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Ausstellung
Die Folgen des HI-Virus: 40 Jahre Aids
Trauer, Angst und Verzweiflung, aber auch brennende Lebenslust, Solidarität und Kampfgeist – wie hat die Aids-Krise die Kunst und unser Leben verändert? Eine bewegende Ausstellung in Straßburg sucht nach Antworten.

Bild aus der Ausstellung: David Wojnarowicz in New York, Marion Scemama, SILENCE = DEATH, 1989. Affiche, 120x80cm. Paris, New Galerie (Foto: Marion Scemama © Adagp Paris 2023)
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21. Oktober 2023, 04:37h 6 Min.
Die Ausstellung ist als Zeitreise konzipiert – und beginnt mit der Gegenwart. Am Anfang wirbt ein aktuelles Plakat für PreP-Medikamente als Vorsorge gegen eine Ansteckung mit HIV. Das Publikum hat es vielleicht auch schon außerhalb des Museums gesehen, nimmt es zur Kenntnis – und wird zu Beginn des Rundgangs in einen Zeittunnel hineingesogen, bei dem ihm Informationen zur Geschichte der Infektion in Wort und Bild nur so um die Ohren fliegen.
Zwei Wände laufen aufeinander zu, an der einen Seite hängen vom Boden bis zur Decke unzählige Bücher, Platten, Zeitschriften, die sich zum Thema Aids beschäftigen, sowie politische Manifeste von Betroffenengruppen wie Act Up. In einer Glasbox stapelt sich ein Medikamentencocktail aus den frühen 2000er Jahren zur Behandlung von HIV. Zwischen Filmplakaten von Aids-Klassikern wie "Philadelphia" und "Les Nuits Fauves" (Wilde Nächte) wird in kurzen Texten über das Zeitgeschehen berichtet, zum Beispiel, dass am 1. Dezember 1993 dem Obelisken auf der Pariser Place de la Concorde ein monumentales Kondom übergezogen und der Platz in "Place des Morts du sida" (Platz der an Aids Gestorbenen) umgetauft wird. Ein Poster wirbt für das Londoner "Freddie Mercury Tribute Concert" der verbliebenen Bandmitglieder von Queen; die Erlöse gehen an lokale Aids-Hilfsorganisationen.

Blick in den Zeittunnel (Foto: M. Bertola / Musées de Strasbourg)
Das Zeitrad dreht sich weiter zurück. Wir begegnen Michel Foucault, fotografiert von Hervé Guibert. Wir erspähen Andy Warhols berühmtes Motiv des schwulen Liebespaares für das Plakat von Fassbinders "Querelle"-Film, das als queeres Emblem auf T-Shirts, Tassen und als Illustration von Literatur im Zusammenhang mit Homosexualität und eben auch Aids Verwendung findet. Und wir entdecken Klaus Nomi, das erste prominente Todesopfer des HI-Virus. Auf dem Titel einer Zeitschrift aus den frühen 1980er Jahren ist er in der für ihn typischen Maske als außerirdische Kunstfigur zu sehen. In dieser Pose starrt er uns auch von diversen Platten und CD-Covern an. In einem Video trägt er den "Cold Song" aus Henry Purcells Barockoper vor, der hier als Klagelied ertönt – stellvertretend für alle Opfer von Aids.
Ausstellung im Straßburger Musée d'Art Modern et Contemporain
Dabei werden viele Erinnerungen bei jenen im Publikum geweckt, die die Epoche selbst miterlebten; die Jüngeren hingegen dürften einiges dazulernen. Gleichwohl dient der Zeittunnel nur als Auftakt einer insgesamt äußerst umfangreichen und szenografisch ausgeklügelten Schau, die noch bis zum 4. Februar im Straßburger Musée d'Art Modern et Contemporain zu erleben ist. "In den Zeiten von AIDS. Kunstwerke, Erzählungen, Beziehungen" (Aux temps du sida. Œuvre, récits et entrelacs), so der Titel, ist eine äußerst ambitionierte Ausstellung, bei der Werke von internationalen Größen wie Nan Goldin, Félix Gonzáles-Torres, Keith Haring und dem Künstlerkollektiv General Idea, vertreten sind – es tauchen aber auch Namen auf, von denen die meisten vielleicht noch nie gehört haben.
Das Virus hat, wie es im Ausstellungstext heißt, einerseits "eine ganze Generation von Schriftstellern, Choreografen, Filmemachern und bildenden Künstlern in den Tod gerissen", andererseits hielt die Krankheit "mal offenkundig, mal zwischen den Zeilen Einzug in die Kunst", oft "mit aktivistischer Dimension" zugunsten von "mehr Toleranz, Rechte und Sichtbarkeit von Minderheiten". Dabei handele es sich um einen Effekt, der sich bis heute auf große Teile des Kunstbetriebs auszuwirken scheint.
Zehn Bereiche, zehn Stimmungen

John Hanning, I Survived Aids, 2013. Affiche, collage digital. Strasbourg, MAMCS. Courtesy de l'artiste. (Foto: Musées de Strasbourg © John Hanning)
Die Ausstellung ist in zehn aufeinanderfolgende Bereiche gegliedert, die jeweils eine eigene Stimmung zum Ausdruck bringen und sich insgesamt zu einer großen Erzählung fügen. Am Ende des einführenden und für die meisten sehr aufwühlenden Zeittunnels erwartet uns ein glückliches Kindergesicht, unter dem ein Schriftzug verkündet: "I survived Aids". Es stammt von John Hanning. "Der Künstler zeigt sich hier als kleiner Junge, der uns als Erwachsener erzählt, dass er die Krankheit überlebt hat", so die Kuratorin Estelle Pietrzyk.
Erst dann beginnt der eigentliche Ausstellungsparcours, der sich der Trauer, der Angst und der Verzweiflung widmet, aber auch einer brennenden Lebenslust und der Erfahrung von Solidarität, von Wut sowie dem kollektiven Kampf ums Überleben. Manchmal tauchen alle Emotionen nebeneinander auf, dann wieder tritt Besinnlichkeit ein – spätestens im letzten Abschnitt des Rundgangs, wenn in Derek Jarmans Filmmeditation "Blue" die symbolische Wirkung der Farbe blau verkündet wird und sich der bereits erblindete Regisseur mit seiner Stimme aus dem Off zu Wort meldet.
Die "große Aids-Angst" einer schwulen Generation
Zu den eindringlichsten Werken zählt auch Wolfgang Tillmans Bild "17 Years' Supply", mit dem der Künstler 2015 seinen positiven HIV-Status öffentlich machte. Darauf ist ein Karton von oben zu sehen. In ihm befindet sich ein wildes Durcheinander an unterschiedlichen Medikamentenpackungen und Pillendosen aus der HIV-Therapie, auf denen Aufkleber mit dem Namen des Künstlers zu erkennen sind.
Tillmans, dessen Lebensgefährte 1997 an den Folgen von HIV starb, sagte einmal in einem Interview mit dem Magazin der "Süddeutschen Zeitung", dass all seine Arbeiten im Wissen um den möglichen Tod entstanden seien, und schon im Alter von 17 Jahren habe er "diese große Aids-Angst" gehabt. Doch gerade deshalb müsse man das Leben "feiern und genießen und darf nicht darüber verzweifeln, dass es zerbrechlich ist, weil es einfach so ist." Darum verzweifle er nicht und bleibe optimistisch, weil das Wissen um Sterblichkeit uns alle wieder zusammenbringen könne.
"Sprechstunde" am Ende der Ausstellung

Graffito von 1982 )© Adagp, Paris 2023, Musées du Strasbourg)
Die Stimmung, dass letztlich wir alle von Krankheit und Stigma bedroht sind, dass alle unsere Körper verletzlich sind, vermitteln auch viele andere Kunstwerke der Ausstellung. Der von Jean-Michel Othoniel entworfene "wunderbare Schrank" spielt auf den angloamerikanischen Begriff des "Coming out of the closet" an, also auf das Bekenntnis zu etwas, das zuvor geheim gehalten wurde – sei es eine sexuelle oder geschlechtliche Identität, eine Krankheit oder die Empfindung eines gesellschaftlich nicht akzeptierten Gefühls. In dem Schrank finden sich etwa ein Selbstporträt von Robert Mapplethorpes als Dragqueen, eine Röntgenaufnahme von zwei Liebenden von Wim Delvoy oder ein Benetton-Magazin aus den 1980er-Jahren zum Thema Aids, das Ronald Reagan mit einem Kaposi-Sarkom zeigt – damals ein Symptom für die Krankheit im fortgeschrittenen Stadium. Dem US-Präsidenten war die Katastrophe nicht einmal eine Erwähnung wert.
So bedrückend das eine oder andere Exponat auf manche auch wirken mag – am Ende des Rundgangs wird niemand allein gelassen. In einer "Sprechstunde" stehen dem Publikum Ehrenamtliche aus Vereinen und Selbsthilfeorganisationen zur Verfügung, um auf die eine oder andere Frage einzugehen – ein ungewöhnliches Angebot, das im Ausstellungsbetrieb auch im Zusammenhang mit weniger existenziellen Themen Schule machen könnte.
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