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Heimkino
Nicht wirklich lustig: Schwule Geisterehe in Taiwan
Die Horror-Action-Komödie "Marry My Dead Body", immerhin der erfolgreichste Film des Jahres in Taiwan, enttäuscht mit einer respektlosen queeren Repräsentation, die durchweg auf Marginalisierte haut und Homophobie nicht zu benennen weiß.

Natürlich mit Duschszene: Der homophobe Polizist Wu Ming-Han (Greg Hsu; re.) will vom schwulen Geist Mao Pang-yu (Austin Lin) nicht angefasst werden (Bild: Netflix)
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27. August 2023, 02:24h 4 Min.
Darf ich vorstellen? Wu Ming-Han (Greg Hsu), leitender Polizeikommissar: Er ist jung, hat einen gestählten Körper, sein Chef bezeichnet ihn als den kompetentesten Ermittler des Teams. Sie folgen einer Spur – Drogenhandel des ganz großen Kalibers. Wu neigt zu cholerischem Jähzorn, ist ambitioniert und ehrgeizig, aber vor allem eins: offen homophob.
Dass Regisseur Cheng Wei-hao seine queerfeindliche Hauptfigur in der übernatürlichen Action-Komödie "Marry My Dead Body" auf einen toten Schwulen treffen lässt, bietet viel Zündstoff. Mao Pang-yu (Austin Lin) fiel einem Autounfall mit Fahrerflucht zum Opfer, die Umstände sind bislang ungeklärt. Nach einem alten taiwanischen Brauch wird Wu Ming-Han versehentlich in eine schwule Geister-Ehe verwickelt: Er soll seinem verstorbenen "Ehemann" Mao Pang-yu bei der Aufklärung des Mordes helfen, um ihm die Wiedergeburt zu ermöglichen. Diese durchweg schwulenfeindliche Produktion avancierte in Taiwan zum Kassenschlager – und ist seit kurzem hierzulande auf Netflix aufrufbar.
Kein Charme zwischen den beiden Figuren

Poster zum Film: "Marry My Dead Body" kann seit 10. August 2023 auf Netflix gestreamt werden
Zwar ist die Geister-Ehe ein amüsanter Handlungsanstoß, doch wirkt der Einstieg ungelenk. Es mag kein Charme zwischen den beiden Figuren aufkommen – ist doch die eine immer genötigt, ihre Homosexualität gegenüber dem homophoben Polizisten zu rechtfertigen. Das wachsende Vertrauen des halb-toten Ehepaares ineinander wirkt unglaubwürdig, die letztendliche Zuneigung pathetisch aufgeblasen.
Das liegt am schlechten Drehbuch, das eine Figurenentwicklung verunmöglicht. Die Darstellung schwuler Identitäten verliert sich in überholten Klischees und regenbogenkapitalistischen Motiven: Im queeren Club etwa läuft belangloser Plastikpop der taiwanischen LGBTI-Künstlerin Jolin Tsai, deren plumpe Lyrics "Go, go, Lover! Liebe ist für jeden gleich, Liebe ist für jeden" mehrfach paraphrasiert werden. "Wenn ich jetzt eine Story posten könnte, wärt ihr beide darin. Hashtag 'Schön, dass ihr da seid'. Hashtag 'Danke Welt, es ist wirklich schön. Zeit zu gehen'", sinniert Mao Pang-yu etwa vor einem wolkenverhangenen Horizont, durch den ein sanfter Regenbogen bricht.
Homosexuelle für komödiantische Zwecke degradiert
Beim ersten Aufeinandertreffen mit Wu Ming-Han entspinnt sich ein Dialog, der nicht repräsentativer sein könnte. Sie begegnen sich in einer Szenerie zum ersten Mal, die berüchtigt für homophobe Übergriffe ist: der Dusche. Dem gleichzeitigen Nacktsein begegnet Wu mit großer Panik: "Zieh dir sofort was an!" "Ich will mit duschen", scherzt Mao anzüglich. "Verdammter Hurensohn! Hau ab, Schwuchtel. Scheiße, fick dich", flucht Wu am laufenden Band, wischt sich dabei hektisch das Gesicht ab, sein ganzer Körper ekelt sich vor der bloßen Berührung mit einem schwulen Mann.
Ich habe wirklich Besseres zu tun, als mir anzuschauen, wie Homosexuelle für komödiantische Zwecke degradiert werden. Diese starre Dichotomie zwischen Schwulen und Heterosexuellen weiß "Marry My Dead Body" weder aufzubrechen noch sich an die klare Schuldzuweisung der offen ausgeübten Queerfeindlichkeit zu trauen.

Anstrengend reaktionär: Szene aus "Marry My Dead Body" (Bild: Netflix)
Über eine Lauflänge von mehr als zwei Stunden ist es zermürbend, einem narzisstischen Protagonisten zu folgen, der nicht das geringste Reflexionsvermögen zu besitzen scheint. Er tätigt am laufenden Band patriarchale und fettphobe Aussagen. Seine Intention, seine Ermittlungskollegin Lin Tzu-ching (Gingle Wang) vor sexistisch motivierter Missgunst der männlichen Kollegen zu schützen, ist als Pushen des eigenen Egos zu entlarven. Zudem erfordert seine Ichbezogenheit eine durchgängige Legitimation von Homosexualität in sich, wodurch der Film oft anstrengend reaktionär wirkt. Ein schwuler Standpunkt wird konsequent zur Nebensache degradiert und aus dem Diskurs gedrängt. Wu Ming-Han wird durch alles und jede*n in seiner Männlichkeit und seinem Heterosexismus gekränkt, verpackt in Machismen à la "Mein Schwanz ist 19 Zentimeter lang, hast du nicht gesehen? Du hast selbst wohl keinen Schwanz".
Wirre Erzählweise, billige Effekte
Als sei diese despektierliche Artikulation nicht ärgerlich genug, verliert sich "Marry My Dead Body" in einer wirren Erzählweise, die jegliche Dynamik vermissen lässt. Der Kriminalplot scheint oft nur nebensächlich zu sein, die Action-Sequenzen mit Videospiel-Ästhetik und einer beschleunigenden Kamera in Verfolgungsjagden in der zweiten Hälfte deutlich rarer gesät. Die Illusion des übernatürlichen Sterbezustands lassen sich durch die billigen Effekte nur schwer abkaufen.
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Hängen bleibt die Enttäuschung über eine respektlose queere Repräsentation, die durchweg auf Marginalisierte haut und Homophobie nicht zu benennen weiß. Die Implikation des Films, man müsse Heterosexuelle von queeren Identitäten überzeugen, ist schlichtweg falsch. Das Bild, das Regisseur Cheng Wei-hao für die angebliche Wandlung von Polizisten Wu Ming-Han wählt, ist ein "Legalize Gay Marriage"-Aufkleber, den er in der Montage auf den Download des patriarchalen Pornos "cute girl sex riding sugar daddy in sexy way" folgen lässt. Dass die letzte filmische Entscheidung des Protagonisten darin besteht, sich gegen das Masturbieren zu entscheiden, ist sinnbildlich für diese Stumpfheit.
Marry My Dead Body. Horror-Action-Komödie. Taiwan 2023. Regie: Cheng Wei-hao. Cast: Greg Hsu, Austin Lin, Gingle Wang. Sprache: chinesische Originalfassung, englische Synchronfassung. Untertitel: Deutsch (optional). Laufzeit: 130 Minuten. FSK 16. Seit 10. August 2023 auf Netflix
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