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Feministische Gruppe "What the fuck?!"

"Kein Mädchen" hereingelegt: Mit Fake-Teenager gegen Fake-Trans-Beratung

"Kein Mädchen" gibt an, für transgeschlechtliche Teenager da zu sein. Doch Berliner Queerfeminist*innen ließen sich selbst "beraten" – und führten so den Nachweis, wie manipulativ die Queerfeind*innen dabei vorgehen, Transitionen zu verhindern.


Setzen sich nicht nur mit Demonstrationen für queerfeministische Anliegen ein: die Berliner Aktivist*innen hinter der Recherche (Bild: "What the fuck?!")

Abtreibungsgegner*innen, die nicht mehr nur ungewollt Schwangere, sondern auch transgeschlechtliche Jungs mit Fake-Beratungen ins Visier nehmen - "What the fuck?!" dachten sich da wohl auch die queerfeministischen Berliner Aktivist*innen der Gruppe "What the fuck?!", die sich normalerweise dem Anti-Abtreibungs-Kampf rechter christlicher Fundamentalist*innen entgegenstellen.

Die Feminist*innen drehten den Spieß um, ließen einen Fake-Teenager samt besorgter Fake-Mutter auf einen "Berater" von "Kein Mädchen" los. Erkenntnis: Hier wird fast ohne Hemmungen getäuscht, gelogen und manipuliert. Alles, um Transitionen von transmännlichen Jugendlichen zu verhindern. Wie die "Kein Mädchen"-Leute im Umgang mit Ratsuchenden umgehen, lässt sich nun detailliert rekonstruieren.

Erschreckender Einblick

Ihre investigative Recherche veröffentlichte "What the fuck?!" am Montag auf dem Blog der Queerfeminist*innen. queer.de liegen unter anderem die bei dem Kontakt angefertigten Gesprächsnotizen und der im Rahmen der Anbahnung und Nachbesprechung zweier "Beratungs"-Telefonate entstandene Mailverlauf vor. Der Einblick in die Tätigkeiten des Vereins "Ehe-Familie-Leben": Er ist erschreckend.

/ nofundis | "What the fuck?!" auf X

Eng verbunden ist der in Magdeburg sitzende, AfD-nahe Verein mit dem Namen Hedwig von Beverfoerde. Er tritt auch als Trägerverein der queerfeindlichen "Demo für Alle" auf. Die katholische Aktivistin und "Demo für Alle"-Vorkämpferin von Beverfoerde ist es denn auch, die queer.de-Anfragen von vergangenem Mittwoch zu den Gesprächsnotizen beantwortet – allerdings kaum inhaltlich.

Der Grund: V., der fragliche Mitarbeiter, der mit "What the fuck?!" in Kontakt stand, befinde sich im Urlaub, könne sich jetzt nicht in die Beantwortung der gestellten Fragen einarbeiten. Eine Zuarbeit V.s aus dem Urlaub wird abgelehnt.

Mehrfach nach Telefonnummer gefragt

Für ihre raffinierte Attacke dachten sich die Aktivist*innen die Identität von Lockvogel Kai aus. Kai schreibt von einer Mailadresse, die seinen Deadname Lara enthält, stellt sich am 20. April diesen Jahres als 15-jähriger Teenager vor, der außer via Instagram noch mit niemandem über seine transgeschlechtlichen Gefühle geredet haben will. Außerdem unterschreibt er mit beiden Namen.

Mit den eigenen Eltern sei ein Gespräch nicht möglich, weil die über Transgeschlechtlichkeit und Queerness häufig negativ reden und dem Teenager Druck machen würden, sich mehr wie ein Mädchen zu verhalten. Nachdem Kai die Webseite von "Kein Mädchen" durchgelesen habe, habe er jedoch Angst vor einem Fehler bekommen. Es sind erste für den "Kein Mädchen"-Fakeberater V. ausgelegte Köder.

In seiner Antwort möchte "Berater" V. Kai gleich überzeugen, den transfeindlichen Eltern doch von den eigenen Gefühlen zu berichten – und ihm. "Sehr gern kannst Du mir alles schreiben, oder wir telefonieren, wenn Du mir Deine Nummer sendest. Falls das für Dich nicht in Frage kommt, kann ich schauen, dass wir ein Treffen in Berlin hinbekommen."

Nachdem Kai erklärt, wie er auf seinen neuen Namen gekommen ist, heißt es tags darauf: "Liebe Kai/Lara, ist es okay für Dich, wenn ich Dich weiter Lara nenne?" Sofort versucht V. Kais transgeschlechtliche Gefühle zu hinterfragen: "Manchmal fühlt man sich gerade dann sehr verloren und sehnt sich nach klaren Definitionen, wenn der Spielraum der freien Entfaltung einen schier überwältigt… Das wäre doch mal ein Thema fürs Telefon? :)" Und weil Kai trotz der Anfrage seine Telefonnummer nicht herausgerückt hat, legt der "Berater" nochmal nach: "Wenn Du mir Deine Nummer und die Zeiten, zu denen Du telefonieren kannst, mitteilst, dann melde ich mich sehr gern bei Dir!"

Der Teenager bittet V. erneut, ihn mit Kai anzusprechen. "Du willst Du selbst sein – und identifizierst Dich mit dem, was andere über sich schreiben? Ich sehe das als ein großes Thema: Wie beeinflusst sind wir?" antwortet V. am 24. Mai. Die Aktivist*innen lassen den "Berater" sitzen – erst einen ganzen Monat, dann nochmal einen. V. aber lässt nicht locker, schreibt: "hast Du eine Nummer unter der ich Dich erreichen kann am Dienstag? Am Vormittag wäre passend.. oder Du hast ja meine Nummer :) LG [Vorname von V.]"

Die Aktivist*innen von "What the fuck?!" kritisieren, dass der Versuch, eine Telefonnummer zu erhalten, für eine seriös arbeitende Beratungsstelle "ein undenkbares Vorgehen" sei. Es widerspreche "nicht nur dem besonders sensiblen Umgang mit Daten Minderjähriger, sondern ist in üblichen Kinderschutzkonzepten auch deswegen verboten, weil solche Kontakte anfällig sind für Machtmissbrauch". Eine Antwort auf den Vorwurf, mehrfach die Telefonnummer erfragt zu haben, hat queer.de vom Trägerverein nicht erhalten.

Und: Im Telefonat wie auch schon auf der Webseite von "Kein Mädchen" werde, so "What the fuck?!", der Eindruck erzeugt, dass Teenager beraten würden. V. schreibe etwa in einer ersten Mail: "Sehr gern möchten wir Dir helfen! Das klappt am besten, wenn Du uns kurz beschreibst, in was für einer Situation Du Dich befindest. Je besser wir verstehen, was Dich belastet, umso effektiver können wir Dich unterstützen und uns auf ein Gespräch mit Dir vorbereiten."

Durch "Formulierungen wie diese, Fragen nach der familiären Situation, dem eigenen Empfinden, Belastungen in der Schule u.ä. erweckt [Vorname von V.] den Anschein, es handele sich um ein Beratungssetting", werfen die feministischen Aktivist*innen V. vor. Das sagt er dem Jugendlichen zwar an keiner Stelle explizit. Kai müsste aber, auch aufgrund seines Alters, genau diesen Eindruck bekommen haben – wenn er denn tatsächlich ein ratsuchender Teenager gewesen wäre.

Von der Fake-Beratung in die "Therapie"?

Schließlich telefonieren die Queerfeminist*innen mit V., dokumentieren das Gespräch. Im Telefonat erzählt Kai erneut vom Problem mit seinen Eltern. Die würden immer wieder Sachen sagen, die "einfach transfeindlich" seien, dass es eine psychische Krankheit sei und dass er sich da nicht wohl fühle, seine Gefühle anzusprechen. Der Teenager fragt nach Kontakt zu Therapeut*innen, um "irgendjemanden zu haben, mit dem ich sprechen kann" – auch, weil er auf die Schweigepflicht gegenüber den Eltern setzt. Doch wie V. selbst es im Kontakt mit der Verschwiegenheit zu halten gedenkt – Teil der Qualitätsstandards seriöser Beratungsstellen – darauf verweist der Fake-Berater beim Schlagwort "Verschwiegenheitspflicht" nicht.

Stattdessen verspricht V., nachzusehen, ob es Therapeut*innen in Kais Wohnortnähe gibt. Später wird er den Kontakt einer einzigen Therapeutin zusenden, die ihre Praxis in Kreuzberg-Friedrichshain hat, weit entfernt von Kais vermeintlichem Wohnort in Spandau. "Ich habe inzwischen eine Therapeutin in Berlin entdeckt, die Dir in Deiner Situation bestimmt eine Hilfe sein kann", schreibt er, schickt die Webseite der Frau und schlägt Kai vor, sie sich anzuschauen. "entdeckt" – es klingt ganz so, als habe V. spontan eine kleine Netzrecherche angestellt.

Dass Therapeutin R., die sich selbst offensiv auf ihrer Webseite als "feministisch" charakterisiert, nicht einmal damit wirbt, mit transgeschlechtlichen Klient*innen zu arbeiten, scheint den "Berater" bei seiner "Entdeckung" nicht weiter gestört zu haben. R. gibt auf ihrer Webseite an, sie arbeite zu Formen der Essstörung, psychosomatischen Erkrankungen, Ablehnung und Ekel gegenüber dem eigenen Körper, zu Unzufriedenheit und zu Schmerzen.

Das Wichtigste aber: Die Frau ist gar keine psychologische Psychotherapeutin. Selbst wenn sie wollte, könnte sie keine Indikation für die Verschreibung von Hormonpräparaten bei Endokrinolog*innen stellen, keine Gutachten anfertigen. Aber wer kennt schon den Unterschied zwischen psychologischen Psychotherapeut*innen und Psychotherapeut*innen nach dem Heilpraktikergesetz?

Später wird Kais Mutter V. nach Ärzt*innen fragen, die Kai die vermeintlich extremen Risiken der Pubertätsblocker erklären können, die der "Berater" mehrfach in den Raum stellt. V. aber verweist dann wieder auf die Therapeutin – mit einem bemerkenswerten Kommentar: "Ich glaube, die Psychotherapeutin, die wird das schon… die hat das auch im Blick. Die ist da tiefer drin in solchen Sachen, als ich wahrscheinlich." Eine Psychotherapeutin, die über Risiken und Nebenwirkungen von Medikamenten aufklärt? Und: Woher weiß V. das so genau?

Kann es sein, dass der "Berater" R. nicht nach einer spontanen Recherche auf Anfrage von Kai "entdeckt" hat, sondern dass er, der Trägerverein von "Kein Mädchen" oder die christlich-fundamentalistischen Netzwerke im Hintergrund, bereits mit R.s Haltung zu Transgeschlechtlichkeit vertraut sind? Beweisen lässt sich das nicht. V.s widersprüchliche Worte aber legen es nahe.

Gute und schlechte Therapeut*innen

Im Telefonat behauptet V., es gebe zwei Sorten von Therapeut*innen: Solche, bei denen man "mehr oder weniger durchgeschleust" werde, die sagten: "Ja, aha, okay, dann ist das so bei dir, dann herzlich willkommen auf der anderen Seite". Das sei aber sicher nicht Kais Wunsch, findet V. "Ich weiß nicht, ob das so das ist, was du dir wünschst. Wenn ich dich richtig verstehe, ist das jemand, mit dem du auch mal länger reden kannst." Ganz so, als sei das in einer richtigen, psychologischen Begleittherapie nicht möglich.


Auf der Homepage präsentiert sich "Kein Mädchen" wie ein klassisches Jugendangebot, verspricht: "Wir sind für dich da!" (Bild: Screenshot / Kein Mädchen)

Das wolle Kai, antwortet der – etwa, weil er seinen alten Namen Lara ablegen wolle und gar nicht wisse, wie das funktioniere. Mehrfach zeigt Kai so, dass er nach wie vor glaubt, von V. in Richtung praktischer Hinweise für nächste Schritte in der Transition geleitet zu werden – ein Glaube, den der Fake-Berater allem Anschein nach ausnutzt.

So findet V. etwa, Kai solle zunächst abwarten. Etwa auch, weil doch irgendwann das neue Selbstbestimmungsgesetz komme. Ganz so, als begrüße V. eine vereinfachte Änderung von Namens- und Geschlechtseinträgen. "Ich würde an deiner Stelle jetzt erstmal gucken, dass du vielleicht doch einen guten Therapeuten findest". Ob V. denn auch Therapien anbiete? Das nicht, sagt der "Kein Mädchen"-Mann. Man sei eher ein Informationsangebot. "Also wir haben eben festgestellt, dass im Internet sehr viele Informationsangebote sehr einseitig sind. Also da geht es nur darum, wie man möglichst schnell an Medikamente kommt und solche Sachen. Und das finden wir ein bisschen zu schnell."

Auch im Mail-Austausch mit queer.de verweist Hedwig von Beverfoerde auf den Vorwurf hin, sich fälschlich als Beratung zu positionieren, auf die Homepage von "Kein Mädchen". Dort findet sich die Selbstcharakterisierung als "unabhängiges, nicht-staatliches Informationsangebot für junge Menschen, die sich in Identitätskrisen befinden". Sie befindet sich am untersten Ende der Webseite. Ganz oben auf der Seite heißt es hingegen: "Bin ich trans? – Oder anders gefragt: Wer bin ich? Du brauchst Hilfe? – Wir sind für Dich da!"

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Kein Kontakt zu anderen trans Personen, dafür rechte Talking Points

Warum "Kein Mädchen" andere Vorgehensweisen zu schnell finde, will Kai wissen. V. antwortet mit einem Vergleich zur Anorexie, spricht von starken seelischen Problemen, die dazu führten, dass man glaube, zu dick zu sein. Da sei es doch die Frage, "ob man so jemandem einfach Pillen gibt, damit er schnell abnehmen kann. Oder ob man jemandem dann einfach den Magen verkleinert." Es ist ein mehr als kruder Vergleich mit der so oft tödlich verlaufenden Erkrankung.

Es wundere V. und sein Team auch, führt er weiter aus, dass es vor 30 Jahren "diese ganzen vielen, vielen tausend Fälle von Mädchen, die Jungs werden wollten" noch nicht gegeben habe. Er glaube es Kai natürlich, dass dieser seinen Namen ablehne, sich nicht mehr als Mädchen fühle. "Was wir uns allerdings fragen, ist: Woher kommt dieses Gefühl bei dir?" Es sei interessant, diesen Fragen tiefer nachzugehen, als "das einfach nur so hinzunehmen".

Auf die Nachfrage, ob die Berater*innen denn auch mit anderen trans Personen Kontakt hätten, antwortet V. ausweichend: "Ja, wir haben auch viel mit Eltern, also, eigentlich wollten wir vor allem Mädchen erreichen, weil es sind ja nunmal vor allem Mädchen und weniger Jungs betroffen." Und: Die Eltern seien oft verzweifelt, wenn "ihre 14-, 15-jährige Tochter sagt, dass sie nicht mehr ihre Tochter sein möchte". Kai könne sich sicher vorstellen, wie es in so einem Fall auch seinen Eltern ergehe. Vielen Eltern gehe es nämlich "wirklich nicht gut damit", redet er Kai ins Gewissen.

Für die transgeschlechtlichen Personen aber, mit denen "Kein Mädchen" in Kontakt stehe, sei "alles noch ein bisschen frisch". Die fühlten sich nicht in der Lage, Kai Tipps zu geben. Der "Berater" vertröstet Kai, was den Kontakt zu ihnen angeht. Er könne dort "in zwei, drei Monaten" nochmal nachfragen. Am Ende wird es keine Vermittlung von solchen Kontakten geben. Stattdessen: transfeindliche Desinformation, Manipulation, Talking Points.

Auf Kais Frage nach Pubertätsblockern konfrontiert der "Berater" ihn etwa damit, dass die Medikamente angeblich gar nicht dafür entwickelt seien, die Pubertät anzuhalten. V.s Worte wirken wenig neutral, dafür mehr als abschätzig: "Auch diese Sprache schon – Pubertät blockieren, anhalten – das ist alles nicht so ganz einfach und unkompliziert, wie es so dargestellt wird." Es seien sehr heftige Medikamente, die etwa "bei Prostatakarzinomen" eingesetzt würden.

Ein anderes Anwendungsgebiet sei "die Kastration von Sexualstraftätern, also die pädophilen Missbrauch begangen haben". Es sind Behauptungen, die zwar alle nicht so richtig wahr, aber eben auch nicht komplett falsch sind. Ihre manipulative Wirkung gegenüber Jugendlichen aber würden sie entfalten, so viel ist sicher. Wer möchte schon etwas mit pädosexuellen Straftätern gemein haben?

V. führt dann noch vermeintliche Bedenken zur Gabe der Blocker auf, die in der Behauptung gipfeln: "Im Grunde kann man sagen: So, wie die Pubertätsblocker jetzt angewendet werden, ist das ein ganz großer Versuch einfach." Später wird er gegenüber Kais Mutter noch behaupten, dass "fast alle behandelten Mädchen, also die eben keine Pubertätsblocker bekommen haben, sich wieder dafür entscheiden, als Frau weiterzuleben". Es klingt, als würden die Medikamente selber verursachen, dass sich Jugendliche für eine weitergehende Transition entschieden – oder, als würden sie Menschen trans machen.

Familie über alles

V. versucht, Kai dazu zu bringen, sich Familienmitgliedern wie Geschwistern, Tanten oder der Oma anzuvertrauen. Von Kontakten auf Instagram sei demgegenüber abzuraten, denn die "kennen dich ja nicht". Mit Online-Kontakten sei es zudem "schwierig", über derlei Themen zu reden. Eine Begründung liefert V. nicht. Lieber solle Kai schauen, "ob es jemanden gibt, der dich schon von Kindesbeinen an kennt, der sagt: 'Hey, hör mal zu, vielleicht hast du in diese oder jene Richtung Probleme in deiner Seele, die du noch gar nicht erkannt hast." Das könne "ja sein", findet der "Berater".

V. eigenes Interesse an Kai ist gegenüber dem Interesse, das dieser selbst für seine angeblichen seelischen Probleme hinter den transgeschlechtlichen Gefühlen aufbringen solle, auffallend gering. Das "Beratungsgespräch" ist geprägt von V.s Monologen. Kai kommt kaum zu Wort. Kaum beginnt er, Gedanken zu entwickeln, präsentiert ihm der "Berater" einen weiteren Talking-Point der transfeindlichen Bewegung.

Selbst, als Kai sagt, dass das jetzt viele Informationen auf einmal waren, er ratlos sei und man das Gespräch wann anders fortführen könne, ist die Bombardierung mit Botschaften noch lange nicht zuende. Der Grund: V. präsentiert dem falschen Teenager jetzt ausschweifende Behauptungen dazu, dass sich die Identität eines jeden Kindes immer in Bezug auf das Verhalten und die Art der eigenen Eltern entwickele.

Es sind weitere Anspielungen darauf, dass Kai womöglich aufgrund vermeintlicher Fehler der Eltern, etwa mangelnder Liebe, transgeschlechtlich empfinden könnte. Er solle, meint V., seine Eltern hierauf ansprechen und erfragen, "wie das so war, als du ein kleines Mädchen warst". Am Ende haben die beiden 42 Minuten telefoniert.

"Versöhnung mit dem eigenen Körper"

Per Mail lässt Kai V. einige Tage nach dem Telefonat wissen, er habe tatsächlich mit seiner Mutter gesprochen, sich ihr anvertraut. Das Gespräch sei gut gewesen. Mutter Silke wolle nun auch ein Telefonat mit dem "Berater".

Im zweiten Telefongespräch geht es dann schnell zur Sache. Die Therapeutin, deren Kontaktdaten V. bereits an Kai gesandt hatte, arbeite in der Richtung, "dass man sich versöhnt mit seinem Körper". Es gehe darum, die Wogen zu glätten, Dampf aus dem Kessel zu nehmen, um dann zu schauen, wo "mögliche Ursachen" liegen. Die Therapeutin sei eine, die sich Zeit nehme "und nicht sofort irgendwie eine Diagnose raushaut und sagt: ja, dann bist du halt jetzt transgender und aus die Maus."

Pubertierende seien wie Kleinkinder, wie Dreijährige, behauptet V. Das Gehirn strukturiere sich neu, da könne "wirklich Chaos ausbrechen". Die Selbstwahrnehmung sei beeinflusst, hinzu kämen Schönheitsideale in der Schule oder "was für Selbstbilder gerade opportun sind auch unter Mädchen vor allem". Es ist das Säen systematischer Zweifel daran, ob Jugendiche überhaupt Auskunft über eine Transgeschlechtlichkeit geben könnten, die ernst zu nehmen wären.


Hauptbetätigungsfeld von "What the fuck?!" ist die jährliche Gegendemo gegen den "Marsch für das Leben", die Berliner Demonstration von Abtreibungsgegner*innen. Dieses Jahr findet er am 16. September statt (Bild: flickr / Nic Frank / cc by 2.0)

Silke sagt, dass sie und ihr Kind wegen der Sache mit den Pubertätsblockern und den Informationen von V. zu den Medikamenten Angst hätten. Es ist V.s Stichpunkt, nocheinmal seine verdrehten Behauptungen über die Blocker loszuwerden. Zu was der "Berater" rät, als er merkt, dass er bei Silke offene Türen einrennen kann, das muss er nicht mehr nur suggerieren: "Also, wenn das jetzt meine Tochter wäre, würde ich sagen: Nee, das machen wir nicht."

Den Satz wird er später in ähnlicher Form wiederholen. Erstmal solle man schauen, "wo die Ursachen für die wirklichen Probleme liegen". Dass Kai transgeschlechtlich sein könnte und darum vor großen Herausforderungen und der Gefahr von noch mehr Ausgrenzung steht, scheint für V. kein "wirkliches" Problem zu sein.

Obwohl er selbst die Wirkungsweise von Pubertätsblockern nicht detailliert erklären könne, wie er offen zugibt, vertraut V. lieber auf seine eigenen Urteile zum Thema als auf medizinische Forschung und ärztliche Kompetenzen. Trotzdem spricht er Silke gegenüber von einem Irrglauben, würde "wenig darauf geben", was über die Wirkung der Blocker erzählt werde. Die Meinung von Ärzt*innen wird für V. dann aber doch noch relevant – als er behaupten kann, dass "immer mehr Ärzte" von starken Nebenwirkungen berichten würden.

"Wie du wirklich bist": Ein "Mädchen"

Kais Mutter ist zwar auch gegen die Blocker, dem Gedanken aber nicht ganz abgeneigt, Kai auch Kai zu nennen, wenn der sich das wünsche. V. interveniert sofort. Man müsse sich "einfach überlegen, was das auch für ein Signal ist, wenn man jetzt seiner Tochter dann sagt: okay, dann bist du halt ein Junge, dann bist du ein Kai." Er selbst habe es in seinen Mails trotz des geäußerten Wunsches vermieden, "Lara als Kai anzusprechen", sei der Überzeugung, "dass eine Bestätigung nicht unbedingt gut tut".

Stattdessen wolle V. "ihr das Signal geben, dass es da auch Erwachsene gibt, die davon überzeugt sind, dass sie immer ein richtiges Mädchen war und immer ein richtiges Mädchen beziehungsweise eine richtige Frau sein wird." Die Botschaft solle lauten: "Ich steh zu dir, so, wie du wirklich bist. Und wie du wirklich bist, das ist nunmal, dass du ein Mädchen bist, dass du unsere Tochter bist." Silke solle Kai sagen, dass der Teenager "immer meine kleine Lara bleiben" werde, dass sie sich "diese Liebe" zu dem Kind "nicht wegnehmen lassen" solle. Wer will Silke die Liebe zu ihrem Kind wegnehmen? Das sagt V. nicht.

Eltern sollten zeigen, dass sie ihr Kind, ihre Tochter liebten: "Und das heißt eben, daran festhalten, an dem Menschen, so wie er wirklich ist." Das sei "auch so die Überzeugung unserer Arbeit" plaudert V. denn auch die eigentliche Mission von "Kein Mädchen"offen aus – eine Überzeugung, in der die Existenz transgeschlechtlicher Menschen offenbar nicht vorgesehen ist. Später wird er noch sagen: "Und das ist das, was wir eben den Menschen auch wünschen, dass sie eben nicht diesen ganz schwierigen und auch gesundheitlich riskanten Weg dieser Transgender-Idee verfolgen."

Auch im Gespräch zwischen V. und Silke redet vor allem der "Kein Mädchen"-Mann, hält lange Monologe, unterbricht die Mutter. Was "überhaupt mein wichtigster Gedanke" sei, wird er an einer Stelle wenig bescheiden sagen, das sei "ganz viel Zeit als Familie, also richtig eine Familien-Qualitätszeit nach oben bringen". Schule und Einflüsse von Gleichaltrigen sollten weg, stattdessen die Stärkung des inneren Gleichgewichts und des Selbstwerts durch "gemeinsame Erlebnisse aneinander reihen", "Bindung in die Familie", gar ein paar Tage auf einem Reithof – das ist V.s Rat gegen zu viel transgeschlechtliche Gefühle.

Doch noch das Eingeständnis, keine Beratungsstelle zu sein

Etwas aus dem selbstgefälligen Konzept gebracht wird der "Berater" von der Frage der Mutter danach, ob "Kein Mädchen" ein Verein oder eine Beratungsstelle sei. "Also eigentlich sind wir im, ähm, also der Verein heißt, der zugrunde liegt, 'Familie, Leben und Ehe e.V.' und der behandelt eigentlich sämtliche Themen rund um Familie, Kinder, Beziehungen."

Und: Der Verein "ist eigentlich aber mehr politisch unterwegs", interessiere sich dafür, "wie jetzt Politik solche Themen ausgestaltet oder bestimmte Bedingungen setzt". Man wende sich jetzt das erste Mal an "Betroffene". Der vermeintliche Hintergrund dieser Hinwendung: Ein erneuter langer Monolog V.s über die Gefahren des Internets und eigentlich nicht wirklich transgeschlechtliche "Mädchen".

Wieder umschifft V. die Gelegenheit, klar zu benennen, dass "Kein Mädchen" keine Beratungsstelle im eigentlichen Sinne ist, sich nicht wie seriöse Stellen durch qualitätssichernde Verbände oder transparente Arbeitsmethoden auszeichnet oder überhaupt dem Anspruch nach ergebnisoffen mit Kleint*innen arbeitet.

Kurz darauf suggeriert der "Berater" stattdessen erneut mit einer Behauptung die vermeintliche Seriosität und Etabliertheit von "Kein Mädchen": Der "Konflikt" – gemeint sind die transgeschlechtlichen Gefühle von Kai – lege sich "unserer Erfahrung nach" und "mit hoher Wahrscheinlichkeit" wieder. Woher hat "Kein Mädchen" diese "Erfahrung"? Schon als die Webseite Anfang des Jahres online gegangen war, enthielt sie die Behauptung, die Frage nach der "Umwandlung" sei "eine der häufigsten Fragen, die uns gestellt wird". Da konnten sich noch gar keine transgeschlechtlich empfindenen Jugendlichen an "Kein Mädchen" gewandt haben.

Erst ganz zum Schluss des langen Telefonats mit Silke, in dem die vermeintliche Mutter eines transgeschlechtlich empfindenen Teenagers längst mit Desinformation und Manipulation auf den Weg gebracht worden ist, Widerstand gegen die Wünsche ihres Kindes zu leisten, gibt V. dann doch noch eine etwas realistischere Einordnung des Telefonats mit ihm preis.

Er könne auch "weiter suchen und weitere Kontakte finden", sollte sich die Sache mit Therapeutin R. nicht ergeben. Das würde er gerne. Und: er müsse "dazu sagen, ich bin kein Psychotherapeut, ich kann keine Beratung machen. Ich kann nur am Telefon Beistand leisten." Und er könne "das begleiten und mir meine Gedanken machen und die auch mitteilen und da so ein bisschen eine Familie oder Eltern oder ihre Kinder durch diese Phase begleiten und lotsen." Dabei hatte er Kai explizit angeboten, ihn in Berlin zu treffen.

Eine "richtige tiefenpsychologische Analyse" könne V. aber nicht anbieten, führt er weiter aus. Aber gäbe es nicht auch etwas, das zwischen telefonischem "Beistand" und einer aufwendigen Psychoanalyse angesiedelt ist, die in der Regel durch Monate voller Präsenzsitzungen geprägt ist? Suggeriert V. hier nicht erneut, eben doch mehr als das anzubieten, was der in keinem pädagogischen, psychologischen oder medizinischen Fach ausgebildete Mann tatsächlich anzubieten hat?

Und: Auch gegenüber Kai hatte V. an keiner Stelle klargestellt, dass er kein Berater sei, keine Beratung anbieten könne. Gegenüber Silke erwähnt er es erst ganz am Ende, als das Manipulationsspiel schon längst vermeintlich geglückt, die "Beratung" längst vorgenommen worden ist.

Das Fazit der Queerfeminist*innen von "What the fuck?!" über den Kontakt mit V., dessen Name auch im Umfeld von Fake-Schwangerschaftskonfliktberatungen oder als Autorenname queerfeindlicher Artikel rechter und auch seriöser Medien auftaucht: "Menschen wie V. werfen queeren Erwachsenen regelmäßig unrechtmäßig vor, sich an Kinder heranzumachen." Stattdessen seien aber sie es, die sich "unter Vortäuschung falscher Tatsachen Minderjährigen annähern und dabei zweifelhafte Kontaktwege einschlagen".

Dabei hätten diese Akteur*innen "nicht das Kindeswohl im Auge", wollten "die Sorge um Kinder für ihren antifeministischen, queerfeindlichen und rückwärtsgewandten Kulturkampf von Rechts instrumentalisieren", finden die Aktivist*innen.