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TV-Kritik
Wenn queere Kids den bösen Schuldirektor foltern
Ab Freitag im Ersten und jetzt schon in der Mediathek: Die sechsteilige Serie "Nackt über Berlin" von Axel Ranisch erzählt in einer turbulenten Mischung aus Genres von schwuler Liebe, Rache, Familienstreit und Coming-out.

Junge schwule Liebe: Jannik (Lorenzo Germeno) und Tai (Anh Khoa Trần) in "Nackt über Berlin" (Bild: SWR / Studio.tv.film / Oliver Feist)
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10. Oktober 2023, 06:58h 5 Min.
Wir leben in einem goldenen Zeitalter des Fernsehens. So heißt es seit einigen Jahren gern, wenn das katastrophale Überangebot an Serienformaten auf allen Plattformen gelobt wird. Zu begrüßen ist es in jedem Fall, dass auch mit öffentlich-rechtlichen Mitteln kreativ produziert wird. Der schwule Autor und Regisseur Axel Ranisch ("Orphea in Love", "Ich fühl mich Disco") hat mit "Nackt über Berlin" ein solch grundsätzlich interessantes Serienexperiment für den SWR und arte gewagt.
In einer turbulenten Mischung aus Genres erzählt "Nackt über Berlin" – nunja, etliche Geschichten gleichzeitig. Zwischen schwuler Liebe, Coming-out, Jugendmelodram, Familienstreit, Rachekrimi und anderen ist es schwer zu sagen, was die Serie nun ist. Halt ein televisueller Wolpertinger.
Im Zentrum der Handlung steht der siebzehnjährige Jannik (Lorenzo Germeno), der gleichermaßen mit seiner sexuellen Orientierung und seinem Übergewicht hadert. Seine Mutter (Alwara Höfels) liebt ihn bedingungslos, für den strengen Vater (Devid Striesow) ist der Sohn eine konstante Enttäuschung. Als Janniks Mitschüler Tai (Anh Khoa Trần) – zwischen den beiden Jungen knistert es ganz offensichtlich – ihm eines Abends Videos schickt, auf denen der Schuldirektor Lamprecht (Thorsten Merten) zu sehen ist, der sturzbesoffen durch die Straßen torkelt, ist die Lunte, die zum Pulverfass der Geschichte führt, entzündet. Die beiden sperren den Rektor in dessen Smarthome-Apartment ein und beginnen damit, ihn über Tage psychologisch zu foltern.
Die Grenzen der Moral
Es ist natürlich das gute Recht und streitbarerweise sogar die Pflicht der Kunst, auch die Möglichkeiten des Unmenschlichen und die Grauzonen des Moralischen zu erkunden. Die Frage nach dem Wert des Verbrechens zu stellen, dem Nutzen von Gewalt, den Grenzlinien, ab denen das Schlechte nicht nur akzeptabel, sondern gar gut und richtig wird, ist geradezu eine kulturgeschichtliche Grundbedingung. Ist Gewalt legitim, wenn sie nur gegen die Richtigen gerichtet ist? Wenn sie zu Besserung führt? Kann sie kathartisch sein?

Die Zustände von Lamprecht (Thorsten Merten) werden immer seltsamer. Eine Racheshow? Mit Monstern, gutgelaunter Moderatorin (Gayle Tufts) und ihm selbst als Gewinner des Direktoren-Arschloch-Preises? (Bild: SWR / Studio.tv.film / Oliver Feist)
Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen droht, schnell geschmacklos bis verwerflich zu werden, wenn sie – wie im Falle von "Nackt über Berlin" – so vollkommen ohne Ambivalenzen geschieht. Die Überlegung, dass Jannik und Tai vielleicht trotz ihrer guten Absichten, den Direx für sein Fehlverhalten in der Vergangenheit zu bestrafen, und eben durch die Wahl ihrer Mittel, zu Tätern werden, ist der Serie quasi fremd. Mal kurz flackert zwischen den beiden Jungen ein Streit auf, wie weit sie mit Lamprecht gehen wollen, was noch akzeptabel ist. Doch das wird nebensächlich abgehandelt und fällt neben dem Ende nicht ins Gewicht. Denn schlussendlich funktioniert der Gewaltmissbrauch. Der böse Schulleiter wird durch Folter gebrochen, lernt seine Lektion und wird zum besseren Menschen. Jannik und Tai sind die Helden, die die Welt verbessern. Zumindest wird das lächelnde Schlussbild so ohne Frage und Zweifel in Szene gesetzt.
"Nackt über Berlin" postuliert eine apologetische Queerness, die abzulehnen ist. Gewalt ist böse, wenn sie die Nazis gegen Minderheiten verüben, wenn sie in Form von Machtmissbrauch oder auch nur unterlassener Sorgfalts- und Aufsichtspflicht daherkommt. Wenn es die aggressiven Mitschülerinnen sind, die sich eine goldene Nase im Mobbing zu verdienen wollen scheinen. Aber sie ist vollkommen cool, wenn es die queeren Kids sind, die den ach so bösen Schulleiter foltern.
Schultheaterhafte Systemkritik
Es mag dieser Kritik entgegenhalten werden, dass dieser Aspekt in der Serie ja gar nicht so zentral sei. Dass Lehrer Lamprecht nur ein Teil des umfangreichen Potpourris an Handlungssträngen und Themen ist, die in "Nackt über Berlin" verhandelt werden, und dass der Fokus darauf die vielleicht gelungene schwule Liebesgeschichte unfairerweise abtut. Doch genau darin liegt das Problem. Indem die Legitimität von Gewalt eklektisch in eine Reihe gestellt wird neben Übergewicht, Teenie-Romantik, Familienstress, Tschaikowski etc. wird das Thema bagatellisiert.
Besonders schade ist dieses Misslingen in Anbetracht einiger sehr schöner inszenatorischer Entscheidungen. Die wiederkehrenden Traumsequenzen etwa, die mit offensichtlich großer spielerischer Lust am Fantastischen und dem visuellen Experimentieren gemacht sind, sind wunderbar. Dass die Serie für das lineare Fernsehen gemacht ist, ist ihr an einigen Stellen sehr deutlich anzumerken. Es muss jede Folge einen 45-minütigen Slot im Sendeplan füllen, da muss ab und an halt durch Fahrradfahren in Zeitlupe etwas Zeit geschunden werden. Die Entwicklung der Figuren kommt dafür an anderen Stellen etwas gehetzt daher.

Zwischen Jannik (Lorenzo Germeno) und Tai (Anh Khoa Trần) kommt es zum ersten Kuss (Bild: SWR / Studio.tv.film / Oliver Feist)
Schauspielerisch ist das Ganze eine ähnlich wilde Mischung wie thematisch. Die ermüdenden binären Geschlechterklischees, die "Nackt über Berlin" reproduziert – Janniks Mutter ist einfühlsam und liebevoll, leistet die emotionale Care-Arbeit nicht nur aus systemischem Zwang, sondern "natürlicher" Veranlagung heraus, sein Vater ist stoisch streng, um wahre "Männlichkeit" bemüht. Diese ermüdenden Klischees sind nur deshalb erträglich, weil Alwara Höfels und Devid Striesow sie gekonnt zu spielen wissen.
Ausnahmestar der Serie ist aber wohl Anh Khoa Trần. Die Rolle des Tai ist eine derart absurde Mischung an Extremen, dass es wirklich beeindruckend ist, mit welcher Leichtigkeit Trần sie zu spielen weiß und die Register wechseln kann.
So gute Absichten "Nackt über Berlin" auch verfolgt, so intersektional die Serie an einigen Stellen denkt, am Ende ist sie leider ein misslungenes Experiment. Dem eigenen Material nicht gewachsen und in der Systemkritik ziemlich infantil sollte sie eigentlich noch mal in die Vorproduktionsphase zurück. Leider ist sie schon in der Mediathek.
Links zum Thema:
» "Nackt über Berlin" in der ARD-Mediathek
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» Mehr TV-Tipps zu LGBTI-Themen täglich auf queer.de
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» auf sissymag.de
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