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Nationalsozialismus

NS-Opfer, die dir in die Augen schauen

In der Kazerne Dossin im belgischen Mechelen ist noch bis zum 10. Dezember 2023 die sehenswerte und tief bewegende Ausstellung "Schwule und Lesben in Nazi-Europa" zu sehen. Wassilios Aswestopoulos war mit der Kamera vor Ort.


Das Gesicht der Ausstellung: Willy Hadrossek wurde nach Paragraf 175 verurteilt, nach Sachsenhausen deportiert und dort im Sommer 1942 ermordet (Bild: Wassilios Aswestopoulos)
  • Von Wassilios Aswestopoulos
    1. September 2023, 21:02h 5 Min.

Es war ein heftiger Schlag in die Magengrube. Die temporäre Ausstellung über "Lesben und Schwule in Nazi-Europa" (Originaltitel: "Homo's en Lesbiennes in Nazi-Europa" bzw. "Homosexuels et Lesbiennes dans L'Europe Nazie") in der Kazerne Dossin in Mechelen in Belgien läuft bereits seit Februar und noch bis zum 10. Dezember 2023. Sie ist eine Reise nach Mechelen wert. Anders als der Titel der Ausstellung vermuten lässt, widmet sie sich auch trans Menschen und beschränkt sich nicht nur auf die Zeit von 1933 bis 1945.

Der erste Eindruck von der gesamten Anlage rund um das ehemalige Durchgangslager der Nazis, das in der früheren Militärkaserne Dossin errichtet wurde, ist zunächst ernüchternd. Es wirkt von außen alles penibel steril und sauber, irgendwie unwirklich. Das ist kein Fehler, denn direkt nach dem Betreten des Ausstellungsgebäudes oder des gegenüberliegenden Memorials werden Besucher*innen mit erschütternden Emotionen konfrontiert. Einem Memorial in den Gebäuden der Kazerne Dossin, wie der Ort in Mechelen genannt wird, gegenübergestellt ist ein Museumsbau, vor dem einer der Eisenbahnwagons steht, mit dem Gefangene ins Vernichtungslager Auschwitz gefahren wurden.

Erst queerer Club, dann Werbung für Hitler

Die Sterilität ist der passende, die Wirkung der gesamten Anlage verstärkende Kontrapunkt. Im und um das ehemalige SS-Sammellager wurden eine Gedenkstätte, ein Museum und ein Dokumentationszentrum für Holocaust und Menschenrechte eingerichtet. Das Wirken nationalsozialistischen und faschistischen Gedankenguts auf Gesellschaften steht im Fokus.

Nach diesem Muster ist auch die Ausstellung über die LGBTI-Lebensrealitäten konzipiert. Sie ist im Parterre des Museums eingerichtet. Sie beginnt in den 1920er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Berlin und analysiert zudem die Verfolgung queerer Menschen vor und nach dem 20. Jahrhundert. Der erste große Eindruck wird durch zwei gegenübergestellte große Poster eines Gebäudes vermittelt. Einst das "Eldorado", das von Literaten verewigte Szenelokal schlechthin an der Ecke der Motzstraße und der Kalckreuthstraße in Berlin, und dann Zentrale der SA-Standarte 2 "Kütemeyer" mit Werbung für Hitler.

Dokumentierte Einzelschicksale


Polizeifotos eines queeren NS-Opfers (Bild: Wassilios Aswestopoulos)

Die Ausstellung gibt Besucher*innen die Möglichkeit, an interaktiven Bildschirmen viel über die "Goldenen Zwanziger" und die damalige Hoffnung auf Emanzipation und Menschenrechte zu erfahren. Sie präsentiert zahlreiche detaillierte Biografien mit Einzelschicksalen berühmter und weniger bekannter Menschen. Der Paragraf 175 des deutschen Strafrechts steht dabei am Anfang der Geschichte von Leid, unmenschlicher Folter und Ausgrenzung. Dazu kommen Titelblätter von Nazi-Medien wie dem "Völkischen Beobachter" vom 31. Oktober 1928. "Homosexuelle als Vortragsredner in Knabenschulen" ist der Titel des zentralen Hetzartikels gegen Magnus Hirschfeld aus der Zeit vor der Machtübernahme.

Was danach geschah, lässt sich in Polizeiberichten, Gerichtsurteilen und detaillierten Dokumentationen von Kastrationen und Todesurteilen nachlesen. Auch hier vermitteln die dokumentierten Einzelschicksale von schwulen, lesbischen und trans Menschen nur schwer zu ertragende Geschichten. Nicht wenige Besucher*innen identifizieren sich mit den Opfern. Es fällt auf, wie lange sie vor den Geschichten über deren Schicksals verweilen. Als Hoffnungsschimmer gibt es die Dokumentationen über Überlebende. Sie kommen in interaktiv abrufbaren Videos selbst zu Wort.

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Mahnung und Appell zugleich

Damit wäre die Nazi-Zeit eigentlich vorbei, doch die Ausstellung geht weiter. Sie prangert die Verfolgung auch nach 1945 in Deutschland an. Sie präsentiert anhand von Beispielen, wie die Nazi-Ideologie die Verfolgung von queeren Menschen auch in den besetzten oder kollaborierenden Gebieten wie Vichy-Frankreich prägte, und wie diese Prägung sich in Verfolgung auch nach dem Ende der Nazi-Zeit niederschlug. Die mit großen Bannern, wie am mittelalterlichen Rathaus von Mechelen, in der gesamten Stadt beworbene Ausstellung ist Mahnung und Appell zugleich.

Sie wird komplettiert mit der Dauerausstellung über die Kazerne Dossin. Das Schicksal der verfolgten jüdischen Menschen, Sinti und Roma und der politischen Häftlinge des Lagers ist Thema auf den oberen Stockwerken des Museums. Über alle Stockwerke erstreckt sich ein riesiges Mosaikbild mit Passfotos der 25.257 jüdischen Menschen und 351 Roma, die von hier nach Auschwitz geschickt wurden. Nur wenige überlebten. Von allen können an einem interaktiven Bildschirm die persönlichen Daten abgerufen werden. Die gesamte Ausstellung ist in einem Tag nur schwer komplett erfassbar. Es ist ratsam, eine Reise nach Mechelen für mehrere Tage zu planen.


Das Mosaikbild mit über 25.000 Passfotos von NS-Opfern (Bild: Wassilios Aswestopoulos)

Rote Hände an der Schreibmaschine

Es empfiehlt sich, außer dem Museum auch das Memorial zu besuchen. Im Eingangsbereich blicken Augenpaare der Opfer, Ausschnitte aus deren Passbilder, auf die Besucher*innen. Sie sind das einzige Helle im stockfinsteren Raum. Weiße Hände, aufgeklebt im dunklen Ambiente, repräsentierten die Opfer, deren Pässe, Familienfotos, im Lager geschaffene Kunst und Erinnerungsstücke sie uns noch näherbringen. In einem zentralen Raum sind zwei rote Hände an einer Schreibmaschine aus dem SS-Sammellager. Lautsprecher übertragen das Ticken der Anschläge. Neben der Schreibmaschine sind die Erfassungsbögen für Lagerhäftlinge. Das Grauen jener Zeit wird in der Kazerne Dossin vielfältig übermittelt. Beim Schritt nach draußen kommt dann wieder die erwähnte Sterilität. Nun hilft sie, das Gesehene, Gehörte und Gefühlte erst einmal zu verarbeiten.

Mechelen ist eine bewusst autounfreundliche Stadt. Die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln erspart viel Stress. Die Kazerne Dossin, am Rand der kleinen Altstadt gelegen, ist von zentral gelegenen Hotels fußläufig leicht zu erreichen.

-w-