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Interview

Wie wurde ein queerer Politthriller in der Türkei zum Kultfilm?

Nachdem Emin Alpers Drama "Burning Days" in Cannes für die "Queer Palm" nominiert wurde, verlangte die türkische Regierung die Fördermittel zurück – jetzt startet es in Deutschland. Wir sprachen mit Hauptdarsteller Selahatti̇n Paşalı.


Selahatti̇n Paşalı als junger queerer Staatsanwalt Emre in "Burning Days" (Bild: Cinemien Deutschland)

Der türkische Politthriller "Burning Days" von Emin Alper begann seinen Siegeszug in Cannes und sorgte international für viel Furore. Selahatti̇n Paşalı, Jahrgang 1990, spielt darin einen jungen queeren Staatsanwalt, der sich mit der korrupten Gesellschaft eines kleinen Dorfes anlegt. Der Idealist hat die Rechnung ohne die lokalen Bonzen gemacht, die ohne Skrupel ihre Intrigen spinnen. Homophobie ist schon immer der beliebte Joker aller Populisten.

Nach seiner Schauspielausbildung gibt Selahatti̇n Paşalı 2017 sein Debüt in der Fernsehserie "Kalp Atisi". Weitere türkische Produktionen folgen, der internationale Durchbruch kommt 2020 mit der Netflix-Serie "Love 101". Für seine Rolle des Staatsanwalts in "Burning Days" bekommt er den türkischen Kritiker-Preis und wird auf den Festivals von Antalya und Ankara als Bester Darsteller ausgezeichnet. Ingesamt räumt der Film acht türkische Kritikerpreise ab. Derweil die Obrigkeit die gewährte Filmförderung für das gesellschaftskritische Werk zurückverlangte.

Am 28. September 2023 startet "Burning Days" in deutschen Kinos, bereits am Montag gibt es Previews in Berlin und München. Wir haben uns mit Selahatti̇n Paşalı über den Film unterhalten.

Herr Paşali, was hat Sie an dieser Rolle des Staatsanwalts Emre am meisten fasziniert?


Poster zum Film: "Burning Days" startet am 28. September 2023 im Kino

Zunächst einmal war es für mich ein Privileg, mit Emin Alper zu arbeiten, der eine der ehrenwertesten Personen des türkischen Kinos ist. Sowohl der Film als auch meine Figur bestehen aus vielen Schichten. "Burning Days" zeigt ein Panorama der Türkei am Beispiel einer kleinen Stadt in Anatolien. Emre ist ein junger und idealistischer, aber unerfahrener Staatsanwalt. Er wird in diese Stadt berufen, wo er in einer von Männern dominierten Gesellschaft und mit schmutziger Politik konfrontiert wird. Durch die Begegnung mit dem örtlichen Journalisten entdeckt Emre auch seine sexuellen Vorlieben. Diese Vielschichtigkeit fand ich sehr faszinierend.

Wie riskant ist es für einen türkischen Schauspieler, eine schwule Figur zu spielen? Hatten Sie Angst um Ihre Karriere, als Ihnen die Rolle angeboten wurde?

Nun, Homophobie wurde im letzten Jahrzehnt zu einem politischen Thema. Als ich jung war, wurde eine der beliebtesten Fernsehsendungen von einer Dragqueen moderiert, die in allen Teilen des Landes beliebt war. Emre ist dabei, seine sexuellen Vorlieben zu entdecken, und ich wusste, dass einige ihn dafür hassen würden. Das taten sie auch. Die Filmförderung wurde vom Ministerium zurück gefordert. Gleichwohl haben wir eine große Unterstützung durch das Publikum erhalten. Obwohl "Burning Days" ein Politthriller ist, bin ich stolz darauf, dass es im Film diese homo­sexuelle Thematik gibt und ich in dem Film mitgespielt habe.

Wie haben die Bewohner im Drehort auf das Filmprojekt reagiert?

Ich hatte keine Verbindung zu der Stadt, in der wir den Film gedreht haben, aber "Burning Days" wird bereits als Kultklassiker des türkischen Kinos gehandelt. Ich bin mir also ziemlich sicher, dass die Bewohner stolz darauf sind, dass dieser Film in ihrer Stadt gedreht wurde.

Haben Sie eigene Erfahrungen mit Homophobie gemacht?

Ich wurde von liberalen und humanistischen Eltern erzogen. Wir respektieren die Entscheidungen jedes Einzelnen. Homophobie war also nie ein Thema in meinem Leben.

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Was haben Sie mit Ihrer Figur Emre gemeinsam?

Als ich jung war, verließ ich meine Heimatstadt mit einem Traum und fand mich in einem Umfeld wieder, das schwer zu bewältigen war. Korruption, Ungerechtigkeit und schmutzige Beziehungen haben nicht nur mit der Politik zu tun. Und genau wie Emre war ich gezwungen, aus diesem Umfeld zu fliehen, obwohl ich bis zum Schluss gekämpft hatte. Aber ich war jung und von Emotionen getrieben. So fiel es mir nicht schwer, Emre zu verstehen und mit ihm mitzufühlen.

Gibt es eine bestimmte Szene oder einen Moment im Film, auf den Sie besonders stolz sind? Wenn ja, können Sie erklären, warum?

Dieser Film ist eine Kritik an dem derzeitigen System in der Türkei. Ich bin stolz auf den Mut und alles an dem Film.

In Deutschland gab es letztes Jahr die Medienkampagne #ActOut, bei der sich rund 190 Schauspieler*innen öffentlich als Teil der queeren Community geoutet haben, um sich gegen Queerfeindlichkeit auszusprechen. Wäre eine solche Kampagne auch in der Türkei möglich?

Nun, dies ist kein freies Land wie Deutschland. Wann immer wir gegen etwas protestieren, werden wir mit der Polizei konfrontiert. Studenten, Schauspieler, Arbeiter – niemand kann sich frei äußern, es sei denn, er ist regimefreundlich. Allein die sozialen Medien spielen eine gewisse Rolle, um ein Bewusstsein für Themen zu schaffen.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer zu "Burning Days"
Datenschutz-Einstellungen | Info / Hilfe

Was erhoffen Sie sich, dass die Zuschauer*innen aus dem Film mitnehmen?

Wenn dieser Film auch nur einen kleinen Beitrag zum "Aufwachen" unserer Gesellschaft leisten kann, würde ich mich sehr freuen.

Wie waren die bisherigen Reaktionen des Publikums auf den Film?

Wie bereits erwähnt, wird "Burning Days" bereits als Kultklassiker gehandelt. Die Filme von Emin Alper werden immer mit großer Neugierde erwartet. Und nach den Reaktionen des Publikums zu urteilen, scheinen wir ihre Erwartungen zu erfüllen.

Was ist die wichtigste Eigenschaft in Ihrem Beruf?

Kurz gesagt, Hingabe, Disziplin und harte Arbeit.

Der Film hat wichtige Preise der Filmkritik in der Türkei gewonnen. Gleichzeitig forderte das Kulturministerium wegen der queeren Thematik seine Finanzierung zurück. Wie fühlen Sie sich dabei?

Um ehrlich zu sein, war das keine große Überraschung. Damit hatte ich gerechnet. Aber das Publikum erhebt Anspruch auf den Film. Sie hätten erleben sollen, welche Solidarität es beim Kauf von Kinokarten gab. Leute, die es sich leisten konnten, haben Dutzende und Hunderte von Karten gekauft und spendeten sie. Das war sehr bewegend.

Sind Sie pessimistisch, was die Entwicklung in der Türkei angeht?

Die ignorante Gesellschaft ist gefährlicher als populistische Politiker. Mehr als in das Land, habe ich mein Vertrauen in unser Volk verloren.

Infos zum Film

Burning Days. Originaltitel: Kurak Günler. Thriller. Türkei 2022. Regie: Emin Alper, Cast: Eki̇n Koç, Erdem Şenoca, Erol Babaoğlu, Selahatti̇n Paşali, Seli̇n Yeni̇nci̇. Laufzeit: 127 Minuten. Sprache: türkische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 16. Verleih: Cinemien Deutschland. Kinostart: 28. September 2023
Galerie:
Burning Days
25 Bilder
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