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Interview
Halle: Luna Möbius will als erste nichtbinäre Person in den Stadtrat
Luna Möbius hat sich durch feministische Debatten politisiert und als Mitarbeiter*in eines Reisebüros ein Gespür für Kultur entwickelt. Im Stadtrat von Halle will das Grünen-Mitglied und Enbie gegen Barrieren kämpfen, verrät es im Interview.

Luna Möbius (Grüne) kandidiert für den Stadtrat von Halle (Bild: Sarah Miriam Lutzemann)
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30. September 2023, 02:46h 7 Min.
Luna Möbius ist Hallenser*in, also: in Halle (Saale) in Sachsen-Anhalt wohnhaft – und nichtbinär. Im Frühsommer kommenden Jahres möchte Möbius in den Stadtrat der 242.000-Einwohner*innen-Stadt einziehen. Wenn das gelingt, wäre Möbius wohl die erste offen nichtbinäre Person, die bei Stadtratswahlen in Deutschland neu auf einen Sitz gewählt wird.
2021 war Juli Klippert nach dem Coming-out wenige Monate zuvor im Stadtrat von Hannover wiedergewählt worden. Klippert ist dabei Mitglied der Satire-Truppe "Die Partei". Was Möbius in den Festsaal des Hallenser Stadthauses zieht, welche Gerechtigkeitsfragen das Grünen-Mitglied dort zu stellen gedenkt und wie die Kommunalpolitik bisher mit dem Enbie umgeht, erklärte es queer.de im Interview.
Luna Möbius, was sind die Politikfelder, auf denen du unterwegs bist und für die du im Rat der Stadt Halle streiten willst?
Als Vielfaltsreferent*in von Bündnis 90/Die Grünen Sachsen-Anhalt bin ich auf Landes-, aber auch auf Bundesebene in den Bereichen Vielfaltspolitik – also Antirassismus, Antiklassismus, Inklusion, Teilhabe – sowie bei den Themen Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit unterwegs. Ich selbst habe mich sehr durch feministische Debatten politisiert.
Als Stadtratskandidat*in habe ich jedoch nochmal andere Schwerpunkte. Ich habe 2021 meine Ausbildung im Reisebüro abgeschlossen und weiß, was Orte brauchen, um touristisch interessant zu sein. Daher möchte ich, dass auch Halle endlich eine gute touristische Infrastruktur bekommt. Dazu gehören Hotels genauso wie der Radschnellweg zwischen Leipzig und Halle und ein ordentlicher Ausbau der Radwege in der Stadt. Dazu gehört aber auch, dass wir touristische Einnahmen im Blick behalten. Das Geld, das durch touristische Angebote in unsere Stadt kommt, sollten wir auch so nutzen, dass es allen zugute kommt.
Außerdem finde ich, dass wir den Kulturbereich zu oft unter den Tisch fallen lassen. Das Stadtmarketing bewirbt immer die gleichen großen Veranstaltungen. Dass Halloren und die Händelfestspiele unsere Stadt maßgeblich prägen, finde ich super. Aber wo bekommen kleinere Kollektive und Organisationen ihre Sichtbarkeit? Hier möchte ich für Unterstützung auch für kleinere Akteur*innen sorgen – auch wenn ich weiß, dass das in Zeiten eines knappen Haushalts nicht leicht wird. Da fällt mir ganz spontan das WUK Theater ein, oder auch das Kollektiv "DJversity", das für mehr FLINTA*-Präsenz in der Clubszene sorgt.
Zudem ist mir das Thema soziale und politische Teilhabe wichtig. Wir sehen alle, in welche Richtung sich unser Land entwickelt. Ich glaube, dass wir noch viel gegen Rechtspopulist*innen in der Hand haben. Dazu gehört aber auch, das Vertrauen von sehr vielen Menschen zurückzugewinnen, die eben nicht mehr an "die Politik" glauben.
Aber Verbindungen zwischen der Vielfaltspolitik und Gerechtigkeitsfragen zu Kultur und Tourismus gibt es dann ja doch: Wie steht es denn um Barrierearmut und -abbau in Institutionen der Hallenser Kultur?
Das ist tatsächlich so eine Sache. Es gibt leider noch zu viele Orte, die nicht barrierefrei besuchbar sind oder die ihre Barrieren offen benennen – das Literaturhaus beispielsweise, und hier finden richtig gute Veranstaltungen statt. Ich erinnere mich an eine Sitzung des Sozial-, Gesundheits- und Gleichstellungsausschusses, dessen Mitglied ich als sachkundige*r Einwohner*in für die Grünen sein darf, in der ich mich mit der CDU und auch der FDP sehr gestritten habe. Diese wollten nämlich nicht, dass im Innenstadtbereich eine barrierefreie Toilettenanlage gebaut wird, obwohl der Behindertenbeirat sich das explizit wünscht. Da darf man sich dann auch mal weniger freundliche Kommentare von den Stadträten anhören – hier gendere ich bewusst nicht.
Es gibt echt noch viel zu tun. Und wir müssen auch der Verwaltung mehr Druck machen – ein Prüfantrag zur barrierefreien Umgestaltung des Marktplatzes aus dem letzten Jahr ist bis heute nicht bearbeitet worden.
Mit Schließung der "Schorre" hat außerdem Halles Clublandschaft viel verloren. Kleinere Partykollektive müssen immer wieder um Fördergelder ringen. Ich bin auch der Meinung, dass wir durchaus prüfen können, in welchen Bereichen Raves auch im öffentlichen Raum stattfinden können. Bis zur Wahl im Juni treffe ich mich noch mit weiteren Akteur*innen aus dem Kulturbereich und freue mich auf die Eindrücke, die ich mit in meine Arbeit nehmen kann.
Du möchtest als nichtbinäre Person in den Rat und hast schon einige Erfahrungen in den Gremien gesammelt. Wie läuft es denn dort mit Ansprachen, Pronomen und Co?
Man merkt, dass die Stadtverwaltung dafür noch mehr sensibilisiert werden muss – ich habe beispielsweise erst nach mehreren Mails und einem Gespräch mit dem Grundsatzreferenten der Stadt meinen Vornamen auf dem Namensschild im Ausschuss ändern können. Das ist etwas kräftezehrend. Für meinen Ausschuss kann ich aber sagen, dass das alles sehr respektvoll abläuft. Sowohl die Schriftführerin als auch die Ausschussvorsitzende haben sofort nachgefragt, wie ich angesprochen werden mag und berücksichtigen das auch.
Natürlich wird man von einigen Mitgliedern auch belächelt, aber das betrifft kaum eine demokratische Partei. Mich nervt eher, dass mich vor allem konservative und rechtspopulistische Nachrichtenseiten immer wieder auf meine Identität reduzieren und das bewusst in den Fokus stellen, um vom Fachlichen abzulenken und wieder Kulturkampfdebatten zu führen. Eine große Zeitung in Sachsen-Anhalt misgendert mich auch konsequent, "denn das mit dem Gendern geht bei uns nicht". Da kann ich mittlerweile nur noch drüber lächeln, habe aber kein Verständnis dafür.
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Mehr Sichtbarkeit nichtbinärer Personen ist wohl hilfreich für die gesamtgesellschaftliche Anerkennung. Was muss sich an Strukturen des öffentlichen Lebens ändern, damit es Enbies ermöglicht wird, sich hier aufzuhalten?
Gerade in Zeiten, in denen von Rechts krass gegen trans* Menschen und queeres Leben gehetzt wird, ist es unabdingbar, solidarisch zu sein – mit allen von Diskriminierung Betroffenen!
In der Stadt fehlt es noch immer an Orten, an denen Menschen einfach sein können. Wir hatten in Halle dafür lange den "QueerSalon", das war ein richtig netter Ort, da gab es auch mal Party, aber vor allem war es ein Ort der Vernetzung, der Akzeptanz. Das fehlt vielen FLINTA* in Halle.
Leider gibt es diesen Ort nicht mehr, da sich das Kollektiv irgendwann verworfen hat. Das zeigt mir, dass sich auch in linken politischen Debatten und Orten einiges tun muss. Ich würde mir wünschen, dass wir weniger über Unterschiede und mehr über Gemeinsamkeiten sprechen würden. Und ich würde mir in vielen Debatten auch mehr Gelassenheit wünschen.
Manchmal müssen wir uns selbst auch mal hinten anstellen, damit es allen anderen nützt. Es geht in meiner politischen Arbeit nicht um mich und meine Identität, es geht um die vielen Menschen, die so viel mehr von unserer Stadt erwarten dürfen, die aber immer wieder übersehen oder vertröstet werden.
In Halle wird einem Beschluss des Bundeskabinetts zufolge das sogenannte Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und Europäische Transformation errichtet werden – ein Projekt, dessen Ausrichtung du mitgestalten willst. Worum geht es da? Und was sind die Probleme?
Mit Beschluss des Kabinetts vom 1. März 2023 ist klar: Das Zukunftszentrum kommt nach Halle. Insgesamt stellt das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen 200 Millionen Euro für die Investitionskosten des Baus zur Verfügung.
Die Stadt selbst bezeichnet das Zukunftszentrum als einen Ort für "Forschung, Begegnung und Kultur, Ausstellungsflächen, Aussichtsplattform und viel Platz für Zukunftsgestaltung". Das klingt alles noch ein wenig schwammig. Ich stelle mir hier neben Büro- und Kongressräumen vor allem auch Räume vor, an denen Menschen zusammenkommen können, ohne Konsumzwang und diskriminierungsfrei.
Die Fertigstellung des Gebäudekomplexes ist für 2028 vorgesehen. Worum es genau geht, wissen viele Bürger*innen in Halle (Saale) gar nicht so richtig. Ich möchte darauf achten, dass wir das ganze Thema sozial gerecht gestalten.
Etwa das Beispiel barrierefreier ÖPNV: Gerade drehen sich die Debatten vor allem um den Platz, an dem das Zentrum gebaut werden soll. Und darum, wie Menschen gut vom Hauptbahnhof zum Neubau kommen. Dabei müssen wir aber berücksichtigen, dass nicht nur Menschen von außerhalb der Stadt kommen werden, sondern auch Einwohner*innen. Und die können gegenwärtig nicht aus allen Ortsteilen gleichermaßen gut anreisen und erst recht nicht barrierefrei. Das Zukunftszentrum sollte nicht nur für Menschen aus Leipzig oder Berlin da sein, sondern gleichermaßen auch für die aus Heide-Nord oder Reideburg.
Links zum Thema:
» Wahlkampf-Homepage von Luna Möbius
















