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Interview

Serbien: Darum ist die Community wütend auf die lesbische Premierministerin

Wir haben uns mit Isidora Duric vom Belgrade Pride über die Lage queerer Menschen in Serbien, die heftigen Gegenproteste im vergangenen Jahr und die große Enttäuschung über die Regierung von Ana Brnabic unterhalten.


Die offen lesbische Ex-Managerin Ana Brnabic ist seit 2017 Ministerpräsidentin von Serbien, zuvor war sie Ministerin für öffentliche Verwaltung (Bild: Chambre des Députés / flickr)

Serbien ist EU-Beitrittskandidat – tut sich aber schwer beim Thema LGBTI-Rechte. Im letzten Jahr gab es große Gegendemonstrationen gegen den EuroPride in der Hauptstadt Belgrad, es wurden politische Forderungen laut, die Parade ganz zu verbieten, am Ende wurde eine kleinere Demo veranstaltet (queer.de berichtete).

Michael G. Meyer hat sich mit Isidora Duric vom Belgrader Pride-Organisationsteam über die Situation von LGBTI in Serbien, die Hintergründe der queer­feindlichen Stimmungsmache und die Politik der Regierung unterhalten. Die diesjährige Demoparade zum Belgrade Pride findet am 10. September 2023 statt.

Letztes Jahr gab es eine riesige Debatte und auch große Gegendemonstrationen gegen den EuroPride, wie ist die Lage in diesem Jahr?

Sehr viel besser. Im letzten Jahr kam vieles zusammen: Das politische Klima und der Krieg gegen die Ukraine lösten viele Gegenbewegungen aus. Das ist aber dieses Jahr besser. Wir sind im guten Kontakt zur Polizei und anderen Stellen, letztes Jahr war gewissermaßen eine Ausnahme, was die riesigen Gegenproteste betraf.

Wie ist denn die allgemeine Stimmung in Serbien bezüglich LGBTI- Themen?

Die ist zwar auch besser geworden, wir sehen aber keinerlei Verbesserungen beim Thema Gesetzgebung. Keine unserer Forderungen wurde bislang erfüllt, wir werden ignoriert. Daher werden wir stärker dieses Jahr unsere politischen Forderungen betonen, nicht so sehr den Party-Aspekt. Aber wie gesagt: Was die Sicherheit angeht, sind wir im guten Kontakt zur Polizei, wir sind optimistisch, auch wenn es immer Proteste gegen unsere Anliegen gibt. Es hat in den letzten Jahren insgesamt aber immer weniger Übergriffe gegen den Pride gegeben.

Wer sind denn eure Gegner in der serbischen Gesellschaft, wer protestiert gegen euch?

Unterschiedliche Gruppen: Die orthodoxe Kirche, aber auch ganz normale Bürger*innen. Es gibt auch einige NGOs, die sich extra nur in den Wochen und Monaten gründen, Webseiten hochladen, um gegen uns zu mobilisieren. Und dann gibt es auch noch Hooligans, von denen jeder weiß, dass sie vom Staat unterstützt werden. Auch extreme Fans einiger Fußballclubs mischen sich unter die Gegendemonstrant*innen, das ist eine wilde Mischung, oft wird auch die Frage des Kosovo mit dem LGBTI-Thema vermengt.

Der Kosovo? Wie das, das hat doch gar nichts miteinander zu tun?

Wir können uns das auch nicht erklären. Man sieht auf den Gegen-Demos dann Serbien-Flaggen, Fußball-Flaggen und Plakate, die die Rückkehr des Kosovo nach Serbien fordern. Auch einige Lokalpolitiker sind dabei. Was sie alle eint, ist ihre Homophobie – da können sie sich immer drauf verständigen. Der Nationalismus ist in Serbien ein großes Thema.


Isidora Duric vom Belgrade Pride (Bild: privat)

Habt ihr denn Prioritäten beim diesjährigen Pride, was eure Forderungen angeht?

Ja, wir fordern vor allem die Einführung der Ehe für alle und ein Selbstbestimmungsgesetz für trans Menschen, letzteres ist schon ausformuliert und soll dem Parlament vorgelegt werden. Aber derzeit passiert nichts. Schon seit 2019 liegt das Gesetz auf Eis, unser Präsident Vucic hat bereits gesagt, er werde das nie unterzeichnen. Die ganz Situation ist wirklich verfahren. Aber immerhin: Seit 2019 werden Hassverbrechen unter Strafe gestellt, dieses Gesetz gibt es nun seit vier Jahren. Unser Motto dieses Jahr ist: "We are not even close".

Was ja etwas verwundert, ist, dass eure Premierministerin, Ana Brnabic, offen lesbisch lebt und sich doch wenig tut bei LGBTI-Forderungen. Wie passt das zusammen?

Sie hat für die Community nichts, absolut nichts getan bislang. Sie hat noch nicht mal den Kontakt zu uns gesucht. Sie ist privilegiert, hat Geld, eine Partnerin, hat ein adoptiertes Kind, was in Serbien für queere Eltern eigentlich gar nicht möglich ist. Da fragt man sich schon, wie das eigentlich sein kann. Alle in der serbischen LGBTI-Community sind wütend auf sie. Ich denke aber, dass sie sich eben kaum durchsetzen kann in einem politischen Umfeld, das sexistisch und rassistisch ist. Da tut sie mir fast ein bisschen leid. Es gibt aber zwei Oppositionsparteien im Parlament, die unsere Forderungen unterstützen – sie sind gute Partner für uns, aber leider ohne Machtperspektive derzeit.

Serbien ist ja EU- Beitrittskandidat. Bekommt ihr denn Unterstützung von EU-Ländern, wie ist da die Lage?

Durchaus. Es gibt Spenden seitens europäischer NGOs aus den EU- Staaten, wir arbeiten auch manchmal mit EU-Botschaften zusammen, das bedeutet uns viel. Das Problem ist aber, dass unsere eigene Regierung uns komplett ignoriert, und sie setzt bislang auch kaum etwas um, was die EU von ihr fordert beim Thema LGBTI und Menschenrechte. Sie arbeitet teilweise sogar dagegen. Unsere lesbische Premierministerin ist eine perfekte Ausrede dafür, dass nichts passiert. Menschen denken: Hey, ihr habt eine Lesbe an der Staatsspitze – dahinter tut sich aber gar nichts. Eine perfekte Versteckspiel-Strategie ist das.

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Kommen wir mal auf den Alltag von queeren Menschen zu sprechen: Belgrad ist eine coole Stadt, mit vielen Clubs und Bars – aber Regenbogenfahnen oder eine sehr lebendige LGBTI-Szene sind kaum zu sehen oder zu spüren – wie siehst du das?

Es gibt schon Clubs und Bars, die sind aber eher "low key", machen das nicht so bekannt. Viele queere Menschen sind hier von der Angst getrieben. Du wirst hier kaum ein lesbisches Paar sehen, das Händchen haltend durch die Straßen geht. Die Mehrheit ist eher "im Schrank". Was das Nachtleben angeht, ist es bei uns eher so, dass es viele queerfreundliche Orte gibt, und dort geht es auch locker und liberal zu.

Lass uns nochmal auf den Pride zurückkommen. Was erwartet ihr denn dieses Jahr?

Wir sind optimistisch, dass mehr Menschen dieses Jahr kommen. Als Aktivistin musst du aber immer optimistisch sein, sonst könntest du deine Arbeit gar nicht machen. Aber wie gesagt: Es gibt Fortschritte, und wir arbeiten weiter darauf hin.

-w-