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Rückblick

Theater: Queere Highlights der vergangenen Spielzeit

Ein Rückblick auf die Spielzeit 2022/2023: Das waren die queeren Highlights aus Schauspiel, Musiktheater und Tanz. Einige der Stücke sind weiterhin zu sehen.


Szene aus dem Stück "Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat" am Schauspielhaus Bochum (Bild: Jörg Brüggemann / Ostkreuz)

In diesem Monat starten die ersten Theater nach der Sommerpause in die neue Spielzeit 2023/24. Parallel zu unserer heute veröffentlichten Vorausschau wollen wir die vergangene Spielzeit 2022/23 noch einmal Revue passieren lassen und aus queerer Perspektive bemerkenswerte Ereignisse und Produktionen hervorheben.

Preise für queere Werke gab es unter anderem in Hamburg, Berlin und Heidelberg: Johannes Kram wurde für seine "Operette für zwei schwule Tenöre" mit dem Deutschen Musical Theater Preis 2022 in der Kategorie "Beste Liedtexte" ausgezeichnet, Philipp Stölzls Inszenierung des zweiteiligen Queer-Epos "Das Vermächtnis" von Matthew Lopez am Residenztheater München wurde zum Berliner Theatertreffen eingeladen, und die Nachwuchsautorin Leonie Lorena Wyss erhielt für ihr Stück "Blaupause", in dem es um die Entdeckung der eigenen, lesbischen Identität geht, den Autor*innenpreis des Heidelberger Stückemarkts. Negative Schlagzeilen hingegen machte unter anderem das Stralsunder Theater, nachdem eine Mitarbeiterin ein lesbisches Paar nach einem Kuss rausgeworfen hatte. Außerdem erhitzte das Gender-Verbot im Zwickauer Theater die Gemüter und der fortwährende Machtmissbrauch an deutschen Bühnen, den eine neue rbb-Umfrage für das ARD-Mittagsmagazin belegt, bleibt weiterhin ein massives Problem für viele Bühnenschaffende.

Mit Blick auf die Spielpläne der Theater ist es erfreulich beobachten zu können, dass eine Vielzahl an queeren Produktionen sowohl im ländlichen als auch städtischen Raum im vergangenen Jahr über die deutschen Bühnen gegangen ist. Einige bemerkenswerte Produktionen aus den verschiedenen Sparten sollen im Folgenden besonders hervorgehoben werden.

Schauspiel: "Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat" am Schauspielhaus Bochum

In seinem autobiografisch geprägten Roman "Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat" erzählt der französische Schriftsteller und Fotograf Hervé Guibert von den Anfängen der Aids-Pandemie und beschreibt eindrücklich die Bedrohung durch ein tödliches Virus und wie sich Angst, Hoffnung und Stigmatisierung auf Freundschaften und Beziehungen auswirken. Und welche Rolle die Pharmaindustrie in diesem Kampf ums Leben spielt. Die atmosphärisch ergreifende Theaterinszenierung folgt den verschiedenen künstlerischen Spuren von Guibert, der uns eindrücklich zeigt, was es heißt, in Zeiten von Krankheit sich und andere zu lieben (Wiederaufnahme in der Spielzeit 2023/24).

Ballett: "Giselle" am Ballett am Rhein


Szene aus "Giselle" (Bild: Bettina Stöß)

"Giselle" gilt als eines der Meisterwerke des Romantischen Ballettrepertoires. Das titelgebende Bauernmädchen Giselle verliebt sich darin in den adligen Albrecht. Doch Albrecht verschweigt ihr seine Herkunft und die Tatsache, dass er bereits einer anderen, Bathilde, versprochen ist. Nach Giselles tragischem Tod wird sie in die Gemeinschaft der Wilis aufgenommen, Geister verstorbener Bräute, die Männer in der Nacht zum Tanzen verführen und sterben lassen. Choreograf Demis Volpi befragt den Stoff in seiner Neukreation für das Ballett am Rhein auf einen zeitgemäßen Umgang mit Traditionen und Geschlechterbildern im Ballett. In seiner Version des Ballettklassikers rückt er die Begegnung zwischen Giselle und Bathilde, die sonst weniger im Zentrum steht, in den Mittelpunkt und betrachtet sie neu. Zu sehen ist zum einen eine Geschichte über die Liebe zweier Frauen, zum anderen über verpasste Lebenschancen. Eine beeindruckende Mischung aus klassischem Ballett und neu erzähltem Handlungsballett in queerem Gewand (Wiederaufnahme in der Spielzeit 2023/24).

Oper: "Turing" am Staatstheater Nürnberg

Erst in den letzten Jahren hat sich das Bild Alan Turings in der Öffentlichkeit gewandelt – nicht zuletzt durch das "Royal Pardon" von Queen Elizabeth II. 2013 und die dramatisierte Filmbiografie "The Imitation Game" 2014. Turing gilt als einer der tragischsten Helden des 20. Jahrhunderts: der Mathematiker, der dem Computer den Weg ebnete, der die deutsche Enigma-Chiffriermaschine entschlüsselte und damit zu denen gehörte, die den Zweiten Weltkrieg entschieden, bevor man ihn wegen seiner Homosexualität verurteilte, einer sogenannten chemischen Kastration unterzog und schließlich in den Selbstmord trieb. Komponist Anno Schreier erzählt in seiner neuen Oper "Turing" vom hart erkämpften Aufstieg und dem ungerechten Fall eines Genies, das in der Welt, die es zu retten half, nie heimisch geworden ist.

Tanz: "King" zu Gast am Tanz Köln und am Staatstheater Wiesbaden

"King" ist eine vielfältige choreografische Erforschung von Männlichkeit der australischen Tanzkompanie "Shaun Parker & Company". Dabei handelt es sich um eine Musik-Tanz-Kollaboration zwischen dem preisgekrönten Regisseur und Choreografen Shaun Parker und dem international renommierten bulgarischen Künstler Ivo Dimchev. Verortet in einer künstlichen Welt − teils Cocktail-Lounge, teils Dschungel − werden die Vorstellungen von Macht, Kontrolle und Gruppendynamik in der männlichen Welt hinterfragt. In über 70 Minuten wird der Kanon von Verhaltensmustern und Macho-Gehabe des Cis-Hetero-Alpha-Mannes durchgespielt − teils humorvoll, teils brutal kompromisslos. Ivo Dimchev bildet als "androgyner Storyteller" mit seinem kabarettistischen Gesang den queeren Gegenpol in dieser toxischen Männerwelt.

Performance: "Joy 2022" an den Münchner Kammerspielen


Szene aus "Joy 2022" (Bild: Judith Buss)

Mit "Joy 2022" hat Choreograf Michiel Vandevelde, gemeinsam mit Ensemblemitgliedern der Münchner Kammerspiele und Akteur*innen der Sexpositivity-Szene "neun Tableaus über Intimität und Begehren" entwickelt. Darin skizziert das Team ein Porträt davon, wie ein freudvolles queeres Leben aussehen könnte. Zu sehen sind bildstarke, bunte Szenen, in denen es darum geht, Wahrnehmungen über körperliches Vergnügen, Wünsche und Fantasien in ihrer Mehrperspektivität zu feiern – der Körper und Sex in seiner natürlichen Form als etwas durch und durch Schönes.

Kindertheater: "Der Katze ist es ganz egal" am Jungen Theater Münster

Am Jungen Theater Münster wurde mit "Der Katze ist es ganz egal" das gleichnamige Kinderbuch von Franz Orghandl auf die Bühne gebracht. Die turbulente Transgender-Verwechslungsgeschichte rund um Leo, der nun Jennifer heißt, wird von zwei Darstellerinnen für alle ab neun Jahren gespielt. Mit Gesang, Tanz und raschen Rollenwechseln wird die Frage nach Geschlechtsidentität und Zugehörigkeitsgefühl auf ein erfrischend lebhaftes und spielerisches Feld geführt (Bild des Tages, Wiederaufnahme in der Spielzeit 2023/24).

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Jugendtheater: "Wie es euch gefällt" am Staatsschauspiel Dresden

William Shakespeares Komödie "Wie es euch gefällt" handelt von verschiedenen Liebesabenteuern, Verwechslungen und Identitätswechseln im Wald von Arden. Am Staatsschauspiel Dresden entwirft Regisseur Philipp Lux für die Bürger:Bühne gemeinsam mit zwölf Jugendlichen im Alter von 15 bis 23 Jahren einen eigenen Wald, in dem die – auch heute noch – normativen Vorstellungen von männlich und weiblich, Liebe und Sexualität über Bord geworfen werden. Der Wald wird zu einem Ort der Selbstbestimmung und -findung, der seinen Bewohner*innen die Freiheit gibt, zu sein, wer sie sind und ihre eigenen Geschichten zu erzählen. Ein Plädoyer für eine vielfältige, offene Gesellschaft auch abseits des Waldes – gerahmt von groovigen Hip-Hop-Nummern in einer bunt-leuchtenden Bühnenkulisse (Wiederaufnahme in der Spielzeit 2023/24).

Ein besonderes Lob geht darüber hinaus in der Gesamtleistung eines Hauses an die Münchner Kammerspiele. In der vergangenen Spielzeit standen nicht nur (mindestens) fünf queere Produktionen auf dem Spielplan ("La mer sombre", "Die Freiheit einer Frau" "Joy 2022", "niedoskonała utopia / an imperfect utopia" & "Richard Drei – Mitteilungen der Ministerin der Hölle") – auch darüber hinaus setzte das Theater mit Festivals, Gastspielen, eigenen Formaten und Veranstaltungen queere und feministische Akzente. Beim Münchner CSD war das Theater sogar mit einem eigenen Wagen vertreten. Dass das Theater mit seiner inhaltlichen und ästhetischen Ausrichtung zuletzt aber auch aneckte, zeigten die schwächelnden Zuschauer*innenzahlen und das Medienecho: Unter anderem warf Kulturjournalistin Christine Dössel in der "Süddeutschen Zeitung" der Intendantin Barbara Mundel vor, dass diese "mit ihrem Ansatz von Diversität, Inklusion und Artivismus einen Kurs woker politischer Theaterkorrektheit [fahre], der kaum ankommt". Trotz der anhaltenden Kritik bleibt das Theater aber seiner Linie treu: Der Spielplan für die kommende Spielzeit verspricht, dass die Münchner Kammerspiele weiterhin eine der wichtigsten Verbündeten marginalisierter gesellschaftlicher Gruppen sind.

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