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Die Wahl zwischen Vernunft und Begehren
Matthias Luthardts Drama "Luise" über eine verhängnisvolle Dreiecksgeschichte im Elsass kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs ist ein kluges Kammerspiel voller Gegensätze, moralischer Fragen und Unvereinbarkeiten.

Bäuerin Luise (Luise Aschenbrenner) und die Französin Hélène (Christa Theret) kommen sich immer näher (Bild: Salzgeber)
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31. August 2023, 03:43h 4 Min.
Es ist ruhig, fast gespenstisch ruhig, und das, obwohl der seit über vier Jahre dauernde Krieg sich in seiner letzten Phase befindet. Die Alliierten sind dabei, die Deutschen zurückzudrängen. Der Hof der jungen Bäuerin Luise ist abgeschieden, nicht weit von der französischen Grenze entfernt. Das Elsass gehört 1918 zum Deutschen Reich.
Doch plötzlich stürmt eine junge Französin ins Bauernhaus und stört die Ruhe, ihr folgt ein deutscher Soldat. Sein Vorwurf: Hélène habe seinen Vorgesetzten umgebracht. Aus Notwehr, entgegnet sie, weil der sich an ihr vergreifen wollte. Luise schlichtet – und hilft beiden. Der Frau gibt sie Unterschlupf, den Soldaten Hermann verarztet sie.
Kampf gegen christliche Moral

Poster zum Film: "Luise" startet am 31. August 2023 bundesweit im Kino
Die Schicksalsgemeinschaft wächst langsam zusammen, auch wenn die Frauen dem Soldaten gegenüber misstrauisch bleiben. Luise steht plötzlich im Zentrum der Aufmerksamkeit, denn sowohl Hélène als auch Hermann sind ganz angetan von der zurückhaltenden, aber patenten jungen Frau. Die gottesfürchtige Luise ist mit Fragen konfrontiert, die sie sich zuvor nie stellen musste, erkennt Leidenschaften – und kämpft dabei mit ihrer christlichen Moral.
Das Drama "Luise" rund um die titelgebende Hauptfigur (gespielt von Luise Aschenbrenner), Hélène (Christa Theret) und Hermann (Leonard Kunz) basiert auf der Novelle "Der Fuchs" des englischen Schriftstellers D. H. Lawrence. Doch Sebastian Bleyl und Matthias Luthardt verlegen für ihr Drehbuch die Handlung von England ins Elsass. Und damit an einen außergewöhnlichen Ort zu einer besonderen Zeit: Der Erste Weltkrieg neigt sich dem Ende zu, ist als Grundrauschen aber unüberhörbar. Freund und Feind treffen hier aufeinander, eigentlich strikt getrennt – außer an Luises kleinem Hof.
Luise findet keine Worte für ihr Begehren
Der ist düster, selbst am Tag dringt kaum Licht in das alte Gemäuer. Die Decken sind niedrig, die Fenster klein, eine beklemmende Stimmung beherrscht das Kammerspiel: Das Szenenbild von Olivier Meidinger ist liebevoll, gleichzeitig unauffällig und ermöglicht so einen ganz eigenen Look. Es ist eng, und zu dritt wird es zu eng, das ist schnell klar. Die Konkurrenz um Luises Aufmerksamkeit entwickelt sich langsam, ohne ausgesprochen zu werden.
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Das wäre ohnehin kaum möglich: Hélène, die Französin, spricht ihre Muttersprache, der deutsche Soldat ebenso, während Luise sowohl den elsässischen Dialekt als auch Deutsch sowie dank ihres französischen Vaters auch Französisch – die Sprache des Feindes – beherrscht. Sie wird zur Mittlerin, aber nur selten.
"Luise" ist auch ein Film über Sprachlosigkeit, im zweifachen Sinne: Ganz konkret der Sprachbarrieren, aber genauso der gesellschaftlichen Schranken wegen. Für die Anziehung, die Leidenschaft, aber auch die deshalb vor sich selbst empfundene Abscheu kann Luise gar keine Worte finden, weil sie in ihrer Welt unaussprechlich sind.
Hélène und Hermann als Antagonist*innen
Zumindest bis Hélène in ihr Leben tritt, die große, schlanke Frau, die Boa und edle Handschuhe trägt. Und die weiß, was sie möchte, und keine Scheu hat, dies auszusprechen: Sie will in die Niederlande auswandern, weil sie dort Frauen begehren darf, so ihre Annahme. Hélène trägt so zur Selbstentfaltung und -ermächtigung von Luise bei, während sie Hermann immer deutlicher zurückweist.
Regisseur Matthias Luthardt gelingt mit "Luise" eine Dreiecksgeschichte mit einem wunderbaren orchestralen Soundtrack, die ihre Spannung weniger aus dem Verlauf der Handlung als vielmehr aus der Konstellation der Figuren zieht. Hélène und Hermann sind wunderbar ausgearbeitete Antagonist*innen mit einer Luise im Zentrum, die zunächst noch versucht, zwischen Vernunft und Begehren wählen zu können, bis sie – erstaunlich modern! – einsehen muss, dass ihr das nicht gelingt.
Luise. Drama. Frankreich, Deutschland 2023. Regie: Matthias Luthardt. Cast: Luise Aschenbrenner, Christa Theret, Leonard Kunz, Aleksandar Jovanovic. Laufzeit: 95 Minuten: Sprache: französische-deutsche Originalfassung, teilweise mit deutschen Untertiteln. FSK 16. Verleih: Salzgeber. Kinostart: 31. August 2023
Links zum Thema:
» Alle Kinotermine auf der Homepage von Salzgeber
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