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Jetzt im Kino

Im Sarg durch eine queere Zukunft voller Geister-Sex

Ein junger Regisseur trauert um seinen Hauptdarsteller – und fährt mit einem Leichenwagen durch die Stadt: "Anhell69" ist ein Essayfilm, durch und durch queer und eine echte Bereicherung fürs Kino.


Ein Leichenwagen fährt durch Kolumbiens zweitgrößte Stadt Medellín, im Sarg liegt der Regisseur (Bild: Salzgeber)

Jesus Christus und Britney Spears sind gar nicht weit entfernt voneinander. Wer weltweit leidenschaftlicher verehrt wird, steht ohnehin außer Frage. Im Kinderzimmer des Ich-Erzählers und Regisseurs Theo Montoya hängt das ikonische Britney-Schulmädchen-Foto neben den Christus-Figuren.

Mit 13, erzählt er mit seiner ruhigen, säuselnden Stimme über einem langsamen Schwenk durch das Zimmer, wurde er exkommuniziert. Er habe dem Priester gebeichtet, dass er beim Masturbieren an Jesus Christus denkt. Ein Jahr später probierte er zum ersten Mal Drogen aus: Er schaute den ganzen Tag Filme und rauchte Marihuana. Filme seien der einzige Ort, an dem er weinen könne.

Im Casting sprechen die Darsteller*innen über Sexualität und Syphilis


Poster zum Film: "Anhell69" startet am 28. September 2023 im Kino

Sex, Kirche, Drogen und Filme: Damit deutet "Anhell69" schon früh an, welche Themen den Film bestimmen. Und es sind über weite Strecken vielmehr Themen und Gefühle als sich konkret entwickelnde Handlungen oder ausformulierte Figuren, aus denen der Essayfilm besteht.

Ein Leichenwagen fährt durch Kolumbiens zweitgrößte Stadt Medellín, im Sarg liegt der Regisseur. In der Nacht erleuchten bunte Lichter die Stadt. Der Filmemacher erzählt von seinem Film, den er nicht fertigstellen kann, ein Film über Spektrophilie: In der Zukunft haben Menschen Sex mit Geistern, werden dafür jedoch gejagt.

Der Ich-Erzähler castet verschiedene Darsteller*­innen, die sitzen in einem fast leeren weißen Raum und blicken frontal in die Kamera. Er stellt ihnen Fragen, es geht um die Familie, Sexualität, Syphilis. Die kurzen Interviews durchziehen "Anhell69" und liefern Einblicke in die Gesellschaft Kolumbiens, die konservativ und oft gewaltvoll ist, die von Drogen bestimmt und zerstört wird, die nicht für alle eine Zukunft bereithält.

Ein Film ohne Grenzen

Denn Theo Montoya, Regisseur, Autor und Kameramann, verliert seinen Hauptdarsteller durch eine Überdosis. "Anhell69", benannt nach dem Instagram-Namen des Darstellers Camilo Najar, ist also ein Meta-Film, ein Film übers Filmemachen, ein Film, der nur entstehen konnte, weil der Schauspieler für seine Ursprungsidee nicht mehr am Leben ist.

Und doch lässt sich der erste Langfilm des 31-jährigen Kolumbianers so nur unzureichend beschreiben. "Anhell69" ist viel mehr: ein assoziatives Werk, das sich zwischen dokumentarisch und imaginiert bewegt, ohne sich immer für eine Seite zu entscheiden. Eine persönliche Auseinandersetzung mit Freundschaften, Verlust, Vergänglichkeit, Tod und Trauer. Ein Film, der dabei durch und durch queer, sexy und kraftvoll ist – und beweist, dass all das nebeneinander stehen kann.

Nicht nur einen Spielfilm, sondern einen "Film ohne Grenzen" wollte er machen, sagt Theo Montoya im Film, und es ist ihm gelungen. "Anhell69" ist grenzenlos in Form, Inhalt, Narration, Logik und Spannung. Natürlich ist das kein Film für die Massen. Umso wertvoller, dass er in den Kinos läuft.

Infos zum Film

Anhell69. Essayfilm. Kolumbien, Rumänien, Frankreich, Deutschland 2022. Regie: Theo Montoya. Cast: Alejandro Hincapié, Camilo Machado, Alejandro Mendigaña, Julián David Moncada, Camilo Najar, Juan Esteban Pérez, Sharllot Zodoma, Víctor Gaviria, Theo Montoya. Laufzeit: 72 Minuten: Sprache: spanische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 16. Verleih: Salzgeber. Kinostart: 28. September 2023
Galerie:
Anhell69
8 Bilder
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