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Ab Donnerstag im Kino
Queerer Thriller aus der Türkei: Was "Burning Days" so faszinierend macht
In einer Mischung aus scharfer Gesellschaftskritik und erotischem Thriller thematisiert Emin Alper in seinem düsteren Spielfilm "Burning Days" Korruption, Gewalt und Homofeindlichkeit in der türkischen Provinz.

Szene aus "Burning Days": Der neue junge Staatsanwalt Emre (Selahatti̇n Paşalı, li.) und der lokale Journalist Murat (Ekin Koc) kommen sich näher (Bild: Cinemien Deutschland)
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27. September 2023, 10:20h 3 Min.
Ein junger Mann und eine Frau stehen an einem Abgrund, einem sogenannten "Dolin", einem riesigen Krater, der durch Wassermangel entstanden ist. Wer sie sind, was es mit diesem und vielen weiteren Kratern in der Gegend auf sich hat, erfährt man erst später.
In dieser kargen Landschaft irgendwo in der Südtürkei spielt der Film "Burning Days" von Regisseur Emin Alper. Der junge Staatsanwalt Emre aus Ankara (Selahattin Paşali) wird in die Kleinstadt Yaniklar versetzt, sein erster Eindruck ist schockierend: Ein Wildschwein wird von der Bevölkerung gejagt, der blutige Kadaver wird durch die Stadt gezogen unter lautem Jubel der Menschen. Wild um sich geschossen wird bei diesem traditionellen Fest auch noch. All das: ein No-Go für den jungen Staatsanwalt aus der Hauptstadt.
Emres Blackout und eine Vergewaltigung

Poster zum Film: "Burning Days" startet am 28. September 2023 im Kino
Emre möchte diesem Treiben ein Ende setzen, womit er die Leute gegen sich aufbringt – vor allem durch die Androhung von Strafen. Um die Wogen zu glätten, wird er zu einer kleinen abendlichen Feier eingeladen, mit dabei der Sohn des ehemaligen Bürgermeisters, der örtliche Zahnarzt und ein Roma-Mädchen namens Pekmez. Emre wird betrunken gemacht, es kommt zu einer Vergewaltigung.
Um diesen Abend kreist der ganze Film – was ist passiert? Wer ist der oder wer sind die Täter? Und war Emre möglicherweise selbst beteiligt? Der gutaussehende Journalist Murat (Ekin Koc), der undurchsichtig bleibt, übt eine erotische Anziehungskraft auf Emre aus, in jener Nacht kommt es später zu einer Begegnung der beiden Männer. Über allem liegt Spannung in diesem Film. Erotik, Gewalt, Bedrohung, Korruption – all das manifestiert sich im Verlauf von zwei Stunden. Allerdings wird der Film niemals ganz explizit. Homosexuelle Erotik im türkischen Kino – das geht noch immer allenfalls andeutungsweise.
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Negatives Bild der türkischen Gesellschaft
Der düstere, in dunklen Sepia-Farben gehaltene Film zeichnet ein sehr negatives Bild der türkischen Gesellschaft. In vielen Filmen mit ähnlicher Geschichte lernen die Menschen, die es aus der Stadt aufs Land verschlägt, irgendwann die Schönheit der Landschaft und die Gutmütigkeit der Einwohner*innen zu schätzen. Ohne zu spoilern: In "Burning Days" kommt es nicht dazu. Dazu ist der Ton des Films auch zu düster-bedrohlich.
Was den Film so faszinierend macht, ist nicht nur seine Bildsprache, sondern auch seine Figurenzeichnung: Niemand, selbst der junge Staatsanwalt, ist nur gut oder schlecht, sie alle haben dunkle Geheimnisse, agieren im Verborgenen, leben mehrere Leben und lügen, wenn es darauf ankommt. Auch der attraktive Journalist, der sich für Emre interessiert, gibt eine Zeitung heraus, die Emre regelmäßig in den Rücken fällt und für neuen Unmut sorgt.
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Regisseur Alper macht nicht wirklich deutlich, wo er steht: Ist der Film eher eine Gesellschaftskritik, ein erotischer Thriller, eine Anspielung auf religiöse Motive, eine Kritik an der noch immer intoleranten Regierungspolitik unter Erdogan? Sicher ist "Burning Days" von allem etwas. Und das Ende, so viel sei verraten, lädt ebenfalls zur Spekulation ein. Ein rätselhafter, aber schöner Film.
Burning Days. Originaltitel: Kurak Günler. Thriller. Türkei 2022. Regie: Emin Alper, Cast: Eki̇n Koç, Erdem Şenoca, Erol Babaoğlu, Selahatti̇n Paşali, Seli̇n Yeni̇nci̇. Laufzeit: 127 Minuten. Sprache: türkische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 16. Verleih: Cinemien Deutschland. Kinostart: 28. September 2023
Links zum Thema:
» Alle Kinotermine auf der Homepage von Cinemien Deutschland
Mehr zum Thema:
» Interview mit Hauptdarsteller Selahatti̇n Paşalı: Wie wurde ein queerer Politthriller in der Türkei zum Kultfilm? (23.09.2023)
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