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Folge 42 von 53
Schwule Symbole im Film: Blumen, Gärten und Gärtner
Im Garten der Lüste gibt es viel zu entdecken: viele erotische und sexuelle Bedeutungen rund um verführerische Gärtner und schöne Pflanzen in einem Garten Eden.

Szene aus Derek Jarmans Film "The Garden" (Bild: Salzgeber)
- 15. Oktober 2023, 03:37h 15 Min.
- Diese Artikelserie wurde gefördert von der Homosexuellen Selbsthilfe e.V., www.hs-verein.de.
Blumen und Gefühle – als Inbegriff des Lieben und Zarten
Blumen begleiten uns durch unser Leben. Zu Geburt, Hochzeit und Tod sind sie stets präsent. Unsere Gefühle drücken wir mit verschenkten Blumen aus, manchmal sagen wir aber auch etwas "durch die Blume" oder ganz "unverblümt". Blumen gelten als beseelt und spielen eine Rolle in Bräuchen wie dem, einen Brautstrauß zu werfen, und in dem Abzählreim "Er liebt mich, er liebt mich nicht". Die Sprache der Blumen ist international, hat aber auch nationale Ausprägungen. Weil Blüten besonders zart sind und rasch verblühen, stehen sie auch für Vergänglichkeit und den Tod.
Blumen – Ausdruck von Gefühlen

Blumen in "Seid nett zu Mr. Sloane" (1970)
In Jean Genets Film "Un chant d'amour" (1950) sind Blumen ein Symbol für die Macht der Gefühle und eine Möglichkeit der Kommunikation auch innerhalb von Gefängnismauern. In "Ein Mann namens Herbstblume" (1978) führt Lluis de Serracant ein Doppelleben und tritt unter dem Namen "Herbstblume" als Travestie-Künstler auf. Die Filmcover von "Seid nett zu Mr. Sloane" (1970), "Taxi zum Klo" (1980), "Sebastian" (1995), "Patrik 1,5" (2008) und "In Bloom" (2013) zeigen Blumen in unterschiedlichen Formen und Größen, die von der Liebe zu einem Mann künden. Die Liebe lässt sich auch verbal mit Blumen-Metaphern ausdrücken, z.B. wenn Oscar Wilde in "Oscar Wilde" (1997) zu Bosie sagt: "Meine süße Rose, meine zarte Blume, meine schönste unter allen Lilien."

Blumen in "Taxi zum Klo" (1980)
Das Verschenken von Blumen – Liebe und Freundschaft
Der erste Film-Schwule, der einem geliebten Mann eine Blume schenken will, ist wohl in "The Soilers (1923, 19:28, 23:10 Min., hier online) zu sehen, auch wenn die Szene nur dazu dient, sich über Schwule lustig zu machen. Die Blumen in "A Very Natural Thing" (1974), die Blumen, die Michael von David in "Queer as Folk" geschenkt bekommt (Folge 1/7), und auch die etwas ruppig überreichten Blumen in "Get your stuff" (2000, 43:40 Min., hier online) sind Zeichen von Liebe. Die Blumen des heterosexuellen David für den schwulen Diego in "Erdbeer und Schokolade" (1994) sind eine freundschaftliche Geste, die aber missverstanden wird und mit "Blümchen für deine Schwuchtel" zu einer Beleidigung durch Dritte führt. In "Another Gay Movie" (2006) und "Another Gay Sequel" (2008) wird ein Blumenstrauß zum Date mitgebracht.
Von zentraler Bedeutung ist das Motiv des Verschenkens von Blumen in "Nomansland" (2013), es wurde daher auch in das Filmcover übernommen. Der Film fängt damit an, dass Christian Blumen für Lasse mitbringt, der jedoch Selbstmord begangen hat. Später taucht Christian mit einem Blumenstrauß auf Lasses Beerdigung auf und konfrontiert die Eltern mit ihrer Beziehung. Nach der Beerdigung verlässt Christian die Kirche und verschenkt die Blumen an einen anderen Mann – als sichtbares Zeichen dafür, dass er nun bereit ist, sich eine Zukunft ohne Lasse aufzubauen. Die Blumen sind damit eine Klammer für die Erzählung.

Blumen von zentraler Bedeutung in "Nomansland" (2013, Ausschnitt)
Beseelte Blumen
Dass Blumen als beseelt gelten, kann man an Bräuchen ablesen, die immer noch gepflegt werden. So fängt Brian in der US-Serie "Queer as Folk" auf einer Schwulenparty einen Blumenstrauß (Folge 2/11), was bei den Zuschauer*innen die Frage auslösen soll, ob Brian derjenige ist, der als Nächster heiratet. Es ist eine spannende Frage, die bis zum Ende der Serie offen bleibt.
In "The Hanging Garden" (1997) tragen die Blumen doppeldeutige Namen ("Lad's love" = Eberraute und Männerliebe; "Mums" = Chrysantheme und Mama) und sind beseelt: Sie schließen sich beim Tod von Menschen und öffnen sich, wenn das Leben weitergeht. Das Filmcover zeigt, wie William sein altes Ich beerdigt, indem er eine Blume pflanzt und sich dazulegt. Es ist die Rede von einem "Lebensbaum", als William gemeinsam mit seinem Liebhaber und seiner noch minderjährigen Schwester eine Familie gründen will. Damit will er das tun, was ihm als Kind beigebracht wurde: eine Pflanze an der Wurzel zu gießen.

Beseelte Pflanze in "The Hanging Garden" (1997)
Keine schönen Blumen – keine schönen Gefühle
In bewusster Umkehrung der symbolischen Bedeutung kann mit Blumen auch Emotionslosigkeit, Antipathie, Homophobie und Hass zum Ausdruck gebracht werden. Der Marquess of Queensberry ist in dem Film "Der Mann mit der grünen Nelke" (1960) wütend über Oscar Wildes Verhältnis mit seinem Sohn und überreicht Wilde deswegen nach einer Theatervorstellung einen Kohlkopf statt, wie sozial üblich, einen Blumenstrauß, um ihn damit zu provozieren. In "Férfiakt" (2006) hat der heterosexuelle Stricher Zsolt Sex mit Tibor. Als er auch mit Tibors Ehefrau Sex haben möchte, betont er: "Ich bringe doch einem Mann keine Blumen mit." Dies ist als emotionale Abgrenzung zu Tibor und als Betonung seiner Heterosexualität zu verstehen. Subtiler ist die soziale Abgrenzung in "Miles Apart" (2011, hier online) inszeniert: Ein junger Mann bringt der Mutter seines Freundes Blumen als Geschenk mit. Nach Ansicht der Mutter sind es zwar die richtigen Blumen, aber leider nicht in der richtigen Farbe. Das, was die beiden Jungs verbindet, ist zwar Liebe – in den Augen der Mutter aber offenbar keine richtige Liebe.
Zarte Blütenblätter und zarte Pflänzchen – Verletzlichkeit
Die Blütenblätter einer Blume sind besonders zart und stehen für Verletzlichkeit und Sensibilität. In "Formula 17" (2004) wird mit Blüten das Verliebtsein dargestellt. Das Sammeln von Blüten ist für Davy in "Davy and Stu" (2006) eine Form des Träumens. Ganz andere Gefühle spielen bei dem 16-jährigen schwulen Jack in dem Kurzfilm "Revolution" (2012, 00:28 und 15:00 Min., hier online) eine Rolle: Vor dem Hintergrund der iranischen Revolution lernt Jack, wie man seine eigene, kleine Revolution innerhalb einer traditionellen iranischen Familie inszeniert. Eine kleine, zarte Blume, die Jack pflückt, ist am Anfang und am Ende zu sehen und gibt dieser Geschichte einen floralen Rahmen. Er hat Ähnlichkeiten mit dem Kurzfilm "40 Minutes" (2014, 6:45, 9:45 Min., hier online), in dem Joeys Eltern dessen geheime Beziehung mit einem anderen Jungen entdecken. Während einer sogenannten Konversionstherapie träumt Joey davon, wie eine Blüte in seinen Händen verwelkt und er sie fallen lässt. Später lernt er, zu seinen Gefühlen zu stehen, pflückt eine kleine Blume mit zarten Blütenblättern und schenkt sie seinem Freund. Ein großer Blumenstrauß hätte in beiden Filmen nicht gepasst.

Eine kleine Blume und eine kleine Revolution: Jack im Kurzfilm "Revolution" (2012)
Neben Blütenblättern lässt sich auch mit einem zarten, kleinen Pflänzchen Verletzlichkeit zum Ausdruck bringen. Im Zusammenhang mit Aids ist in "Electric City – Far from Normal" (2008) eine kleine Pflanze zu sehen, die auf die Verwundbarkeit der schwulen Szene verweist. Nicht immer haben Filme ein Happy End.
Abgefallene Blütenblätter und verwelkte Blumen – Tod
Rote Blütenblätter fallen in "Boomerang" (2005) aus der Hand eines Mannes, als dieser stirbt. In "Das Bildnis des Dorian Gray" (2009) werden unmittelbar vor Dorian Grays Pakt mit dem Teufel rote Blütenblätter verbrannt, als Zeichen dafür, dass es mit seiner Unschuld nun vorbei ist. Ein junger Schwuler hat in "Your Every Day and Night" (2014) durch einen Unfall sein Leben verloren, was auch durch das Zertreten einer roten Blüte zum Ausdruck kommt.

Das Zertreten einer roten Blüte in "Your Every Day and Night" (2014)
Auch verwelkte Blumen können das Altern und den Tod ausdrücken. Mit dem Hinweis, dass Dorian am Ende des Films "Das Bildnis des Dorian Gray" (1970) "verwelkt" und tot auf dem Boden liegt, hat Hermann J. Huber ("Gewalt und Leidenschaft", 1989, S. 32), den passenden Begriff gefunden, weil der ganze Film davon handelt, wie sich Dorian auf ewig die jugendliche Schönheit erhalten möchte. In dem Kurzfilm "Arie" (2005) ist eine verwelkte Pflanze zu sehen, die hier eine tote Beziehung ausdrückt: Der Tänzer Vittorio hat sich in den Choreographen Marco verliebt, der vorher seine Freundin verlassen hat. Marcos Beziehung zu seiner Ex-Freundin wird durch eine verwelkte Blume versinnbildlicht, die die Freundin noch einmal vergeblich zu gießen versucht, aber mit so viel Wasser, dass es überläuft.
Blumen und Sexualität – das "Öffnen der Blüte"
Es gibt verschiedene symbolische Zusammenhänge zwischen Pflanzen und Sexualität, unter anderem die Farbsymbolik: Weiß kann für Unschuld, Rot für Leidenschaft und Rosa für Zärtlichkeit stehen. Die Redewendung von "Blumen und Bienchen" wird traditionell auf vaginale Penetration bezogen, stellt eine Analogie von tierisch/pflanzlicher Befruchtung zur Sexualität unter Menschen her. In ironisch gebrochener Form lässt sich dies auch gut auf schwulen Sex übertragen. In symbolischer Bedeutung werden in Filmen auch Ausdrücke wie "Rosette" (= Anus), "pflügen" (= Analverkehr) und "Samen" (= Sperma) verwendet.
Weiße Blumen und Blüten – sexuelle Unschuld
Ähnlich wie ein weißes Hochzeitskleid traditionell auf die Jungfräulichkeit der Braut verweist, wird in schwulen Filmen mit weißen Blumen als Zeichen der "Unschuld" gearbeitet. In "Sargento Garcia" (2000, 3:44 Min., hier online) ist ein sensibler schwuler Mann während seiner Musterung zu sehen, der sich dabei an seine Kindheit und an eine weiße Blüte erinnert. In "Chalk Lines" (2006, 3:50 und 8:25 Min., hier online) wird nach dem ersten sexuellen Erlebnis eines Jugendlichen eine weiße zu einer roten Blüte. Die rote Farbe verweist auf leidenschaftliche Liebe und kann abstrakt auch für Blut und "Entjungferung" stehen. Weiße Blumen sind als Animation in "Papa, Papi, Kind" (2016) zu sehen, als auf die Ehe für alle eingegangen wird.

Eine weiße Blüte in "Chalk Lines" (2006), die später rot wird
Erblühende Pflanzen – erwachende Sexualität
Mit erblühenden Pflanzen wird traditionell erwachende Sexualität zum Ausdruck gebracht. Mit einer aufgehenden Blüte wird in "Lot in Sodom" (1933, 20:40 Min., hier online) die "erwachte Sexualität" von Lots Tochter versinnbildlicht. Lot bietet sie den Sodomitern (= homosexuelle Bewohner der Stadt Sodom) zur Vergewaltigung an, damit diese aufhören, die (männlichen) Engel sexuell zu begehren. (Es ist eine klassische Bibelgeschichte, die sich heute als eine verharmlosende Darstellung sexualisierter Gewalt lesen lässt). In "Clancy's Kitchen" (1997) erblühen in einem schwulen Kontext eine lila, eine blaue und eine rote Blüte. Die Filme "Der Rosenkönig" (1986) von Werner Schroeter und "Something must break" (2014) beginnen mit einer sich öffnenden Rosenblüte.
Bienen und Blümchen
Die Darstellung von Sex über "Bienen und Blümchen" ist eine ironisch-witzige Referenz auf prüde sexuelle "Aufklärung" der Fünfzigerjahre. Mit einem solchen Humor zeigt der Vorspann von "Another Gay Movie" (2006) Bienen beim Befruchten von Blumen als Einleitung zu einem Film über schwulen Sex. Die Ironie besteht wohl nicht nur in der Anspielung auf antiquierte Prüderie, sondern auch darin, dass bei schwulem Sex per se keine Fortpflanzung stattfinden kann, sondern er nur der Lust dient. Erinnern kann man auch an die Selbstbezeichnung des bisexuellen Transvestiten Dr. Frank N. Furter in der "Rocky Horror Picture Show" (1975) als "Biene mit dem Stachel". Dies ist eindeutig phallisch-sexuell gemeint, wobei allenfalls unklar bleibt, ob er lieber Männer oder Frauen "sticht".

"Bienen und Blümchen" aus dem Vorspann von "Another Gay Movie" (2006)
Die "Rosette" und das "Öffnen der Blüte" – Analverkehr
Die umgangssprachliche Bezeichnung des Afters als "Rosette" leitet sich aus der französischen Bezeichnung für "kleine Rose" ab. Zwei Filmszenen stellen zwischen Blumen und Analverkehr eine Verbindung her, wenn auch nicht ausdrücklich mit Rosen. In "Fellinis Satyricon" (1969) drückt die Redewendung "Blume verweigert" eine Verweigerung des Analverkehrs aus. In dem Kurzfilm "Caught Looking" (1991) bezeichnet das "Öffnen der Blüte" die Bereitschaft zur passiven Hingabe an einen anderen Mann. Ergänzend lässt sich noch erwähnen, dass in der chinesischen Symbolik der Ausdruck "Blume in der hinteren Halle" auf Analverkehr verweist.
Sexualisierungen mit Pflügen, Samen und Saft
Später werde ich noch darauf hinweisen, wie das "Pflügen" der Erde für Vaginal- und Analverkehr) und das Abspritzen mit einem Wasserschlauch für Ejakulation stehen kann. Pflanzliche Samen können in Filmen auf Sperma verweisen: Wenn in "Down the River" (2004) mit Hilfe von "cotton seed" (= Baumwollsamen) ein Wunsch in Erfüllung geht, ist dies vermutlich auch als eine Form der Sexualisierung gedacht. Originell ist die Darstellung von Pflanzen in Verbindung mit erwachender Sexualität in "Wäre die Welt mein" (2008): Ein Blumenbeet wird als Blumenbett inszeniert und "Amors Liebessaft" (OF: "Cupid's love juice") – ein aus einer Blume herausspritzender und aphrodisierender Saft (= Sperma) – lässt Männer schwul werden.

Amors herausspritzender Liebessaft in "Wäre die Welt mein" (2008)
Pornos – Nektar als Sperma
Der deutsche Pornotitel "Harte Schwänze – Geile Rosetten" lässt in seiner Derbheit kaum noch erkennen, dass der Ausdruck "Rosette" für den Anus von dem romantischen Bild einer kleinen Rose abgeleitet ist. In der Inhaltsbeschreibung des Pornos "Straight Boy Ass Taken and Owned" wird der Anus junger Männer als zarte Nelke bezeichnet, mit der man beim ersten passiven Analverkehr vorsichtig umgehen soll.
Bei Pornos, deren Titel auf Nektar anspielen ("Sweet Nectar", "Nectar of the Twinks"), wird in der Bildgestaltung Bezug auf die Bienen-und-Blümchen-Symbolik genommen und der Nektar damit zur Metapher für Sperma. Ein Pornolabel heißt "Nectar Entertainment".

Nektar als Sperma in "Sweet Nectar" (Ausschnitt)
Gärten und Gärtner – kontrolliertes Wachsen und Gedeihen
Gärten dienen nicht nur der Erholung, sondern spiegeln auch unsere Vorstellung von einem Gartenparadies wider, was bis zur Schaffung eines persönlichen Gartens Eden reichen kann. Gärten und vor allem Gewächshäuser stehen für einen abgeschirmten Bereich bzw. kontrolliertes Wachsen und sind damit naheliegende Symbole für die beschützte Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Von Gärtnern kann eine erotische Ausstrahlung ausgehen, weil sie mit dem Garten ein kleines Paradies erschaffen und mit verbotenen Früchten bzw. dem Einbringen von Samen assoziiert werden.
Gärten und der Garten Eden
Komplexe Garten-Metaphern finden sich in "Anders als die Anderen" (1956), worin Laura Reynolds, die Frau eines Internatsleiters, dem (schwulen) Schüler Tom bei seiner sexuellen Selbstfindung helfen möchte. In Verbindung mit ihrem Garten werden u.a. mit "Vergissmeinnicht" und verwelkten Blumen mehrere Parallelen zu Toms psycho-sexueller Entwicklung gezogen. In "Wäre die Welt mein" (2008) wird mehrfach fokussiert, wie Ms. Tebbitt kleine Pflänzchen gießt, was in übertragener Bedeutung ihrer Aufgabe als Lehrerin entspricht. Beide Frauen wollen in unterschiedlicher Form junge Männer in ihrer sexuellen Entwicklung unterstützen und fördern.

Komplexe Garten-Metaphern in "Anders als die Anderen" (1956)
Die Utopie eines persönlichen Gartens Eden versuchte der schwule Filmemacher Derek Jarman in einem Film umzusetzen. Herausgekommen ist "The Garden" (1990), eine experimentelle Filmcollage mit schwulen Elementen, die keine klassische Filmhandlung bietet. Auch der bemerkenswerte Kurzfilm "Utopies" (2012, 10:30 Min., hier online) handelt von Utopien und verbindet dabei geschickt architektonische und gesellschaftliche Utopien. Die Frage "You want me to show your own garden?" bezieht sich offenbar nicht nur auf den Wunsch nach erfüllendem Sex mit einem Mann, sondern auch auf einen neu zu schaffenden Raum für die eigenen persönlichen Wünsche. Einen imaginären Garten als Ort der Verführung besingt Harry in "Harry und Max" (2004) in einem Lied: "Ich sehe zu, wie dein Garten gedeiht." Es verweist darauf, dass Harry die psycho-sexuelle Entwicklung seines jüngeren Bruders Max aufmerksam registriert, den er später auch sexuell begehrt.
Die Doku "Garden" (2003) greift im Titel den (realen) "Electricity Garden" in Tel Aviv als Treffpunkt von Strichern auf. Weil ein Garten voll Unschuld und Harmonie das Gegenteil von dem darstellt, was die Stricher in dieser Realität von Tel Aviv erleben, hat der Titel offenbar auch eine symbolische Bedeutung.
Gewächshaus – Kontrolliertes Wachsen und sicheres Gedeihen
Das kontrollierte Wachsen und sichere Gedeihen wird durch unterschiedliche geschlossene Institutionen für Jugendliche (Internate, Besserungsanstalten, geschlossene Heime) zumindest offiziell bezweckt und wird manchmal durch ein angeschlossenes Gartenhaus symbolisiert. In Filmen versagen die Träger solcher Institutionen jedoch ziemlich häufig. Das Gewächshaus eines Internats ist in "Heimliche Freundschaften" (1964) der Ort heimlicher Treffen und einer geschlossenen Blutsbrüderschaft, die jedoch nicht lange Bestand hat. Verweisen kann man in diesem Zusammenhang auch auf die beiden "Scum"-Filme (1977, 1979): Hier ist das an eine Besserungsanstalt angeschlossene Gartenhaus sogar der Ort, an dem ein Jugendlicher von anderen Jugendlichen vergewaltigt und für immer gebrochen wird.
Ganz andere symbolische Gewächshaus-Bilder bedient der Film "Oscar Wilde" (1997): Hier bezeichnet Wilde das von ihm besuchte Männer-Bordell als einen "Garten" und den Leiter des Bordells als einen "Botaniker", der sich um ein "Gewächshaus" kümmere, das voll von hübschen und exotischen "Blumen" sei.
Der verführerische Gärtner
Der Anglist Jody Skinner verweist in seiner Arbeit "Bezeichnungen für das Homosexuelle im Deutschen" (1999, 2. Bd., S. 125, 273) auf die Bezeichnungen "Gärtner" sowie "Rosengärtner und -pflücker" für Schwule. Meistens ist das Bild des Gärtners in Filmen positiv besetzt. Er steht für eine homoerotische Faszination und Verführung wie Clayton in "Gods and Monsters" (1998) und Bilal in "Le fil" (2009). Sehr beeindruckend fand ich den Film "Dem Himmel so fern" (2002), weil er die Themen Rassismus (Cathy Whitaker lässt sich auf den schwarzen Gärtner ein) und Homophobie (Ehemann Frank Whitaker lässt sich auf einen anderen Mann ein) in packender Weise miteinander verbindet.
Der missbrauchende "Gärtner"
Aber "Gärtner" kann auch eine Metapher für schlechte Erzieher sein, wie in Pedro Almodóvars "La mala educación. Schlechte Erziehung" (2004): Ein Junge singt ein Geburtstagslied für den Erzieher, der ihn später sexuell missbrauchen wird. Das Lied handelt vom Lehrer als idealisiertem "Gärtner" und ist auch ein Vorverweis auf den späteren sexuellen Missbrauch: "Gärtner, Tag und Nacht zwischen deinen Blumen entzündest du ihre Farben mit der Flamme deiner Liebe. In jeden Kelch pflanzt du das Lächeln deiner Sehnsucht. […] Und deine Blumen, Gärtner, deren Blütenstände weithin leuchten, vereinen sich in Dankbarkeit und balsamieren dich mit ihrem Duft. Fahr fort mit deinem Werk und kultiviere deine Blumen, die der Herr deiner Liebe anempfohlen hat."
Ein "Gärtner" stirbt an den Folgen von Aids
In "Buddies" (1985), dem ersten Film über Aids, ist ein steriles und überwiegend weißes Krankenzimmer zu sehen. Hier liegt Robert, der an den Folgen von Aids schwer erkrankt ist. Anfangs bringt nur eine lilafarbene Orchidee etwas Farbe in das Zimmer. Später sieht man an seinem Bett eine rote Rose, dann eine rosa Rose. Rund acht Mal bekommt Robert unterschiedliche Blumen geschenkt. Als er stirbt, wirkt die Äußerung seines Buddies David wie ein Gebet: "Lass ihn wieder Gärtner sein."

Blumen für Robert in "Buddies" (1985)
Pornos – pflanzlicher Samen als Sperma
Viele Schwulenpornos sexualisieren die Wörter "seed" (pflanzlicher Samen bzw. Sperma) bzw. "seeding" (besamen) und beziehen sie auf Analverkehr ("Seeds of Love", "Begging for Seed"). Ähnliches gilt für "breeding", das u.a. für "Züchtung" steht ("Breeding", "Breed me, seed me"). Pornos sind besonders nah am Symbol, wenn Männer auf einem Acker gezeigt werden ("Seeding Farmers") oder das Pflanzen betont wird ("Plantin' Seeds").

Die Verbindung von Startkapital und Sperma in "Seed Money" und ein verführerischer Gärtner in "Garden Pleasures"
Der Begriff "seed money" bedeutet Startkapital. Als Metapher lässt er sich so verstehen: Geld wird gesät und wirtschaftlicher Erfolg geerntet. Der Porno "Seed Money. The Legend behind Falcon Studios" ist ein Wortspiel, das das Sexuelle mit dem Ökonomischen des Filmstudios verbindet. Mit dem Namen "Seed" weisen einige Pornodarsteller offenbar auf ihre Potenz hin ("William Seed", "Dennis Seed"). Weitere symbolische Zusammenhänge, etwa erotische Gärtner ("Garden Pleasures"), scheinen eher selten zu sein.

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