk" (Folge 4/2-3, 2005). Erinnern möchte ich auch an das Musikvideo von Queen "I Want To Break Free" (1984, hier online), worin alle Bandmitglieder in Frauenkleidern und größtenteils in Pink zu sehen sind.
"Think Pink!" in "Funny Face" (1957) und "The Garden" (1990)
In dem Musical "Funny Face" (1957) mit Fred Astaire und Audrey Hepburn kommt das Lied "Think Pink" (hier Filmszene online) vor, in dem es u.a. heißt: "Think pink and you're Michelangelo. Feels so gay, feels so bright" (= "Denk pink und du bist Michelangelo. Fühlt sich so lustig an, fühlt sich so strahlend an"). Von Claudia Reiche liegt eine ausführliche Abhandlung über den schwulen Subtext des Liedes und des Films vor ("'Think pink and the world is rosy-red'. Versuch einer Lektüre zwischen den Bildern des Films 'Funny Face' von Stanley Donen". In: "Ikonen des Begehrens. Bildsprachen der männlichen und weiblichen Homosexualität in Literatur und Kunst", 1997, S. 191-216, hier zum Teil online).
In seinem Film "The Garden" (1990) hat Derek Jarman dieses Lied mit dem gleichen Text nachsingen lassen, allerdings vor einem anderen Bildhintergrund, nämlich mit Aufnahmen von Demonstrationen und eines schwulen pinken Paars mit einem Baby. Das Wort "gay" hatte 1957 noch die Bedeutung von "lustig", 1990 bereits von "schwul". Aufgrund dieser Bedeutungsveränderung, aber vor allem durch Jarmans neu arrangierte Bilder wird das Lied nun anders gelesen. Claudia Reiche betont aber zu Recht, dass Derek Jarman dem Song damit keine andere Botschaft gibt, sondern dass es sich dabei um eine nachträgliche Herausarbeitung verschlüsselter und zensierter Botschaften des Filmes von 1957 handelt.

Die deutliche Homo-Version von "Think Pink!" in Derek Jarmans "The Garden" (1990)
Pink bei den "Simpsons" – Selbstbewusstsein und dumme Sprüche
In der US-Serie "Die Simpsons" ist ein facettenreicher Umgang mit der Farbe Pink zu beobachten. Zum einen ist es für die Produzent*innen eine lustige schwule Klischeefarbe, was bei Szenen mit dem schwulen Waylon Smithers am deutlichsten wird. Sein Badezimmer ist in Pink gehalten (Folge 7/1), man sieht ihn in einem pinken Zimmer beim Bügeln in einem pinken Pyjama (9/20) oder er betont, wie hübsch er ein pinkes "Malibu Stacy Dream House" findet (8/23). In seiner Freizeit ist er mit einer in Pink bzw. Lila gekleideten Tanzgruppe (8/24) und mit anderen Männern in pinkfarbenen Badehosen zu sehen (7/17). Selbst seine homoerotischen Tagträume finden vor einem pinken Hintergrund statt (5/4, 7/10).
Pink wird auch mit Travestie verbunden: So ist Homer als Assistentin in einem pinken Kleid (20/1) und mit pinker Dauerwelle zu sehen (15/5). Über Snake im pinken Tutu (10/22) und über andere Männer wie Moe (15/10, 16/7) und Carl (17/1) in Pink macht man sich lustig. Eine Liberace-Puppe trägt einen pinken Glitzeranzug (13/20) und ein weiblicher pinker Roboter ist mit tiefer Männerstimme zu hören (20/4). Bei einem pinken CSD-Themenwagen zu Safer Sex (13/9) ist Pink eine schwulenpolitische Signalfarbe.
Zum anderen dient Pink auch der Diskreditierung von Männern und Jungen als mädchenhaft. So wird Homer wegen seiner pink verfärbten Hemden als "Rosi" und "Pinky" verspottet (3/1) und über Nelson macht man sich wegen seiner pinken Lunchbox lustig (15/12).

Homer wird wegen seines verfärbten Hemdes als "Rosi" und "Pinky" verspottet ("Die Simpsons", Folge 3/1)
In der Serie ist ein sehr aufgeschlossener Umgang mit dem Thema Homosexualität erkennbar, auch wenn sich die Serie nicht immer unmittelbar gegen jede Form der Diskreditierung positioniert, offenbar weil dies wohl zu pädagogisch wirken würde. Die vielen Szenen mit der Farbe Pink und ihrer Assoziation mit Schwulen sind klischeehaft und deshalb unterhaltsam, aber für mich nicht diskriminierend. Die Symbolfarbe Pink ist bei den "Simpsons" wesentlich präsenter als die Regenbogenfahne. Das liegt vielleicht daran, dass die Farbe Pink unterschiedlich deutlich eingesetzt werden kann. Sie kann facettenreich und sowohl in positiven als auch in negativen Zusammenhängen inszeniert werden. Die Regenbogenfahne ist in ihrer symbolischen Bedeutung dagegen klarer und ausschließlich positiv besetzt.
Rosa in älteren deutschen Filmen
Rosa wird in deutschen Filmen als eine typische und klischeehafte Farbe für schwule Männer eingesetzt. Schon in den deutschen Sexkomödien der Siebzigerjahre, als Schwule als eine Art Unterhaltungsbeilage in jedem zweiten Film mit dabei waren, wurden sie mit der Farbe assoziiert, wobei betont werden muss, dass sich viele Schwule auch selbst mit dieser Farbe identifizieren konnten. In "Engelchen macht weiter, hoppe hoppe Reiter" (1969) ist Gustl (D: Mario Adorf) sexuell experimentierfreudig und auch im rosa Kleidchen seiner Frau zu sehen. Der auch im realen Leben schwule Werner Röglin verkörperte recht häufig Schwule und ist als Wilhelm in "Alpenglühn im Dirndlrock" (1974) und als Waldemar in "Liebesgrüße aus der Lederhose" (6. Teil, 1982) in Rosa inszeniert. Ähnliches gilt für den Schwulen in Rosa in "Hot Dogs auf Ibiza" (1979).
Rosa in neueren deutschen Filmen

Provokation und Markenzeichen: die Farbe Rosa in "Rosas Welt" (2012)
Die schwule und schwulenpolitische Signalfarbe war auch für den Künstlernamen eines Filmemachers ausschlaggebend, der seit einem halben Jahrhundert die queeren Filme Deutschlands prägt: Rosa von Praunheim. Von ihm stammen Filme wie "Pfui, Rosa!" (2002) und "Rosas Welt" (2012), die aufzeigen, wie das Rosa in seinem Namen zu einem Markenzeichen geworden ist. Das frühere Provokationspotenzial der Farbe Rosa ist allerdings heute kaum noch erahnbar. Julius Pöhnert macht in seinem Buch "Provokation in Rosa: Typen, Tunten, Charaktere in Rosa von Praunheims Filmen" (2014) darauf aufmerksam.
Bei zwei ausländischen Filmen wurde bei der Suche nach einem deutschen Verleihtitel aus dem Schrank- ein Farbsymbol: Bei dem US-Film "In and out. Rosa wie die Liebe" (1997) wurde der Untertitel "Rosa wie die Liebe" hinzugefügt, weil den übertragenen Sinn von "In and out" vermutlich zu wenige Deutsche verstanden hätten, und aus dem französischen Filmtitel "Le placard" (= Der Schrank, 2001, mit Gérard Depardieu) wurde der deutsche Verleihtitel "Ein Mann sieht Rosa".
Zu der Überdosis an Schwulen-Klischees in "Der Schuh des Manitu" (2001) gehört nicht nur der in Rosa gekleidete schwule Winnetouch (D: Michael "Bully" Herbig), sondern auch die zur Beauty-Farm umgebaute rosafarbene "Puder Rosa Ranch" – eine Anspielung auf die "Ponderosa-Ranch" aus der erfolgreichen TV-Western-Serie "Bonanza" (1959-1973).

Der schwule Winnetouch (D: Michael "Bully" Herbig) in Rosa vor seiner rosafarbenen "Puder Rosa Ranch"
Weitere Länder
Filme aus anderen Ländern können gut aufzeigen, dass Rosa bzw. Pink international eine schwule Symbolfarbe ist. Aus Frankreich stammt der Film "Ein irrer Typ" (1977), in dem der schwule Bruno (D: Jean-Paul Belmondo) und sein Schlafzimmer in Rosa zu sehen sind. Zu nennen sind auch die französisch-britische Koproduktion "Mein Leben in Rosarot" (1997) und die Inszenierung pinker Kleidung in den französischen Filmen "Sitcom" (1998) und "Far West" (2003). Aus Brasilien stammt der Film "Pink Pact" (2014). Erinnern möchte ich auch an "Pink Apple", das größte schwul-lesbische Filmfestival der Schweiz. Leider passiert es viel zu selten, dass Rosa in Filmen auch kommentiert wird. In dem italienischen Film "Ein Kuss" (2016) geht Lorenzo auf seine schwarz lackierten Fingernägel ein: "Rosa ist zu sehr Klischee."
In Japan sind in den Sechzigerjahren Erotikfilme aufgekommen, die heute als "pink-eiga", pinku movies" oder "pink films" bezeichnet werden. Sie werden bis heute hergestellt, sind experimentierfreudig, recht explizit, aber nicht pornographisch. Das schwule Subgenre dieser Filme wird als "bara-eiga" bezeichnet, abgeleitet vom japanischen Wort für "Rose" bzw. "rosenfarben" (s.a. Filmlexikon Uni Kiel). Dieses schwule Subgenre gibt es seit 1983 und wird auch als "rose films" bezeichnet. "Beautiful Mystery" (1983) ist dafür das älteste und bekannteste Beispiel (s.a. Wikipedia).
Bewertung von Pink und Rosa
Trotz der starken Präsenz von Pink und Rosa in der Geschichte des schwulen Films lassen sich viele Fragen nicht beantworten. Die Darstellung dieser Farben im Film scheint sich im Laufe der letzten Jahrzehnte wenig verändert zu haben. Man kann allenfalls sagen, dass die Farben Pink und Rosa – im Gegensatz zu Lavendel, Violett und Flieder – nicht vor den Siebzigerjahren im Film thematisiert wurden. Eine Überdosis an rosa Kleidung und stereotypen Klischees wie in "Ein irrer Typ" (1977) und "Der Schuh des Manitu" (2001) wird wohl auf absehbare Zeit nicht mehr in die Kinos kommen, weil dies heute als politisch unkorrekt wahrgenommen wird. Im Gegensatz zu den wohl eher aussterbenden Symbolfarben Lavendel, Violett und Flieder bleiben uns Pink und Rosa aber wohl noch für eine lange Zeit erhalten.
Mit Ausnahme des genannten Aufsatzes von Claudia Reiche, die zwei Filme zum Thema Pink untersucht hat, scheint es keine Untersuchungen zur schwulenpolitischen Bedeutung und historischen Entwicklung von Pink und Rosa zu geben. Das hat mich überrascht, weil diese beiden Farben zu den wirkmächtigsten Symbolen im schwulen Film gehören. Es ist nachvollziehbar und unproblematisch, wenn ein Regisseur bei einem Wort wie Coming-out nicht mehr an einen Kleiderschrank denkt. Wer jedoch Darsteller in Pink und Rosa kleidet, muss über die Bedeutung dieser Farben zumindest kurz reflektieren.
Was für den Film gilt, gilt offenbar auch für die Literatur. In Buchtiteln wie "Rosa Liebe unterm roten Stern" (1984) und "Rosa Radikale" (2012) wird die Farbsymbolik seit Jahrzehnten als allgemein bekannt vorausgesetzt, wurde aber offenbar bisher ebenfalls nicht historisch erforscht. Man kann die beiden Farben mit dem Symbol des Rosa Winkels vergleichen, der in seinem historischen Ursprung, seiner Verwendung im Film und auch in seiner Bedeutungsveränderung (vom Stigma zum Stolz) wesentlich besser zu fassen ist und in der nächsten Woche behandelt wird.
Pornos – Rosa und Pink

Ein rosa "pretty boy" im Porno "Pretty Boy"
In schwulen Pornofilmen ist Pink bzw. Rosa kaum relevant. Das hat mich nicht überrascht, weil Männer mit Pink bzw. Rosa "verweiblicht" werden und feminine Männer im Porno eher unterrepräsentiert und (nicht weniger klischeehafte) maskuline Männer eher überrepräsentiert erscheinen. Umso interessanter ist der Porno "Pretty Boy", dessen Titel sich nicht einfach nur mit einem gutaussehenden Jungen übersetzen lässt. "Pretty boy" ist ein Begriff, der in den USA einen gutaussehenden jungen Mann mit natürlicher Erscheinung bezeichnet, der gepflegt, gut gekleidet, schlank, androgyn und selbstbewusst ist. Es passt zum Film, dass der Cowboyhut (Folge 11) – eigentlich ein Zeichen rauer "Männlichkeit" – auf dem Cover pink ist und von seiner eigentlich maskulinen Wirkung auf diese Weise nur noch eine ironische Referenz bleibt.
Das deutsche Rosa ist mit dem etwas dunkleren amerikanischen Pink als schwule Signalfarbe vergleichbar. Das Pornolabel "Pink Visual Production" hat zwar auch Schwulenpornos auf den Markt gebracht, in erster Linie jedoch mehrere hundert Pornos mit Frauen für heterosexuelle Männer, die 95% seiner Produktion ausmachen. Daher ist Pink im Namen dieses Porno-Labels wohl vor allem als symbolische Farbe für Frauen und nicht als schwule Signalfarbe konzipiert.
Rosa und Hellblau – Kontrast von "männlich" und "weiblich"
Bis vor rund 100 Jahren wurde in Deutschland Rot als "männlich" und Blau als "weiblich" assoziiert. Davon abgeleitet wurde Rosa als "kleines Rot" den Jungen und Hellblau als "kleines Blau" den Mädchen zugeschrieben. Erst seit den Zwanzigerjahren (Wikipedia) wird das sanfte und weiche Rosa mit "Weiblichkeit" verbunden und es werden – zum Teil bis heute – weibliche Babys und Mädchen in Rosa gekleidet, männliche Babys konträr dazu in Hellblau. Mit diesen beiden Farben wird stereotyp regelmäßig auf geschlechtsspezifisches Rollenverhalten und die sexuelle Orientierung Bezug genommen.
Rosa/Pink und Hellblau – Geschlechterrollen auf dem Cover
Es gibt viele Texte, die sich historisch mit der Frage beschäftigen "Warum es Mädchen- und Jungsfarben gibt" (FAZ). Einige weisen (abweichend zu oben) darauf hin, dass sich die neue Farbzuschreibung "erst nach dem Zweiten Weltkrieg" veränderte und mit der Werbung und ihrer Auswirkung auf das Konsumverhalten die recht neuen Farbgewohnheiten zum heutigen weltweiten Standard wurden (Qiio, s.a. Geo). Seit 2011 gibt es in den USA den Trend, auf sogenannten "Gender Reveal Partys" das Geschlecht des künftigen Nachwuchses mit den Farben Rosa oder Hellblau als große Partysensation zu enthüllen. Auch im Film lässt sich mit diesen beiden Farben leicht und unterhaltsam auf das dualistische Geschlechtersystem Bezug nehmen: Mit diesem Farbkontrast wurde z. B. der Film "Mein Leben in Rosarot" (1997) vermarktet. Ich kenne drei verschiedene Werbemotive zu diesem Film, die in Hellblau und Rosa gehalten sind und damit Bezug nehmen auf den Jungen Ludovic, der viel lieber ein Mädchen wäre.
Bei zwei weiteren Filmen wird mit diesem Farb-Duo auf dem DVD-Cover auf Homo- und Heterosexualität verwiesen: Nach vielen unglücklichen Affären mit Frauen befürchtet Pinu Patel in dem Film "Straight" (2009), schwul zu sein, verliebt sich am Ende aber glücklich in eine Frau. Auf dem Poster von "Humpday" (2009) sind zwei (heterosexuelle) Freunde in blauen Hosen vor einer rosa Tapete zu sehen, die sich in dem Film ernsthaft überlegen, ob sie miteinander Sex haben könnten.

Die Farbkontraste auf den Covern von "Mein Leben in Rosarot" (1997) und "Straight" (2009)
Rosa/Pink und Hellblau – Geschlechterrollen im Film
Auch einzelne Filmszenen greifen diese Farbkombination auf. Der Animationsfilm "Candy Boy" (2007) arbeitet schon im Filmtitel mit "Männlichkeit" und "Weiblichkeit" und zeigt den Schriftzug des Titels in Blau und Rosa. In einem weiteren Animationsfilm dominieren diese beide Farben: "Flamingo Pride" (2011, hier online) zeigt schwule und heterosexuelle Flamingos beiderseits eines Flusses. Von dem einen Ufer hört man Western-Musik (=hetero), vom anderen Ufer Disco-Musik (=homo).

"Männlichkeit" und "Weiblichkeit" im Animationsfilm "Candy Boy" (2007)
Für die Schwulenbar in der Folge "Minderheitenkrieg" der TV-Serie "Notruf Hafenkante" (Folge 7/15, 2013) hätte sich die Farbgestaltung in Blau und Rosa nicht ohne Weiteres angeboten. Weil die Schwulenbar jedoch "Lady Lyn" heißt und unter der Leitung der Trans-Person Clara Corn (D: Lilo Wanders) steht, sind die Farben dennoch recht passend. In der "Criminal Minds"-Folge "Verdorben" (Folge 8/15, 2013) wird im Rahmen einer "Konversionstherapie" ("Heilung" von Homosexualität) für die männlichen Jugendlichen hellblaue Kleidung abgelehnt, weil diese Farbe zu feminin sei. Auch wenn dies nicht der "klassischen Farbenlehre" entspricht, ist die Äußerung passend, weil Hellblau als Farbe für Kinder und damit als unpassend für "richtige" Männer angesehen wird. Recht witzig ist Fábio Freitas' Kurzfilm "Éden" (2014, hier online), in dem eine heterosexuelle Frau ein kleines rosa Auto und ein schwuler Mann ein großes hellblaues Auto fährt. Ein weiterer, offenbar bisexueller Mann steht zwischen den beiden Personen und den beiden Autos.
Die Dokumentation "Papa, Papi, Kind" (2016) zeigt zwei schwule Väter, die für ihren Sohn dessen Zimmer in Hellblau streichen. Später sind auch Demonstranten auf einer Anti-Homosexuellen-Demonstration mit hellblauen und rosafarbenen Luftballons zu sehen, die mit traditionellen Farben auf traditionelle Werte und Geschlechtszuschreibungen aufmerksam machen. Ob die beiden Farben in einem emanzipatorischen Zusammenhang gezeigt werden, hängt wie immer vom Kontext ab.
Rosa/Pink und Hellblau – ohne stereotype Zuschreibung

Rosa und Hellblau in dem Kurzfilm "33 Teeth" (2011)
In einigen schwulen Filmen werden die Farben Rosa und Hellblau verwendet, ohne dabei auf den ersten Blick auf Homosexualität oder Geschlechterrollen anzuspielen. In "Ein kleiner Trost" (2004), "Float" (2007, 9:00 Min., hier online) und "33 Teeth" (2011, 00:30 Min., hier online) werden allerdings ein blaues und ein rosa bzw. pinkes Haus viel zu deutlich nebeneinander inszeniert, als dass dies ein Zufall sein könnte. Ähnliches gilt für eine Szene in "Die Simpsons" (Folge 9/21), in der der schwule Smithers auf einer pinken und der heterosexuelle Mr. Burns auf einer blauen Sitzgelegenheit Platz nehmen. Diese Filmszenen wirken wie ein unverbindliches Spielen mit Farben, ohne dabei deutlich zu werden, geschweige denn Klischees kritisch zu hinterfragen.
Pornos in Pink und Blau

Blau und Pink in der Serie "Candy Ass"
Zu den wenigen Pornos mit einer blau-pinken Covergestaltung gehört die mindestens dreiteilige Serie "Candy Ass", die über das Wort "candy" indirekt auf feminine Männer verweist. Der Porno "Think Big" zeigt zwei Darsteller in Aktion mit Luftballons in Pink bzw. Rosa vor einem blauen Himmel.

Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
20:15h, Arte:
Albert Nobbs
Der Butler Albert Nobbs wird von den Kollegen geschätzt, bei den Gästen ist er gern gesehen ist. doch keiner ahnt, dass Albert in Wahrheit eine Frau ist.
Spielfilm, GB/IRL 2011- 5 weitere TV-Tipps »















