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Neue Richtlinie

Blutspenden für schwule und bisexuelle Männer wird leichter

In der kommenden Woche ändert sich einiges beim Blutspenden: Nicht mehr die sexuelle Orientierung ist ausschlaggebend dafür, ob jemand spenden darf, sondern das individuelle Risikoverhalten.


Schwules Blut wird künftig nicht anders behandelt als das von heterosexuellen Personen (Bild: AhmadArdity / pixabay)

Homo- und bisexuelle Männer in Deutschland können künftig leichter Blut spenden. Das sieht eine Erneuerung der Blutspende-Richtlinie der Bundesärztekammer vor, die am Montag in Kraft tritt. Die sexuelle Orientierung und die Geschlechtsidentität dürfen künftig keine Rolle mehr bei der Risikobewertung spielen, wie die Organisation am Donnerstag mitteilte. Unter anderem LGBTI-Verbände hatte die bisherige Praxis als diskriminierend bewertet. Die Bundesärztekammer hielt jedoch jahrelang an der Unterscheidung von Blutspendern nach ihrer sexuellen Orientierung fest (queer.de berichtete).

"Jetzt wird das individuelle Risiko erhoben, indem nach der Anzahl der Partner und nach der Sexualpraxis gefragt wird", sagte Johannes Oldenburg, Arzt und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer, der Deutschen Presse-Agentur. Das heißt, dass auch heterosexuelle Menschen künftig konkret nach ihrer Sexualpraxis befragt werden. Ob die neue Regelung ab Montag schon in der Praxis angewendet wird, hängt einem Sprecher zufolge davon ab, wie schnell die Blutspendedienste auf den neuen Fragebogen umstellen.

Definition von risikoreichen Sexualverhalten

Als risikoreich zählt gemäß Richtlinien Sexualverhalten, wenn die Gefahr, sich mit einer schweren Infektionskrankheit anzustecken, deutlich erhöht ist. Dazu gehört demnach etwa Sex mit insgesamt mehr als zwei Personen und Sex mit einer neuen Person, wenn dabei Analverkehr praktiziert wurde. Ziel der Risikoanalyse ist es, die Übertragung einer Infektion auf den Empfänger einer Blutspende möglichst zu verhindern.

Künftig darf zunächst nicht Blut spenden, wer solchen risikoreichen Sex hatte. Ausschlaggebend sind dabei die letzten vier Monate vor der Spende. Spezielle Ausschlusskriterien für Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), und für trans Menschen fallen weg.

Bislang galt bereits als risikoreich, wenn ein Mann Sex mit einem neuen Mann hatte – unabhängig von der Sexualpraxis. Bei Sex zwischen Frau und Mann wurde bislang hingegen nur für vier Monate zurückgestellt, wer "häufig wechselnde Partnern/Partnerinnen" hatte. Begründet wurde die Praxis mit einem besonders hohen Übertragungsrisiko für verschiedene Infektionen bei MSM.

Diese Blutspende-Einschränkungen für Schwule stammten noch aus der Zeit der Aids-Krise. Die Maßnahme wurde seit langem kritisiert; auch Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) bezeichnete sie als Diskriminierung (queer.de berichtete). Ziel der neuen Richtlinie sei es, "eine unvertretbare, medizinisch unnötige Diskriminierung" homosexueller Männer bei Blutspenden zu beseitigen, so Lauterbach.

Auslöser für die Änderung der sogenannten "Richtlinie zur Gewinnung von Blut und Blutbestandteilen und zur Anwendung von Blutprodukten" ist ein Beschluss des Bundestags von Mitte März (queer.de berichtete). Ende März stimmte auch der Bundesrat zu (queer.de berichtete).

Viele andere Länder haben die Diskriminierung Homosexueller beim Blutspenden bereits abgeschafft – teilweise seit vielen Jahren. Dazu zählen etwa Spanien, Italien oder Großbritannien. (dpa/dk)

Update 13.30 Uhr: LSVD kritisiert "implizite Fortführung der Diskriminierung"

Der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) hat am Donnerstag die "implizite Fortführung der Diskriminierung" in den neuen Blutspenderegeln kritisiert. "Die Bundesärztekammer und das Paul-Ehrlich-Institut haben das Ziel einer diskriminierungsfreien Blutspende deutlich verfehlt", erklärte LSVD-Bundesvorstandsmitglied Andre Lehmann. "Denn: Künftig soll Analverkehr mit Sexualpartner*innen außerhalb einer dauerhaften Beziehung pauschal als risikobehaftet klassifiziert werden." Diese Risikoeinordnung entbehre jedoch jeglicher wissenschaftlichen Grundlage und führe die Diskriminierung Homosexueller fort. Der Deutsche Bundestag müsse hier Nachbesserungen einfordern.

"Die Neuregelung trägt zur Stigmatisierung von gleichgeschlechtlichem Sex zwischen Männern als 'schmutzig' und 'gefährlich' bei. Für das individuelle Infektionsrisiko ist nicht das Geschlecht des Sexualpartners relevant, sondern die individuelle Gestaltung der Sexualkontakte im Hinblick auf die Vermeidung von Übertragungsrisiken", erklärte Lehmann. "Mit der Verbreitung von Aids in den späten 1980er Jahren wurden schwule und bisexuelle Männer bei der Blutspende als Hochrisikogruppe eingestuft. Seither haben sich Nachweistechniken, Präventions- und Behandlungsmöglichkeiten stark verbessert. Die Novellierung in dieser Form schließt auch Sex mit HIV-positiven Personen aus, welche unter medikamentöser Behandlung sind und oder die Partner*innen eine Prä-Expositions-Prophylaxe (PrEP) einnehmen." Laut der Weltgesundheitsorganisation sei das HI-Virus unter Behandlung praktisch nicht übertragbar. "Zudem wird die Tatsache nicht erwähnt und in Betracht gezogen, dass Blutspenden vor der Verwendung auf Infektionskrankheiten untersucht werden und die Labortests nach sechs Wochen eine vorliegende Infektion anzeigen."

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