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Sport

Schwimm-Weltcup: Keine Anmeldungen für die "offene Kategorie"

Der Schwimmsport bietet neuerdings eine "offene Kategorie", in der gnädigerweise auch trans Sportler*innen starten dürfen. Wenig überraschend, gibt es dafür beim Schwimm-Weltcup in Berlin aber keine einzige Anmeldung.


Trans Schwimmerin Lia Thomas bei einem Turnier im Jahr 2022 (Bild: IMAGO / USA TODAY Network)
  • 3. Oktober 2023, 14:18h 4 Min.

Die Premiere einer als Revolution gefeierten Idee fällt ins Wasser. Beim Schwimm-Weltcup in Berlin an diesem Wochenende wird es keine "offene Kategorie" geben, in der trans Frauen und Männer hätten starten dürfen. Am Dienstag zog der Weltverband World Aquatics diese Kategorie aus dem Programm für Berlin zurück, weil es bis zum Meldeschluss am 30. September keine Anmeldungen gegeben hatte. Dies ist ein sichtbares Zeichen dafür, in welchem Dilemma nationale und internationale Verbände stecken. "Leistungssport und Inklusion schließen sich aus", sagt Conny-Hendrik Schälicke von der Arbeitsgruppe Sport im Bundesverband Trans*.

Noch Mitte August hatte World Aquatics zu seiner Weltneuheit verkündet: "Dieses bahnbrechende Pilotprojekt unterstreicht das Engagement der Organisation für Inklusion, die Schwimmer aller Geschlechter und Geschlechtsidentitäten willkommen heißt." Die "offene Kategorie" sollte ihr Debüt mit 50- und 100-Meter-Rennen in allen Schwimmarten geben. Weitere Wettbewerbe könnten hinzugefügt werden, hieß es (queer.de berichtete).

Ausgangspunkt der hektischen Betriebsamkeit war der Ausschluss der amerikanischen trans Schwimmerin Lia Thomas von internationalen Wettbewerben, nachdem sie bei College-Meisterschaften 2022 für Furore bei den Frauen gesorgt hatte (queer.de berichtete). World Aquatics wurde für den Ausschluss kritisiert und musste handeln.

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LSVD: Sonderkategorie ist kein Inklusionserfolg

Die Inklusion von trans und nichtbinären Menschen im Sport hält Schälicke vom Bundesverband Trans* grundsätzlich für möglich: "Das ist im Breitensport schon angekommen. Die großen Marathons in den USA haben neben der männlichen und weiblichen eine nichtbinäre Startklasse. Da gibt es schon große Fortschritte." Ein Problem aber bleibe, "solange trans Sportlerinnen oder intergeschlechtliche Frauen ausgeschlossen bleiben oder in eine offene Klasse gezwungen werden. Das ist nicht fair".

Noch weiter geht der Lesben- und Schwulenverband (LSVD). "Uns verwundert es, dass die Schaffung einer Sonderkategorie beim kommenden Schwimm-Weltcup in Berlin als Inklusionserfolg verkauft wird. Der Versuch, trans* Personen in eine eigene bzw. offene Kategorie zu zwingen, ist dabei ein Rückschritt im Kampf für die Akzeptanz und Gleichberechtigung von trans* Personen", erklärte Mara Geri vom LSVD-Bundesvorstand nach Bekanntwerden der Vorhaben von World Aquatics in einer schriftlichen Stellungnahme.

Auch sei es völlig zu kurz gegriffen, die reine Geschlechtlichkeit als einzige Kategorie in Schwimm-Wettkämpfen heranzuziehen. Selbst bei den Männern gebe es Sportler, die über ihre Körpergröße oder Armlänge im Vergleich zu anderen Sportlern einen Vorteil hätten, hieß es vom LSVD. Darüber hinaus gebe es noch andere Merkmale, die entscheidend sind. Kein Mensch würde auf die Idee kommen, Männer oder Frauen auszuschließen, weil sie beispielsweise ein größeres Lungenvolumen oder einen geringeren Wasserwiderstand aufgrund ihres Körpers hätten.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti) hatte die Einführung der "offenen Kategorie" scharf kritisiert. "So wird der Eindruck geschaffen, dass trans* Frauen keine Frauen seien und trans* Männer keine Männer", erklärte dgti-Sprecherin Jenny Wilken. "Inklusion muss bedeuten, es zu ermöglichen, von Anfang an ein wertvoller Teil der Gesellschaft zu sein. Durch diesen Ausschluss werden wir zu Menschen zweiter Klasse kategorisiert" (queer.de berichtete).

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DSV will "aktiv Ursachenforschung" betreiben

Doch wie geht es nun weiter nach der gescheiterten "offenen Kategorie"? Schälicke sieht in dem Modell schon als einen Ansatzpunkt, sie nennt die Fortschritte im Fußball-Nachwuchsbereich, wo Mädchen und Jungen bis zu einem bestimmten Alter gemeinsam in Teams spielen, als gutes Beispiel.

World Aquatics will prüfen, auch in Zukunft Wettkämpfe der "offenen Kategorie" bei Masters-Veranstaltungen aufzunehmen. Vorerst scheint das Thema für den Weltverband aber erst einmal vom Tisch zu sein. "Wir bedauern es sehr, dass die Initiative von World Aquatics augenscheinlich keinen Anklang gefunden hat. Umso wichtiger ist es jetzt, aktiv Ursachenforschung zu betreiben, zuzuhören und zu lernen, um funktionierende Ideen für zukünftige Projekte zu entwickeln", sagt Kai Morgenroth, Vizepräsident des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV).

Schälicke: Inklusion im Leistungssport nicht vollumfänglich möglich

Laut Schälicke ist Inklusion im Leistungssport allerdings gar nicht vollumfänglich möglich. Inklusion bedeute Miteinbezogensein und Dazugehörigkeit. Wenn es um Medaillen und Platzierungen geht, werden trans Sportler*innen "in offenen Kategorien immer benachteiligt sein. Da gibt es derzeit keine faire Regelung", meint Schälicke.

Die Suche danach dauert also an – nicht nur im Schwimmen. Der Leichtathletik-Weltverband World Athletics, bei dem es immer wieder Debatten um die südafrikanische Läuferin Caster Semenya gibt, hat diesbezüglich die Zusammensetzung und Leitung einer Arbeitsgruppe genehmigt. Diese "wird im Laufe dieses Jahres zusammentreten, um sich auf ein Mandat und einen Arbeitsumfang zu einigen, der in einem Bericht an den Rat im August 2024 gipfeln wird. Es obliegt dieser Arbeitsgruppe, im Rahmen ihrer Arbeit zu entscheiden, ob sie dem Rat Vorschläge zu einer "offenen" Kategorie geben möchte", hieß es bei World Athletics auf Anfrage.

Andere internationale Sportverbände haben ihre Regeln noch verschärft. Der Radsport-Weltverband UCI hat alle trans Sportlerinnen ausgeschlossen, die die männliche Pubertät durchlaufen haben (queer.de berichtete). Der Schach-Weltverband Fide geht ähnlich strikt mit trans Sportlerinnen um. Sie müssen eine Überprüfung durchlaufen, die bis zu zwei Jahre dauern kann (queer.de berichtete). (cw/dpa)

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