Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?46833

Filmkritik

"Passages": Die Aidskrise hat angerufen und möchte ihre Bisexuellen-Stereotype zurück

Mit dem Kinofilm "Passages" liefert Regisseur und Drehbuchautor Ira Sachs eine so vorurteilsbeladene Geschichte, dass bisexuellen Menschen trotz herausragender schauspielerischer Leistungen jegliche Lust vergeht.


Der bisexuelle Tomas (Franz Rogowski) und Agathe (Adèle Exarchopoulos) in "Passages" (Bild: MUBI)

Es gibt eine traurige Faustregel für bisexuelle Rollen in Film und Fernsehen: Kennt man eine, kennt man alle. Mit "Passages" beschert uns Regisseur und Drehbuchautor Ira Sachs die nächste Enttäuschung dieser Art. Ein Drehbuch, derart triefend von Stereotypen, dass einem trotz herausragender schauspielerischer Leistungen und der sehr lustvoll und authentisch inszenierten Intimität zwischen den zwei Protagonisten Tomas (Franz Rogowski) und Martin (Ben Whishaw) jegliche Lust vergeht.

Dabei beginnt das 92-minütige Beziehungsdrama eigentlich sehr chancenreich: Tomas, der seit vielen Jahren in einer schwulen Beziehung mit Martin lebt, fängt am Rande einer Party eine Affäre mit Agathe an (Adèle Exarchopoulos). Als er seinem Partner am nächsten Morgen davon erzählt, ist dieser sichtlich wenig begeistert.

Es ist der Auftakt eines Ringens um Nähe und Distanz: Erst trennen sich die beiden Männer, und Tomas zieht überstürzt bei Agathe ein; etwas später steht er unangemeldet in Martins Wohnung und versucht, ihm wieder näher zu kommen. Den destruktiven und selbstbezogenen Charakter von Tomas arbeitet Sachs hier ebenso gut heraus wie das bittere Ende eines Paares, dem die Worte füreinander ausgegangen sind.

Gepflegte Vorurteile über bisexuelle Menschen


Poster zum Film: "Passages" läuft seit 31. August 2023 bundesweit in den Kinos

Die Handlung an sich ist durchzogen von vielen verpassten Gelegenheiten: Sei es, um sich letztendlich doch als ein oder gar zwei Paare zusammenzufinden, reinen Tisch zu machen oder wenigstens Initiative für die eigenen Interessen zu ergreifen. Doch statt hier weiter ins Detail zu gehen und dem Publikum den Graubereich, das Uneindeutige, zuzumuten, bedient sich Sachs des stereotypen bisexuellen Mannes, wie man ihn in der Populärkultur zu kennen scheint: nicht vertrauenswürdig, unfähig zu verhüten und auch nicht in der Lage, sich zwischen Männern und Frauen zu entscheiden. Oder: Bereits entschieden und den anderen gegenüber diesbezüglich schlicht unehrlich.

Vorurteile, mit denen bisexuelle Männer teilweise seit der Aidskrise zu kämpfen haben. Aus der Perspektive der Mehrheitsgesellschaft waren es nämlich sie, die die "Schwulenseuche" unter die Heteros brachten. So wurde aus der geschlechtlichen Uneindeutigkeit ihres Begehrens eine Gefahr für die Gesellschaft konstruiert. Die Homo­sexuellen blieben ja wenigstens unter sich. Abwehrreaktionen auf diese Uneindeutigkeit finden sich jedoch auch im Kleine(re)n, in der romantischen Zweierbeziehung. Bisexuellen wird hier ein Mangel an Treue nachgesagt. Die Anziehung zu anderen Geschlechtern wird als zu groß betrachtet, als dass man ihnen tatsächlich vertrauen könnte. Oder – auch das ist nicht selten – man spricht ihnen einen Teil ihres Begehrens ab. Bisexuelle Männer werden häufig mit dem Vorwurf konfrontiert, "eigentlich schwul" zu sein, während sich bisexuelle Frauen anhören dürfen, "in Wirklichkeit" hetero zu sein. Beides zwei Seiten derselben patriarchalen Medaille.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer zum Film
Datenschutz-Einstellungen | Info / Hilfe

Dass diese Vorurteile selbst in queeren Communitys gepflegt werden, zeigt ebendieser Film. Wenn es nicht so traurig wäre, müsste man an dieser Stelle schon fast Anerkennung dafür aussprechen, wie formvollendet Sachs jedes der genannten Vorurteile in seinem Drehbuch untergebracht hat. Übrigens auch ganz klassisch, ohne dass das Wort "Bisexualität" nur einmal in den Mund genommen wird. So bleiben Bisexuelle auch hier unsichtbar, während sie gleichermaßen stigmatisiert werden.

Griff in die Mottenkiste der Stereotype

Die wohl netteste Erklärung für den Rückgriff auf diese müßige Trope wäre wohl, dass Sachs seinem Publikum neben der für den Mainstream bereits fordernden V-Beziehungskonstellation nicht mehr zutraut. Womit er nicht einmal Unrecht gehabt haben könnte: Dass von einer per Definition allseits reziproken Dreiecksbeziehung keine Rede sein kann, haben ja nicht einmal alle Rezensent*­innen begriffen.

Die wahrscheinlichere Deutung ist jedoch, dass Sachs, der sich selbst als schwuler Mann versteht, tatsächlich nur sich und seine Community kennt. Dies wäre der naheliegendste Grund, aus dem man sich beim Anschauen des Films fortlaufend fragen muss, wie es sein konnte, dass sich hier trotz eines bisexuellen Protagonisten niemand tiefergehend mit der Geschichte und Lebensrealität Bisexueller auseinandergesetzt hat.

Und so entsteht trotz bester Voraussetzungen wie des großartigen Casts, einer überragenden Kameraarbeit und eines durchdachten Setdesigns ein doch so unwürdiger Streifen. Selbst vor Schlagworten wie "queerem Kino" sollte man sich hier hüten. Es handelt sich vielmehr um einen ausnahmsweise schwulen, sonst jedoch durch und durch gewöhnlichen Griff in die Mottenkiste der Stereotype aus dem letzten Jahrtausend. Als Bisexueller möchte man da nur sagen: Danke für nichts!

Infos zum Film

Passages. Drama. Frankreich 2023. Regie: Ira Sachs. Cast: Ben Whishaw, Adèle Exarchopoulos, Franz Rogowski, Erwan Kepoa Falé, Olivier Rabourdin, Caroline Chaniollea, Radostina Rogliano. Laufzeit: 92 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 16. Verleih: MUBI. Kinostart: 31. August 2023
Galerie:
Passages
16 Bilder
-w-

Queere TV-Tipps
-w-

-w-