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"Drag Race Germany": Es geht auch ohne RuPaul!

Ab heute kann die erste Folge von "Drag Race Germany" bei Paramount+ gestreamt werden. Barbie Breakout und Gianni Jovanovic sind die passenden Moderator*innen – und haben es mit absolut starken Kandidat*innen zu tun.


Die Jury von "Drag Race Germany" (v.l.n.r.): Gianni Jovanovic, Barbie Breakout und Diane Brill am vergangenen Donnerstag beim Preview im Berliner Zoo Palast (Bild: IMAGO / Eventpress)

Ich gebe zu: Ich habe alle Folgen von "RuPaul's Drag Race" gesehen, auch von "Drag Race UK" und "Drag Race Down Under". Nur "Drag Race Canada" habe ich boykottiert, denn das wird nicht von RuPaul moderiert. Entsprechend skeptisch stand ich "Drag Race Germany" gegenüber, das ab heute auf Paramount+ gestreamt werden kann.

Dass irgendjemand Fremdes "Start your engines" ruft und nicht unsere Mama Ru, ist äußerst gewöhnungsbedürftig, für mich fast unvorstellbar. Haben mich die Rituale und ständig wiederholten Floskeln, auch die Selbstbeweihräucherung des 62-jährigen Drag-Megastars in den ersten Staffeln von "RuPaul's Drag Race" noch genervt, spreche ich mittlerweile in jeder Episode "Silence, bring back my girls" mit und hinterfrage auch schon lange nicht mehr, was eigentlich Michelle Visage für ihren festen Platz in der Jury qualifiziert.

RuPaul ist ständig präsent, auch wenn er gar nicht da ist

Von der "RuDdiction" bin wohl nicht nur ich befallen. Wird denn RuPaul aus L.A. anreisen, fragten sich Gäste der großen Premierenfeier von "Drag Race Germany" am letzten Donnerstag in Berlin. Vielleicht wird er zumindest für ein Grußwort zugeschaltet, hoffte man später. Große Enttäuschung schließlich, dass er sich in der vorab gezeigten ersten Episode nicht einmal an die deutschsprachigen Kandidat*innen richtet. Auch wenn er gar nicht da ist, ist RuPaul ständig präsent.

Barbie Breakout und Gianni Jovanovic ist es zu verdanken, dass die "Entzugsschmerzen" beim deutschen Ableger nicht ganz so groß sind. Bei der Auswahl der beiden in der Community verankerten und geschätzten Moderator*innen bewies Paramount+ ein wirklich gutes Händchen. Ihre Biografien wurden von schweren persönlichen Erfahrungen geprägt, aber auch von absolutem Kampfeswillen und Solidarität. "Drag Race Germany" zeigt: Es geht nicht nur ohne RuPaul, neue Personen bieten auch neue Chancen.

Barbie Breakout nähte sich vor zehn Jahren die Lippen zu

Die Berliner Dragqueen Barbie Breakout wirkte zuletzt in der RTL+-Serie "The Diva in me" mit (queer.de berichtete). Weniger bekannt ist ihre Autobiografie "Tragisch, aber geil", in der sie 2012 über ihre schwierige Jugend, ihr Eintauchen als Teenager in die Frankfurter Drogenszene, gefolgt vom Abitur an der berühmt-berüchtigten Odenwaldschule und dem Umzug nach Berlin berichtete. In einer spektakulären Aktion nähte sie sich 2013 aus Protest gegen die Verfolgung queerer Menschen in Russland den Mund zu (queer.de berichtete). Die 45-Jährige kam auch in der kürzlich gezeigten ARD-Doku "Hass gegen Queer" vor (queer.de berichtete).

Auch der 44-jährige Kölner Gianni Jovanovic ist als Aktivist und Autor unterwegs. Er wuchs in einer Rom*nja-Familie auf, musste mit 14 Jahren eine Frau heiraten und brach schließlich mir 24 Jahren als zweifacher Vater aus der Großfamilie aus (queer.de berichtete).

Fotoshooting vor Neuschwanstein-Kulisse

Als Juror findet vor allem Jovanovic die richtigen Worte. Seine Kritiken in der ersten Episode sind fundiert, empowernd und druckreif formuliert. Auch Barbie Breakout überzeugt als deutsche Drag-Mama, hadert aber noch ein wenig mit ihrer herausragenden Rolle. Mein Tipp: Weniger RuPaul-Double spielen, mehr Berliner Schnauze wagen! Völlig fehl am Platz in der Jury ist leider Dianne Brill. Die 65-jährige Fashiondesignerin wirkt die ganze Zeit so, als ob sie nichts versteht, und hat zur Sendung wenig beizutragen.


Die elf Kandidat*innen bei der Premierenfeier (Bild: IMAGO / Future Image)

Was schade ist, denn die elf Kandidat*innen Barbie Q, Kelly Heelton, Lélé Cocoon, Loreley Rivers, Metamorkid, Nikita Vegaz, Pandora Nox, Tessa Testicle, The Only Naomy, Victoria Shakespears und Yvonne Nightstand stehen nicht nur für ein recht diverses Spektrum der deutschsprachigen Dragszene, darunter eine lesbische cis Frau, sondern können sich mit ihrem Talent, ihrer Einzigartigkeit und ihrem Mut auch international messen. Bereits die erste Mini-Challenge – ein Fotoshooting vor Neuschwanstein-Kulisse – bestehen alle mit Bravour. Und gleich in der ersten Folge zeigt sich, welche Dragqueen sich besonders große Hoffnung auf den Hauptpreis von 100.000 Euro machen kann.

In einer Zeit, in der extreme Rechte in München, Düsseldorf, Wien oder Zürich gegen Drag-Lesungen agitieren und demonstrieren, ist eine queere Talentshow in einem großen Streamingdienst ganz von selbst politisch. "Drag Race Germany" betont diesen Aspekt, will ganz bewusst mehr als unterhalten. Bereits in der ersten Folge nutzen Barbie Breakout und mehrere Kandidat*innen ihre Chance, thematisieren Gewalt und Diskriminierung, machen Mut und schaffen überfällige Sichtbarkeit und Identifikationsmöglichkeit. So wie im genialen Original von RuPaul.

-w-