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Queere Barbie auf der Baustelle

In der achtteiligen Serie "Trixie Motel" kauft Drag-Superstar Trixie Mattel ein eigenes Motel. Der Umbau zum pinken Kitsch-Palast wird von den Reality-Show-Kameras begleitet.


Zusammen mit ihrem Partner und Miteigentümer David Silver verwandelt Trixie Mattel ein leerstehendes Motel in Palm Springs in das ultimative Drag-Paradies (Bild: discovery+)

Das serielle Fernsehen lebte vom Klischee, von der erwartbaren Wiederholung. Wir nennen es "Konvention". Jede Woche gibt es einen neuen Fall zu lösen, eine ganz mysteriöse Krankheit zu heilen, erneut Beziehungsdrama, eine andere Familie, die Hilfe braucht, eine weitere Schrottkarre, in die Plasmabildschirme montiert werden müssen. Bald entwickelten sich Muster, die eingehalten werden mussten – und die auch der Grund dafür sind, wieso Reality-TV oft so furchtbar künstlich und überhaupt nicht real wirkt.

Von den ersten Bildern an wird in "Trixie Motel" versucht, die bekannten Muster des Genres "Home Make-Over" zu bedienen. Meist werden sie mit Gewalt auf das Filmmaterial draufgepresst. Im Zentrum der Show steht Dragqueen Trixie Mattel, bekannt geworden durch den amerikanischen Talentwettbewerb "RuPaul's Drag Race", der mittlerweile ein weltweiter Exportschlager ist. Zusammen mit Lebens- und Geschäftspartner David Silver will Mattel ein eigenes Motel eröffnen, das ganz ihrer persönlichen Marke entsprechend gestaltet ist: Alles soll aussehen wie direkt aus Barbies Traumhaus.

Das Publikum nicht ernst genommen


Poster zur Serie: "Trixie Motel" kann ab 10. September 2023 auf discovery+ gestreamt werden. Wöchentlich gibt es eine neue Folge

Es wird immer wieder versucht, bekannte Narrative des Genres zu bedienen, die jedoch in den schlimmsten Fällen an den Haaren herbeigezogen wirken. Ein Beispiel aus der ersten Folge: Als Publikum fühlt man sich dabei nicht ganz ernst genommen beziehungsweise für dumm verkauft, wenn Mattel in bekannt monströsem Drag-Outfit durch die Räumlichkeiten des Motels läuft und krampfhaft behauptet, alles sei in unsäglich schlechtem, schäbigen Zustand. Sie zweifelt die Investition, das gesamte Unterfangen an, witzelt darüber, dass alles besser in Brand gesteckt und die Versicherung abgezockt werden sollte, statt auch nur den Versuch zu unternehmen, alles zu renovieren. Lebenspartner David Silver, der durch das Motel führt und organisatorisch federführend im Projekt "Tixie Motel" zu sein scheint, bekommt böse Blicke und seitenhiebige Kommentare ab ob des Zustandes von Gebäude und Liegenschaften.

Doch tatsächlich erzählen die Filmaufnahmen eine andere Geschichte: Im Pool liegen ein paar Blätter, die Kakteen passen nicht zum queeren Traumbild im Sinne von "Barbies Beach House", das entstehen soll, die Wände sind braun gestrichen, die Bäder nicht in der schicksten Farbe und – und sonst auch schon nicht viel. Das Motel wirkt in sehr gutem Zustand und scheint ein gutes Grundgerüst für die bevorstehende Renovierung zu sein.

Diese Verkünstlichung hat Methode. Immer wieder wird auf sehr anstrengende Weise versucht, durch Schnitt und Off-Kommentierung eine Geschichte zu erzählen, die einfach nicht in den Filmaufnahmen steckt. (Die Spannung, die versucht wird aufzubauen, ist auch deshalb schon raus, weil das Motel ja bereits eröffnet ist und zu horrenden Preisen besucht werden kann. Das war auch etwa auf dem Instagram-Kanal der Dragqueen bereits zu sehen.)

Unerträgliche Künstlichkeit

Wenn es eines gibt, was man Mattel ihre gesamte Karriere hinweg nicht vorwerfen kann, dann ist es, eine schlechte Unternehmerin zu sein. Zielsicher hat sie es verstanden, die Teilnahme an "RuPaul's Drag Race" zu Geld und Erfolg zu machen. Erfolgreich ist sie mittlerweile als queere Country-Musikerin, mit einer eigenen Make-up-Linie, hat jede Woche hunderttausende Zuschauer*innen auf verschiedenen Youtube-Kanälen. Natürlich ist der Kauf des Motels wohl überlegt und eine Investition mit absehbarem Risiko. Doch aus Gründen amerikanischer TV-Logik muss natürlich dramatisiert und überspitzt werden. Es braucht Konflikt und Gefahr. Schade. Das Ergebnis ist an den überzogensten Stellen dann nämlich kaum aushaltbar künstlich und gezwungen.

Der Vorwurf der Künstlichkeit an ein Drag-Format mag deplatziert wirken. Doch auch im Künstlichen gibt es Harmonierendes und Unstimmiges. Die jüngst gestartete deutsche Version von "Drag Race" wird auch zeigen müssen, ob die Campyness des amerikanischen Originals harmonisch ins Deutsche übertragbar ist. Im Falle von "Trixie Motel" gelingt es nicht, die Künstlichkeit stimmig in Szene zu setzen.


Ein Aufenthalt im "Trixie Motel" kann zu horrenden Preisen gebucht werden (Bild: Trixie Motel)

Anders als die Figur "Trixie Mattel", die ja gerade in der Überhöhung aller Klischees lebt – über die Unkenntlichkeit hinaus ins Albtraumhafte geschminkt, Perücken, die kurz davor scheinen, die Welt zu verschlingen -, fehlt "Trixie Motel" leider dieselbe selbstironische Pointiertheit. Etliche Szenen werden viel zu sehr in die Länge gezogen. Kaum einem Witz gelingt das Timing, immer wieder gibt es noch mal einen Reality-TV'esken Schnitt zur Reaktion einer anwesenden Person, zu Mattel, die aus der Retrospektive kommentiert, zurück ins Geschehen, wieder zu einer anderen Person, nochmal an den Pool und – irgendwann ist jedes vorhandene komödiantische Potential so dünn ausgewalzt, dass es durchsichtig, nicht mehr zu sehen ist.

Ein Hoch auf das Handwerk?

Und dann ist da auch noch die Neugestaltung des Motels selbst. Leider taugt das Ganze nicht viel als Renovierungssendung. Anfangs schauen wir noch beim Umbau zu. Doch nach und nach scheint auch das Film-Team faul geworden zu sein. Mehrfach werden bedeutende Baufortschritte "im Off" fertiggestellt, Ergebnisse einfach in einem Nebensatz präsentiert: Ach so, das ist übrigens inzwischen auch fertig gestrichen, geklöppelt, verkabelt. Kurz gesagt: An den Umbauten hat man auch nicht wirklich Spaß, weil sie geradezu stiefmütterlich behandelt werden.

Statt sich darauf einzulassen, wie das Polly-Pocket-Traummotel, das dort entstehen soll, nun wirklich in die Tat umgesetzt werden kann, wird über Handwerk immer wieder hinweggeschnitten. Stattdessen wird zum Beispiel eine halbe Folge lang ein uninteressantes und irrelevantes Wandbild gemalt, mit Orville Peck am künstlichen Lagerfeuer geplaudert oder mit Belinda Carlisle am Strand eine Surfstunde absolviert.

Direktlink | Offizieller Trailer zu Serie
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Was hat das mit dem Umbau und der Eröffnung eines Motels zu tun? Das ist wirklich zu krampfhaft an sehr splissigen Haaren herbeigezogen, als dass das auch nur in Erinnerung bleiben könnte. Es könnte etwas böse vermutet werden, dass in der Produktion angenommen wurde, tatsächliches Handwerk sei nicht schwul genug und das Publikum würde abschalten, wenn nicht genügend Genitalwitze, Lippenstift und Perücken pro Minute vorkämen. Ein Gefühl, dass auch von den vielen Gastauftritten queerer Berühmtheiten, wie etwa. Bob the Drag Queen oder auch dem kürzlich verstorbenen Leslie Jordan noch bestätigt wird.

Insgesamt will "Trixie Motel" zu viele verschiedene Dinge auf einmal, traut sich aber nicht, sich auf irgendeines dann auch einzulassen. Einerseits kitschiges Innendesign wie im Hochglanzmagazin, die gespannte Erwartung von "Make Over" mit Desaster-Potential; dann aber auch Dragshow-Derbheit, versauten Witz, Situationskomik und geplante Lustigkeit zugleich, Prominenz und Glamour gepaart mit Schutzhelmen und Baustaub. Das kommt alles nicht recht zusammen und zündet nicht. Statt zu heimwerken, wird gesurft; statt schnellem und pointiertem Witz wird das zehnte Mal zum Pool geschnitten. Das Ergebnis dieses Versuchs ist ein merkwürdiges Amalgam aus Home-Make-Over und dem üblichen Programm der Dragqueen, das enttäuscht.

-w-