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Kinostart
Macho Caravaggio: Alle zehn Minuten eine nackte Frau
Heterosexueller Male Gaze macht Michele Placidos Historiendrama "Der Schatten von Caravaggio" nahezu unerträglich. Die schwule Beziehung des queeren Malers wird nur durch einen kurzen, verhaltenen Kuss angedeutet.

Riccardo Scamarico als Caravaggio (Bild: Wild Bunch Germany)
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12. Oktober 2023, 04:11h 4 Min.
Unendliche Welten, unendliche Sonnen, unendliche Universen. Michelangelo Merisi (Riccardo Scamarico) ist am ganz Großen interessiert und sucht es im Kleinen. Unter seinem Pseudonym Caravaggio ist der Maler berühmt. Er richtet sich gegen die im Jahr 1600 in Italien vorherrschende Auffassung von Malerei und interpretiert biblische Szenen in seinen Gemälden neu. Anders als die katholische Kirche sie sehen will. Und noch dazu lässt er Bettler und Prostituierte Modell stehen. Ein Skandal, der schließlich den Papst dazu veranlasst, einen Spion (Louis Garrel) auf ihn anzusetzen, der ihm wie ein Schatten folgt und entscheiden muss, über Leben und Tod…
Groß und ernst – und langweilig
"Der Schatten von Caravaggio" ist ein ganz großer Historienfilm. Und ach so konventionell. Von der tatsächlichen, historischen Geschichte wird frei abgewichen, wo diese gerade nicht passt. Die Hauptsache ist, dass die Kostüme flattern, Ausstattung und Szenenbild überbordend das Bild füllen und viele nackte Frauen zu sehen sind, die für die Handlung irrelevant bleiben.
Ohne einen Funken Selbstironie widmet sich Regisseur Michele Placido der Lebensgeschichte des berühmten Malers. Das Ergebnis ist recht langweilig, viel zu lang und nimmt sich viel zu ernst. Szenen wie etwa diejenige, die Caravaggios manisches auf die Leinwand Einpinseln zeigen, nachdem er spontan beschlossen hat, dass er mit der jungen Prostituierten Lena (Micaela Ramazzotti) doch nicht schlafen, sondern sie malen will, wirken dermaßen albern, dass es wirklich schwerfällt, überhaupt noch ernstzubleiben. Das Problem ist dabei gar nicht mal so sehr das überzogene Schauspiel an allen Fronten. Hauptdarsteller Riccardo Scamarcio müssen die Dreharbeiten einen mehrmonatigen Muskelkater im ganzen Gesicht beschert haben, so sehr scheint er darauf bedacht, auch ja jede Emotion von Ohr zu Ohr und vom Scheitel bis zum Adamsapfel sichtbar zu machen. Aus dem Englischen entlehnen wir: Over-acting.
Auf der anderen Seite spielt Louis Garrel den sich durch Caravaggios Vergangenheit ermittelnden Schatten mit einer so wahnsinnig angestrengt stoischen Miene. Von der einen Szene abgesehen, als er kurz schreit und nochmal unterstreicht, dass das Schauspiel hier wirklich nichts ist. Isabelle Huppert hat ihre Darstellung der adligen Kunstmäzenin auf einen stets leicht unsicheren Blick reduziert.
Male Gaze maximal

Poster zum Film: "Der Schatten von Caravaggio" startet am 12. Oktober 2023 im Kino
Nein, das theatralische Schauspiel, das angestrengte Umklammern von Gitterstäben, sich auf Betten Niedersinken-Lassen, das wedelnde Schwingen von Schwertern – all das könnte an anderer Stelle ja gerade für Camp-Vergnügen sorgen. Doch was dem in die Quere kommt, ist der so raumgreifende Machismo, der "Der Schatten von Caravaggio" prägt.
Es wird bis heute immer wieder darüber gestritten, wie queer die historische Figur Caravaggio nun wirklich war. Ob er homosexuell war oder nicht, ob er Menschen aller Geschlechter begehrte, ist unklar. Fest steht, wenn man sie maximal queer denkt, kommt ein besserer Film dabei heraus, so zum Beispiel Derek Jarmans "Caravaggio" (1984). Ebenso umstritten ist auch Caravaggios pädophile Orientierung. Doch das ist auch gar nicht entscheidend, was nun verbrieft und belegt ist. Der Film entscheidet sich dafür, ihn als Liebhaber von Frauen, Männern und auch junger Knaben darzustellen. Während es zu begrüßen ist, dass sexueller Verkehr mit Minderjährigen nur erwähnt wird, ist der großflächig visuell ausgesparte Sex zwischen erwachsenen Männern eine sich selbst bloßstellende Fehlleistung des Films.
Das Problem ist nicht, dass der Film die Beziehung zwischen Caravaggio und dem Mann, mit dem er praktisch in einer Beziehung lebt, nur durch einen kurzen, verhaltenen Kuss andeutet. Nein, sondern dass hingegen alle zehn Minuten eine Frau nackt oder nackt beim Sex, oder halbnackt, weil ausgepeitscht, gezeigt wird, oder geschlagen oder geohrfeigt wird. Diese Art von heterosexuellem Male Gaze langweilt nun wirklich schwer.
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Viel Gerede, nichts dahinter
Doch selbst über überkommene filmische Klischees im Blick auf die Geschlechter könnte noch hinweggesehen werden, wenn denn der durch übertriebenes Schauspiel vermittelte Plot wenigstens interessant wäre. Doch da ist es berauschender, einfach den Wikipedia-Artikel zum Leben Caravaggios zu lesen. Beziehungsweise fühlt es sich ungefähr so an, als würde der den Film über vorgelesen. Keine Minute ist mal Ruhe, ununterbrochen wird die Handlung erklärt.
Ein Kardinal oder Bischof oder sonstiger Kirchenbediensteter erklärt einem Gesandten, was als nächstes passieren soll oder zuletzt passiert ist. Caravaggio trägt Lena oder im Streit irgendeinem austauschbaren Edelmann die eigenen Motive groß deklamierend vor. Aus dem Off wird, während durch Gärten oder Wälder geritten oder gemalt wird, en detail aufgeführt, wer jetzt wo wem wann begegnet ist und wer bei diesem Treffen was über wen gesagt und nicht gesagt und und und… Es ist zum wahnsinnig werden.
Der Schatten von Caravaggio. Drama, Biografie. Italien, Frankreich 2022. Regie: Michele Placido. Cast: Riccardo Scamarcio, Louis Garrel, Isabelle Huppert, Micaela Ramazzotti, Mario Molinari/Tedua, Vinicio Marchioni, Lolita Chammah. Laufzeit: 114 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Verleih: Wild Bunch Germany. Kinostart: 12. Oktober 2023
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