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Filmkritik

Die farbigen Schatten von trans Frauen

Betty Lerches neue Docufiction "Wenn Eisvögel Feuer fangen" erzählt die tief bewegenden Geschichten mehrerer trans Frauen. Trotz vieler negativer Erfahrungen gibt es immer wieder Momente des Optimismus.


Schriftstellerin Beverly spricht über ihre Jugend, ihre Familie und ihre Transition (Bild: Betty Lerche)

Anfang Oktober feierte "Wenn Eisvögel Feuer fangen", der erste abendfüllende Film der Berliner Künstlerin Betty Lerche, im Berliner Bundesplatzkino Premiere. Die 75-minütige Docufiction erzählt tief bewegende Geschichten von trans Frauen, darunter etwa Beverly, Charlotte und Grete. Eine weitere Aufführung gibt es am Freitag, den 13. Oktober 2023 um 18 Uhr im Berliner Kino Arsenal.

Eine der zentralen Fragen des Films ist sicherlich, was man unter "Geschlecht" versteht, und welche Folgen "Geschlechterstereotype" haben können. Die trans Frau Charlotte ist sich beispielsweise sicher, dass man "Geschlechter macht" ("doing gender") und sich auch stets neu erfinden kann. Sie selbst ist kein großer Fan von Labels und musste auch schon bittere Erfahrungen machen, da sie nicht der vermeintlichen "Norm" entsprach.

Über diese Erfahrungen spricht sie an gleich mehreren Stellen im Film. Bereits in ihrer Jugend habe sie sich überwiegend mit weiblichen Personen umgeben, mit Barbies gespielt und es geliebt zu backen. Hierfür sei sie abgewertet worden, während ihre fußballspielende Schwester mit kurzen Haaren als "Heldin" gefeiert wurde. Erlebnisse, mit denen sich viele Zuschauer*innen sicherlich identifizieren können.

Tod, Nacktheit und Fundamentalismus

Neben dem Geschlecht geht es aber auch um Themen wie den Tod, Nacktheit oder Fundamentalismus. Die trans Frau Beverly erzählt etwa vom Tod ihres Bruders im Alter von 62 Jahren und was dieser in ihr ausgelöst hat. Für Momente wie diesen schadet es nicht, Taschentücher parat zu halten.

Die Protagonist*innen des Films schaffen es beinahe mühelos, dass man an ihren Lippen hängen bleibt. Hierzu tragen allerdings nicht nur die Themen bei, über die sie sprechen, sondern auch ergreifende Zitate, die sich wohl für einige Zeit bei den Zuschauer*innen einbrennen werden.


Regisseurin Betty Lerche (mi.=) mit Manuela Kay und Jörg Litwinschuh-Barthel am 3. Oktober 2023 bei der Filmpremiere in Berlin (Bild: Torsten Barthel)

Einen dieser einprägsamen Momente hat die trans Frau Charlotte mit folgendem Satz geschaffen: "Ich verzichte nicht darauf, dass ich ich selbst bin." Was anfangs relativ banal klingt, hat eine starke Message: Denn bevor sie sich verstelle, nur um anderen zu gefallen, würde sie lieber auf einen Partner verzichten.

Die Schriftstellerin Beverly hingegen rezitiert einen Satz, den sich damals ein bisexueller Kommilitone von ihr anhören musste: "Lieber ein toter Sohn als ein schwuler Sohn." Diese Aussage erinnere sie bis heute daran, dass die 1980er Jahre in Westdeutschland gar nicht allzu weit von der Politik Bolsonaros in Brasilien entfernt seien.

Ernüchternde Zahlen rund um Transfeindlichkeit

Besonders schockierend sind die Zahlen und Fakten, die im Hinblick auf das Thema Transfeindlichkeit genannt werden. So berichtet der Rabbi Mike Moskowitz, dass die Lebenserwartung von trans Women of Color in den USA bei nur 35 Jahren liege, während die allgemeine Lebenserwartung 80 Jahre betragen würde.

Im Rahmen dessen werden Screenshots von Nachrichtenberichten über die weltweiten Morde an trans Personen eingeblendet. Angehörige erzählen, wie sehr sie unter diesen Morden leiden und dass sie gleich mehrere trans Freund*innen verloren hätten. Sie rufen dazu auf, dass der Hass gegenüber trans Personen dringend gestoppt werden muss. Bewegende Momente, die eine hohe Anzahl an Zuschauer*innen verdient haben.

Doch auch die deutschen Protagonist*innen erzählen von ihren traurigen Erlebnissen. Beverly habe damals sogar von ihrer Familie Ablehnung erfahren und wurde von ihrer Mutter dazu gezwungen, als Mann zu leben. Denn diese wollte in ihr einen Sohn sehen. Für Beverly besonders schlimm, zumal es damals wenig Informationen über das Transgeschlechtlichkeit gab, und es auch schwierig war, Kontakte zu finden. Tatsachen, über die man bei der heute wesentlich größeren Fülle an Infos vielleicht gar nicht mehr nachdenkt.

Das Glück als temporärer Begleiter bietet Hoffnung

Neben diesen emotionalen Momenten schafft es der Film aber auch, dass man durchaus optimistisch bleibt, und erzählt von den glücklichen Momenten der Protagonist*innen. Diese glücklichen Momente werden auch als farbige Schatten beschrieben, die zwar nicht greifbar seien, aber immer wieder auftauchen würden. Teilweise seien die trans Frauen selbst davon überrascht, wie viele glückliche Momente sie letzten Endes dann doch erleben dürfen.


Szene aus "Wenn Eisvögel Feuer fangen" (Bild: Betty Lerche)

Für die Protagonistin Grete war es beispielsweise ein besonders einprägsamer Moment, als sie zum ersten Mal gespürt hat, dass ihre Klitoris funktioniert. Vermutlich wird sie sich ihr ganzes Leben lang an diesen Abend in einer Berliner Bar erinnern und gibt den betroffenen Zuschauer*innen damit Hoffnung, dies selbst zu erleben.

Teils zu langatmig, teils zu spirituell

Stören könnten sich einige Zuschauer*innen an den vielen Szenen, die zwischendurch aus Filmen, Musikvideos oder Cartoons wie Betty Boop eingeblendet werden. Denn diese dauern teils mehrere Minuten und unterbrechen den Redefluss der Protagonist*innen. Dennoch komplementieren sie häufig das Gesagte und werden durch Tanzvideos der Protagonist*innen ergänzt, was das Ganze künstlerisch durchaus bereichert.

Zudem dürften nicht alle dem Thema Spiritualität so viel abgewinnen wie die Protagonist*innen des Films. Eine zentrale Figur, die in diesem Themenkomplex auftaucht, ist der "Große Geist" Wakan Tanka, der der indigenen Kultur der Lakota entspringt. Ob die Geschichten über ihn einen großen Mehrwert für den Film bieten, ist fraglich. Ein paar gute Ansätze aus dieser Lehre gibt es aber: Denn die Lakota hätten keine Definitionen dafür, was normal und unnormal sei. Für sie sei alles "inkludiert", weshalb sie auch keine "Inklusion" benötigen würden.

Das richtige Verhältnis zwischen Positivem und Negativem

Und so zeigt sich, dass selbst die Teile des Films, die man vielleicht als störend oder unnötig empfindet, am Ende doch eine hohe Aussagekraft haben. Und dass man auch aus negativen Dingen stets etwas Positives herausziehen kann und so auf gewisse Art und Weise seine eigenen, farbigen Schatten bildet.

Es mag an manchen Stellen weh tun, den Protagonist*innen zuzuhören. Aber dieser Schmerz, diese zwischenzeitliche Schwerfälligkeit, ist notwendig. Denn auch über die vielen negativen Ereignisse muss gesprochen werden, damit sich künftig etwas ändert.

Dennoch bleibt eben sehr viel Positives und Motivierendes. Sätze wie "Jeder Körper ist schön" lassen einen am Ende doch mit einem guten Gefühl zurück, und so hat sich diese Gratwanderung zwischen Leicht- und Schwerfälligkeit doch als richtige Mischung erwiesen. Gepaart mit sympathischen Protagonist*innen, starken Zitaten und einprägsamen Zahlen und Fakten.

Infos zum Film

Wenn Eisvögel Feuer fangen oder Das letzte Reservat. Docufiction. Deuschland 2023. Regie: Betty Lerche. Laufzeit: 75 Minuten. Sprache: deutsch-englische Originalfassung mit Untertiteln. Nächste Aufführung am Freitag, den 13. Oktober 2023 um 18 Uhr im Berliner Kino Arsenal
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