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Filmfestspiele
Das waren die queeren Highlights in Venedig
Von "The Summer With Carmen" bis zum Queer-Lion-Gewinner "Housekeeping for Beginners" – bei den 80. Internationalen Filmfestspielen von Venedig gab es viele sehenswerte Filme mit LGBTI-Beug zu entdecken.

Szene aus "The Summer With Carmen" (Bild: La Biennale di Venezia)
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11. September 2023, 02:34h 5 Min.
Nach zehn Tagen, die in diesem Jahr angesichts des alles überschattenden Streiks in Hollywood etwas weniger glamourös ausfielen als sonst üblich, ging gerade zum 80. Mal das renommierte Filmfestival in Venedig zu Ende.
Mit dem Goldenen Löwen wurde – hoch verdient – das neue Meisterwerk des griechischen Regisseurs Yorgos Lanthimos ausgezeichnet: "Poor Things", der fantastische, sexpositive Nachfolger seines Oscar-Gewinners "The Favourite", brilliert mit einem großartigen Ensemble (zu dem neben Hauptdarstellerin Emma Stone auch Mark Ruffalo, Hanna Schygulla und der schwule Comedian Jerrod Charmichael gehören) und atemberaubend kreativen Kostümen und Kulissen (Stichwort: Penis-Fenster!). Der deutsche Kinostart ist für den 8. Februar 2024 vorgesehen.
Doch es ließen sich auch sonst viele sehenswerte Filme im diesjährigen Programm auf dem Lido entdecken – und nicht wenige davon hatten einen LGBTI-Bezug. Wir stellen ein paar Höhepunkte an dieser Stelle vor.
The Summer With Carmen
"Witzig, sexy, griechisch und low-budget" – so soll der Film sein, den Drehbuchautor Nikitas (Andreas Labpropoulos) mit Hilfe seines besten Freundes Demosthenes (Yorgos Tsiantoulas) schreiben will. Und genau so ist nun auch die Komödie geworden, die der griechische Regisseur Zacharias Mavroeidis über eben diesen kreativen Schaffensprozess gedreht hat. Dabei springt er zwischen heißen Tagen am felsigen Cruising- und Nudisten-Strand Limanakia und lauen Athener Sommernächsten zwei Jahre vorher hin- und her, denn von den damaligen Ereignissen rund um den Titel gebenden Hund soll nun das Skript der beiden Protagonisten handeln. Ein charmanter und amüsanter Film mit Ferien-Flair, der nicht nur mit viel nackter Haut und tollen Sexszenen aufwartet, sondern vor allem von einer sehr besonderen schwulen Freundschaft handelt.
Maestro

Szene aus "Maestro" (Bild: La Biennale di Venezia)
War er nun bisexuell? Oder doch eher ein schwuler Mann, der trotzdem seine Ehefrau (und die Mutter seiner Kinder) innig liebte? Auf eine konkrete Festlegung der sexuellen Identität von Ausnahme-Dirigent und -Komponist Leonard Bernstein verzichtet "Maestro", der neue Film von und mit Bradley Cooper. Doch keine Sorge: Dass der "West Side Story"-Schöpfer vor, während und nach seiner Ehe Sex mit Männern (darunter Klarinettist David Oppenheim, gespielt von Matt Bomer) hatte, wird hier nicht ausgeblendet. Selbst wenn die aufrichtige, aber eben auch komplexe Beziehung zu seiner Gattin Felicia Montealegre das eigentliche Zentrum der Geschichte darstellt. Hier und da hätte "Maestro" dabei noch etwas tiefer in die Psychologie des egomanischen Showmans vordringen können, und einmal mehr neigt Cooper dazu, sich selbst sehr eitel in Szene zu setzen. Aber Carey Mulligan läuft an seiner Seite zur ganz großen Form auf!
Kobieta z…

Szene aus "Kobieta z…" (Bild: La Biennale di Venezia)
Queerness spielte im Werk der polnischen Regisseurin Malgorzata Szumowska ("Im Namen des…") schon häufiger eine Rolle, doch so sehr wie in ihrem neuen Film hat sie sich noch nie mit einem LGBTI-Thema auseinandergesetzt. Ihre Geschichte, die sie einmal mehr mit Kamera- und Ex-Ehemann Michal Englert umgesetzt hat, erzählt von Aniela (Malgorzata Hajewska-Krzysztofik), die über mehrere Jahrzehnte und die nicht per se unglückliche Ehe mit Iza (Joana Kulig) hinweg bei sich selbst und in ihrer Identität als Frau ankommt. Was Geschichten über trans Personen angeht, erfindet "Kobieta z…" das Rad nicht neu, und Hajewska-Krzysztofik ist – bei allen schauspielerischen Qualitäten – für etliche Phasen der Story (und vor allem Kulig als Partnerin) nicht die idealste Besetzung. Aber nicht zuletzt als Geschichte über die Veränderungen der polnischen Gesellschaft von den 1970er Jahren bis heute funktioniert das Drama hervorragend. Und erinnert nebenbei daran, dass es in Sachen LGBTI- und Selbstbestimmungs-Rechte dort noch einiges zu tun gibt.
Pet Shop Days

Szene aus "Pet Shop Days" (Bild: La Biennale di Venezia)
Gemeinsam mit seinem besten Freund und Hauptdarsteller Jack Irv hat Olmo Schnabel das Drehbuch für sein Regiedebüt geschrieben, und zumindest für letzteren ist die Story dabei wohl durchaus autobiografisch. Als junger Mann aus besserem Hause, der in einer Tierhandlung jobbt und auf der Suche nach sich selbst ist, beginnt er eine leidenschaftliche Affäre mit Alejandro (Darío Yazbek Bernal), der nach einem tragischen Vorfall in seiner Heimat Mexiko nach New York flüchtet. Daraus entwickelt sich eine mitunter etwas unbeholfen inszenierte queere Variante von "Bonnie & Clyde", in der Schnabel nicht nur Platz für Freund*innen seines berühmten Papas Julian, sondern zum Glück ein paar heiße Liebesszenen hat.
Bugis Street

Szene aus "Bugis Street" (Bild: La Biennale di Venezia)
Einen viel zu sehr in Vergessenheit geratenen Klassiker des queeren Weltkinos gab es in der Reihe Venice Classics zu entdecken. Yonfan, der in China geboren wurde, in Taiwan aufwuchs und schließlich in Hongkong seine Karriere als Filmemacher begann, brachte wie kaum ein anderer ostasiatischer Regisseur Homosexualität und andere queere Themen auf die Leinwand – und das schon in den 1990er Jahren. "Bugis Street" aus dem Jahr 1995 gibt es nun in einer restaurierten Fassung und funktioniert dabei nicht nur als Zeitdokument. Die humorvolle Coming-of-Age-Geschichte der 16-jährigen Lien (Hiep Thi Le), die während des Vietnamkriegs in Singapur als Zimmermädchen arbeitet und sich dort plötzlich zwischen Dragqueens und trans Frauen wiederfindet, verzaubert zwischen Gesellschaftskritik und erotisch aufgeladener Atmosphäre immer noch mit dem Charme des Unperfekten und wunderbar queerer Nichtkonformität.
Housekeeping for Beginners

"Szene aus Housekeeping for Beginners" (Bild: La Biennale di Venezia)
Viel queerer als der Film von Regisseur Goran Stolevski war dieses Jahr in Venedig eigentlich keiner. Der schwule Australier ist für seinen dritten Spielfilm zurück in seine Heimat Nordmazedoniens gekehrt und erzählt dort von Dita (Anamaria Marinca), die aus ihrem Haus eine Art Mischung aus WG und Safe-House gemacht hat. Sie lebt dort nicht nur mit ihrer Lebensgefährtin Suada, die Roma ist, und ihren Töchtern, sondern auch einigen queeren Mädchen, die sonst keinen Halt haben, sowie ihrem alten Freund Toni (Vladimir Tinto), dessen neue Affäre Ali (Samson Selim) – ebenfalls Roma – einfach auch noch bleibt. Doch Suadas Krebserkrankung zieht folgenreiche Veränderungen nach sich. Das Ergebnis ist ein aufwühlender Film voller Tragik und Emotionen, aber auch Lebenslust und Humor, der viel über benachteiligte und unterdrückte Menschen in einem Land erzählt, das schon lange zu den EU-Beitrittskandidaten gehört. Stolevski empfiehlt sich damit einmal mehr für Größeres – und wurde zu Recht mit dem Queer Lion ausgezeichnet.
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