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Kunst
Ausstellung "Ussyphilia": Eine Welt jenseits von Binaritäten
Im Berliner Fotografiska-Haus werden erstmals Arbeiten der aus Texas stammenden trans Künstlerin und Performerin Juliana Huxtable in Deutschland gezeigt. Im internationalen Kunstbetrieb hat sie sich längst einen Namen gemacht.

Zwei Arbeiten aus der Ausstellung von Juliana Huxtable: "Biped Chop", 2022 (li.) und "A Stretch, 2022 (Bild: Courtesy of the artist and Project Native Informant, London)
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8. Oktober 2023, 08:16h 5 Min.
In der Modewelt sorgt Juliana Huxtable für Aufsehen, als sie im Auftrag renommierter Modehäuser als eines der ersten afroamerikanischen trans Models auf dem Catwalk debütiert. Für das Pariser Label Kenzo sowie H&M posiert sie in neonblauen Ganzkörperleggins mit Zebramuster; für die Modedesignerin Donna Karen trägt sie einen weißgefiederten Pullover über einem schwarzen Rock, dessen metallischer Glanz nicht zufällig an das Federkleid eines Raben erinnert.
Menschliche Wesen mit animalischen Versatzstücken sind wiederkehrende Motive in der künstlerischen Biografie von Juliana Huxtables, die sich nicht nur als Fashion Model, sondern auch als DJane und Dichterin betätigt. Vor allem aber versteht sie sich als bildende Künstlerin.
In Huxtables Selbstporträts breiten sich Fledermausflügel auf ihrem Rücken aus, greifen Tentakel um sich, wird der Fuß zum Hufbein und die Hand zur Klaue. Die Gesichter auf ihren Acrylbildern, Videos und Multimediainstallationen scheinen mitunter von verniedlichenden "Animal Face Filters" inspiriert zu sein, wie man sie von digitalen Netzwerken wie Snapchat oder Instagram kennt. Doch man sollte sich von der vorgeblichen Harmlosigkeit nicht täuschen lassen.
Anarchie der Identitäten

Blick in eine Videokabine in Huxtables Multimediainstallation (Bild: Axel Krämer)
Auf den ersten Blick scheinen die Motive einem naiven Fantasy-Universums zu entspringen – erst auf den zweiten folgt die Irritation. Es zeigt sich, dass sich hier ein psychedelischer "Raum mit postpornografischem Potenzial" öffnet, in dem sich die geschlechtlichen Körper in die Tierwelt erweitern. "Dreckig und katzenhaft, provokant und plüschig" – so werden Huxtables Figuren im Einführungstext der Schau "Ussyphilia" beschrieben, die als eine von drei Eröffnungsausstellungen im neuen Berliner Fotografiska-Haus noch bis Mitte Januar 2024 gezeigt wird. Dazu gehört auch eine Installation mit Videokabinen, die an Sexshops aus der Zeit vor dem Internet erinnern.
Huxtables Arbeit hat jedoch weniger mit zoophilen Neigungen zu tun – vielmehr zielt sie, wie in einem Interview beschrieben, auf eine "Anarchie der Identitäten" ab. Sie hinterfragt Zuschreibungen von Geschlecht, Sexualität und Hautfarbe und sucht Metaphern als Antworten darauf, wie eine Welt jenseits binärer Kategorien aussehen würde.
In "Ussyphilia" bezieht sie sich auf das von "Pussy" inspirierte Suffix "ussy", das von der American Dialect Society zum Wort des Jahres 2022 gewählt wurde – einerseits, weil dieses eine Vielzahl von neuen Begriffen auf Onlineforen wie TikTok hervorgebracht hat und andererseits, weil all die jungfräulichen Slangwörter sowohl an "eine Katze oder eine Höhle" denken lassen, wie es in der Presserklärung der seit 1889 bestehenden Sprachgesellschaft heißt.
Ausstülpungen und Einstülpungen

Juliana Huxtable (Bild: Emily Dodd-Noble)
Juliana Huxtable greift die Entscheidung des Wahlkomitees auf und findet in geschlechtlichen Merkmalen nicht mehr als "Ausstülpungen und Einstülpungen" – was übrigens recht nah an das historische Ein-Geschlechts-Modell herankommt, das dem US-Historiker und Sexualwissenschaftler Thomas Laqueur zufolge weite Teile des Abendlandes dominierte, bevor die Polarität von Mann und Frau gesellschaftlich in Stein gemeißelt wurden. Dieser Theorie zufolge schrieb man "Frauen und Männern im Hinblick auf ihren geschlechtlichen Körper von der Antike bis zum 18. Jahrhundert nur graduelle Unterschiede" zu. Im Großen und Ganzen ging man jedoch davon aus, dass ihre Körper gleich seien. Bei den weiblichen Geschlechtsorgane handele es sich lediglich um "eine nach innen gestülpte Variante der männlichen Genitalien".
Um geschlechtlich schwer einzuordnende Organismen mit den sonderbarsten Ein- und Ausstülpungen dreht sich William S. Borrouhgs in den 1950er Jahren verfasster Roman "Naked Lunch", in dem sich der Autor mit den Verklemmungen auseinanderzusetzen bemüht, die er infolge gesellschaftlicher Intoleranz gegenüber seiner eigenen Homosexualität verinnerlicht hat. Ins kollektive Gedächtnis haben sich vor allem die außerirdischen Mugwumps und diverse biomechanische Kreaturen aus der Romanverfilmung von David Cronenberg eingebrannt, die in psychedelischen Visionen wie eine düstere Antwort auf die Einschränkungen einer gesellschaftlich verordneten Binarität scheinen. In diesem Kontext muten Juliana Huxtables ästhetische Geschöpfe wie lebensbejahende Gegenentwürfe der verstörenden "Naked Lunch"-Figuren an. Sie lassen jegliche Verklemmung hinter sich und verkörpern die Idee einer selbstbewussten Selbstschöpfung und Selbstrepräsentation für Menschen, die üblicherweise marginalisiert werden.
Erste Ausstellung in der Wahlheimat Berlin
Theoretische Grundlagen für Huxtables Arbeit sind vor allem die queertheoretischen Schriften des spanischen Philosophen Paul B. Preciado, vor allem auf das Werk "Testo Junkie: Sex, Drogen und Biopolitik in der Ära der Pharmapornografie". Und natürlich dient, wie es im Ausstellungstext heißt, auch Huxtables eigene "gelebte Erfahrung als schwarze Transfrau als Ausgangspunkt, um die Fluidität und Vielfältigkeit von Identität in der zeitgenössischen Kultur zu kommentieren".
Im internationalen Kunstbetrieb hat sich die 1987 in Texas geborene Juliana Huxtable längst einen Namen gemacht. Bilder, Installationen und Performances von ihr wurden unter anderem am Centre d'Art Contemporain Genève, in der Londoner Hayward Gallery, auf der Kunstmesse Art Basel oder im Brooklyn Museum in New York gezeigt. Nun präsentiert sie ihre Arbeiten erstmals in Berlin, wo sie seit ein paar Jahren auch ihren Wohnsitz hat und hin und wieder im Berghain auflegt. Der Zugang zu ihrer Arbeit wird sich nicht für alle unmittelbar erschließen. Doch wer sich auf die wahrlich nicht leicht konsumierbare Kunst einlässt, wird in Huxtables Arbeiten eine lohnende Inspiration finden.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zur Ausstellung auf der Fotografiska-Homepage
» Juliana Huxtable auf Instagram
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de















