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Tanztheater
Bloß keine nackten Männerbrüste im Wallfahrtsdom
Zensur-Posse um das Tanztheater Wuppertal Pina Bausch im Wallfahrtsort Neviges: Weil sich junge Erzkatholik*innen an nackten Männerbrüsten und Homoerotik im neuen Stück "Liberté Cathédrale" störten, wurden einige Szenen gestrichen.
- Von Marcel Malachowski
13. September 2023, 04:19h 3 Min.
Es sollte wohl eine ganz große und progressive PR-Sache für die katholische Kirche nach all den Skandalen werden: Modernes Tanztheater mit einem Hauch von Frivolität – aufgeführt in einem erzkatholischen Wallfahrtsort. Das Tanztheater Wuppertal Pina Bausch zeigt seit letztem Freitag sein Stück "Liberté Cathédrale" im Mariendom von Neviges. Für die sieben Aufführungen wurde die "Ikone der Brutalismus-Architektur" (O-Ton Katholische Nachrichten-Agentur) sogar "temporär umgestaltet".

Pressefoto zum Stück "Liberté Cathédrale" (Bild: César Vayssié)
In katholischen Kreisen ist Neviges bekannt dafür, nicht gerade die Fortschrittlichsten unter den Gläubigen anzuziehen. Vor allem konservative Hardliner*innen aus katholischen Jugendgruppen nutzen den Marienwallfahrtsort bevorzugt für Treffen und Events. Das Domradio, so etwas wie das Hauptnachrichten-Medium für Katholik*innen in Deutschland mit eher konservativem Einschlag, berichtete denn auch begeistert vom Auftritt des skandalumwitterten Kölner Kardinals Woelki auf dem "Loretto-Fest der Jugend" zum Pfingstwochenende und wie er trotz allem begeistert empfangen wurde.
Empörung über Tänzer mit nackter Brust
Wäre nicht zufällig ein Fernsehteam der ARD anwesend gewesen, um über die Vorbereitungen für die Premierenaufführung von "Liberté Cathédrale" zu berichten, wäre wohl gar nicht öffentlich geworden, was sich dort abspielte: Empörte Katholik*innen, vornehmlich jüngeren Alters, sammelten sich vor dem Mariendom und drängten die Verantwortlichen dazu, das Stück zu entschärfen. Laut "tagesschau" störte man sich vor allem an einem Tänzer, der seine bare Brust präsentierte und im Stück dazu aufforderte, sie zu liebkosen. Offenbar gab es danach ein Gespräch mit dem Pina Bausch Tanztheater – und laut ARD einigte man sich auf einen Verzicht auf einige Szenen.
Dass modernes Tanztheater heute noch einen moraltriefenden Skandal in einer westdeutschen Kleinstadt auslösen kann, ist schon überraschend. Zu vermuten steht eher, dass einige in der katholischen Kirche ihre politische Macht und ihren kircheninternen Einfluss schwinden sehen und dies nicht hinnehmen möchten.
Die Inszenierung einer Empörung
Solche inszenierten Empörungs-Kampagnen gegen zu viel nackte Haut, bestimmte Kleidungsstücke oder queere Darstellungen waren bisher vor allem aus Brasilien bekannt, wo einflussreiche Evangelikale in den letzten zwanzig Jahren immer wieder versuchten, Kleidungsrichtlinien für den Karneval in Rio de Janeiro und den noch ausgelasseneren in Salvador durchzusetzen – was die katholische Kirche sich dort nie getraut hätte, da man dort genau weiß, dass brasilianische Katholik*innen ähnlich wie etwa im "ungläubig katholischen" Neapel es mit der Religion eher locker nehmen.
Aber intolerante Erzreligiöse suchen nach Anlässen, den eigenen Einfluss zu untermauern. Inszenierte Empörung ist schließlich auch Empörung.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Stück "Liberté Cathédrale" auf der Homepage des Tanztheaters Wuppertal Pina Bausch
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