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Serientipp
Eine gelungene Reise durch die queere Geschichte
Von der Jagd auf Homosexuelle in der McCarthy-Ära bis zur Aidskrise: Die Miniserie "Fellow Travelers" mit Matt Bomer und Jonathan Bailey erzählt von der geheimen Beziehung zweier schwuler Männer in den USA.

Hawk (Matt Bomer, li.) und Tim (Jonathan Bailey) führen über Jahrzehnte eine leidenschaftliche Affäre (Bild: Showtime)
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29. Oktober 2023, 04:45h 4 Min.
Prestige-Produktionen im Miniserien-Format, die ausschweifend historische Geschichten über mehrere Jahrzehnte erzählen, sind seit jeher fester Bestandteil der amerikanischen Fernseh- (und Streaming-)Landschaft. Dass die romantischen Beziehungen, die dabei im Mittelpunkt standen, heterosexueller Natur waren, verstand sich bislang fast von selbst. Doch damit ist nun erfreulicherweise Schluss, wie der Achtteiler "Fellow Travelers" (seit 28. Oktober 2023 bei Paramount+) eindrücklich unter Beweis stellt.
Die Geschichte der Serie, der als Vorlage der gleichnamige, in Deutschland nie übersetzte Roman von Thomas Mallon diente, beginnt in den 1980er Jahren. Während einer Familienfeier erfährt Hawkins "Hawk" Fuller (Matt Bomer) – seit Jahrzehnten verheiratet, mehrfacher Vater und Großvater und gerade auf den lang erhofften Botschaftsposten in Europa berufen – von der Erkrankung eines alten Freundes. Tim Laughlin (Jonathan Bailey) hat Aids und wohl nicht mehr lange zu leben, was Hawk auch deswegen aus der Bahn wirft, weil der von ihm Skippy genannte Tim insgeheim die große Liebe seines Lebens ist.
Die Geschichte beginnt in den 1950er Jahren
Es geht dann schnell zurück in die 1950er Jahre, wie überhaupt die Erzählung immer wieder zwischen den Dekaden hin und her springt. Bei einer Party nach Eisenhowers Wahlsieg lernen die beiden sich kennen. Hawk ist da bereits gefeierter Kriegsheld und klettert in Washington als Mitarbeiter von Senator Smith (Linus Roach) die Karriereleiter nach oben. Der Boss würde ihn gerne mit Tochter Lucy (Allison Williams) vor dem Altar sehen, doch Hawk hat eigentlich lieber Sex mit jungen Männern in Parks und auf Toiletten.

Hawk und Tim müssen ihre Beziehung geheimhalten (Bild: Paramount+)
Der einige Jahre jüngere Tim dagegen fasst gerade erst Fuß im Politbetrieb der US-Hauptstadt, wäre um ein Haar katholischer Priester geworden und hofft jetzt als überzeugter Anti-Kommunist auf einen Job bei Senator McCarthy (Chris Bauer). Dass er selbst ein schwuler Mann ist und welche Möglichkeiten sich ihm unter Ausschluss der Öffentlichkeit dabei bieten (oder eben auch nicht), offenbart sich ihm erst durch die Begegnung mit Hawk.
Die beiden beginnen unter größtmöglicher Geheimhaltung eine leidenschaftliche Affäre, in der dann doch auch recht bald Gefühle ins Spiel kommen und die sich letztlich, von Unterbrechungen und Konflikten durchzogen, über Jahrzehnte hinziehen wird. Wie "Fellow Travelers" dabei die sich immer wieder verschiebenden Machtverhältnisse und Selbstwahrnehmungsstufen in dieser sich von Beginn an auch um Dominanz und Unterwerfung drehenden Beziehung zwischen dem auf Kompartmentalisierung, Verdrängung und Täuschung spezialisierten Hawk und dem beharrlich und intensiv mit sich selbst und der eigenen Identität ringenden Tim sichtbar macht, ist bemerkenswert.
Fas ein halbes Jahrhundert queere Geschichte eingefangen
Dass Showrunner Ron Nyswaner (der mit dem Oscar-nominierten Drehbuch zu "Philadelphia" Filmgeschichte schrieb) sich nicht wie der Roman auf die 1950er Jahre beschränkt, sondern den Figuren auch durch die nachfolgenden Jahrzehnte folgt, hat Vor- und Nachteile gleichermaßen. Einerseits erreicht "Fellow Travelers" natürlich nur so die fast epische Breite, um die es bei dieser aufwändig umgesetzten und in tollen Bildern festgehaltenen Produktion geht. Außerdem bietet sich so die Gelegenheit, fast ein halbes Jahrhundert queerer Geschichte einzufangen, geht es doch dann außer um die Jagd auf Homosexuelle in der McCarthy-Ära und die Tragik von Aids auch um den Horror des Vietnamkriegs, die Bürgerrechtsbewegung, Fire Island in den 1970er Jahren oder die Ermordung von Harvey Milk. Andererseits kommen leider all die Ereignisse dazwischen letztlich doch ein bisschen kurz im Vergleich zu den 1980er Jahren der Beziehung von Hawk und Tim sowie ihrem späten Wiedersehen.

Mit dem Journalisten Marcus (Jelani Alladin, li.) und der Dragqueen Frankie (Noah J. Ricketts) gibt es noch ein weiteres queeres Paar (Bild: Kurt Iswarienko / Showtime)
Gleiches gilt für weitere Figuren. Dass die Serie noch ein zweites Paar einführt, nämlich den Schwarzen, ungeouteten Journalisten Marcus (Jelani Alladin) und die selbstbewusste Dragqueen Frankie (Noah J. Ricketts), macht durchaus Sinn, lassen sich so schließlich queere Erfahrungen in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts noch einmal aus einer anderen, nicht-weißen Perspektive zeigen. Weil die beiden dann aber, ebenso wie etwa Hawks lesbische Sekretärin, nie den gleichen Raum bekommen wie das Trio im Zentrum der Geschichte, gerät "Fellow Travelers" öfter in eine gewisse Schieflage, obwohl Alladin und Ricketts schauspielerisch voll überzeugen.
Wann immer sich die Erzählung allerdings um Hawk, Tim und auch Lucy dreht, entwickelt "Fellow Travelers" beachtliche Qualitäten. Williams gewinnt ihrer eher undankbaren Rolle einige Nuancen ab, doch am meisten strahlt die Serie, wenn die Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern Funken schlägt. Bomer (demnächst auch in "Maestro" zu sehen) war selten besser, aber es ist vor allem der durch "Bridgerton" bekannte Bailey, der so mitreißend spielt, dass man kaum die Augen von ihm lassen kann. Gemeinsam machen sie die große Anziehung zwischen Hawk und Tim jeden Moment lang greifbar, gerade auch in den zahlreichen (und erzählerisch trotzdem nie sinnlosen) Sexszenen. Selbst das leider nicht immer überzeugende Alters-Make-up machen sie am Ende fast vergessen.
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