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Interview
In Berlins erster queerer Pflege-WG sind noch Plätze frei
Im neuen "Lebensort Vielfalt" am Südkreuz gibt es eine Pflege-WG, die für alle queeren Menschen offen ist. Wir sprachen mit Dieter Schmidt von der Schwulenberatung über Safe Spaces im Alter, die Unterschiede zu herkömmlichen Angeboten und ein mögliches Probewohnen.

Symbolbild: Pflegebedürftige Person im Rollstuhl (Bild: IMAGO / imagebroker)
- Von Sonja Summ
24. September 2023, 12:51h 5 Min.
Bereits seit zwanzig Jahren gibt es in der Schwulenberatung Berlin Angebote für schwule Senioren. Damals kam in vielen Gesprächen und Beratungen die Angst zur Sprache, im Alter zu vereinsamen oder bei Pflegebedürftigkeit in herkömmlichen Pflegeeinrichtungen versteckt leben zu müssen. Daraus entstand der Wunsch nach einem "sicheren Ort", an dem auch im Alter diskriminierungsfrei gelebt werden kann.
Im neuen "Lebensort Vielfalt" am Berliner Südkreuz gibt es nun auch eine Pflege-WG, die für alle queeren Menschen offen ist, nicht nur für schwule Männer. Über die Hintergründe sprachen wir mit dem Psychologen Dieter Schmidt, der sich in der Berliner Schwulenberatung der queeren Senior*innenarbeit widmet.
Herr Schmidt, ist das richtig zu verstehen, dass die Schwulenberatung trotz ihres Namens Anlaufstelle für alle queeren Menschen ist?

Dieter Schmidt kümmert sich bei der Schwulenberatung Berlin um queere Senior*innenarbeit (Bild: privat)
Ja, genau, das ist richtig. Im Verlaufe der vergangenen Jahre hat sich die Schwulenberatung Berlin weiterentwickelt zu einer Anlauf- und Beratungsstelle für alle queeren Menschen, was sich u.a. auch im neuen Namen "Schwulenberatung Berlin – Vielfalt leben" widerspiegelt. Neben Beratung für trans und inter Menschen gibt es zum Beispiel eine Einrichtung für queere Geflüchtete und das "Netzwerk Anders Altern". Die schwule Seniorenarbeit ist nun Teil der "Fachstelle LSBTI*, Altern & Pflege", und darüber hinaus kooperieren wir sehr eng mit Vertreter*innen der gesamten queeren Community.
Wie genau hat sich das mit der ersten queeren Pflege-WG Europas entwickelt?
Im Rahmen unserer – anfangs noch ausschließlich auf schwule Männer ausgerichteten – Senior*innenarbeit kamen viele Ängste und Befürchtungen u.a. vor Vereinsamung und Diskriminierung im Alter zur Sprache, insbesondere dann, wenn eine Pflegebedürftigkeit eintritt, und es entstand der Wunsch nach einem Ort, an dem es sich auch im Alter gut und diskriminierungsfrei leben lässt. Im engen Austausch mit den schwulen Senioren entstand die Idee und das Konzept zum "Lebensort Vielfalt" in Charlottenburg, in dem ältere und jüngere schwule Männer, Frauen und auch pflegebedürftige schwule Männer in einer eigenen Pflege-WG zusammenleben. Eröffnung war im Jahr 2012. In diesem Jahr ist der "Lebensort Vielfalt" am Südkreuz dazugekommen, dieses Mal für die gesamte queere Community mit einer Beschäftigungstagesstätte und zwei Kindertagesstätten und auch dieses Mal inklusive einer Pflege-WG.
Es gibt auch das Qualitätssiegel "Lebensort Vielfalt". Was hat es damit auf sich?
Das eine ist, hier in Berlin einen sicheren Ort anzubieten. Aber was ist mit all den queeren Menschen in ganz Deutschland, die auf der Suche nach diskriminierungsfreien Pflegeeinrichtungen sind? Basierend auf dieser Frage und nach dem Vorbild des "Rosa Schlüssel" aus den Niederlanden entwickelten wir das Qualitätssiegel "Lebensort Vielfalt"- mit dem Kernstück des Diversity Checks, mit dem wir seit 2017 herkömmliche Pflegeeinrichtungen, ambulante Pflegedienste und mittlerweile auch Tagespflegeeinrichtungen, Hospize und Krankenhäuser einladen, sich einer diversitätssensiblen Pflege zu verschreiben. Zunächst schwerpunktmäßig bezogen auf die Bedarfe der LSBTI*-Community, mittlerweile aber auch unter Berücksichtigung ethnisch-kultureller Vielfalt und in spe weiterer Diversitätsmerkmale.
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Die erste Pflegeeinrichtung bundesweit – das Seniorenzentrum Schöneberg der Immanuel-Albertinen-Diakonie – wurde im November 2018 ausgezeichnet und hat mittlerweile auch schon den ersten Re-Zertifizierungsprozess durchlaufen. Seitdem sind viele Einrichtungen diesem Beispiel gefolgt.
Vieles ist dabei zu beachten, zum Beispiel gendersensible Sprache in den Dokumenten, eine Prozessbeschreibung für den Umgang mit Diskriminierung, Sichtbarkeit in der Einrichtung etc. Alle bisher zertifizierten Einrichtungen beschreiben einen sehr positiven Effekt, der sich u.a. in der grundsätzlich viel offeneren Haltung des Personals widerspiegelt und auch in der größeren Zufriedenheit der Bewohner*innen.
Worin besteht das Besondere einer queeren Pflege-WG? Wie genau sieht das Wohnkonzept aus?
Wenn der Wunsch besteht, auch aus einem Gefühl der Sicherheit heraus, lieber nur mit schwulen Männern beziehungsweise queeren Menschen zusammenzuleben, sind unsere Angebote genau das Richtige. Das Team ist divers aufgestellt, Mitarbeitende der Schwulenberatung Berlin unterstützen Team und Bewohner*innen zum Beispiel in Teambesprechungen, Gesprächskreisen für die Bewohner*innen, Einzelgesprächen etc. Die Angebote der Schwulenberatung – zum Beispiel offene Gesprächsgruppen, Theatergruppe "Rosa Falten" oder "Café Wippe" – stehen allen Bewohner*innen des "Lebenort Vielfalt" und damit natürlich auch denen der Pflege-WGs offen. Die Ausrichtung unserer Arbeit zielt auf Teilhabe und Unterstützung bei der Verwirklichung der Interessen der einzelnen Menschen.
Die Neu-Belegung eines Zimmers geschieht stets in Absprache mit den aktuell Bewohnenden, heißt: Es ist uns wichtig, dass sich alle füreinander entscheiden, bevor ein Zimmer neu vergeben wird. Dazu kann auch ein Probewohnen gehören. Die Pflege wird rund um die Uhr von CuraDomo, einem mit uns kooperierenden und auch von uns zertifizierten, ambulanten Pflegedienst, durchgeführt.
Wie kann man sich um einen Platz in der Pflege-WG bewerben?
In unserer neuen LSBTI*-Pflege-WG sind noch Plätze frei. Ihr seid herzlich eingeladen, uns zu besuchen, die ersten Bewohner*innen kennenzulernen, ein Wochenende auf Probe zu bleiben. Voraussetzung für den Einzug ist – möglichst – Pflegegrad 3. Die Kosten können, soweit sie nicht selbst getragen werden können, immer auch über das Sozialamt beantragt werden. Über meine E-Mail-Adresse e kann ich gerne kontaktiert werden.
Auch unser queeres Team sucht noch Verstärkung. Besucht uns am Samstag, den 7. Oktober 2023 von 14 bis 10 Uhr am Tag der offenen Tür im "Lebensort Vielfalt" am Südkreuz in der Ella-Barowsky-Straße 28.














