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TV-Tipp
Horror mit Haltung gegen Homophobie
Die smarte ZDF-Miniserie "Was wir fürchten" schildert die Hölle der "Konversionstherapie". Gegen diese Geisterbahn ist Netflix wie Kinderstunde. Am 31. Oktober 2023 auf ZDFneo und jetzt schon in der Mediathek!

Die Eltern von Simon (Paul Ahrens) wollen, dass er sich einer "Konversionstherapie" unterzieht, weil sie herausgefunden haben, dass er schwul ist (Bild: ZDF / Jan Hromadko)
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28. Oktober 2023, 02:46h 3 Min.
Selten ist der Schwarzwald so unheimlich schön und so schön unheimlich wie hier. Doch die Idylle trügt. Gleich zwei Geisterbahnen setzt die sechsteilige Young-Adult-Horrorserie "Was wir fürchten" in Gang.
Da wäre zum einen jener Amoklauf an einer Schule vor einem Jahr, der bis heute die Bewohner*innen im abgelegenen Städtchen Großstetten schockiert. Die neue Polizeichefin Franka will nach einem Suizid den geheimnisvollen Fall nochmals aufrollen. Deren 17-jährige Tochter Lisa (Mina-Giselle Rüffer) muss sich derweil nicht nur gegen Mobbing an der Schule wehren, auch unheimliche Begegnung der dritten Art sorgen für Unbehagen: Das Reich der Toten sucht ständig Kontakt mit der Teenagerin. Oder sind das alles nur Wahnvorstellungen? Folgen ihrer dissoziativen Bewusstseinsstörung?
Elektroschocks gegen Homosexualität
Die zweite Horror-Story handelt vom Schüler Simon (Paul Ahrens), der heimlich seine erste Liebe zu einem Mitschüler entdeckt. Als das Geheimnis auffliegt, reagieren die religiös fanatischen Eltern schockiert. Der Vater, Pfarrer einen Freikirche, wittert Teufelswerk und schickt den Sohn in eine so genannte "Konversionstherapie", bei der Simon von seiner Homosexualität "geheilt" werden soll.
Der sensible Siebzehnjährige will seine Eltern nicht enttäuschen und fügt sich widerspruchslos in sein Schicksal. Bei Jesper, einem evangelikalen Therapeuten, hat sich eine kleine Gruppe von Männern eingefunden, um sich gemeinsam ihre "Sünde" austreiben zu lassen. Perfider Psychoterror gehört ebenso zu Jespers Programm wie Elektroschockbehandlung oder erzwungene Schießübungen. Stets gibt sich der Sadist mit freundlichem Lächeln. Simon lässt sich alles gefallen. Selbst wenn sein übergriffiger "Heiler" ihn mit lüsternen Blicken vor dem Schreibtisch zum Ausziehen zwingt. Doch irgendwann ist selbst für Simon einmal Schluss mit den Demütigungen. Er schickt verzweifelte Hilferufe an die Eltern. Und er lässt sich nicht länger herumschubsen.

Simon (Paul Ahrens, l.) und sein Zimmergenosse Aaron (Joshua Hupfauer) im "Homoheiler"-Camp (Bild: ZDF / Jan Hromadko)
Showdown in den Katakomben der Schule
Während Lisa sich mit Hilfe einer verständnisvollen Psychologin ihren Problemen stellt, führt der Flirt mit dem attraktiven Leon (Alessandro Schuster) zu neuem Mobbing eifersüchtiger Schüler. Zudem wollen die Toten dem verstörten Teenie keine Ruhe mehr lassen. Zum furiosen Finale werden beide Handlungsstränge raffiniert zusammengeführt. Was sich beim Showdown in den Katakomben der Schule an Homophobie, an paranoidem Hass und dumpfer Gewalt zusammenbraut, gerät zum echten Horror-Hammer. Zur Fratze des Bösen gesellt sich ein völlig verunsicherter Teenager, der nicht mehr weiß, wie ihm geschieht. Und sein Mitschüler, der in größter Gefahr endlich seine leidenschaftliche Liebe proklamiert.
Mit dramaturgischem Geschick entwickelt die Serie von Daniel Rübesam glaubwürdige Konflikte, die von psychologisch plausiblen Figuren durchlebt und durchlitten werden. Der Mystery-Faktor mit kontaktfreudigen Toten sorgt für reichlich Gänsehaut. Smarte Soundeffekte drehen souverän an der Suspense-Schraube. Vor allem ab der dritten Folge wird man aus dieser rasanten Achterbahn voller Überraschungen nicht mehr aussteigen wollen.

Der rote Teufel in "Was wir fürchten" (Bild: ZDF / Jan Hromadko)
Unbedingt ansehen – aber am besten nicht allein
Das leinwandpräsente Schauspiel-Trio Mina-Giselle Rüffer ("Druck"), Paul Ahrens ("Druck") sowie Alessandro Schuster ("Das Boot") erweist sich als charismatischer Coup mit enormem Empathie-Potenzial. Die Widerwärtigkeit jener "Konversionstherapie" derart souverän unaufgeregt zu entlarven, macht diese Geisterstunde zum perfekten Halloween-Abend: Horror mit Haltung.
Der unheimlich schöne Schwarzwald ist übrigens Fake, gedreht wurde das Gruselstück in Tschechien. Das sollte ein paar potenziellen Grimme-Preis freilich keinen Abbruch tun. Unbedingt ansehen – am besten aber nicht allein…
Alle sechs Folgen von "Was wir fürchten" können bereits in der ZDF-Mediathek gestreamt werden. ZDFneo zeigt sie am Dienstag, den 31. Oktober 2023, ab 22.20 Uhr zum Binge-Watching. Mehr zur Serie gibt es in unserem Interview mit Paul Ahrens.
Links zum Thema:
» Trailer und alle Folgen von "Was wir fürchten" in der ZDF-Mediathek
Mehr zum Thema:
» Interview zur Serie: Warum ist "Homo-Heilung" noch immer aktuell, Paul Ahrens? (21.10.2023)
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