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Folge 35 von 53

Schwule Symbole im Film: Symbole in Reinform

Im Gegensatz zu allen anderen Folgen geht es in dieser Folge nur um Symbole, die nie etwas anderes als Symbole waren, wozu der Rosa Winkel, die Regenbogenfahne und das Mars-Symbol gehören.


Dynamische Inszenierung der Regenbogenfahne in "Deep Water" (2016)

Zur Geschichte schwuler Symbole

Gerade auf den jährlichen CSDs ist spürbar, welche große Bedeutung Symbole für die kollektive homosexuelle Identität haben. Ein gutes Beispiel dafür, wie auch emotional über die Bedeutung von Symbolen gestritten wird, ist ein Vorfall beim CSD 2022: Der Thüringer Verein "QueerWeg" hatte auf dem CSD in Jena aus Versehen die ältere Form einer lesbischen Fahne verkauft, die mittlerweile als trans- und butchfeindlich wahrgenommen wird, und entschuldigte sich später dafür. Queer.de berichtete über diesen Vorfall und klärte vor diesem Hintergrund auch über die rund zehn verschiedenen lesbischen Fahnen auf, die es mittlerweile gibt.

Im Folgenden habe ich mich weniger an der historischen Bedeutung schwuler Symbole orientiert, sondern vor allem daran, welche Bedeutung ihnen in schwulen Filmen zukommt, wo viele Symbole gar keinen Niederschlag gefunden haben. Dabei geht es mir vor allem um die Symbole, bei denen sich die Darstellung anhand vieler Filmszenen differenziert darstellen lässt. Weil dies bei den zwei wichtigen Symbolen Lambda-Zeichen und Red Ribbon nicht der Fall ist, habe ich mich hierzu auf einige einleitende Anmerkungen beschränkt.

Lambda

Lambda (λ) ist ein Buchstabe des griechischen Alphabetes und wird seit den Siebzigerjahren von der Schwulen- und Lesbenbewegung als ein Symbol für "libertas" (lat. "Freiheit") verwendet. Als Logo bzw. als Name ist der Buchstabe Lambda das Symbol mehrerer Organisationen und Vereine wie des deutschen Jugendnetzwerks Lambda (Wikipedia). Die einzige Filmszene, die ich dazu gefunden habe, ist der Anfang der schwulen Episode "Buyer's Remorse" in dem Film "Burning Palms" (2010), wo λ ein Teil einer Regenbogenfahne ist.


Das λ-Symbol auf einer Regenbogenfahne in "Burning Palms" (2010)

Red Ribbon

Das "Red Ribbon" wurde 1991 nach dem Vorbild anderer Schleifen in den USA kreiert und ist heute weltweit ein Symbol der Solidarität mit HIV-Infizierten und Aids-Kranken. Zunächst war ich verwundert darüber, dass ich nur sehr wenige Filmszenen mit dem Red Ribbon gefunden habe. Viele frühen Filme über Aids, wie die Aids-Trilogie von Rosa von Praunheim, entstanden jedoch zu einer Zeit, als es das Symbol noch nicht gab, und die Verantwortlichen späterer Filme haben in erkennbar "schützender" Absicht die Themen HIV und Aids nicht auf Schwule reduziert.

Es gibt offenbar nur wenige Filme, in denen das Red Ribbon im Zusammenhang mit Schwulen vorkommt, wie "Red ribbons" (1994) und "Die letzte Hoffnung" (aka: "My Brother's Keeper", 1995), die das Symbol in den Vordergrund stellen. Besondere Beachtung verdient der Film "Red Ribbon Blues" (1995): HIV-Positive unternehmen als moderne Robin Hoods Überfälle, um das Geld den Menschen zu geben, die sich keine HIV-Medikamente leisten können, und hinterlassen an den Tatorten rote Schleifen als eine Art Visitenkarten (s. a. Axel Schock / Manuela Kay: "Out im Kino", 2003, S. 292).


Rote Schleifen als Visitenkarten in "Red Ribbon Blues" (1995)


Rosa Winkel – Geschichte, die noch weh tut

Mit dem Rosa Winkel wurden homosexuelle Männer in Konzentrationslagern stigmatisiert. Die Dreiecksform entspricht den Winkeln, mit denen andere Gruppen von KZ-Insass*innen gekennzeichnet wurden, wie z. B. rote Winkel für politische Häftlinge. Die Farbsymbolik entspricht der in dieser Serie bereits erwähnten Zuschreibung von Rosa (Folge 34), mit der Homosexuelle als angeblich "weiblich" veranlagt gebrandmarkt wurden. Historisch gesehen ist der Rosa Winkel damit in Form und Farbe, ähnlich dem Judenstern, ein Symbol von Verfolgung und Mord, hat sich später jedoch in der Schwulenbewegung zu einem Symbol des Selbstbewusstseins entwickelt.

Rosa Winkel – Verfolgung in der NS-Zeit

Bei den Filmen "Rosa Winkel? Das ist doch schon lange vorbei" (1976), "Triángulo Rosa Invertido" (2013) und "Pink Triangle" (2010, hier online) kommt die ursprüngliche Bedeutung des Symbols als Verweis auf die NS-Verfolgung schon im Filmtitel zum Ausdruck. In dem Film "Il colore del silenzio" (= Die Farbe der Stille, 2005) wird durch die graphische Gestaltung mit einem Rosa Winkel klar, dass mit der im Titel nicht ausdrücklich genannten Farbe ("colore") Rosa gemeint ist.

Die NS-Verfolgungssymbole Rosa Winkel und Judenstern spielen in "Bent" (1997) eine besondere Rolle. Als der schwule Max ins KZ Dachau eingeliefert wird, erreicht er es, nicht den Rosa Winkel, sondern den Judenstern zugeteilt zu bekommen, um damit in der Lagerhierarchie nicht ganz unten zu stehen. Im Lager verliebt er sich in den schwulen KZ-Insassen Horst. Als dieser von einem SS-Mann ermordet wird und Max seine Leiche wegschaffen soll, tauscht er seine eigene Jacke mit dem Judenstern gegen Horsts Jacke mit dem Rosa Winkel aus, kennzeichnet sich damit selbst als Homosexuellen und bringt sich anschließend um.


Max in der Schlussszene von "Bent" (1997) mit einem Rosa Winkel

Als Symbol der NS-Verfolgung wird der Rosa Winkel auch in dem DDR-Spielfilm "Coming Out" (1989) erwähnt, als ein alter Mann von seinen KZ-Erfahrungen berichtet. In den Dokumentationen "Homosexualität. Comeback des Hasses" (2015) und "Papa, Papi, Kind" (2016) werden Männer mit dem Rosa Winkel als Animation gezeigt.

Rosa Winkel – stiller Protest in den Siebzigerjahren

Der Rosa Winkel wurde in den Siebzigerjahren von der Schwulenbewegung reclaimt, im Sinne von "zurückerobert", um damit Selbstbewusstsein und historisches Gedenken zu zeigen. Es ist außergewöhnlich und nicht selbstverständlich, dass sich der Rosa Winkel seit den Siebzigerjahren zu einem internationalen Symbol der Schwulenbewegung entwickeln konnte. Zu Beginn der Homosexuellenbewegung war er in seiner nun veränderten Bedeutung – ähnlich wie ein Ehering – zunächst eine Art "stilles Signal". So wird er z. B. in dem dokumentarischen Kurzfilm "Bögjävlar" (1977) dezent am Revers getragen.


Stiller Protest: ein Rosa Winkel in "Bögjävlar" (1977)

Rosa Winkel – lauter Protest ab den Achtzigerjahren

Ab den Achtzigerjahren wurde der Protest lauter. Auf dem Cover der Schallplatte "The Age of Consent" (1984) der Band Bronski Beat unterstreicht ein großer Rosa Winkel die schwulenpolitische Forderung nach einem einheitlichen Sexualstrafrecht. In dem Film "Edge of Seventeen" (1998) ist diese Schallplatte deutlich in Szene gesetzt. Erinnert sei auch an den Film "The Gay Bed and Breakfast of Terror" (2007): Hier wird – in einem emanzipatorischen Kontext – eine homophobe Aktion gezeigt, bei der die Abbildung eines Rosa Winkels zerrissen wird, was an die heutigen Verbrennungen von Regenbogenfahnen erinnert.


Die Schallplatte "The Age of Consent" in "Edge of Seventeen" (1998)

Rosa Winkel – der Vergleich von Holocaust und Aids

Ab Mitte der Achtzigerjahre wurde die Schwulenbewegung durch Aids vor neue Herausforderungen gestellt. In den USA wurde 1987 das Projekt "Silence = Death" gegründet, um sich schwulenpolitisch zu engagieren und sich gegenseitig zu unterstützen. Als Logo für das Projekt wurde ein Rosa Dreieck verwendet und damit ein ikonisches politisches Plakat geschaffen. Dieses Dreieck war, auch wenn die Spitze abweichend nach oben zeigt, bewusst an den Rosa Winkel angelehnt. Die Gründer des "Silence = Death"-Projektes sollen etwa zur Hälfte jüdisch gewesen sein und das Logo wurde angesichts einer Forderung entworfen, HIV-Positive mit Tätowierungen zu kennzeichnen.


Durch das Logo und den Text wird der Holocaust mit Aids verglichen

Das Projekt "Silence = Death" ist das bekannteste Beispiel für einen Vergleich von Aids mit dem Holocaust, bei dem es vor allem um die Parallele der gesellschaftlichen Gleichgültigkeit gegenüber dem Massensterben einer marginalisierten Gruppe (Jüd*innen/Schwule) geht. Kritiker*innen halten dies für eine Verharmlosung des Holocaust. Auch Schuld und Verantwortung stellen sich anders dar. Andere betonen, dass dies nur ein Teil eines Diskurses sei, bei dem der Holocaust zu einem universellen Symbol der Ungerechtigkeit geworden sei (Wikipedia: AIDS-Holocaust metaphor).

Mit seiner Dokumentation "Schweigen = Tod" (englischer Titel: "Silence = Death", 1990) über dieses Projekt erreichte Rosa von Praunheim internationale Aufmerksamkeit. Auch der Film "120 BPM" (2017) widmet sich dem Kampf gegen die Gleichgültigkeit gegenüber Aids und zeigt auf dem Filmcover einen Mann mit einem "Silence = Death"-T-Shirt. Verweisen kann man auch noch auf die vorletzte Szene von "Electric City – Far from Normal" (2008), in der auf einem Berg ein riesiges Rosa-Winkel-Transparent zu sehen ist, das im Kontext von Aids ebenfalls wie eine Mahnung aus der Vergangenheit wirkt.

Rosa Winkel – in der Kritik

Die Gleichsetzung von Holocaust und Aids ist nur einer von mehreren Kritikpunkten an diesem Symbol, das seit den 1990er Jahren an Bedeutung verlor und heute nur noch selten verwendet wird. So wurde es von vielen als fragwürdig angesehen, die Verfolgung der NS-Zeit mit der Situation in westlich-demokratischen Ländern gleichzusetzen und für die Emanzipationspolitik die Verfolgungsgeschichte zu vereinnahmen. Der Rosa Winkel drückt zudem keinen Stolz, sondern nur einen Opferstatus aus. Die Bedeutung dieses Symbols und seine überwiegende Ersetzung durch andere Symbole ist nicht nur ein zentraler Aspekt der Geschichte dieses Symbols, sondern auch der sich verändernden schwulen Identität, was sich indirekt auch in Filmen niederschlägt.

Rosa Winkel – ein CSD-Accessoire

Jahrzehnte später hat Aids seinen Schrecken verloren und auch um den Rosa Winkel und seiner Bedeutung ist es ruhiger geworden. Auf CSDs kann man ihn als Accessoire noch kaufen. Zwei Szenen aus der US-Serie "Die Simpsons" sind hier noch erwähnenswert: Als politische Demonstration trägt Maggie Simpson am Straßenrand beim CSD einen Rosa-Winkel-Luftballon (Folge 13/9, 2002) und an einem Geschäft im Springfielder Schwulenviertel ist ein kleiner Rosa-Winkel-Aufkleber zu sehen (Folge 14/17, 2003), der hier allerdings wie ein stiller Protest inszeniert ist.


Maggie Simpson beim CSD in Springfield mit einem Rosa-Winkel-Luftballon (Folge 13/9)

Einige Autoren gehen so weit, in der pinken Fliege des schwulen Waylon Smithers eine Anspielung auf den Rosa Winkel zu sehen (Simpsonsarchive: "he wears a dapper pink bow-tie (thus displaying a pair of pink triangle symbols)"), was ich jedoch für überinterpretiert halte.

Exkurs: Der Judenstern und der Davidstern

Im Gegensatz zum Rosa Winkel wurde der Judenstern von Jüd*innen in der Nachkriegszeit nicht reclaimt, um ihm so eine neue und positive Bedeutung zu geben.

Als Symbol für eine positive jüdische Identität wurde der Davidstern als geeigneter angesehen, der seit dem 14. Jahrhundert für jüdisches Leben steht und heute das wichtigste Symbol für den Staat Israel und das Judentum ist. In Kombination mit Elementen, die auf Homosexualität verweisen, wie z. B. der Farbe Rosa, ist er vermutlich in jedem Film präsent, der schwules jüdisches Leben behandelt – wie "Adam & Steve" (2005). Der Spielfilm "Oy Vey! My Son Is Gay!!" (2009) und die Kurzfilmsammlung "Fucking Different Tel Aviv" (2009) werden mit unterschiedlichen Motiven beworben, bei denen meistens der Davidstern graphisch eingebunden ist.


Der Davidstern auf dem Filmcover von "Oy Vey! My Son Is Gay!!" (2009)

Pornos – Rosa Winkel als Symbol für Stolz

Das schwule Pornolabel "Pride" (u.a. "College Boys", "Summer, the First Time") trägt einen Rosa Winkel in seinem Logo und übernimmt so die "Zurückeroberung". Ansonsten ist der Rosa Winkel in Schwulenpornos kaum relevant. Das Cover von Jean Daniel Cadinots Porno "Paradiso inferno" (1994) – was sich mit "Himmel und Hölle" frei übersetzen lässt – zeigt ein auffallend großes pinkes Dreieck, das an einen Rosa Winkel erinnert, der möglicherweise die "Hölle" repräsentieren soll. Der Film lag mir nicht zur Auswertung vor.


Cover der Pornos "Paradiso inferno" von Cadinot und "Summer, the First Time" des Labels "Pride" mit einem Rosa Winkel im Logo

Mehrere Pornos führen das Wort "triangle" in ihren Titeln ("Lust Triangles", "Leather Triangle"). Dabei arbeiten die Filmcover mit einem Logo, bei dem die Spitze eines Dreiecks – wie beim "Silence = Death"-Logo – nach oben zeigt. Damit ist jedoch nur Sex zu dritt gemeint, und es wird indirekt auf das Musikinstrument Triangel Bezug genommen.


Regenbogenfahne – vom Opferlamm zur Partymaus

1978 entwarf der US-Künstler Gilbert Baker die Regenbogenfahne als ein Symbol für die Schwulen- und Lesbenbewegung. Seit den Neunzigerjahren konnte sich die heute sechsfarbige Regenbogenfahne als international bekanntestes Symbol der Homosexuellenbewegung etablieren. Als Symbol der Vielfalt von LGBTI verdrängte der Regenbogen seit dieser Zeit andere Symbole wie den Rosa Winkel und ist heute omnipräsent. Er ist auch Ausdruck eines anderen Selbstverständnisses: Die Szene sieht sich nicht mehr in erster Linie in der Nachfolge einer Opfergruppe, sondern als eine selbstbewusste Community.

Grundsätzliches

Der Regenbogen hat eine schwerelose Schönheit, eine beachtliche Vielfarbigkeit, er kündigt nach einem Regen die Sonne an und scheint optisch die Erde mit dem Himmel zu verbinden. Es ist leicht nachvollziehbar, dass sich der Regenbogen zu einem allgemeinen Friedens- und Vereinigungssymbol entwickeln konnte.

In ihrer ursprünglichen von Gilbert Baker entworfenen Gestaltung bestand die Fahne aus acht Farbstreifen: Rot (= "Leben"), Orange (= "Gesundheit"), Gelb (= "Sonnenlicht"), Grün (= "Natur"), Königsblau (= "Harmonie"), Violett (= "Geist"). Zwei Farben wurden schon im ersten Jahr entfernt: Pink (= "Sexualität") konnte nicht industriell hergestellt werden und Türkis (= "Kunst") wurde entfernt, weil man die sechs Farben auf einer Parade-Route mit drei Farben auf jeder Straßenseite besser aufteilen konnte. Dies macht für mich schon deutlich, dass man die symbolische Bedeutung nicht in den einzelnen Farben, sondern im Zusammenspiel der Farben als Symbol für die Vielfalt der Szene suchen sollte.

Der Regenbogen ist zwar auch ein Symbol von Greenpeace und der Friedensbewegung, aber in seiner Bedeutung für LSBTI hat er seine am meisten verbreitete Form gefunden. Seit mehreren Jahren wird das Hissen der Fahne zum CSD an öffentlichen Gebäuden genau registriert und es wird zum Teil darüber gestritten, was sich manchmal bis zur Bezeichnung "Flaggenkrieg" hochschaukeln kann.

Eigene Fahnen der "Bären", Lesben, Non-Binären, Trans- und Intergeschlechtlichen, Bi- und Pansexuellen habe ich im Folgenden nicht absichtlich ausgeklammert, sondern ich habe sie in Filmen nicht gefunden bzw. so selten, dass eine differenzierte Darstellung nicht möglich ist. Die fehlende Präsenz dieser spezifizierten Fahnen kann unterschiedliche Ursachen haben: Es kann daran liegen, dass Filme meist für eine breite Öffentlichkeit hergestellt werden und Motive in einem Film unmittelbar verstanden werden müssen. Eine genaue Spezifizierung, wie sich Menschen selbst definieren, ist auf einem CSD möglich und sinnvoll, in Filmen jedoch nicht. Es kann aber auch daran liegen, dass die spezifischen Fahnen zu neu und deswegen noch zu wenig bekannt sind. Dann wäre es vorstellbar, dass einige von ihnen zunehmend in Filmen aufgegriffen werden.

Was vorher geschah: "Der Zauberer von Oz" (1939)

Es gibt heute wohl kaum einen Schwulen, der Dorothys (D: Judy Garland) Lied "Somewhere over the rainbow" aus dem Film "Der Zauberer von Oz" (1939) nicht kennt. Viele Schwule in den USA empfanden die Geschichte und das Lied als perfekten Ausdruck ihrer eigenen Sehnsüchte nach einer toleranteren Welt, sodass der Film zum Kult und das Lied der Schwulenikone Judy Garland zu einer Art Hymne für sie wurde. Als Judy Garland 1969 starb, trugen einige Schwule in Anlehnung an dieses Lied auf der Beerdigung Regenbogenfahnen. Es ist aber umstritten, ob die Regenbogenfahne daraus hervorging bzw. ob sich Baker viele Jahre später davon inspirieren ließ.

Es gibt mehrere filmische Referenzen, die auf Judy Garlands Song und damit auf den Film "Der Zauberer von Oz" Bezug nehmen und dabei wie Insider-Anspielungen arrangiert sind. Da gibt es den Schwulen, der in einer Folge der Serie "Der Tatortreiniger" (Folge 2/4) das Lied kurz ansingt, oder die Autohupe des schwulen John in "Die Simpsons", der diese Melodie kurz anspielt (Folge 8/15). In der Schlussszene einer Folge der Serie "The Mentalist" ("Rote Absätze", Folge 4/21) singt eine trans* Person sehr ergreifend dieses Lied.

Auch wenn man Garlands Lied in seiner historischen Bedeutung kaum überschätzen kann, muss man jedoch auch betonen, dass nicht jeder Regenbogen in einem schwulen Kontext auf Judy Garland oder Gilbert Baker zurückgeht. So bezieht sich der Titel des deutschen Films "Das Ende des Regenbogens" (1979), der von dem Stricher Jimmy handelt, "nur" auf die aus Irland stammende Legende, dass am Ende eines Regenbogens ein Schatz liege.

Die Regenbogenfahne auf Filmcovern

Es sind vor allem Dokumentationen, die bereits auf dem Filmcover eine Regenbogenfahne zeigen, die recht unterschiedlich inszeniert wird. In "Legalize Gay. The Civil Rights Movement of a Generation" (2011) und in "Pride Denied" (2016) geht es um die Fahne als allgemeiner Ausdruck der Homosexuellenbewegung. Auf dem Cover von "Queens & Cowboys" (2014), einem Film über die International Gay Rodeo Association, hält ein Mann beim Rodeo-Reiten die Fahne hoch, was aktiv, mutig, entschlossen und erobernd wirkt. Die beiden Filmcover von "Am Ende des Regenbogens" (OF: "Rainbow's" End", 2005) und "Beyond Gay: The Politics of Pride" (2009) inszenieren eine kaputte bzw. brennende Regenbogenfahne im Kontext einer kämpferischen Auseinandersetzung mit der Polizei in Schutzausrüstung. "Deep Water" (2016) ist eine Dokumentation über Hassverbrechen an schwulen Männern. Hier zeigt das Filmcover eine Regenbogenfahne, die vom Meer bei stürmischem Wind verschlungen zu werden scheint und die hier offenbar symbolisch für die angegriffenen schwulen Männer steht.


Dynamische Inszenierung der Regenbogenfahne in "Beyond Gay: The politics of Pride" (2009)

Die Regenbogenfahne in einzelnen Filmszenen

In einer Szene in der US-Serie "Queer as Folk" (Folge 3/14) sind viele Menschen auf der Straße zu sehen, während hoch oben die bunte Regenbogenfahne weht. Auch dies ist eine Szene, die vor allem schwulenpolitischen Kampf vermittelt. Auch die Regenbogenfahnen bei Demonstrationen wie in "Do I sound gay?" (2014) und "Papa, Papi, Kind" (2016) oder Regenbogenfahnen in San Francisco im Zusammenhang mit Aids wie in "Electric City – Far from Normal" (2008) haben diesen Hintergrund. "Beginners" (2010) ist einer der wenigen Filme, in denen die Bedeutung der einzelnen Farben explizit erklärt wird. Ein Kühlschrank-Magnet mit dem Regenbogen und einem Bild von Wladimir Putin in der "Tatort"-Folge "Väterchen Frost" (Folge 1113, 2019) weist in markanter, visueller Form darauf hin, wie schwierig die Situation für LSBTI in Russland ist.


Ein Kühlschrank-Magnet, der in "Tatort" (Folge 1113) unmittelbar verstanden wird

Variationen der sechs Regenbogenfarben

In Filmen ist es heute ausreichend, einfach nur die sechs Regenbogenfarben zu zeigen, um einen schwulen Bezug herzustellen. Schon anhand einzelner Filmcover lässt sich aufzeigen, wie diese sechs Farben variiert werden und damit neue Bedeutungsebenen freilegen können. "Making the Boys" (2011) dokumentiert die Produktion des bedeutenden Films "The Boys in the Band" (1970). Auf dem Filmcover kommen sechs stilisierte Hände in den Regenbogenfarben aus einer Schreibmaschine heraus und verweisen so auf das zugrundeliegende 1968 geschriebene Theaterstück. Auf einem von mehreren Filmcover-Motiven von "Small Town Gay Bar" (2006) ist eine Tür zu sehen, die in sechs Farben und mit Elementen der US-Fahne angestrichen ist. Die Dokumentation "Love Exiled" (2010) über schwule und lesbische US-Paare im kanadischen Exil wird beworben mit dem Motiv eines Ahornblattes (Symbol für Kanada) und mit farblichen Motiven aus der USA- und der Regenbogenfahne. Auch auf fast allen Filmcovern der französischen schwulen Kurzfilmsammlung "Courts mais gay" (ab 2004) sind die sechs Farben zu sehen, auf einigen von ihnen (Folgen 2, 6, 9) in Form von Body-Painting.

Auch in Filmszenen sind die sechs Farben omnipräsent, was ich zunächst an zwei recht weit auseinanderliegenden Beispielen verdeutlichen möchte. In der Folge "Killer" der Serie "Law and Order. SVU" (Folge 7/5, 2005) trägt ein Schwuler ein T-Shirt mit dem Motiv eines Schutzschildes in Regenbogenfarben. Es ist ein Logo der "Rainbow Army" bzw. der "Rainbow Warriors", das verdeutlicht, dass Schwule die Situation mit Bezug auf Aids als einen kriegsähnlichen Zustand wahrnehmen. Dagegen zeigt Sebastian Castro in seinem Musikvideo "38 Degrees" (2013, 6:00 Min., hier online) Männer, die in den sechs Farben des Regenbogens lebensfroh tanzen. Es ist auffallend und schade, dass die sechs Farben zwar breit als Eyecatcher verwendet werden, dabei aber nur selten über sie reflektiert wird. Warum sich Felix in "Felix" (2000) keinen Flugdrachen in Regenbogenfarben kaufen möchte und einen in "weniger grellen Farben" bevorzugt, bleibt leider unklar.


Sechs Farben, die im Musikvideo "38 Degrees" (2013) an den Regenbogen anknüpfen

Der "echte" Regenbogen als Naturphänomen

Der Regenbogen wird im Film auch dann als schwulenpolitisches Symbol verstanden, wenn er als (zum Teil stilisiertes) Naturphänomen inszeniert wird, wie in den Animationsserien "Rick and Steve" (2007, Trailer aller Folgen) und "Die Simpsons" (Folgen 16/10, 23/10), dem Animationskurzfilm "Flamingo Pride" (2011) und dem Spielfilm "Another Gay Movie" (2006). In "Beautiful Thing" (1996) hat der Regenbogen auch deshalb seine Wirkung, weil er kontrastierend zur grauen Tristesse der Hochhaussiedlung inszeniert ist. Der Film "Boy Meets Boy" (2008) aus Südkorea zeigt, wie international der Regenbogen verwendet wird.


Der Regenbogen, der in "Beautiful Thing" (1996) den grauen Alltag kontrastiert

Der Regenbogen als Metapher

Dass der Regenbogen heute unmittelbar mit Homosexualität assoziierbar ist, zeigen auch die Titel der beiden Dokumentationen "DDR unterm Regenbogen" (2011) und "Die Regenbogen-Revolution. Der Weg in die Freiheit" (2020). Die Zeiten für Schwule haben sich geändert. Früher wurde nach einem Mord der Täter im "Homosexuellen-Milieu" gesucht, heute ermitteln die Kripobeamten von "K 11" (Folge 11/96) in der "Rainbow-Bar" bzw. "im Regenbogen-Umfeld" (Zitate aus einem Werbetext), was jedoch – kritisch betrachtet – auch als oberflächlich modernisiertes Wording angesehen werden kann.

Berührend ist der Liebesbrief, den Stian in "Ein Kuss im Schnee" (1997) an seinen Freund schreibt und in dem es heißt: "Ich wünschte, du hättest den Regenbogen sehen können, den ich sah." Der Satz erinnert daran, mit wie viel Hoffnung und Sehnsucht das Motiv des Regenbogens verbunden ist.

Pornofilme – die Farben des Sexes

In Pornofilmen ist der Regenbogen offenbar weit weniger relevant als man dies wegen seiner Bedeutung annehmen könnte. Einzelne Pornos greifen den Regenbogen als Motiv auf ("Rainbow Twinks and Twins", "Colors of Sex", "Southern pride. Boys in heat"). Ein Pornocover zeigt sogar Demonstranten im Hintergrund ("Gay Pride. We are proud …"), während ein Porno "reiten" als typische Sex-Metapher verwendet ("Rainbow Riders").

Durch Bild und Text wird das Zeigen von Stolz zum Zeigen des Geschlechtsteils umgedeutet ("Show Your Pride") und es wird suggeriert, als würde das Schlucken von Sperma nach sexueller Emanzipation schmecken ("Cum Taste the Rainbow", "Taste My Rainbow"). Es gibt mindestens drei Pornolabels, die sich nach dem Regenbogen benannt haben ("Loving Rainbow") und zum Teil die Farben auch in ihrem Logo führen ("Rainbow Media", "Rainbow Manhood").


Zwei Beispiele, wie Pornos den Regenbogen aufgreifen: "Southern Pride" und "Gay Pride"


Parteien und Politik – Politik mit Symbolen ist keine Symbolpolitik

Nationalfahnen symbolisieren nationale Zugehörigkeit, Idealismus und Leidenschaft. Der öffentliche Umgang damit ist von Land zu Land unterschiedlich. Im Gegensatz zu Deutschland werden in den USA patriotische Einstellungen häufig über Fahnen und andere politische Symbole vermittelt. Das reicht von der Nationalfahne bis zu unterschiedlichen Symbolen für einzelne Parteien. Solche Symbole sollten aber nicht mit Symbolpolitik verwechselt werden. Eine solche Politik beschreibt ein bloßes Reagieren mit Gesten, die ein konkretes Problem nicht lösen.

US-Fahne – Patriotismus


Die US-Fahne auf einem der Cover von "Stonewall" (1995)

"Homosexuals are American citizens also" – dieser Ausspruch ist auf einem Plakat neben der US-Fahne auf einem der Cover von "Stonewall" (1995) zu sehen. Auch bei "Poster Boy" (2004), "Hollywood, je t'aime" (2009) und "Straight & butch" (2010) verweist die Inszenierung der US-Fahne auf den Filmcovern auf die Bedeutung des Patriotismus schwuler US-Bürger.

Wie vielschichtig eine US-Fahne symbolisch eingesetzt wird, ist in den Verfilmungen der Biographie J. Edgar Hoovers, des ersten Direktors des FBI, zu sehen. In "Der Fluch des Edgar Hoover" (2013) ist die Flagge als patriotisches Zeichen stets präsent und bei Hoovers Tod wird als Ausdruck der Trauer halbmast gehisst. Das schwulenpolitisch Bedeutsame ist, dass Hoovers Lebenspartner Clyde Tolson die Flagge, die den Sarg bedeckt hat, ausgehändigt bekommt. Tolson: "Ich war gerührt von dieser Anerkennung meiner Rolle an Edgars Seite." Ähnliche Szenen und die symbolische Geste der Übergabe der Fahne an Clyde Tolson sind auch in dem Biopic "J. Edgar" (2011, mit Leonardo DiCaprio als Hoover) und in der Folge "J. Edgar Hoover und die Mafia" der Serie "Geheimnisse der Geschichte" (Folge 1/6) zu sehen.

US- und Regenbogen­fahne – schwuler Patriotismus

Die schwulenpolitische Regenbogen­fahne lässt sich einfach mit politischen Symbolen verbinden. So kann der Regenbogen mit dem zur US-Fahne gehörigen blauen Rechteck mit weißen Sternen ergänzt und so zu einem Symbol für schwulen Patriotismus werden. Diese Kombination ist auf dem Filmcover von "Smalltown Gay Bar" (2006) und in einer Szene in "The Gay Bed and Breakfast of Terror" (2007) zu sehen.

Bei der kombinatorischen Symbolgestaltung lassen sich Prioritäten erahnen: Zwei Regenbogen­fahnen vor dem Hintergrund einer US-Fahne in "Burning Palms" (2010) wirken wie ein Ausdruck des Selbstverständnisses, in erster Linie schwul und in zweiter Linie Amerikaner zu sein. In einer Szene in "Eating Out 3" (2009) sind die Regenbogen- und die US-Fahne, die im Hintergrund zu sehen sind, gleich groß.


Schwul und Amerikaner: die Fahnen in "Burning Palms" (2010)

Hakenkreuz- und Konföderiertenfahne

Auch Neonazis behaupten, mit Fahnen Idealismus und Leidenschaft zum Ausdruck zu bringen. Bei den schwulen Neonazis in "Bruderschaft" (2009) wird die politische Einstellung durch die Hakenkreuzfahne verdeutlicht. Sie ist im Allgemeinen ein Symbol für Ideologie und Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus und wird hier von Neonazis positiv besetzt. In eine ähnliche Richtung geht eine Szene aus "OpenCam" (2005), in der die Sterne der US-Fahne durch kleine Hakenkreuze ersetzt sind.

Eine weitere Fahne in "Bruderschaft" verweist auf die fließende Grenze zwischen legitimen und illegitimen politischen Symbolen: Es ist eine Fahne der Konföderierten aus der Zeit des US-amerikanischen Bürgerkriegs, die für viele US-Amerikaner*­innen ein Symbol des Rassismus ist und über deren Verwendung bis heute emotional gestritten wird.

Pornos und Patriotismus

Auch bei Schwulenpornos merkt man einen deutlichen Unterschied in der Verwendung von US-amerikanischen oder deutschen Nationalsymbolen. In amerikanischen Pornos wird die Nationalfahne im Hintergrund oft und gerne gezeigt ("The American Way", "Public Serviced"). Manchmal wird die US-Fahne sogar im Vordergrund inszeniert ("Saluting Michael Brandon") und in einem Fall werden sogar deren Farben im Titel zitiert ("Red, White & Blue"). Dabei geht es vielleicht auch um Patriotismus, aber zumindest auch um den Fetisch von Soldaten in Uniformen. Im Gegensatz dazu ist es eine absolute Ausnahme, wenn Schwulenpornos auch einmal auf die Farben der deutschen Nationalflagge eingehen ("German Sex Holiday"). Dabei geht es offenbar aber nicht um ernsthaft behandelte Themen wie Patriotismus und deutscher Geschichte, sondern um Assoziationen mit sexuellen Ferienabenteuern und um eine "exotische" Kulisse für ausländische Konsument*­innen.

Auf dem Cover des Pornos "Behind the curtain. The making of Moscow" ist ein roter Vorhang mit den Motiven Stern, Hammer und Sichel zu sehen. Zum einen verweist dieser "Vorhang" auf die Fahne der früheren Sowjetunion (1924-1991) und zum anderen bezieht er sich sprichwörtlich auf den "Eisernen Vorhang", als welcher die Trennlinie im Kalten Krieg bezeichnet wurde.


Nationalfarben, die je nach Land sehr unterschiedlich assoziiert werden: "The American Way" und "German Sex Holiday"


Mars-Symbol – vom Gott des Krieges bis zum Spiel mit den Geschlechtern

Das Mars-Symbol, ein Kreis mit nach oben rechts gerichtetem Pfeil ♂, ist ein vom Kriegsgott Mars abgeleitetes und seit dem 4. Jahrhundert bekanntes Zeichen für das männliche Geschlecht bzw. für "Männlichkeit", wobei der Kreis als runder Schild und der Pfeil als Speer bzw. Phallus gedeutet wird. Mittlerweile verweist dieses Zeichen neben dem biologischen auch auf das soziale Geschlecht und in variierter Form auf verschiedene sexuelle Orientierungen und Identitäten. Wikipedia zeigt und erklärt 27 verschiedene Formen des Mars-Symbols, wie u.a. das doppelte Marszeichen ⚣ als schwules Symbol.

Einfaches Mars-Symbol – Mann und "Männlichkeit"

Mars-Zeichen ♂ in einem schwulen Kontext sind u. a. in "Bulgarian Lovers" (2003) und bei einem Teletubby in "Im Namen der Bibel" (2007) zu sehen. Eine aufgerissene Kondomverpackung (mit einem Mars-Zeichen) verdeutlicht in dem Animationsfilm "Mr. Carefree Butterfly" (2017, 0:45 Min., hier online), dass zwei Männer Sex hatten. Über die Anzahl der Pfeile lässt sich das Symbol variieren: Mit zwei einfachen Mars-Symbolen ♂♂ wird die schwule Kurzfilmsammlung "Boxer Shorts" (2002) beworben, wobei die beiden Pfeile direkt vor einem Paar Boxer-Shorts zu sehen sind, womit ihre auch phallische Bedeutung unterstrichen wird. In "The Fluffer" (2001) träumt ein Mann von hunderten von Mars-Zeichen, was sich über seine Tätigkeit in der Pornobranche erklärt und für die Präsenz männlicher Sexualität steht.


Eine Vielzahl an Männern und Mars-Zeichen in "The Fluffer" (2001)

Doppeltes Mars-Symbol – schwule Männer und schwule Szene

Das doppelte Mars-Symbol mit zwei ineinandergreifenden Männlichkeits-Symbolen ⚣ repräsentiert Schwule oder die schwule Szene und wurde erstmals in den Siebzigerjahren verwendet (Wikipedia). Es ist damit seit einem halben Jahrhundert Teil der vielen vom Mars- und Venuszeichen abgeleiteten Symbolen. In "Die Simpsons" (Folge 16/7) ist es an einer Disco zu sehen, wodurch die Zuschauer*­innen sofort wissen, dass es sich dabei um eine Schwulendisco handelt. Mit dem doppelten Mars-Symbol werden die Filme "The Ski Trip" (2004), "Over da Rainbow" (2008), "Relations" (2012) und die Dokumentation "Legalize Gay" (2011) beworben.


Eine Schwulendisco, die in "Die Simpsons" (Folge 16/7) vor allem am doppelten Mars-Symbol erkennbar ist

Das Symbol lässt sich auch über die Richtung der Pfeile variieren: In "Spooners" (2013) zeigen zwei Mars-Zeichen in unterschiedliche Richtungen, was den Streit des schwulen Paares, aber auch Variabilität ausdrücken kann. In der Serie "Flashpoint" (Folge 4/8, 2012) ist eine homophobe Schmiererei zu sehen, die aus zwei Mars-Zeichen besteht. Hier sind die beiden Pfeile nicht wie üblich parallel angelegt, sondern sie kreuzen sich. Darin lässt sich eine Parallele zu gekreuzten Schwertern erkennen, die Krieg symbolisieren. In der Travel-Serie "Bump!" (seit 2004) sind doppelte Venus- und Mars-Zeichen als Hinweise auf schwul-lesbische Urlaubsorte inszeniert.

Gender-Symbole für Frauen und Lesben

Diese Überschrift kann so wirken, als wären Lesben keine Frauen, sie ist aber hier ein notwendiger Hinweis auf eigene Zeichen für Frauen unterschiedlicher Identitäten und für Lesben. Das einfache Venus-Zeichen in der "Tatort"-Folge "Zwischen den Ohren" (Folge 810, 2011) ist durchgestrichen, woraufhin sich der Gerichtsmediziner Karl-Friedrich Boerne danach erkundigt, ob es sich bei "Wotan Wolves" um einen "Motorradverein für Homo­sexuelle" handle. Wenig später wird aufgeklärt, dass das frauenfeindliche Logo von heterosexuellen Männern stammt. Das doppelte Venus-Symbol ⚢ ist an einer Lesbenkneipe in "Die Simpsons" (Folge 6/11, 00:25 Min., hier online) zu sehen, ein Äquivalent zur oben erwähnten Schwulendisco mit ihrem doppelten Mars-Zeichen (Folge 16/7).


Eine Form der Frauenfeindlichkeit, die in einer "Tatort"-Folge (Folge 810) irrtümlich mit Schwulen in Verbindung gebracht wird

Heterosexuell, schwul oder doch bi?

Nebeneinandergestellte Venus- und Mars-Zeichen ♂♀ sind auf dem Filmcover von "Ein Stall voller süßer Bubis" (aka "Die Musterknaben", 1969, s. IMDB) wie ein Richtungszeiger inszeniert, womit die Frage aufgeworfen wird, ob ein Mann auf Frauen oder doch eher auf Männer steht. In der komödiantischen Fernsehserie "Bob & Rose" (seit 2001) verliebt sich der schwule Bob in eine Frau und es wirkt nicht durchdacht, wenn er über das Venus-Zeichen als "weiblich" und seine Freundin als "männlich" charakterisiert wird. Auf den Filmcovern von "Straight" (2009), "BIdentity Crises" (2011) und "Confusion of Genders" (2000) sind getrennte Mars- und Venus-Zeichen Symbole für Bisexualität.

Zeichen für trans* und inter* Personen

Ein Kreis mit Venus- und Mars-Symbol ⚥ – als Zeichen für "Männlichkeit" und "Weiblichkeit" in einer Person – weist in "Mein Leben in Rosarot" (1997) und "Boy I am" (2006) auf trans* Personen hin. Auch hier gibt es Variationen: In der "Tatort"-Folge "Skalpell" (Folge 839, 2012) geht es um eine (fiktive) Interessengemeinschaft für inter­geschlechtliche Menschen, die auf einer Demonstration mit einer Variation dieses Trans*-Zeichens zu sehen ist, bei der in der Mitte des Kreises eine "3" steht. Diese Zahl verweist auf Artikel 3 des Grundgesetzes und die seit Jahren angestrebte Ergänzung dieses Artikels um den Schutz der sexuellen und geschlechtlichen Identität.


Mit dem Trans*-Symbol wird "Mein Leben in Rosarot" (1997) beworben

An der Kneipe "Lady Lyn" in einer Folge der Serie "Notruf Hafenkante" (Folge 7/15) ist zwar ein klassisches Venus-Zeichen ♀ angebracht, das hier jedoch im Trans*-Kontext zu sehen ist, weil die Kneipe von der trans* Person Clara Corn (D: Lilo Wanders) geführt wird.

Gender-Symbole ohne Festlegungen


Ein schwuler Mann und Symbole bringen in "Zombadings 1" (2011) die gesellschaftlichen Verhältnisse zum Tanzen

Auch in Filmen, bei denen sich die Regisseure bei sexuellen Identitäten und Orientierungen nicht festlegen wollen, wird auf diese Symbole zurückgegriffen. Der Kurzfilm "Boy" (2014) wird mit einem Gender-Zeichen, das ein Kreuz oder einen Pfeil darstellen kann und nach unten links zeigt, beworben und soll – auch in Verbindung mit dem "männlichen" Titel und einer weiblich wirkenden Person – die Zuschauer*­innen erkennbar irritieren.

Eindrucksvoll finde ich eine Tanzszene eines Mannes in "Zombadings 1" (2011), wo plötzlich einige Mars- und Venus-Symbole anscheinend mittanzen, sich drehen und keiner Richtung mehr zu folgen scheinen.

Die Bewertung der Gender-Symbole

Es ist erstaunlich, welche Entwicklung die unscheinbaren Mars- und Venus-Zeichen seit einem halben Jahrhundert durchlaufen haben und welche Variationsmöglichkeiten in ihnen stecken. Das Mars-Zeichen war einst das Zeichen des Kriegsgottes Mars – das mit einem kraftvollen Phallus bzw. einem Schwert Stärke symbolisieren sollte. Heute ist das frühere martialische Kampfzeichen weichgekocht und ein Logo, das viele nur noch als banales Toilettenzeichen kennen. Die Gendersymbole wirken nun wie ein Spiel mit sexueller Orientierung und Identität.

In der heutigen Zeit definieren sich Männer größtenteils nicht mehr über ihre körperliche Kraft und die Grenzen von Geschlecht und sexueller Orientierung werden als fließender wahrgenommen. Beides hat sich auch auf die neuen Varianten der Gender-Symbole ausgewirkt. Von den eingangs erwähnten 27 unterschiedlichen Formen des Gender-Symbols habe ich nur fünf in Filmen gefunden. In der Art, wie diese fünf Symbol-Formen in den betreffenden Filmen variiert werden, sind sie eine gute Ergänzung zu den 27 bekannten Variationen des Symbols.

Exkurs: X und Y

Ähnlich wie durch die Gender-Symbole werden auch durch die Buchstaben X, Y und Variationen davon sexuelle Orientierungen und Identitäten zum Ausdruck gebracht. Die beiden Buchstaben können für die Geschlechtschromosomen XY bei Männern und XX bei Frauen stehen, was auch in Filmen aufgegriffen wird, zum Beispiel von dem schwulen Regisseur Todd Verow im Titel seines Films "XX" (2007).

Die menschlichen Chromosomensätze können variieren und beispielsweise zu XXY-Chromosomenkombinationen führen. Ein Teil dieser Menschen identifiziert sich jedoch nicht als Mann, sondern als Frau bzw. als femininer Mann. Bei zwei Filmen ist der Umgang mit der XXY-Symbolik sehr irritierend: In "Mein Leben in Rosarot" (1997) lässt, in der Vorstellung des kleinen Ludovic, Gott für ihn die Chromosomen XXY vom Himmel fallen, wobei durch einen "Unfall" nur das XY für sein Leben ausschlaggebend wird. Bei Ludovic, der sich als Mädchen zu Jungen hingezogen fühlt, und der gesamten Einbettung der Szene wäre es andersherum, also mit XXY als für sein Leben ausschlaggebender Chromosomenkombination, schlüssiger gewesen. Mit dem Filmtitel des Dramas "XXY" (2007) wird ein Bezug zum Chromosomen-Dreiersatz suggeriert, der aber gar nicht beabsichtigt war. Der Filmtitel wurde später kritisiert, weil er nur eine "dichterische Metapher für Intersexualität" sein solle und "XXY" für die Regisseurin nur "ein geheimnisvolles, mehrdeutig zwischen den Geschlechtern schwankendes Buchstaben-Trio" bilde (Wikipedia).


In "Mein Leben in Rosarot" (1997) verteilt Gott vom Himmel herab an alle Menschen die Buchstaben X und Y

Pornos – das Mars-Zeichen als Pfeil und Phallus

Auch in Schwulenpornos ist die Darstellung der Gender-Symbole breit angelegt. Auf einigen Covern lässt sich das einfache Männlichkeitszeichen finden ("Blind Gay Date", "Seeders and Breeders"), das sich graphisch gut mit einem O im Titel verbinden lässt ("Gay Zone"). Bei dem schwulen Pornolabel "Close-Up Production" ist ein Mars-Zeichen Teil des Firmenlogos. In Verbindung mit dem Bildmotiv (fokussierter Anus) und dem Text wird aus dem Pfeil des Mars-Zeichens deutlich ein Phallus ("Inside Timothy Nixon", "I am right behind you!!"). Das doppelte Mars-Zeichen wird auch hier als Zeichen für Homosexualität eingesetzt ("Gay at the Bathhouse").

Einige Pfeile wirken auch hier wie Richtungsschilder bzw. wie ineinandergedrehte Partnerschaftsringe ("Bad Boys", "Blind Date. One Step Further", "Older man loves cock" 1-6). Insgesamt sechs Mars-Symbole auf einem Titel ("Gay Blind Date Sex. Vol. 7") sind ein Hinweis auf die vielen Darsteller im Film. Mit einem Durcheinander aus Pfeilen und Kreisen auf verschiedenen Filmcovern wird die Variabilität veranschaulicht, die es mit Bezug auf Geschlechter und Orientierungen gibt ("Bi now, gay later", "Gender Benders").


Mars-Zeichen, die offenbar auch als Richtungspfeile fungieren, in "Gay Blind Date Sex" und "Blind Date. One Step Further"


Yin und Yang – Philosophie, Harmonie, Energie

In fernöstlichen Philosophien ist das Yin-Yang-Symbol seit dem 11. Jahrhundert ein bekanntes Symbol für die Balance zwischen zwei sich ergänzenden Polen, mittlerweile ist es auch im Westen bekannt . Die Gegensätze können sehr unterschiedliche Bezüge haben, wobei das weiße Yang (hell, heiß, männlich, aktiv) und das schwarze Yin (dunkel, kalt, weiblich, passiv) sich gegenüberstehen, aber in ihrer wechselseitigen Bezogenheit auch eine Gesamtheit, Ergänzung und einen ewigen Kreislauf darstellen sollen.

Schwule Beziehungen

Die über Yin und Yang wohl wichtigste zum Ausdruck gebrachte Polarität ist die von "männlich" und "weiblich". Diese bezieht sich traditionell auf heterosexuelle Paare, lässt sich jedoch auch auf homo­sexuelle Paare übertragen. Als in "Fögi ist ein Sauhund" (1998) der Vorhang mit Yin- und Yang-Motiven zum ersten Mal zu sehen ist, betont Benjamin, dass er vieles erst verstehe, seitdem er mit Fögi zusammen sei. Das Yin-Yang-Symbol kann damit nicht nur auf seine Liebesbeziehung, sondern auch auf das Geben und Nehmen in der Beziehung bezogen werden.


Ein Vorhang mit Yin-Yang-Motiven in "Fögi ist ein Sauhund" (1998)

In einigen Filmen ist das Yin-Yang-Motiv auf der Bildebene ein nicht reflektierter Eyecatcher, wie beim Yin-Yang-Pullover in "Nobody I know" (1997). In der "Tatort"-Folge "Wer das Schweigen bricht" (Folge 870, 2013) sieht man, wie Frank Steier (D: Joachim Król) seinem sterbenden Lebenspartner Edgar über den Nacken streichelt und dabei zufällig anmutend mit seinem Schlüsselbund mit einem Yin-Yang-Symbol spielt.

Manchmal wird das Symbol in schwulen Kontexten in einfacher und unterhaltsamer Form erwähnt. In "Together Alone" (1991) diskutieren Brian and Bryan nach dem Sex u. a. über Yin und Yang. In "Eating Out" (I, 2004) fällt die Äußerung: "Mr. Yin, mach mich Yang", und in "Die Simpsons" (Folge 2/22) sagt Burns zu Smithers, dass er "das vernünftige Yin zu meinem tobenden Yang" sei. In die gleiche Richtung geht Teds Äußerung zu Brian in der US-Serie "Queer as Folk" (Folge 5/8) nach dessen Trennung von Justin, dass Brian nun sein Yang verloren habe.

Homo- und heterosexuelle Männer

Im Gegensatz dazu beziehen sich die in der Dokumentation "Straight. Gay. Ying Yang" von Toby Ross (2011) über Text und Bild zum Ausdruck gebrachten Pole auf homo- und heterosexuelle Männer, was auch durch die Serienbezeichnung "Straight Boys / Gay Boys" deutlich wird. Damit werden homo- und heterosexuelle Männer als Gegensatzpaar begriffen, das sich gegenseitig ergänzen kann. Laut dem Werbetext auf Amazon wird dabei der Frage nachgegangen, warum sich heterosexuelle Männer manchmal sexuell auf Schwule einlassen. Der Regisseur Toby Ross ist auch für schwule Pornos bekannt (IMDB) und der Fokus dieses Films wird – auch unter Berücksichtigung des Filmcovers – wohl eher auf Schwulen liegen, die sich Sex mit heterosexuellen Männern wünschen.


Philosophie oder doch nur "Hetenknacken" in pseudo-dokumentarischer Form? "Straight. Gay. Ying Yang" (2011)

69er-Stellung und Yin-Yang

Als "Yin Yang" wird in der US-Umgangssprache auch Sex von zwei Menschen mit weißer und schwarzer Hautfarbe in der 69er-Stellung bezeichnet (s. urbandictionary) – also gleichzeitiger gegenseitiger Oralverkehr. Es ist also nicht nur naheliegend, sondern auch üblich, die 69er-Sexposition mit Yin und Yang in Verbindung zu bringen.

Im Film-Intro von "Klovn Forever" (2015) kommt ein Yin-Yang-Zeichen vor, wobei dieses das O als dritten Buchstaben des Filmtitels ersetzt. Gleichzeitig wird der Film mit einem Motiv beworben, das zwei Männer in der angedeuteten 69er-Stellung zeigt. Ich finde es daher recht eindeutig, dass die Betrachtenden zwischen der Sexposition und dem Ying-Yang-Zeichen eine Verbindung herstellen sollen.

Auf den ersten Blick könnte man diesen oder einen ähnlichen Zusammenhang auch bei dem Filmcover von "The Dark Side of Love" (2012) vermuten. Die Körperpositionen der beiden Männer erinnern jedoch eher an eine typische Embryonalhaltung, was sich wegen des Bezugs zur Abstammung gut auf die inzestuöse Beziehung der beiden Brüder übertragen lässt.


Eine Assoziation zu Yin und Yang auf dem Cover von "Klovn Forever" (2015) und Anspielung auf gemeinsame Abstammung auf dem Cover von "The Dark Side of Love" (2012)

Steckt in jedem Yang auch ein bisschen Yin?

Trägt die Dokumentation "Yang and Yin. Das Spiel der Geschlechter im chinesischen Kino" (1997), die sich größtenteils mit Homo­sexuellen und trans* Personen beschäftigt, den richtigen Namen? Dass der (offen schwule) Regisseur gerade die fließenden Übergänge zwischen männlich und weiblich aufzeigen möchte, scheint dem Yin-Yang-Logo mit seinen klaren Konturen zu widersprechen. Die zwei kleinen Punkte im Logo vermitteln jedoch noch etwas zusätzlich Wichtiges, dass nämlich in jedem Yang immer auch ein bisschen Yin steckt – und umgekehrt. Diese Vorstellung lässt sich so interpretieren, dass in jedem Mann auch ein wenig Frau stecke, in jedem Homo­sexuellen auch ein wenig von einem Heterosexuellen und natürlich auch jeweils umgekehrt.


In "Yang and Yin" (1997) geht es um das "Spiel der Geschlechter" im chinesischen Kino

Ist die Yin- und Yang-Symbolik homophob?

Aufgrund traditioneller Vorstellungen gehen sicherlich viele Menschen davon aus, dass man im Rahmen einer an Ergänzungsvorstellungen orientierten Harmonielehre die Begriffe Yin und Yang, im Sinne von "Männlichkeit" und "Weiblichkeit", nicht auf Homo­sexuelle übertragen könne, weil sich "männlich" und "männlich" oder "weiblich" und "weiblich" eben nicht ergänze. Ich kann verstehen, wenn man die Yin- und Yang-Symbolik aus diesem Grund als Ausdruck einer vom Prinzip her homophoben Weltsicht bewertet, obwohl ich es recht leicht finde, die dualistische (auch sexuelle) Vorstellung von "aktiv/passiv" bzw. von "gebend/empfangend" auf viele Liebespaare in recht unterschiedlichen Geschlechterkombinationen zu übertragen.

Pornos zum Thema

Außer bei einem Pornodarsteller mit dem Künstlernamen "Yin Young" scheint das Yin-Yang-Symbol in diesem Bereich nicht relevant zu sein. Aufgrund der zum Teil vorgenommenen Verbindung von Yin und Yang mit der 69er-Stellung kann hier allenfalls noch auf Pornos verwiesen werden, die das Signalwort 69 als deutliche Anspielung auf die Sexposition im Filmtitel tragen ("69 Discover the Secret", "69 Shades of Gay", "Channel 69"). Der Titel des schwulen Pornofilms "Route 69" ist zusätzlich eine Referenz auf die bekannte Route 69 im US-Bundesstaat Alabama.

-w-