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Video-Game
Ist "Baldur's Gate 3" wirklich das queerste Rollenspiel aller Zeiten?
Für unseren Rezensenten Beau Maibaum ist "Baldur's Gate 3" das beste Videospiel des Jahres, vielleicht sogar des Jahrzehnts. Dennoch hat er einige Kritikpunkte – auch zum vielgelobten Umgang mit LGBTI-Charakteren.

"Alle lechzen nach diesem 'sexy DILF-Vampir'", schreiben unsere Kolleg*innen von "Pink News" über "Baldur's Gate 3"-Charakter Astarion (Bild: Larian Studios)
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22. Oktober 2023, 07:34h 8 Min.
Obwohl ich Pen-&-Paper-Enthusiast bin und auch schon begeistert "Dungeons & Dragons" gespielt habe, wagte ich mich bisher nicht in die von dem Rollenspiel inspirierte Gaming-Welt des Entwicklerstudios Larian. Ich ging davon aus, dass kein noch so gut erzähltes Videospiel die mögliche Komplexität eines von Menschen geführten Spiels erreichen könnte. Aber seit dem Erscheinen von "Baldur's Gate 3" scheint plötzlich jede*r über das Game zu reden, und das zu Recht.
Es ist schwierig, über ein Kunstwerk zu schreiben, mit dem man bereits über hundert Stunden verbracht hat, denen bestimmt noch einmal hundert folgen werden. Ich will es dennoch versuchen.
Kampf gegen die Gehirnfresser
Fangen wir an mit den Fakten: "Baldur's Gate 3" ist ein Rollenspiel für PCs und die Play Station 5, erschienen im August. Wie im Genre üblich, erstellt man einen eigenen Charakter, wählt aus unzähligen Möglichkeiten, was Klasse und Spezies betrifft, sammelt Gefährt*innen und erforscht mit ihnen eine weitläufige Spielwelt, über der (ebenfalls wie im Genre üblich) eine Katastrophe schwebt. Dem zauberhaften Land Faerûn droht eine Invasion der Mind Flayer, eine unheimliche, gehirnfressende Spezies, die den eigenen Charakter sowie die Gefährt*innen mit ihren Larven infiziert hat. Nun geht es darum, die Larve loszuwerden und die Welt vor der Invasion zu retten – oder das Potential der Larve zu nutzen, um neue, gruselige Fähigkeiten zu entwickeln, und im Chaos des Machtvakuums selbst aufzusteigen.
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"Baldur's Gate 3" prägt eine klassische Drei-Akt-Struktur: Zuerst stellt man sein Team zusammen, bewegt sich in grünen Heiden abseits der Zivilisation und kämpft gegen Bandit*innen. Im zweiten Akt verkompliziert und verdüstert sich die Geschichte, die wahren Motivationen hinter der Invasion werden aufgedeckt. Der dritte Akt schließlich explodiert fulminant in der gewaltigen, titelgebenden Hauptstadt Baldur's Gate mit all ihren Intrigen, finalen Gegner*innen und Machtkämpfen. Dabei holen einen Entscheidungen, die man in Stunde 20 getroffen hat, gerne in Stunde 80 wieder ein – wenn man es am wenigsten erwartet.
Die vielen Quests, die der eigene Charakter sowie die Gefährt*innen auf dem Weg in die Stadt einsammeln, sind allesamt gut durchdacht, solide mechanisch gearbeitet und bieten zahlreiche Möglichkeiten der Lösung an. Viele Spiele versprechen so eine Komplexität, aber "Baldur's Gate 3" liefert tatsächlich – so sehr, dass man sich am Anfang ganz neu einstellen muss. Hier ist es wirklich möglich, zu experimentieren.
Die Kämpfe: Einfach draufhauen reicht nicht
Eine besondere Überraschung stellte für mich das Kampfsystem dar – in Kämpfe gerät die Gruppe natürlich andauernd. Sowohl in anderen Spielen gleicher Art als auch an tatsächlichen Rollenspiel-Tischen entwickelte ich schnell eine abwehrende Haltung gegenüber den zähen und repetitiven Szenarien. "Baldur's Gate 3" hingegen schafft es mit exzellent ausbalancierten Leveln und zahlreichen verschiedenen Gegner*innen und Arenen, die Kämpfe jedes Mal neu strategisch fordernd zu halten.

Kampfszene aus "Baldur's Gate 3" (Bild: Larian Studios)
Für Anfänger*innen ist die Komplexität des Systems vielleicht schwer zu durchdringen. Doch mit der Zeit versteht man das Netz aus potentiellen Vor- und Nachteilen und eignet sich eine ganze Reihe an Tricks an, nutzt Höhen- und Tiefenunterschiede, Gelände-verändernde Zaubersprüche, Bomben, Elixiere und Brandpfeile, um sich Vorteile zu verschaffen. Einfach draufhauen bringt einen zwar auch weiter, aber ganz reicht es dann doch nicht.
So viel Tiefe allein im Kampfsystem zu finden, hatte ich nicht erwartet. Gerade gegen Ende neigt das Duellieren der finalen Bosse in ihren gewaltigen Verstecken zu einer überwältigenden Machtfantasie, in der man dutzende Zombies beschwört, Flutwellen aus Feuer und Eis loslässt und gigantische verfluchte Schwerter schwingt. Und was soll ich sagen, dass macht einfach alles unglaublich viel Spaß.
Ein noch größeres Plus sind ohne Zweifel die Karten der wunderschönen Spielwelt, die ein Traum für alle sind, die Erkundung in Games besonders mögen. Plötzlich stolpert man im Keller eines verlassenen Hauses über einen riesigen Unterschlupf von Söldner*innen oder in die geheime Werkstatt eines Nekromanten. Überall herumzulaufen und jeden Stein umzudrehen, wird sehr belohnt, nicht nur mit interessanten Verbesserungen für die Ausrüstung und Erfahrungspunkten, sondern auch mit neuen Quests und Informationen über die Spielwelt.
So queer, dass es keine Queerness mehr gibt
Die Gretchenfrage lautet natürlich: Wie hältst du's mit der Queerness? Hier setzt "Baldur's Gate 3" neue Standards im Character-Creator, wo man völlig unabhängig von binären Zuschreibungen bei Aussehen, Genitalien, Stimme und Pronomen frei wählen darf. Das wird hoffentlich zum neuen Standard für derartige Titel. Im Dating der Gefährt*innen geht es ebenfalls hoch her, Geschlechtergrenzen sind irrelevant. Sogar polyamore Geschichten werden erzählt, was in diesem Genre leider noch sehr selten ist.
Gerade was diese Dating-Optionen betrifft, bin ich jedoch hin- und hergerissen. Soweit ich das feststellte, nutzt "Baldur's' Gate 3" ein Modell, welches man in den Queer-Games-Studies als "player-centric sexuality" bezeichnet, also auf den gespielten Charakter zentrierte Sexualität. So sind die Gefährt*innen nicht explizit lesbisch, schwul, bi- oder pansexuell, weil dies ja bedeuten würde, dass man als Spieler*in nicht "die volle Auswahl" hat. Dieses Konzept maximaler Offenheit in den erzählten Sexualitäten führt aber eben auch dazu, dass es keine explizit benannten queeren Charaktere gibt und Queerness (soweit ich es gefunden habe) in den Geschichten nicht thematisiert wird.

Offen für alles: Tiefling-Barbarin Karlach in "Baldur's Gate 3" (Bild: Larian Studios)
Einerseits ist das schön, weil es wirklich keine Rolle spielt, wer wen datet und ob der eigene Charakter trans oder cis ist. Andererseits freue ich mich auch immer, wenn Fantasy- und Science-Fiction-Titel sich Mühe geben, Queerness in ihre Universen glaubhaft einzuflechten und Teil der Entwicklung und Historie der Charaktere zu machen. Explizit lesbische, asexuelle, bi- oder pansexuelle und schwule Charaktere gefallen mir persönlich einfach besser, als wenn die Geschichte allen Nebenfiguren eine diffuse, nie thematisierte Offenheit zuschreibt.
Kann ein Spiel auch zu groß sein?
Außerhalb des Themas Queerness hielt mich trotz all der Lobeshymnen irgendetwas zurück – irgendetwas verhinderte, dass ich mich auf die Story wirklich emotional einließ und so mitgerissen wurde, wie ich es von anderen Spielen kenne. Bei einem kurz nach seinem Erscheinen bereits so legendären Titel wie "Baldur's Gate 3" musste ich regelrecht auf Erkundungstour gehen, wo denn nun mein Problem liegt.
Mehr als einmal habe ich mich gefragt, ob ein Spiel vielleicht auch zu groß sein kann. Gelegentlich öffnet man das Game und sieht sich vor einem Haufen an Aufgaben sitzen, länger als meine wöchentliche To-Do-Liste, und das Zocken fühlt sich dann eher wie ein Job an. "Baldur's Gate 3" ist wahrhaftig so riesig, dass ich zum Zeitpunkt des Schreibens dieser Rezension selbst im dritten Akt hängengeblieben bin. (Wobei die titelgebende Stadt mit all ihren Gebäuden und sich bewegenden Elementen auch etwas zu viel für meinen veralteten Gaming-PC ist, selbst bei niedrigsten Einstellungen. Technische Aspekte sollten auf jeden Fall bedacht werden, bevor man die 60 Euro in die Hand nimmt, die das Spiel momentan kostet.)
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Stereotype Vorstellungen von "gut" und "böse"
Letztendlich läuft es wohl darauf hinaus, dass ich Weltrettungs-Geschichten inzwischen einfach langweilig finde. Immer geht es gleich um alles: Das eigene Leben, Millionen Unschuldige und die ganze Spielwelt hängen allein von den eigenen Entscheidungen ab. Bösewichte bevölkern die Welt, nicht nur eine*n Endgegner*in gilt es zu besiegen, sondern gleich eine ganze Handvoll. Alle Schattierungen von Fantasy-Bösewichten sind vertreten: wilde, mörderische Barbarenhorden, verblendete Kultistinnen, machthungrige Politiker, perfektionistische Vampirlorde und sogar der Teufel höchstpersönlich.
Im letzten Akt erledigt man morgens den Boss des mächtigsten Verbrechersyndikats, mittags den Zombiekönig und abends zum Abschluss noch den Gott des Todes (zumindest, wenn man sich bemüht, möglichst moralisch gut zu spielen) – und diese Kämpfe mögen fantastisch inszeniert, strategisch divers und alles in allem einfach maximal spaßig sein, aber ich bemerke doch, dass es mir einfach ein bisschen zu viel ist. Die Entscheidungen sind allzu oft Entscheidungen zwischen den stereotypen Vorstellungen von "gut" und "böse", mit wenig Platz für moralische Graustufen. Will man die Welt retten oder sie zerstören und die Macht an sich reißen? Ich wünsche mir wohl einfach kleinere, intimere Fragestellungen anstatt dieses ewig gleichen Fantasy-Epos, egal wie gut er erzählt sein mag.
Die individuellen Geschichten der Gefährt*innen bewegten mich um ein Vielfaches mehr. In ihnen allen finden sich poetische Parallelen, oft verhandelt die Geschichte Abhängigkeit und das Auflehnen gegen Autorität und Gehirnwäsche. Kathartische Momente und befriedigende Szenen sind liebevoll platziert, und den Gefährt*innen wird viel Raum und Struktur eingeräumt – sie sind eben Teil des Teams, so als säße man tatsächlich mit anderen Spieler*innen am Tisch.

Unterwegs im Underdark (Bild: Larian Studios)
Es ist selten, dass ein Spiel so vieles richtig macht
Ich komme trotz meines Unwohlseins mit der Hauptgeschichte nicht umher, "Baldur's Gate 3" nicht nur als eines der besten Spiele des Jahres, sondern vermutlich auch des Jahrzehnts zu krönen. Es ist selten, dass ein Spiel so vieles richtig macht, vom eigenen Charakter über die Erzählung, die Grafik, das Balancing, die Kämpfe bis zu der akribisch mit Details versehenen Umgebung und der Mechanik. "Baldur's Gate 3" erfüllt den Wunsch nach einer Simulation der realen "Dungeons & Dragons"-Session und bietet ungeahnt viele Möglichkeiten, Probleme anzugehen. Der Replay-Wert ist phänomenal hoch, allein um eine andere Klasse oder andere Spezies auszuprobieren – ganz abgesehen von der Möglichkeit, Konflikte anders zu lösen als beim ersten Mal und die Gefährt*innen in eine ganz andere Richtung in ihren persönlichen Geschichten zu leiten, um hunderte Zeilen an Dialog zu hören, die man beim ersten Mal nicht erreicht hat.
"Baldur's Gate 3" bildet den Beweis dafür, dass "Dungeons & Dragons" in seiner aktuellen fünften Edition nicht zuletzt durch das Twitch-Streaming von Shows wie "Critical Role" und "Dimension 20" und dem dieses Jahr erschienenen Kinofilm endgültig im Mainstream angekommen ist. Herausgeber Wizards of the Coast verspielte sich im Frühjahr viel guten Willen mit neuen kontroversen Urheberrechtsvorschriften für Fan-Inhalte – Entwicklerstudio Larian scheint es bisher klüger zu machen, liefert momentan fleißig Patches und interagiert viel mit der Community und ihren Vorschlägen.
Wer jemals in "Dungeons & Dragons 5E" oder die Tabletop-Szene einsteigen wollte: Jetzt ist der beste Zeitpunkt. Und wer einen leistungsfähigen PC hat, der hole sich "Baldur's Gate 3". Es lohnt sich.














