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Neu im Querverlag
Ein queerer Heilungsprozess in Berlin
In ihrem Debütroman "Passage durch den reißenden Strom" begleitet Myriam Sauer eine junge trans Frau auf einer Reise zu sich selbst. Das ist mal beängstigend, mal berührend, mal witzig – und im besten Sinne eine Zumutung für die Leser*innen.

"Mein Herz transt": Plakate beim Berliner CSD 2016 (Bild: IMAGO / Revierfoto)
- Von
10. September 2023, 09:04h 3 Min.
"Rachel, es haben nicht alle Philosophie studiert", ermahnt die Mutter der Ich-Erzählerin ihre Tochter einmal gegen Ende des Romans, als Rachel wieder einmal im hochgestochenen Jargon zur Selbsterklärung ansetzt. Als Leser*in hat man zu diesem Zeitpunkt schon einiges hinter sich: "Passage durch den reißenden Strom" (Amazon-Affiliate-Link ) begleitet die Heldin durch die Zeit ihrer Transition, einen Heilungsprozess, wie Rachel sagt, der aber zugleich von Ängsten, Zweifeln und bisher unbekannten Gefühlen geprägt ist.
Anstrengend ist aber nicht bloß der emotionale Teil dieser Reise, sondern auch die Sprache, in der Myriam Sauer ihre Protagonistin erzählen lässt: Lange Schachtelsätze reihen sich da aneinander, munter werden Fremdwörter eingestreut, und immer hat die Sprache etwas Altbackenes, Gespreiztes. Von "Hörorganen" statt von Ohren ist da die Rede, und wenn die Erzählerin ins Sinnieren kommt, liest man da Sätze wie diesen: "Nicht, dass es wirkliche Partnerinnen gewesen wären, einfach nur Freundinnen, mit denen man sich des Spaßes halber, vielleicht auch der Provokation wegen ein wenig verlor, nur um dann zum eigentlichen Verlangen zurückzukehren, das so viel größer und natürlicher war als das frivol frohlockende für andere Frauen, das nur in wenigen Momenten wirklich aufblitzte und selbst dann am ehesten als Unterhaltung gedeutet werden konnte, aber das doch niemals mein so existenzstiftendes Sehnen nach Männern zu ersetzen vermochte."
Familienroman und Berlin-Abenteuer

"Passage durch den reißenden Strom" ist im September 2023 im Berliner Querverlag erschienen
Uff. Vorschnell könnte man das als prätentiöse Nabelschau abtun, aber damit würde man Autorin und Roman Unrecht tun. Denn je tiefer man sich in Rachels Gedankenkosmos begibt, desto deutlicher wird, dass das, was Sauer den Leser*innen hier zumutet, Methode hat. Das Nicht-zum-Punkt-Kommen, das Mäandernde, das Vage, das lässt einen nah – manchmal unangenehm nah – an die Heldin und ihre Erfahrungswelt heranrücken. Auch Rachels Verlangen nach Ästhetisierung und Analyse finden in den mitunter kunstvoll verzweigten Gedankengängen eine überzeugende Form. Richtig gut wird das Buch aber immer dann, wenn das Hochtrabende ins Stolpern gerät und das Kreiseln um sich selbst zu wilden Pirouetten wird. Wie ein Alien oder eine Zeitreisende wirkt Rachel dann. Ihre Erfahrung der Entfremdung zu teilen, ist mitunter beklemmend.
Ein bisschen liest sich "Passage durch den reißenden Strom", als hätte man Samples aus den Familienromanen vergangener Epochen mit den Motiven eines typischen Berlin-Romans kurzgeschlossen: Quasi-religiöse Cluberfahrungen, Besuche beim Therapeuten und sexuelle Exzesse gehören genauso zu Rachels Reise wie Kindheitserinnerungen an den zarten Vater und die überlebensgroße Amazonen-Mutter. Ebenso wie die Eltern werden auch die schwäbische Familie von Rachels Partner, die queeren Bewohner*innen Berlins oder zugereiste Amerikaner*innen immer wieder als Karikaturen dargestellt — allen existenziellen Nöten zum Trotz erweist sich der Roman als ein humorvoller.
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Da ist es auch zu verkraften, dass Sauer manchmal droht, im Pathos ihrer Wassermetaphorik und all den Gedankenstrudeln zu ertrinken. Vor allem zum Ende hin, wenn Rachels Konfrontation mit ihrer Mutter Barbara, deren Name von Anfang an schon durch diese Welt der Noahs, Finns, Lucas, Mayas und Majas rumpelt, bevorsteht, findet der Roman zu großer Form. Wie Sauer hier auf eigensinnige Weise Witz und bitteren Ernst verknüpft und uns tief in die Abgründe ihrer Heldin eintauchen lässt, ist absolut lesenswert – und all die Herausforderungen wert, vor die "Passage durch den reißenden Strom" beim Lesen stellt.
Myriam Sauer: Passage durch den reißenden Strom. Roman. 336 Seiten. Querverlag. Berlin 2023. Gebundene Ausgabe: 24 € (ISBN 978-3-89656-331-6). E-Book: 18,99 €
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