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Buchkritik

Die zahmen schwulen Abgründe

Sex, Liebe, Szene, Klappen, HIV: In seinem gelungenen Debütroman "Sauhund" lässt Lion Christ das schwule München der 1980er Jahre auferstehen. Mit viel Freude und einigem Leid.


Lion Christ, in Bad Tölz geboren, studierte Film und Literarisches Schreiben und lebt in Leipzig (Bild: Peter-Andreas Hassiepen)

Wenn es eines gibt, was Flori gut kann, dann ist es weglaufen. Vor allem läuft er davon. Vor dem Leben auf dem viel zu kleinen Dorf, auf dem er aufgewachsen ist, vor den eigenen Eltern, vor dem heimlichen, weil es ja niemand wissen darf, aber doch ganz ernsthaften festen Freund. Vor der Verantwortung, den Vorwürfen und den Erwartungen. Raus in die weite Welt läuft er, der Flori, Hauptsache nie zurückschauen. Und das heißt im erzkonservativen Bayern von 1983 ganz klar: Nach München läuft er. Oder vielmehr nimmt er den Zug. Doch da er am zweitbesten eingebildet und rücksichtslos sein kann, droht er im kleinen, falschen Monaco schnell unter die Räder zu kommen…

Ein wahrer Sauhund, ein Flegel einer


Der Roman "Sauhund" ist am 21. August 2023 im Hanser Verlag erschienen

Lion Christ legt mit "Sauhund" (Amazon-Affiliate-Link ) einen beachtenswerten Debütroman vor. In der etwas verkitschten Werbung des Verlages heißt es, er setze damit "allen vergessenen Liebenden des ersten Aids-Jahrzehnts ein rauschhaftes Denkmal". Während das sicherlich die lobenswerte und verkaufsfördernde Absicht ist, muss mit Nachdruck auf den ganz wundervoll gewählten Titel verwiesen werden. Denn das ist der Flori, ein ausgefressener Sauhund. Vor allem ist der Roman ein Porträt über Rücksichtslosigkeit, Geltungsdrang und Gefallsucht in Personalunion eines jungen schwulen Mannes, der gern geliebt werden will und 1983 unter anderem eben auch wahnsinnige Angst vor HIV hat.

In einem der zwischen die Kapitel montierten Zeitungsannoncen und Briefe, die zur schwulen Kommunikation der 1980er Jahre gehörten wie Grindr, Dickpics und Ghosting zur Gegenwart, kommt Flori zur Einsicht: "Man muß sich auch auseinandersetzen mit den Dingen, und sogar gerade da, wo es einen besonders ärgert oder bewegt und man in ein aufgeschlagenes Buch hineinbrüllen möchte, da fängt es eigentlich erst an."

Wie den Nagel auf den Kopf trifft der sauhündische Held da genau den Punkt, der seine Geschichte so lesenswert macht. Er ist ein ausgemachter Unsympath, der Flori, vom Typus, der nicht nur die sprichwörtliche, sondern jede eigene Großmutter verkaufen würde, wenn es ihm einen Vorteil brächte. Von Kapitel zu Kapitel, manchmal gar von Seite zu Seite, möchte man "in ein aufgeschlagenes Buch hineinbrüllen" und den Dreckskerl zurechtweisen, dass er sich mal zusammenreißen soll. Noch wütender macht es da, wenn der windige Fuchs von Flori selber auch noch ganz genau weiß, was er tut, und geradezu kokett anerkennt, dass er sich eigentlich schämen müsste, wie er da manchmal die Leute ausnutzt, beklaut und hintergeht, wie er doch geradezu lächerlich in sowohl seiner Ruhmsucht als auch seinem Leiden ist.

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Hut ab, kann dem Lion Christ da nur gesagt werden. Wenn das Buch die eigene Machart benennt und großspurig die eigene Wirkung vorhersagt, dann kann das sehr wahrscheinlich misslingen. Das wirkt dann eher wie feige Immunisierung gegen die Kritik oder aber macht es den Eindruck, da wolle jemand "over explainen". Nach dem Motto: Versteht ihr es eh alle, der Flori soll ganz furchtbar sein, auf den muss man auch mal so richtig sauer sein!

Massentauglicher Untergang

Der "Denver Clan", den Flori gern im Fernsehen schaut und der ein bisschen Flair von großer, weiter Welt (zumindest der amerikanischen) selbst ins verschlafene Oberbayern bringt, ist ein Paradebeispiel für das, was dann auch die Schwäche von "Sauhund" ist. Auf Massentauglichkeit getrimmt, gibt er vor, tiefgründiger zu sein, als er sich dann doch zu sein traut. Die Erkundung der menschlichen Abgründe, mit denen der Roman liebäugelt, bleibt ein Schwimmen in flachen Gewässern.

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Natürlich ergeht es dem Flori im Münchner Nachtleben schnell schlechter als er sich das ausgemalt hat. Doch so wirklich schlecht eben auch nicht. Natürlich ist es Stilmittel, dass er selbst von seinen Tiefpunkten noch euphemistisch spricht und selbstverleugnend nicht einmal anerkennt, wie schlecht es um ihn steht. Doch es fühlt sich eben auch so an, als habe der Roman dann doch ein wenig Schiss, die eigene Hauptfigur wirklich kaputt zu machen, als habe er den Flori etwas zu lieb, um an seinem Untergang zu ergründen, wohin Hybris führen kann.

So kommt ein Wendepunkt im Roman in Form einer vermeintlichen amerikanischen Filmschauspielerin dann auch etwas sehr aus dem Nichts. Wie eine Monroe ex machina greift sie plötzlich aus dem Nichts ins Leben von Christs Protagonisten ein und bewahrt ihn vor dem kompletten Abrutschen. Eine göttliche Rettung, die der Sauhund eigentlich nicht verdient hat. Zumindest im Sinne erzählerischer Strukturen. Einem hochmütigen Hallodri wie dem Flori eine göttliche Rettung zuteilwerden zu lassen, ist – mindestens – überraschend.

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Anders als das bemerkenswerte Kino der damaligen Zeit – mehrfach ist auch im Roman von Fassbinder die Rede – bleibt "Sauhund" dann doch verhältnismäßig zahm und versöhnlich. Einsichten wie die folgende lesen sich hier aus dem Kontext und vor allem Ton des Romans gerissen viel kitschiger als sie es eigentlich sind: "Und seltsam auch, dass man sich mit falschen Haaren aus Plastikfaser und Schichten über Schichten von krümeliger Farbe auf der Haut eine Tonne leichter und nicht erdrückt, sondern frei fühlen kann." Doch ein bisschen kitschiger Kern steckt schon drin, und "So Leb dein Leben" klingt leise im Ohr.

Bunte Sprache, stets bemüht

Autor Lion Christ macht seinen Protagonisten auch direkt zum Erzähler, lässt den Flori in seiner Rampensauigkeit und seiner Flamboyanz die eigene Geschichte mit Spaß und sprachlichem Witz erzählen. Während sich das die meiste Zeit über wirksam überträgt und es auch einfach viel Spaß macht, dem Flori beim Verdrehen der Wahrheit und dem bunten Träumen von der Welt zuzuhören, gehen doch auch immer wieder die Pferde mit dem "Sauhund" durch. An einigen Stellen wirkt der Roman etwas zu high von der eigenen Fabulierfähigkeit, für die dann auch die Konsistenz der Figuren mild geopfert wird. So glaube ich dem Roman zum Beispiel einfach nicht, dass der Flori im Physikunterricht auch nur eine Sekunde aufgepasst hat. Geschweige denn lang genug, um allegorische Bilder aus der Teilchenphysik für das eigene Leben zu finden.

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An einigen Stellen ist die Sprache von "Sauhund", die immer wieder mit dem Dialekt kokettiert – aber immer nur ganz leicht -, etwas zu manieriert, etwas zu bemüht und gemacht. An anderen Stellen schleicht sich in der blumigen Ausdrucksweise der ein oder andere Anachronismus ein, den der Flori ganz offensichtlich dem Publikum der Nachgeborenen zuruft, Details hervorhebt, die aber erst aus heutiger Sicht bemerkenswert für die Zeit sind. Während solche Stellen ganz spitzfindige Lesende vielleicht aus dem Fluss reißen mögen, gehen sie in der allgemeinen Kunstfertigkeit der Figurensprache doch ziemlich unter. En gros hat Lion Christ in "Sauhund" einen großartig unterhaltsamen Ton gefunden, der von der ersten Seite an Spaß macht.

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"Sauhund" ist ein gelungenes Debüt, das hoffentlich nicht nur in der schwulen Nische gelesen werden wird. Wenn dort auch ein besonderes Interesse an Leid und Lust der 1980er Jahre bestehen dürfte, so ist es doch zu wünschen, dass sie wirklich breiter diskutiert werden als in den 40 Jahren seither. Die Welt hat sich seither schließlich sehr verändert, der Roman selbst ist Zeichen des Wandels.

Als Dietmar Dath vor beinahe zwanzig Jahren die popkulturelle Stellung des Analverkehrs beleuchtete, war Sidos "Arschficksong", der damals tatsächlich jemanden interessiert hat, der Stein des Anstoßes. Von dort aus geriet Dath auf großartige Abwege und landete schließlich beim Analsex in Samuel Delaneys obskurer Fantastik. Heute in einem Buch, das im doch eher konservativen Hanser-Verlag erscheint, ausführlich eine bis zum letzten eindringenden Zentimeter explizite schwule Sexszene zu lesen, muss ganz kurz und mit ein paar klimpernden Wimpernschläge doch wohl als Zeichen des gesellschaftlichen Fortschritts gewertet werden.

Infos zum Buch

Lion Christ: Sauhund. Roman. 368 Seiten. Hanser Verlag. Berlin 2023. Gebundene Ausgabe: 24 € (ISBN 978-3-446-27747-2). E-Book: 17,99 €

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