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Einzelkommentar zu:
Homo-Buch: Eltern verklagen Schule


#13 linuxerAnonym
  • 01.05.2006, 00:08h
  • Unglaubensbekenntnis
    Ehrlich gesagt habe ich mit Religionen gleich welcher Machart nicht viel am
    Hut. Mir bereitet es keinen Spaß, andere Menschen umzubringen, nur weil sie
    etwas anderes glauben als ich; bei jeder ordentlichen Religion aber gehört das
    doch wohl dazu, oder? Da ich auch selbst mich nur ungern eines falschen Glaubens
    wegen umbringen lassen würde, glaube ich lieber gar nichts – relativ gesehen
    scheint mir das sicherer, toi, toi, toi. Meine Memoiren werden deshalb unter
    dem Titel erscheinen »Aus dem Leben eines Glaubenichts«.
    Ich glaube nicht mal an »Religionskriege«. Keinen einzigen gibt es, der nicht
    letztlich für Wirtschafts- und Machtinteressen geführt worden wäre. Es ist wie
    mit der Furie des Nationalismus, des Rassismus. Wie in allen Kriegen. Für irgend
    etwas müssen die Leute doch freudig in den Tod gehen. Tief eingeprägt hat
    sich mir schon in sehr jungen Jahren der barocke Stilblüten-Kalauer aus einem
    ich-weiß-nicht-mehr-welchen Buch: »Anschließend begaben sich die Allerhöchsten
    Herrschaften in den Dom, um dem Höchsten zu danken.« Mit der Behauptung,
    Wallenstein, Gustav Adolf oder dem Kaiser sei es um den rechten Glauben
    gegangen, holt man spätestens seit Schiller doch wirklich keinen halbwegs halbgebildeten
    Kleingärtner mehr aus der Parzelle. Geht es in Nordirland – außer bei
    den kleinen Leuten – tatsächlich nur um Religionen?
    Alles nichts Neues. Opium fürs Volk? Natürlich: wie beim Lotto. Die Hoffnung
    auf ein besseres Leben nach dem – – Sechser mit Zusatzzahl. Das hält ruhig.
    Gäbe es kein Lotto, keinen Fußball, keine Musikindustrie – wir hätten die
    Revolution.

    Wozu dieses alles schon zigtausendmal Gesagte noch einmal aufschreiben? Wo
    doch weltweit inzwischen jeder weiß, daß die Vokabel Menschenrechte längst
    zum Symbol für Erdöl verkommen ist. Wo es niemand mehr für Zufall hält, daß
    aus US-Sicht die Ungläubigen, ja das Böse an sich, stets – wie das Leben so
    spielt – rund um die Ölquellen sitzen. Hat es nicht schon John Foster Dulles
    seinerzeit auf den unmißverständlichen Nenner gebracht: »Wer nicht für das private
    Unternehmertum, für die christliche Religion und unsere Art zu leben« sei,
    den müsse man vernichten? (Interessant auch die Reihenfolge der aufgezählten
    Werte.)
    Tacheles: Wem daran liegt, aus Machtgründen die Verhältnisse rund ums Öl
    zu destabilisieren, der muß eben ein paar Monate alte, abgefackte dänische Karikaturen
    hervorholen und sie – gelle, Herr Gleiwitz – in die arabische Welt transferieren.
    Der voraussehbare Erfolg wird nicht lange auf sich warten lassen. Hat
    es bisher nicht auch prima geklappt, den bis dato eher laizistischen Irak in bis
    auf den Tod verfeindete »Volksgruppen« von Protestanten und Katholiken – pardon
    Schiiten und Sunniten zu spalten? Und selbstverständlich würde beispielshalber
    die CIA nie Spengstoffanschläge in besetzten fremden Ländern initiieren,
    schon gar nicht gegen religiöse Heiligtümer! Gab es in Guantanamo feinfühlig
    den Koran nicht sogar als Toilettenpapier? »Versehentlich« wie die Bush-Administration
    gleich nach Bekanntwerden der Provokation verlautbaren ließ, als daraufhin
    prompt Unruhen in den islamischen Ländern ausgebrochen waren. Versehentlich?
    Eigentlich hatte George Dabbeljuh die Bibel in den Lokus spülen lassen
    wollen, nicht wahr?
    Wieviel leichter müssen solch religiöse Brandstiftungen einem fallen, der fest
    davon überzeugt ist, seinerseits als gottgefälliger Streiter für den wahren Glauben
    zu handeln! So folgt denn der Tragödie das Satyrspiel:
    Heute im XXI. Jahrhundert tobt plötzlich ein mit aller Erbitterung (bislang
    nur) in Gazetten und vor Gerichten geführter, längst erledigt geglaubter mittelalterlicher
    Glaubenskrieg gegen die Ketzer: Darwins Evolutionstheorie ist Teufelswerk!
    Über 75 Prozent der US-Bürger (aus Europa liegen noch keine gesicherten
    Zahlen vor) und mit ihnen der fundamentalistische Laienprediger im Weißen
    Haus wissen nämlich genau: Gott hat diese Erde und alle Lebewesen in einem
    einzigen Schöpfungsakt Knall auf Fall geschaffen. Big Bang der etwas anderen
    Art. So steht es schließlich in der Heiligen Schrift, und aus ihr ist auch wissenschaftlich
    zu beweisen, wie lange die Sache her ist: nämlich gerade mal 6.000
    bis 10.000 Jahre! Die immer wieder ausgegrabenen 200 Millionen Jahre alten
    Dinosaurierknochen hat demnach Gott nur verbuddelt, um uns arme Menschen
    zu verwirren. Und wer vor sechzig oder vierzig Jahrtausenden Lanzenspitzen
    hergestellt, Höhlen bemalt, Mammute gejagt oder gar Wohnhütten errichtet hat,
    der war eben zu früh dran und mußte sehen, wo er bis 10.000 v. d. Z. bleibt. Deswegen
    sind die Neandertaler ja auch vor 40.000 Jahren ausgestorben.
    Alles dies sind nach Meinung der Fundamental-Genetiker wissenschaftlich
    ernsthaft zu diskutierende Erkenntnisse. Wer es nicht glaubt, frage den Thüringischen
    Ministerpräsidenten Althaus. Der ist als CDU-Politiker Fachmann und
    konnte jüngst nur mühsam davon abgehalten werden, ein Symposium zu der

    Frage zu veranstalten, ob wir Menschen nicht am Ende doch im Wortsinne aus
    einem Klumpen Lehm geknetet worden seien. Der Beweis ist schließlich unwiderlegbar:
    Auf vielen Äckern Thüringens finden sich heute noch Lehmklumpen.
    Papst Benedikt Ratzinger hält sich zum Thema (noch) offiziell zurück, so
    mancher seiner Untergebenen aus Klerus und christlicher Wissenschaft aber hat
    bereits öffentlich laut hörbaren Beifall genickt.
    Der oben glaub-würdig geschilderte Tatbestand soll nach Meinung von Bushs
    fundamentalistischen Gefolgsleuten den Kindern zukünftig nicht mehr nur in der
    Sonntagsschule (die halten wohl selbst Fundis für nicht immer seriös), sondern
    als reine wissenschaftliche Lehre in der Biologiestunde verklickert werden. Die
    Sache hat allerdings einen Haken. Würde man nämlich den Weltenschöpfer weiterhin
    mit dem Namen Gott bezeichnen, bliebe das erste Buch Mose logischerweise
    dann eben doch nur wieder etwas für den Religionsunterricht – den aber
    gibt es nach verfassungsrechtlich verankerter Trennung von Staat und Kirche in
    den USA nicht. Was tun?
    Der Himmel selbst mag es gewesen sein, der seinen bibeltreuen Streitern per
    Eingebung den rechten Weg gewiesen hat. Aus naheliegenden taktischen Gründen
    haben sie Gott – zumindest im Kontext der Genesis – inzwischen schlichtweg
    umbenannt. Er heißt bei ihnen jetzt offiziell »Intelligent-Design«, US-üblich
    abgekürzt: I. D. (sprich: Aih Dieh). Auch wenn ein US-Gericht den Weg der
    reinen Botschaft in den Biologiesaal einstweilen per Urteil versperrt hat, Darwins
    satanische Irrlehre ist nun endgültig wissenschaftlich widerlegt: »Am Anfang
    schuf I. D. ...«? Amerika, das Land der unmöglichen Beschränktheiten.
    Ehe nun der geneigte christliche Leser sich in seinem Glauben verletzt sieht
    und mir bösartige Blasphemie unterstellt, wage ich mich doch einmal auf ein mir
    bekennendem Atheisten eher fremdes Gebiet. Lästern Gott in seiner Unerforschlichkeit
    (Zitat aus dem Konfirmandenunterricht) nicht vielmehr Leute, die ihn
    als alten Mann mit weißem Bart und lehmigen Händen darstellen und die Bibel
    als gentechnisches Rezeptbuch verkaufen wollen? »Du sollst dir kein Bildnis
    noch Gleichnis machen ...«? Da wären wir nun doch wieder fast bei den oben erwähnten
    Karikaturen.
    Wer jedoch seine Himmlerischen Heerscharen einsetzt, um den Ungläubigen
    ein für allemal das allein Aih-Dieh’s own country zustehende Heilige Erdöl-Land
    zu entreißen, der sieht das ohnehin ganz anders.
    Mehrfach hat George W. Bush seine und seiner Wähler Meinung öffentlich in
    die Worte gefaßt: »Wir stammen doch nicht vom Affen ab!!«
    Die entschiedensten Gegner der Darwinschen Evolutionstheorie sind vermutlich
    die Affen. Das ist verständlich.
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