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Filmtipp

Transition in einem der queer­feindlichsten Länder der Welt

Es ist fast unfassbar: Jordan Bryon war als eingebetteter Journalist bei den Taliban – als trans Mann. Wie gefährlich seine Arbeit war und weshalb er sich dennoch unter Islamisten wohl fühlte, zeigt die beeindruckende Doku "Transition".


Jordan Bryon lebte jahrelang unter den Taliban (Bild: Neil Brandvold)

"Fuck, fuck, fuck", sagt Jordan Bryon, als er seine erste Testosteron-Spritze bekommt. Schmerz mischt sich mit Freude. Ein besonderer Moment, vor allem weil der australische Filmemacher seine Transition in Afghanistan beginnt, einem der weltweit gefährlichsten Länder für queere Menschen. Ein gutes Thema, denkt er sich, und beginnt, seine Transition zu dokumentieren.

Jordan will im Land bleiben, als die Taliban die Macht übernehmen. Obwohl das für ihn als trans Mann gefährlich ist, obwohl er nicht weiß, wie die Islamisten auf ihn als ausländischen Journalisten reagieren. Es war sein Bauchgefühl, das ihn bestärkt hat, sagt er im queer.de-Interview.

Muss er den Taliban sagen, dass er trans ist?

Durch einen Zufall kommt er gemeinsam mit seinem afghanischen Co-Autor Farzad Fetrat, den alle nur Teddy nennen, bei einer Taliban-Einheit unter, als sogenannte eingebettete Reporter. Seine Transition erweist sich hier als Glück, denn einer Frau wären solche Zugänge verwehrt geblieben. Die Taliban-Kämpfer kennen untereinander nicht einmal die Namen ihrer Ehefrauen, erklärt Jordan seiner Mutter später, um die Stellung der Frau zu verdeutlichen.

Jordan dreht einen Film für die "New York Times" über die Kämpfer, und gleichzeitig dreht er gemeinsam mit Teddy und Monica Villamizar eine Dokumentation darüber, wie er als trans Mann den Film bei den Taliban produziert. Damit beginnt ein moralisches Dilemma für den australischen Filmemacher: Müsste er den Taliban nicht sagen, dass er trans ist? Eine Frage, auf die der Film bewusst keine Antwort liefert.

Transitions-Zeremonie in Kabul


Poster zum Film: "Transition" läuft beim Human Rights Film Festival in Berlin am 12.10.2023 (Hackesche Höfe, 22 Uhr), 13.10.2023 (Sputnik Kino, 20.30 Uhr) und 18.10.2023 (Acud Kino, 19 Uhr)

"Transition" ist jedoch mehr als eine reine Behind-the-Scenes-Reportage. In der Doku spricht Jordan teilweise direkt in die Kamera, redet wie Youtuber*­innen von seinen Erfahrungen mit den Taliban. Der Film kommt Jordan sehr nahe, zeigt seinen fröhlichen, oft enthusiastischen Charakter, lässt ihn immer wieder fluchen.

Die Doku, die beim diesjährigen Tribeca Film Festival Weltpremiere feierte und ab 12. Oktober 2023 beim Human Rights Film Festival in Berlin zu sehen ist, lässt auch Konflikte nicht aus: Teddy und Jordan machen sich Sorgen umeinander. "Sollten die Taliban erfahren, dass ich trans bin, dann wusstest du von nichts", befiehlt Jordan seinem Kollegen fast schon. Und auch Jordans Partnerin Kiana sorgt sich, es kommt zum Streit.

Wir sehen Jordan sowohl bei seinen Dreharbeiten als auch bei wichtigen Stationen seiner Transition: Er reist in den Iran, um sich die Brüste abnehmen zu lassen, später gibt es in Kabul eine Transitions-Zeremonie, bei der er gemeinsam mit internationalen Freund*­innen seinen BH verbrennt. Das sind herausragende, einmalige Szenen, die man so wahrscheinlich nie wieder sehen wird.

Es lohnt sich, Widersprüche auszuhalten


Szene aus "Transition" (Bild: Neil Brandvold)

Der Dokumentarfilm zeigt dabei die vielen Widersprüchlichkeiten auf, die bei Jordan und Teddy für einen echten Mindfuck sorgten: Sie verstehen sich gut mit den Taliban, fühlen sich bei ihnen wohl, sie lachen über ihre Witze, und gleichzeitig sagen die Taliban, wie sehr sie Osama bin Laden bewundern.

Jordan und sein Team verurteilen alles, wofür die Männer stehen, aufs Allerschärfste. Eine Gleichzeitigkeit, die von ihrem großen Respekt und der Empathie zeugt, die sie dem Land entgegenbringen. Und die sich aber auszuhalten lohnt – etwas, wofür Jordan und Teddy wirklich zu bewundern sind. Daran kann man sich gerne künftig für so manche kleine und größere Kontroverse ein Beispiel nehmen.

-w-