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Kommentar

Die Grenzen des Sagbaren werden nach rechts verschoben

Mehr als nur eine Konzert-Absage: Michael Wendler & Co stehen für den Zeitgeist des Hasses – gegen "Regenbogen-Terror", "Globalisten" und Marginalisierte.


Eigentlich sollte Michael Wendler im kommenden Jahr bei "Schlager unter Palmen" auf Kreta auftreten, nach Kritik von Kolleg*innen wurde die Veranstaltung komplett abgesagt (Bild: IMAGO / Future Image)

Das als Mega-Veranstaltung auf Kreta geplante Schlager-Festival der deutschsprachigen Musik-Szene mit Michael Wendler ist abgesagt worden – vor allem nach öffentlicher Kritik von Ross Antony (queer.de berichtete). Aber ist das wirklich ein Grund zur Erleichterung? Oder ist es nicht vielmehr ein Grund zur Besorgnis, dass ein Putin-Fan und Verschwörungstheoretiker mit antisemitischem Sound wie Michael Wendler nach seinen Holocaust-Verharmlosungen fast wieder salonfähig geworden wäre?

Am antifaschistischen und mutigen Engagement Ross Antonys in dieser Angelegenheit sollten sich viele in der Zivilgesellschaft und in der gesellschaftlichen Linken ein Vorbild nehmen. Aber warum eigentlich dürfen sich Wendler und der Konzertveranstalter nun als Opfer fühlen? Sind sie nicht eher die "verfolgende Unschuld" (Karl Kraus)? Und werden die Wendlers in diesem Deutschland nicht immer mehr? Die, die glauben, sie dürften jetzt wieder alles sagen? Vor allem gegen Minderheiten und Marginalisierte?

Menschenverachtung als Wahnsinn der Normalität

Dass der Backlash des "Deutschland, aber normal" in den letzten Jahren nicht erfolgreich aufging, lag wohl daran, dass wohl doch nicht so viele die Rückkehr in ein vermeintlich "normales" Deutschland attraktiv finden, wie es sich manche Neue Rechte erhofften. In Krisenzeiten wie den jetzigen aber scheint man nun doch auf fruchtbaren Boden zu stoßen und vergangen geglaubte Menschenverachtung wird wieder ganz normal – und offenbar allgemein hingenommen: In Italien schafft die faschistische Regierung die Sozialhilfe für die Ärmsten ab, und die rechte Regierung in Großbritannien setzt das Asylrecht aus – und erklärt dazu ganz selbstbewusst, internationale Vereinbarungen, die das verböten, interessieren sie schlicht nicht mehr. Man kann's ja mal probieren: Legal, illegal, scheißegal. Und wenn niemand wirklich protestiert, dann gilt der neu geschaffene Zustand als die neue Normalität

"Ein Trauma setzt Maßstäbe", sagt man in der Trauma-Psychologie. Tabubrüche verschieben Maßstäbe. Nichts nur in "Cool Britannia", wie man sich selber nennt. Und Rechts ist nun offenbar das neue Cool – nicht nur auf der Insel. Man lebt im friedlichen Stino-Wohlstand, aber man fühlt sich eingebildet bedroht – von Flüchtlingen, von Queers, von Armen, von trans Personen, von jüdischen Menschen, von allen, die vermeintlich oder tatsächlich anders sind. Wenn manche Menschen über andere reden, dann reden sie oft eigentlich über sich selber: "Antisemitismus ist kein Problem der Juden, sondern eines der Nicht-Juden", sagte Zentralrats-Vorsitzender Schuster nach dem versuchten Massenmord an der Synagoge von Halle.

Hetzjagden auf queere und jüdische Menschen

Die Vertreter*innen des neo-rechten Backlashs des "Wahnsinns der Normalität" (Arno Gruen) gegen den eingebildeten "Regenbogen-Terror" der "globalistischen Eliten" sehen sich selber als ewiges Opfer – und zur Verteidigung ihrer eigenen materiellen Besitzstände und ihrer rechtlichen Privilegien durch den Zufall der familiären Herkunft ist nunmehr scheinbar fast alles erlaubt. Die Häufung teils sehr schwerer Gewalt gegen LGBTI und queere Orte in den letzten Monaten quer durch ganz Deutschland, die Jagd und der Angriff aus einem Auto heraus auf einen Israeli in Berlin Anfang August, ein Serie von Farbanschlägen auf schlafende Obdachlose in den letzten Monaten in Stuttgart – all das macht in Medien der Mehrheitsgesellschaft nicht mal mehr Schlagzeilen und führt nur noch zu kurzen Meldungen aus dem deutschen Alltag. Größere Solidaritätsbekundungen von Nicht-Betroffenen aus der deutschen Mehrheitsgesellschaft, gar ein Aufschrei bleiben aus, die Politik und auch die früher permanent aufgeregte linke Szene bleiben fast durchgehend stumm, wenn nun auf queere und jüdische Menschen immer öfter selbst auf offener Straße Jagd gemacht wird. Tabubrüche verschieben Maßstäbe – hin zu völliger Indifferenz, Gleichgültigkeit und Ignoranz. Wenn Hetze und Gewalt wie nun fast täglich passieren, dann regt es fast keinen mehr auf – weil es nun offenbar normal geworden ist, so etwas zu tun. Legal, illegal, scheißegal?

Sexualisierte Stereotype gegen "Systemlinge"

Es sei "keine politische Veranstaltung" geplant gewesen und "Hass- und Hetzkommentare" gegen ihn beklagt nun der Festival-Planer und Wendler-Freund René Ulbrich – und man fragt sich, in welcher paranoiden Wirklichkeit der Parallelwahrnehmung er lebt? Sind Judenhass, die Nähe zu "Great Reset"-Theorien und Verschwörungstheorien kein Hass und keine Hetze? Aber Antisemitismus zählt in der Welt von Antisemit*innen offenbar nicht als Verbrechen, sondern nur als berechtigte Meinung und als eine Meinung unter vielen, die man ja mit dem berüchtigten "gesunden Menschenverstand" wohl noch äußern werden dürfe.

Die sich ebenso wie Ulbrich verfolgt fühlende Heten-Unschuld Wendler sekundiert mit imaginierten Personenbeschreibungen, als sachliche Vorwürfe verkleidet, gegen Ross Antony und andere, von denen einige begrifflich der Terminologie des NS-Hetzblattes "Stürmer" bis aufs Wort gleichen, und entwirft eine Figur, die der Beschreibung des "morallosen" und hinterlistig sexualisierten Juden an vielen Stellen in Hitlers "Mein Kampf" sehr nahe kommt. Antony und Co seien "bemitleidenswert und charakterlos" und "gebürstet Mainstream" – in völliger Verkehrung der Wirklichkeit, wer der beiden zur normativen und ressentimentgeladenen Mehrheitsgesellschaft gehört und wer nicht, wer Mehrheit ist und wer Minderheit, wer charakterliche Haltung gegen Populismus zeigt und wer nicht, wer Täter ist und wer Opfer, wer Angreifer ist und wer Angegriffener.

Die "verfolgende Unschuld" fühlt sich selber als Stino-Opfer, das angeblich diskriminiert wird, angeblich übervorteilt wird von "globalistischen Eliten" (meint: jüdische Menschen) und von Minderheiten, die nach Ansicht dieser selbsternannten Opfer kein Existenzrecht hätten – und jede*r, die*der nicht die eigene Sichtweise teilt, wird als personifizierte Beleidigung für den eigenen Opfer-Narzissmus wahrgenommen und gilt stigmatisiert als "Systemling" des angeblichen "Mainstreams". Diese beiden Worte sind die wohl beliebtesten und meistgebrauchten Vokabeln in der klandestinen "Reichsbürger"- und "Querdenker"-Szene, getreu dem alten deutschen Sprichwort: "Und willst Du nicht mein Bruder sein, so schlag ich Dir den Schädel ein". Die eingebildeten Opfer werden in ihren Stino-Omnipotenz-Fantasien zu ach so mutigen Egoshooter-Rebellen gegen System, Mainstream, "skurrile Minderheiten", "Great Reset" und "jüdische" Eliten.

Die "Schwarze Pädagogik" der "Menschenfreunde"

Dass man selber es doch nur gut meine und am besten wisse, was gut, gesund, vernünftig und sinnvoll für andere ist – diese mit sozialpaternalistischer Absolutheit und sozialpädagogischem Heiligenschein vorgetragene Grundidee der "Schwarzen Pädagogik" (Alice Miller) zieht sich seit Jahrhunderten durch alle Ausprägungen des Autoritarismus, ob ultra-religiös oder konformistisch, ob sektenartig oder toyotistisch, ob ob von rechts oder leider auch all zu oft von links und mit anti-autoritärem Anschein. Das darf auch bei Michael Wendler natürlich nicht fehlen: "Ich bin ein MENSCHENFREUND", stellt er klar. Natürlich großgeschrieben.

Man weiß nicht, ob er sich Erich Mielkes letzte Rede vor der Volkskammer ("Ich liebe doch alle Menschen") zum Vorbild nahm, aber selbsternannten Menschenfreund*innen jeder Couleur sollte man grundsätzlich misstrauen, da sie ihre eigenen und berechtigten egoistischen Interessen vorgeblich verneinen, um ihre vermeintliche Selbstlosigkeit narzisstisch herauszustellen – und dadurch Vertrauen und Vorteile zu erlangen. Das Prinzip funktioniert nicht nur in der Charity-Industrie bestens, auch beim Social Washing und bei kleinen und großen Diktator*innen jeder Art. "Ihr meint es alle immer nur gut", schreit Norman Bates in Hitchcocks "Psycho".

Täter-Opfer-Umkehr als Schuldabwehr

Wenn man nicht wüsste, was "der Wendler" alles vor dem Kreta-Skandal und in der Pandemie schon gesagt hatte, dann wären seine Reaktionen auf die Festival-Absage alleine schon Hinweise genug, ihn politisch einordnen zu können. Aber ob jemand wirklich ein Menschenfreund ist oder nur selbsternannt so tut, das erkennt man nicht nur an dem, was jemand sagt – sondern auch daran, was jemand gar nicht wahrnehmen möchte.

Genau wie die Tatsache, dass sich die ach so menschenfreundlich auftretenden "Querdenker", Wendlers & Co nie darum geschert haben, welche Personengruppe in Deutschland, in Europa und weltweit sowohl unter dem mörderischen Corona-Virus als auch unter den Lockdowns am meisten litt und starb: die Armen. "Niemand hat das Recht, Grundrechte zu beschneiden", verteidigt Wendler in seiner jetzigen Erklärung noch einmal seine sogenannte Kritik an den Anti-Corona-Maßnahmen. Aber was kümmert es einen aufrechten Wohlstands-Deutschen, ob eine Brasilianerin durch Pandemie und Lockdowns zu wenig zu essen hatte oder ob ein Kenianer sich keine Medikamente zum Überleben leisten konnte?

Maulhelden, Drohungen, Omnipotenz-Fantasien

"Wer Jude ist, bestimmen wir", sagte bekanntermaßen Adolf Hitler einmal. Bei den Wendlers dieses Landes und dieser Welt wird diese Fremdstigmatisierung mit eliminatorischer Vernichtungsankündigung noch ergänzt um die "Viel Feind, viel Ehr'"-Selbstadelung nach dem Motto: "Wer Opfer ist, bestimmen wir". Um sich selbst zum angeblichen Opfer von Hass, Hetze und imaginierter Gewalt zu erklären, welches das Recht hat, in vermeintlicher Notwehr wild um sich zu schlagen – und damit jüdische und queere Menschen sowie andere "Undeutsche" zu wirklichen Opfern von Hass und Hetze à la Wendler und von wirklicher physischer Gewalt seiner Gesinnungsfreunde zu machen.

"NICHTS KANN AUFHALTEN WAS KOMMT" – droht Wendler zum Schluss seines Statements, ganz "Menschenfreund", natürlich ohne Komma, denn wo ein Komma hin muss, auch "das bestimmen wir". Angeberisches Maulheldentum gehört zum (un)guten Ton in dieser Szene – die Ankündigungen und Drohungen Wendlers sind in ihren futuristischen Omnipotenz-Fantasien daher auch ganz schön großspurig, wenn man bedenkt, dass die Deutschen in ihrer bisher sehr kurzen Geschichte als "Volk" nicht einmal einen einzigen Krieg gewonnen haben, im Gegensatz zur israelischen Armee und zum jüdischen Volk mit seiner jahrtausendealten Geschichte des Aufbegehrens gegen Unterdrücker jeder Art.

"Deutsche Täter sind keine Opfer!"

"Deutsche Täter sind keine Opfer!" – so lautete ein weitverbreiteter Slogan aus der Linken und der Antifa, als vor rund zwanzig Jahren immer wieder – etwa in den Diskursen um die sogenannte "Wehrmachts-Ausstellung", über die "Neue Wache" und das Goldhagen-Buch – revisionistisch versucht wurde, Nazi-Täter*innen zu Opfern zu erklären. Einige deutsche Staatsanwaltschaften scheuten in diesen Jahren allen Ernstes nicht einmal davor zurück, "Mord"-Ermittlungen gegen ehemalige Mitglieder der jüdisch-ukrainischen Nakam-Geheimkommandos und spätere Mossad-Agenten aufzunehmen, welche "in eigenem Auftrag" unter der planvollen Führung des Dichters Abba Kovner direkt nach Kriegsende Nazis neutralisierten.

Angesichts der Gewalttaten der letzten Zeit in Deutschland gegen queere und jüdische Menschen, der Verschiebung des Grenzen des Sagbaren und der Normalisierung von Verschwörungstheorien bis in die Mitte der Gesellschaft dürfte es jetzt wieder an der Zeit sein, klarzustellen, wer wirklich die Angegriffenen dieser geschichtsrevisionistischen Normalisierung von Hass und Hetze à la Wendler sind – und wer die Täter*innen sind, die mit ihren Worten den Boden bereiten für Gewalt: "gute Nazis und selbsternannte Opfer" (Eike Geisel) wie Michael Wendler. Wenn die Zivilgesellschaft nicht endlich öffentlich zeigt, auf welcher Seite sie steht, wie es der Queer-Beauftragte des Berliner Senats, Alfonso Pantisano, einfordert, dann müsste man pessimistisch die Frage stellen, die Regisseur Dror Zahavi zum Schlusssatz des "Polizeiruf 110: Hermann" gemacht hat: "Und, glaubst du immer noch, dass sich in diesem Land seit damals wirklich etwas verändert hat?"

-w-