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Musikrevue

Der Himmel unter Berlin

Heimatmelodien nicht nur für die Community: Im Berliner BKA-Theater feierte Jade Pearl Bakers starke und wunderbare queere Hauptstadt-Revue "Drag. Glam. Berlin" am Mittwochabend eine umjubelte Premiere.


Jade Pearl Baker (2.v.l.) und ihre Pearls begeisterten das Publikum im BKA-Theater (Bild: Watcharin Pukut)

In Berlin mag vieles nicht so richtig funktionieren, aber auf eines kann man sich verlassen: Irgendein Theater hat immer eine Berlin-Revue im Repertoire. Nichts lieben die Berliner*innen so sehr wie ihre Luft, Luft, Luft, die Kreuzberger Nächte und Wilmersdorfer Witwen, den King vom Prenzlauer Berg und die Hannelore vom Halleschen Tore, den 29er kurz vor Halensee, ihre Kebap-Träume und nicht zu vergessen den einen Koffer. Mit "Drag. Glam. Berlin" feiert nun auch das BKA-Theater das selbstverliebte Spreeathen mit einem eigenen Liederabend. Fulminante Premiere war am Mittwochabend.

Eines gleich vorneweg: Diese Berlin-Revue ist etwas anders. Und das ist auch gut so, wie man in der Wowistadt mit Herz und Schnauze so sagt. Das liegt nicht nur daran, dass mit Jade Pearl Baker eine singende Dragqueen im Mittelpunkt steht, die zum 35. Geburtstag des Indie-Theaters ihre erste abendfüllende Show präsentiert. Auch mit der Auswahl der Songs will sich "Drag. Glam. Berlin" von anderen Produktionen abheben. "Immer wieder die 20er Jahre, die 90er Jahre – und lässt sich die Geschichte West-Berlins eigentlich nicht erzählen, ohne dass nach wenigen Augenblicken David Bowie auftaucht?", lästert Baker gleich zu Beginn des Abends. Der ehemalige "Voice of Germany"-Star hat genug von den Mythen der Vergangenheit, will stattdessen das Berlin von heute feiern, denn "was Besseres gibt es nämlich nicht".

Von Hildegard Knef bis Mick Jagger

Ganz auf Klassiker verzichten will die Inszenierung von Multitalent Johannes Kram ("Operette für zwei schwule Tenöre", Nollendorfblog, QUEERKRAM-Podcast) allerdings nicht. Unterstützt von den drei Backgroundsänger*innen Benedikt Peters, Aniello Saggiomo und Christopher Tim Schmidt, den sogenannten Pearls, performt Jade Pearl Baker vielseitig und überzeugend "Berlin, dein Gesicht hat Sommersprossen" von Hildegard Knef, die "Streets of Berlin" von Mick Jagger, "Schwarz zu Blau" von Peter Fox oder auch das emotionale Stück "Du bist schön, auch wenn du weinst" aus der "Linie 1". Besonders laut tobt das Publikum allerdings, wenn sich die waschechte Berlinerin traut, den heiligen Hauptstadt-Gassenhauern neues Leben einzuhauchen: Etwa wenn aus Marlene Dietrichs "Ich hab noch einen Koffer in Berlin" die trashige Elektro-Hymne "I left one little suitcase in Berlin" wird.

Was "Drag. Glam. Berlin" wirklich besonders macht: Es geht um die deutsche Hauptstadt als Zufluchtsort für queere Menschen. Die "Stadt, in der du dich frei machen kannst" – das ist der rote Faden, den Baker in ihren Moderationen zwischen den 16 Songs spinnt. "Der Himmel Berlins ist ihre Subkultur", stellt die selbsternannte Sumpfqueen klar. "Hier hängt der Himmel unten, nicht oben."

Hymnen auf den Darkroom und die Berliner Dragszene

Passend dazu steuert das bewährte Duo Johannes Kram (Text) und Florian Ludewig (Musik) sechs neue Songs bei – über ein Drittel des Programms! -, die zu den stärksten des Abends gehören. Während "Im Keller von Toms Bar" mit viel Humor die seit Jahrzehnten beliebte schwule Schnellsex-Möglichkeit im bekanntesten Darkroom Berlins würdigt, setzt "Let's celebrate the Queen" den legendären Berliner Polittunten von Melitta Sundström bis Pepsi Boston ein überfälliges musikalisches Denkmal.


"Let's celebrate the Queen": Am Ende der Premiere wurde alle Dragqueens im Saal auf die Bühne gebeten (Bild: Watcharin Pukut)

Vom Publikum gibt es am Ende verdiente Standing Ovations, auch wenn bei der Premiere nicht alles perfekt läuft. So kommt Baker erst in der zweiten Hälfte der Show so richtig in Fahrt, die wunderbaren Pearls sind nicht immer klar zu verstehen, auch die belanglose Videoanimation hätte den einen oder anderen Berlin-Bezug recht gut vertragen können. In ihren Moderationen präsentiert sich die Dragqueen überzeugend als geistreiche Diva, plaudert aber vielleicht einen Tick zu lang. Manche Überleitungen wirken oberlehrerhaft, andere kommen recht plump herüber.

Etwa wenn es um die Nicht-Berliner*innen geht, vor denen man ja an die Spree geflüchtet ist. Als ob es solche Leute in der Hauptstadt gar nicht gäbe… Und ist Berlin wirklich deshalb so geil und frei, weil die Stadt nicht viel auf die Reihe kriegt? Auch dem queeren Himmel unter Berlin könnte es doch nicht schaden, wenn der Koffer am BER nicht erst zwei Stunden nach der Landung auf dem Band liegt, die U-Bahn mal nicht nach Kotze stinkt oder man im Wahllokal den richtigen Wahlzettel bekommt.

Nichts lieben wir Berliner*innen so sehr wie das Meckern, doch nun ist genug gemotzt. Alles in allem ist "Drag. Glam. Berlin" eine gelungene, vielseitige und wunderbar queere Berlin-Revue, die die Hauptstadt als den Safe Space feiert, die sie trotz aller Probleme ist. Ein empowernder Liederabend für die Community, aber nicht nur. Als verruchte Diva mit rauchiger Stimme reißt Jade Pearl Baker auch Tante Trude aus Buxtehude von den Stühlen, erst recht Familie und Freund*innen aus dem Kiez und ganz bestimmt auch alle Menschen außerhalb des S-Bahn-Rings.

Infos zum Stück

Drag. Glam. Berlin. Musikshow. Mit Jade Pearl Baker & The Pearls (Aniello Saggiomo, Benedikt Peters und Christopher Tim Schmidt). Buch und Regie: Johannes Kram. Choreografie Michael Heller und Christopher Bolam. Arrangements & Musikproduktion: Martin Rosengarten. Mit neuen Songs von Florian Ludewig und Johannes Kram. BKA-Theater, Mehringdamm 34. 10961 Berlin-Kreuzberg. Weitere Aufführungen am 25., 26., 30. und 31. August sowie am 1. und 2. September 2023
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