Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?47193

Sachbuch

Dagmar Pauli nimmt trans Kinder ernst

In ihrem gerade im Verlag C.H. Beck erschienenen Buch "Die anderen Geschlechter" erklärt die Kinder- und Jugendpsychiaterin Dagmar Pauli, warum zuhören und ernst nehmen beim Thema trans so wichtig ist.


Symbolbild: Trans Junge Dylan auf dem Weg zu seiner ersten Pride-Demonstration (Bild: Daydreamerboy / wikipedia)

Dem emotional oft aufgeladenen Thema trans Kinder und Jugendliche können wir uns auf sehr unterschiedliche Weise nähern. Die Frage ist, welche Perspektive wir dabei einnehmen. Reden wir mit ihnen oder nur über sie. Die Frage ist klar auch eine der Nähe beziehungsweise der Distanz, von Inklusion oder Ausschluss. In dem Film "20.000 Arten von Bienen", der bei der diesjährigen Berlinale als herausragend auffiel, kommt die Regisseurin Estibaliz Urresola Solaguren dem trans Mädchen Lucia sehr nahe. Lucia kam als Junge auf die Welt, aber sie weiß, dass sie dieser Junge nicht ist. Die klassische trans Geschichte. An einer Stelle sagt sie "Ich habe keinen Namen." Worauf ihre Großtante die einzig richtige Antwort gibt: "Also überleg dir einen Namen für dich." Klar, hier geht es um Empathie.

Und dann gibt es das genaue Gegenteil davon, nämlich die Distanzierung, die sich hinter vermeintlicher Wissenschaftlichkeit verschanzt, und wo es nur darum geht, die trans Kinder nicht zu nahe herankommen zu lassen. In solchen Fällen kommt eine Haltung ins Spiel wie die eines Alexander Korte, seines Zeichens Kinder- und Jugendpsychiater, der bei trans grundsätzlich von einer Krankheit ausgeht. Weil die Zahl derjenigen ansteigt (gerade auch unter Jugendlichen), die sich zu ihrem Trans-Sein bekennen, kommentiert er mal eben: "Ich würde eher von einem Zeitgeistphänomen sprechen. Trans ist offensichtlich eine neuartige Identifikationsschablone, für die es einen gesellschaftlichen Empfangsraum gibt. Und das spricht in erster Linie eine vulnerable Gruppe von weiblichen Jugendlichen an." Und auch sonst vertritt er ziemlich rigide Ansichten, die ihn – wenig überraschend – zum Verbündeten im transfeindlichen "Emma"-Milieu haben werden lassen.

Gesammelte Erkenntnisse aus über zehn Jahren


Paulis Buch "Die anderen Geschlechter" ist Ende September 2023 im Verlag C.H. Beck erschienen

Aber es geht auch anders: Dagmar Pauli, ebenfalls Kinder- und Jugendpsychiaterin in Zürich, die seit 2010 an ihrer Klinik Erfahrungen mit dem Thema trans sammelt und wissenschaftlich verarbeitet, nimmt eine diametral entgegengesetzte Haltung ein. Um jungen Menschen zu helfen, ihr Leben leben zu können, braucht sie vor allem keinen Krankheitsbefund mit dem Namen trans. Der nicht pathologische Ansatz ist dabei von fundamentaler Bedeutung.

Sie hat jetzt mit "Die anderen Geschlechter" (Amazon-Affiliate-Link ) ein Buch vorgelegt, "das der jungen Generation eine Stimme geben und der älteren Generation helfen soll, diese anzuhören". Darin resümiert sie ihre über mehr als zehn Jahre gesammelten Erkenntnisse, die einer sonst oft polemisch und polarisierend geführten Debatte mit einer bemerkenswerten Unaufgeregtheit und Aufgeklärtheit antworten. Begriffen habe sie, dass einfache Lösungen in einer komplexen Thematik nicht weiterhelfen. Es könne nur individuelle Antworten geben, bei denen die Unterstützung bei der Identitätsfindung eine Voraussetzung ist.

Das Kindeswohl steht bei ihr ganz oben, und das bedeutet, keine Entscheidungen über den Willen des Kindes hinweg zu treffen. Sie scheut sich nicht, den Menschen, die zu ihr in die "Gender Sprechstunde" der Klinik kommen, ganz nahe zu sein. "Wir müssen zuhören, um zu verstehen", lautet ihre Grundregel, und daraus ergibt sich eine uneingeschränkte Lernbereitschaft. "Ich lerne täglich", bekennt Pauli. "Trans Kinder und Jugendliche sollen uns nicht beweisen müssen, dass sie trans sind. Sie sollen aber von uns Bestärkung erfahren." Die Lektüre ihres Buches vermittelt, dass ein sogenannter transaffirmativer Ansatz und Ergebnisoffenheit keinen Widerspruch bedeuten. Die Verhaltenskonsequenz daraus: ausleben lassen und beobachten, nicht unterdrücken und reglementieren.

"Behandlungsverbote helfen nicht"

In der Debatte wird oft unterstellt, Kinder und Jugendliche wüssten nichts über Geschlechtsidentität. In der beratenden und therapeutischen Praxis fand Dagmar Pauli für diese Behauptung keinen Beweis. Um so wichtiger ist ihr die Differenzierung, denn: "Es werden nicht alle geschlechtsinkongruenten frühpubertären Kinder und schon gar nicht geschlechtsvarianten Kinder später trans, aber doch einige von ihnen. Die Wahrscheinlichkeiten geben uns im Einzelfall keine Sicherheit in die eine oder andere Richtung." Woraus sich für sie ergibt: "Verbote von Behandlungen, Pauschallösungen und Entscheidungen aus Prinzip helfen nicht."


Dagmar Pauli ist Chefärztin an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (Bild: SRF)

Mit dem Behandlungsverbot spricht sie die Diskussion um Pubertätsblocker an. Das ist ein Medikament, das die Pubertät bei einem jungen Menschen stoppt. Bei trans kann das sinnvoll sein, um zum einen Zeit für Entscheidungen zu gewinnen und zum anderen die durch die Pubertät ausgelöste Vermännlichung oder Verweiblichung des Körpers auszusetzen. In der Diskussion werden immer wieder auch gesundheitliche Risiken geltend gemacht. Wie belastbar einzelne Studien tatsächlich sind, sei dahingestellt. Für Pauli könne es gleichwohl kein generelles Verbot geben. Sie seien eine Chance, aber wiederum keine generelle Lösung. Wichtig jedoch: "Die Pubertätsblockade ist eine körperlich reversible Behandlung." Wo es um die Frage von reversibel oder irreversibel geht, ist das Thema Detransition nicht weit, also jene sehr kleine Gruppe von Menschen, die Entscheidungen rückgängig machen wollen und "bereuen", wie es gern heißt. Pauli klammert das Thema nicht aus: "Mit einer skandalisierenden Übertreibung des Phänomens ist jedoch niemandem geholfen."

Praxiserfahrungen statt Ideologie

Anders als in vielen anderen Diskussionsbeiträgen zum Thema geht Dagmar Pauli immer von den Praxiserfahrungen aus und nicht von ideologischen Präferenzen. Das verleiht ihrer Argumentation einen durchweg souveränen Charakter. Herzerfrischend auch, wie sie einer Alice Schwarzer in die Parade fährt und all den anderen hyperventilierenden Angstmacherinnen: "Es kommt noch schlimmer", liest man bei Pauli, "Eva Engelken treibt es in ihrem erschreckend respektlosen und oberflächlichen Buch mit der Abwertung von trans Personen auf die Spitze."

Einige Detailfragen erscheinen mir zwar hie und da unklar beantwortet zu sein, sind aber am Ende zu vernachlässigen angesichts eines Buches, das alles in allem einen verdammt wichtigen Beitrag zum Thema trans Kinder liefert. Dagmar Pauli bringt das Thema auf den Boden der Realität zurück, sachlich und überlegen argumentierend, um all die ideologisch dominierten Verdrehungen richtigzustellen. Ein wichtiges Buch zur richtigen Zeit und deshalb unbedingt lesenswert. Denn es geht nicht um Meinungen, sondern um Wissen.

Infos zum Buch

Dagmar Pauli: Die anderen Geschlechter. Nicht-Binarität und (ganz) trans* normale Sachen. 272 Seiten. Verlag C.H. Beck. München 2023. Broschierte Ausgabe: 18 € (ISBN 978-3-406-80728-2). E-Book: 12,99 €

Informationen zu Amazon-Affiliate-Links:
Dieser Artikel enthält Links zu amazon. Mit diesen sogenannten Affiliate-Links kannst du queer.de unterstützen: Kommt über einen Klick auf den Link ein Einkauf zustande, erhalten wir eine Provision. Der Kaufpreis erhöht sich dadurch nicht.

-w-