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Schleswig-Holstein

Waldorfschule verbrennt Gay-"Bösewicht"

Die Waldorfschule Itzehoe sorgt mit einer queerfeindlichen Aktion für Kopfschütteln: Auf einem Herbstfest wird vor Schüler*innen ein Drachen verbrannt, der als "gay" markiert wurde.


In Itzehoe brennt ein Monster, das offensichtlich queere Menschen repräsentieren soll (Bild: Screenshot / IMAGO/Andre Lenthe)

Auf dem Gelände der Waldorfschule im schleswig-holsteinischen Itzehoe ist am 29. September vor Schüler*­innen ein Pappmaché-Drachen mit zwei Köpfen verbrannt worden, der mehrere queere Symbole enthielt. Darüber berichtete am Donnerstag die Seite Anthroposophie.blog, die sich kritisch mit der Lehre der anthroposophischen Community und deren Gründer Rudolf Steiner (1861-1925) auseinandersetzt. Der Drachen wurde nach Angaben der Schule von einer Kunstlehrerin und 30 Schüler*­innen für das traditionelle Michaeli-Fest angefertigt, das den Herbst einläuten soll.

"Zu den 'vielseitigen' Ideen der WaldorfschülerInnen gehörte offensichtlich auch, das 'Böse' mit Barbie-Hut und einem rosafarbenen Fußballtrikot des bekannt Pride- und Queer-freundlichen Fußballclubs 'Inter Miami' darzustellen", heißt es in dem Blog. "Das Trikot trägt neben dem Logo des Clubs die drei Streifen der Marke 'Adidas'. Unterschrieben sind die Streifen jedoch mit 'Gaydidas'." Das Logo ist auf einem rosa Trikot angebracht, zudem trägt das Monster einen rosa Hut mit der Aufschrift "Barbie", offenbar eine Anlehnung an die queer­freundliche US-Filmkomödie gleichen Namens. Anthroposophie.blog beschreibt die Aktion vor Kindern als eine "archaische Verbrennung des 'absolut Bösen' in Gestalt eines woken, queeren, rosa Monsters mit dem Wort 'Gay' auf der Brust".

"Unter aller Augen ging der (sehr kreativ gestaltete) Bösewicht in Flammen auf"

Die Schule selbst hat einen Text auf ihrer Website zum queeren Drachen gelöscht, er ist aber weiter bei archive.org abrufbar. Darin wurde die Verbrennung so beschrieben: "5 Feuerpfeile brachten ihn zum Erliegen… Unter aller Augen ging der (sehr kreativ gestaltete) Bösewicht in Flammen auf. Der Sieg des Guten über das Böse, der Freiheit über die Gefangenschaft." Laut Anthroposophie.blog hat die Schule auch ihren Instagram-Kanal kurz nach Erscheinen des Blog-Eintrags geschlossen. Zuvor seien "kritische Kommentare zum Verbrennungs-Ritual am Michaeli-Fest bei Instagram gelöscht worden".

/ AnthroBlogger

In Deutschland gibt es mehr als 250 Waldorfschulen mit über 90.000 Schüler*innen. Die private Bildungseinrichtung hat wegen ihres Fokus auf künstlerische und handwerkliche Ausbildung der Kinder und Jugendlichen sowie der Ablehnung des klassischen Notensystems einen alternativen Ruf, wird aber auch wegen der esoterischen Weltanschauung oft kritisch gesehen. Vergangenes Jahr setzte sich auch das "ZDF Magazin Royale" in einer Sendung mit der Thematik auseinander – Satiriker Jan Böhmermann erzählte dabei etwa über die Nähe mancher Waldorf-Aktivist*innen zur Querdenken-Bewegung und zur neuen Rechten. Der Bund der Freien Waldorfschulen sprach nach der Sendung von "einigen wenigen Fällen" und bekräftigte, dass "Reichsbürger, Neue Rechte oder Anhänger von Verschwörungsideologien [in der Schule] nichts zu suchen" hätten.

Im Waldorf-Magazin "Erziehungskunst" wird auch über die Akzeptanz von queeren Menschen innerhalb der Schulen diskutiert. Dort erschien etwa 2017 ein Artikel des ehemaligen Waldorflehrers und queeren Aktivisten Joachim Schulte, in dem er attestiert: "Auch Regenbogeneltern entscheiden sich für die Waldorfschule: Nicht immer ohne Diskussion mit der zukünftigen Klassenleitung manchmal auch in Elternabenden, häufiger aber durch 'informelle' Gespräche, ob das denn 'so ok ist'; gerne mit dem Zusatz, dass man gegen Homosexuelle an sich ja nichts einzuwenden habe – aber in unserer Klasse?" Es gebe, so Schulte weiter, "auch an Waldorfschulen eine zunehmende Bereitschaft, Aufklärungsarbeit zu leisten". Dies ist aber wohl noch nicht in Itzehoe angekommen. (dk)


Update 14.07 Uhr: Landesbildungsministerium: "Wir gehen der Sache nach"

Das CDU-geführte Bildungsministerium von Schleswig-Holstein hat am frühen Freitagnachmittag auf X erklärt, es habe den Blog-Eintrag von Anthroposophie.blog gelesen und gehe "der Sache nach".

/ Bildung_SH
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Update 17.25 Uhr: LSVD stellt Strafanzeige, Kritik von Grünen

Der Landesverband Schleswig-Holstein des Lesben- und Schwulenverbands LSVD hat die Aktion der Waldorfschule in Itzehoe am Freitagnachmittag in einer Pressemitteilug verurteilt. "Das ist ein absolutes Unding, dass in einer Blidungseinrichtung so etwas wieder möglich ist", kritisierte Vorstandsmitglied Florian Wieczorek . "Denn Schulkinder und Angestellte sollen sich doch gut und sicher fühlen dürfen. Wir gehen davon aus, dass sich Bildungsministerin Prien des Themas annimmt. Im Übrigen haben wir heute Strafanzeige gegen die Verantwortlichen gestellt."

In einer Pressemitteilung zeigte sich auch die queerpolitische Sprecherin der grünen Landtagsfraktion, Anna Langsch, "schockiert" über den Vorfall: "In unserer Gesellschaft ist kein Platz für frauenfeindliches, homophobes oder queerfeindliches Verhalten." Der bildungspolitische Sprecher Malte Krüger forderte die Schule auf, "sich von diesem Verhalten zu distanzieren und intern zu klären, wie es dazu kommen konnte". Auch die Schulaufsicht solle den Vorgang prüfen. "Der Landes- und Bundesverband der Waldorfschulpädagogik sollte klar Position beziehen", so Krüger. "Es kann nicht sein, dass symbolisch ein Drache verbrannt wird, der für Frauen, queere Menschen und deren Kultur steht – und das als 'Sieg des Guten über das Böse' gefeiert wird."