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Interview
Als trans Mann bei den Taliban
Der australische Filmemacher Jordan Bryon hat einen Film über seine Arbeit als eingebetteter Journalist bei den Taliban gedreht. Im Interview erzählt er, wieso das als trans Mann besonders gefährlich war, warum er sich dennoch wohl fühlte und was er an Afghanistan vermisst.

Jordan Bryon (links mit grünem Oberteil) lebte jahrelang unter den Taliban (Bild: Neil Brandvold)
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11. Oktober 2023, 06:16h 9 Min.
Der australische Filmemacher Jordan Bryon hat jahrelang in Afghanistan gelebt. Unter anderem für die "New York Times" drehte der trans Mann dort Dokumentationen. Inmitten seiner Hormonbehandlung musste er als eingebetteter Journalist eine komplizierte Beziehung zu den Taliban-Kämpfern aufrechterhalten. Wie er sein eigenes Selbstverständnis bewahren und gleichzeitig sein Leben schützen konnte, dokumentierte Byron zusammen mit Monica Villamizar im Film "Transition". Die Dokumentation ist ab 12. Oktober 2023 beim Human Rights Film Festival in Berlin zu sehen.
Wir hatten Gelegenheit, uns mit Jordan Bryon über seine Erfahrungen in Afghanistan zu unterhalten. Wenn er über die Zeit bei den Taliban spricht, klingt er fröhlich, er lacht häufig, flucht aber auch viel. Aktuell lebt Bryon in Bosnien.
Jordan, du hast schon länger als Filmemacher in Afghanistan gelebt, bevor nach dem Rückzug der internationalen Truppen die Taliban im August 2021 die Macht wieder übernahmen. Warum bist du in Afghanistan geblieben?
Diese Frage höre ich oft, und ich weiß, dass meine Antwort wahrscheinlich die kitschigste ist, die ich geben kann, aber ich meine es wirklich ernst: Wir Ausländer*innen, auch ich, haben unsere Karriere auf dem Elend in Afghanistan aufgebaut. Ich war mir dessen immer sehr bewusst und habe mein Bestes gegeben, um dem Land etwas zurückzugeben. In diesem Moment war ich mir einfach sicher, dass ich bleiben und meine Arbeit tun muss. Ich musste mit meiner Kamera dokumentieren, was vor sich ging. Und ich weiß, das klingt jetzt wieder kitschig, aber ich hatte das Gefühl, dass ich das dem Land schuldig war. Die Zeit war absolut beängstigend. Wir wussten nicht, was passieren würde, ob die Taliban uns sofort hinrichten würden. Man spricht immer von Intuition, und mein Bauchgefühl hat mir gesagt, dass schon alles gut geht.
Wie gefährlich war das Leben und Arbeiten als Journalist und als trans Mann in Afghanistan unter den Taliban?
Sie wussten nicht, dass ich trans bin, also war dort vieles einfacher, weil sie mich einfach für einen Mann hielten und mich als Mann akzeptierten. Wir drehten einen Film für die "New York Times" und lebten mit dieser Taliban-Einheit. Wenn ich kein Mann gewesen wäre, hätte ich niemals diesen Zugang bekommen, ich hätte niemals so intim mit ihnen sein können. Und weil sie nicht wussten, dass ich trans bin, war es dahingehend nicht gefährlich. Gefährlich war jedoch, dass ich zu der Zeit immer noch Brüste hatte, und ich habe einen Binder getragen, um meine Brüste abzuflachen. Ich habe immer Abstand zu den Taliban gehalten, mit denen ich filmte, weil ich nicht wollte, dass sie mich versehentlich berühren – untenrum würde ja etwas fehlen und obenrum war etwas, was dort nicht sein sollte. (lacht)
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Du warst also sehr vorsichtig.

Poster zum Film: "Transition" läuft beim Human Rights Film Festival in Berlin am 12.10.2023 (Hackesche Höfe, 22 Uhr), 13.10.2023 (Sputnik Kino, 20.30 Uhr) und 18.10.2023 (Acud Kino, 19 Uhr)
Oh ja, auf jeden Fall. Eine weitere Herausforderung war, dass in all meinen Dokumenten immer noch "weiblich" stand, denn es ging alles so schnell, dass ich meine Dokumente nicht ändern konnte. Aber ich hatte das Glück, dass die Taliban da noch nicht koordiniert waren. Die Ministerien haben nicht miteinander kommuniziert.
Was genau war für dich gefährlich: dass die Taliban transfeindlich sind oder dass sie dich als Frau sehen würden – und Männer in ihrer Ideologie keinen Umgang mit fremden Frauen haben dürfen?
Die Taliban sind nicht tolerant gegenüber queeren Personen – auch wenn "queer" ein westlicher Begriff ist, mit dem die meisten Menschen dort nichts anfangen können. Niemand weiß aber, wie sie mit einem Ausländer umgehen, der sich in ihren Augen als Mann ausgibt. Man muss auch unterscheiden zwischen der Führung, die die Dekrete erlässt, die Scharia auslegt und die Regeln erklärt, und den unteren Taliban. Die Einheit, mit denen mein Co-Produzent Teddy und ich als eingebettete Journalisten drehten, sind eine andere Geschichte. Da gibt es einige, wo ich keinen Zweifel habe, dass sie erstens sehr gewaltsam gegen Teddy vorgegangen wären und ihn als Afghanen dafür bestraft hätten, dass er mich mitgebracht und damit ihre Kultur und Religion verraten hat, wenn sie gemerkt hätten, dass ich eigentlich eine sogenannte biologische Frau bin. Und dann auch gegen mich. Aber es gibt auch andere Taliban, wo ich vermute, dass sie nicht so extrem gewaltvoll reagiert hätten wie etwa die Hauptfigur des Films.
Im Film sagst du, dass du dich in diesem Taliban-Dorf mitten im Nirgendwo wohler gefühlt hast als in einer queeren Bar in Sydney.
Ja, das ist ein kühner Gedanke, oder? Ich bin in Australien auf dem Land aufgewachsen und wurde dort gemobbt. Ich habe Narben auf meinem Rücken, weil ich mit Steinen beworfen wurde. Ich habe von klein auf gelernt, dass ich ein Problem bin, und das hat sich bei mir festgesetzt, auch wenn meine Eltern alles dagegen getan haben. Ich habe bis heute verinnerlichte Homo- und Tranfeindlichkeit. Ich habe in vielen Ländern auf der ganzen Welt gelebt, aber die Labels haben mich immer verfolgt, weil ich viele Stereotype unserer Community erfülle. In Afghanistan konnte ich völlig anonym sein. Die Menschen dort haben kein Verständnis für LGBTQIA. Ich war also einfach Jordan, und durch diese Anonymität konnte ich der werden, der ich sein wollte: der aufblühende trans Mann, der ich jetzt bin. Und ich liebe es, ein trans Mann zu sein. Bei dieser Taliban-Einheit war ich nicht einmal ein trans Mann, ich war einfach ein Mann. Sie hatten keine Ahnung, dass ich trans bin. Ich weiß nicht einmal, ob sie wissen, was trans ist. Durch diese Anonymität und pure Akzeptanz, die natürlich auf Unwissenheit beruht, habe ich mich wirklich wohl gefühlt.

Jordan Bryon: "Ich habe mich unter den Taliban wohl gefühlt" (Bild: Neil Brandvold)
Es wirkt im Film, als würdest du manche Taliban echt mögen. Du machst Witze und spielst mit ihnen.
Ja, auf jeden Fall. Deshalb war die ganze Erfahrung dort so ein Mindfuck für Teddy und mich. Monatelang haben wir mit diesen Männern gegessen, unter der gleichen Decke geschlafen. Die Freundschaft war echt. Ich hasse alles, wofür die Taliban stehen, und ich bin von ganzem Herzen gegen sie und ihre Überzeugungen. Und während ich diese Wut und diesen Hass habe, erkenne ich gleichzeitig an, dass ich Beziehungen zu Taliban aufgebaut habe. Dieses ganze Hin und Her war extrem verwirrend. Aber als Filmemacher ist es meine und Teddys Aufgabe, die Perspektive der Leute zu verstehen. Teilweise verstehe und respektiere ich die Taliban. Diese kognitive Dissonanz ist extrem verwirrend, aber auch schön und erhellend. Ich denke, wir müssen so eine kognitive Dissonanz aushalten. Wir müssen zwei gegensätzliche Gedanken und Gefühle gleichzeitig haben können, wenn wir irgendwann Frieden in der Welt schaffen wollen.
Du sagst zu deiner Mutter, dass du die Taliban verrätst, weil du ihnen nicht erzählst, dass du trans bist. Dabei hätte dich das dein Leben kosten können. Kannst du dieses Gefühl erklären?
Das ist verrückt, oder? Dieses ethische Dilemma hat mich damals sehr beschäftigt. Denn erstens sind trans Menschen nicht verpflichtet, anderen zu sagen, dass sie trans sind. Zweitens konnte ich es ihnen nicht sagen, weil es gefährlich gewesen wäre. Drittens ist es auch besser für sie, wenn sie es nicht wissen, denn sollte der Film unter der Taliban-Führung bekannt werden, dann hatten meine Protagonisten keine Ahnung von mir, was sie schützt. Trotz dieser logischen Argumente habe ich mich gefragt, ob das in Ordnung ist, ob ich es ihnen nicht sagen müsste. Denn es ist eine Sache, ihnen nicht zu sagen, dass ich trans bin, aber es ist eine andere Sache, einen Film darüber zu machen und ihn der Welt zu zeigen. Es war mir wirklich wichtig, dass die Dokumentation diese Fragen stellt, aber nicht beantwortet – weil ich selbst keine Antwort habe.
Hast du noch Kontakt zu den Taliban-Kämpfern, mit denen du gedreht hast? Haben sie den Film gesehen?
Ja, ich habe immer wieder Kontakt zu ihnen. Und nein, sie wissen definitiv nichts über den Film und ich hoffe, dass sie ihn nicht schauen. Diese Männer können selbst ihre eigene Sprache kaum lesen und schreiben, geschweige denn Englisch. Das Konzept, etwas zu googlen, kennen sie nicht. Allerhöchstens die Taliban-Führung könnte die Doku entdecken und sie damit konfrontieren. Aber ich bin nicht mehr in Afghanistan, es gibt keinen Grund, Informationen über mich zu suchen.
Hast du noch Kontakt zu queeren Menschen aus Afghanistan?
Denen geht es verdammt miserabel. Es ist wirklich schlimm. Es gab früher nur sehr wenige Organisationen, die die Community unterstützt haben, und ich glaube, jetzt sind es noch weniger, weil sie einfach keine Gelder ins Land bekommen. Es gab viele Verhaftungen und Menschen wurden gefoltert.

"Sie hatten keine Ahnung, dass ich trans bin" (Bild: Neil Brandvold)
Vermisst du Afghanistan trotz all deiner Erfahrungen?
Oh mein Gott, so sehr! Es war eine schwere Entscheidung, den Film zu machen, weil ich wusste, dass ich dann in absehbarer Zeit nicht mehr zurückkehren kann. Aber ich glaube, dass der Film einen Mehrwert darstellt, und das war es wert.
Was genau vermisst du?
Es gibt eine Atmosphäre in Afghanistan, die ich nirgendwo anders erlebt habe. Die greifbaren Dinge, die Afghanistan so unglaublich machen, sind die Kultur, die Geschichte, die Landschaft, die Menschen, das Essen, die Farben, das Chaos. Aber dann gibt es da noch diese andere, nicht greifbare Seite, die man nur schwer in Worte fassen kann. Dieses Gefühl, das an einem Ort entsteht, an dem Unterdrückung und Widerstand aufeinandertreffen, ist unglaublich. Es geschehen unaussprechlich grausame Dinge, und es geschehen phänomenale Dinge. Es ist einfach unglaublich, wie das afghanische Volk sich weigert, aufzugeben. Das klingt wieder kitschig, aber genau das ist inspirierend.
Du hast gesagt, dass du in Afghanistan bleiben wolltest, um dem Land etwas zurückzugeben. Hast du das geschafft?
Oh, mein Gott, das ist eine verdammt schwierige Frage. (überlegt lange) Ich war bei den Evakuierungen dabei, ich habe gemeinsam mit ein paar Afghanen fünf Busse mit 280 Menschen organisiert und zum Flughafen und damit außer Landes gebracht. Die Risiken zu der Zeit waren gewaltig, wir stießen auf ein Hindernis nach dem anderen. Doch ich habe nicht aufgegeben. So konnte ich ganz konkret etwas zurückgeben. Und als Filmemacher habe ich mich im Laufe der Jahre dafür eingesetzt, eine Seite Afghanistans zu zeigen, die anders als die in den Schlagzeilen ist. Darauf bin ich sehr stolz. Ich denke, ich habe dazu beigetragen, die Dinge in Afghanistan, für die es sich zu kämpfen lohnt, darzustellen.
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