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Interview

Rainer Bielfeldt: Musikalischer Coming-out-Helfer seit über 30 Jahren

Seit 1992 singt Rainer Bielfeldt über Homosexualität. Im Interview mit queer.de spricht er über seine frühen Anfänge, Queerness in der Musikbranche, Major-Labels versus Spotify, seine Alkoholsucht – und gibt seinem Leben einen Albumtitel.


Rainer Bielfeldt, geboren 1964 in Hamburg, ist Sänger, Pianist, Komponist, Produzent, Dozent und Coach (Bild: Lorelay)

Während queere Stars wie Kim Petras, Lil Nas X und Sam Smith heute die Charts erobern, sah es vor rund 30 Jahren noch deutlich anders aus. Davon kann der deutsche Chanson-Sänger Rainer Bielfeldt (59, u.a. "Gute Reise, mein Herz") im wahrsten Sinne des Wortes ein Liedchen singen, denn er gehörte 1992 sicherlich zu den Vorreitern, was das Songschreiben über Homosexualität angeht.

In einer Zeit, in der von Streaming-Anbietern wie Spotify, Deezer und Co. nur zu träumen war, fing er an, seine Alben mit überwiegend queeren Songs selbstständig zu vertreiben, und machte damit vielen Menschen Mut. Einen Vertrag bei einem Major-Label hat er bis heute nicht, ist inzwischen aber mit einem eigenen Spotify-Profil auch im digitalen Musik-Zeitalter angekommen. Mit queer.de spricht er über seine frühen Anfänge, Queerness in der Musikbranche, seine Alkoholsucht – und gibt seinem Leben einen Albumtitel.

Rainer, du hast dein erstes Soloalbum bereits 1992 veröffentlicht – rund 30 Jahre später ist es nun auf Spotify und Co. verfügbar. Wie sehr kannst du dich denn mit deinen damaligen Texten noch identifizieren?


Sein erstes Album "Nachtzug" veröffentlichte Rainer Bielfeldt 1992

Zu 100 Prozent. Was den Geist der Geschichten und meine grundsätzlichen Überzeugungen angeht, sowieso. Es gibt nur ein paar wenige Songs, die ich live nicht mehr singen würde, weil ich denke, dass ich aus dem passenden Alter mittlerweile raus bin. In viele andere Lieder hingegen bin ich in den letzten Jahren erst richtig reingewachsen.

Bis heute vertreibst du deine Musik komplett eigenständig. Was spricht aus deiner Sicht gegen ein großes Label wie Universal oder Sony?

Es spricht nicht grundsätzlich etwas gegen die großen Labels. Es muss jeder für sich entscheiden, was der richtige Weg ist. Verkehrt wäre es aber, sein Leben lang vergeblich auf den großen Major-Deal zu warten statt einfach selbst loszulegen. Es war noch nie so leicht wie heute, in eigener Verantwortung Musik zu veröffentlichen, denn durch das Streaming sind die Kosten deutlich gesunken. Ich versuche immer, meinen jungen Kolleg*­innen Mut zu machen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, ganz besonders, wenn sie nicht so richtig in den Mainstream passen.

Hast du denn das Gefühl, dass große Labels ihre Künstler*­innen auch heute noch "formen" wollen, was etwa das öffentliche Ausleben ihrer sexuellen Orientierung angeht – oder ist man hier als Interpret*in inzwischen freier?

Grundsätzlich glaube ich, dass die Musikwelt als Ganzes sehr viel entspannter bei dem Thema geworden ist, und das zeigen ja auch die vielen offen queeren Künstler*­innen. Sicher ist es aber auch abhängig vom Genre – ein Coming-out in der volkstümlichen Musikszene ist wohl nach wie vor eher die Ausnahme. Frei von Diskriminierung ist die Welt aber leider noch lange nicht. Und ein Coming-out ist auch heute kein Zuckerschlecken, erst recht nicht, wenn ein Mensch im Lichte der Öffentlichkeit steht.

Direktlink | Ein Abschiedslied für eine große Liebe: "Gute Reise, mein Herz" von Rainer Bielfeldt
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Du selbst bist mit deiner Homosexualität von Anfang an sehr offen umgegangen. Hattest du aufgrund dessen auch schon mit Anfeindungen oder Schwierigkeiten in deiner Karriere zu kämpfen?

Nein, zumindest nicht mit offenen Anfeindungen. Was hintenrum vielleicht geredet und entschieden wird, das bleibt natürlich im Dunklen. Darum wäre es auch reine Spekulation, ob und wie meine Karriere als Hetero bzw. Klemmschwester anders verlaufen wäre. Ich selbst bin einfach nach wie vor glücklich, dass ich mich gegen das Verstecken entschieden habe.

In deiner aktuellen Pressemitteilung schreibst du, dass du anderen queeren Menschen bereits mit deiner Musik helfen konntest. Kannst du uns von ein paar konkreten Beispielen erzählen?

Viele Menschen haben mir berichtet, dass meine Musik sie durchs Coming-out begleitet und ihnen geholfen hat, zu sich selbst zu stehen. Meine ersten beiden Alben erschienen Anfang der 1990er Jahre. Da war ich in der Chanson-Szene keineswegs der einzige offen queere Künstler. Ich hatte aber eine eigene und eigentlich ganz unspektakuläre Art, meine Liebeslieder einfach an diejenigen zu adressieren, die gemeint sind – und das sind bei mir halt Männer. Das habe ich mit einer unaufgeregten Selbstverständlichkeit getan, ohne das noch groß zu thematisieren. Und diese Offenheit hat vielen Leuten Mut gemacht.

Direktlink | Live-Aufnahme von "Zwei Tränen auf der Reise" aus dem Jahr 2012
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Deine Musik soll zudem dazu beitragen, dass Homosexualität als etwas Selbstverständliches angesehen wird. Homophobe Menschen werden sich durch Songs aber wahrscheinlich nicht "umstimmen" lassen. Was denkst du, wie man diese Menschen erreichen kann?

Menschen, die sich durch Vielfalt bedroht fühlen, sind leider nur schwer zu erreichen. Grundsätzlich darf man die Wirkungskraft von Liedern nicht überschätzen. Sie sind auch eine wichtige Versicherung für Gleichgesinnte, dass wir nicht allein mit unseren Überzeugungen und Gefühlen sind. Aber ich hoffe, dass meine Lieder und mein Auftreten auch hin und wieder einen kleinen Beitrag leisten, bornierte Einstellungen zu hinterfragen.

Genauso offen wie mit deiner Homosexualität gehst du auch mit deiner Alkoholsucht um, die du vor 13 Jahren besiegen konntest. Was hat dir damals geholfen, dieser Sucht zu entkommen?

Die späte, dann aber tiefgreifende Einsicht, dass ich meinen Konsum nicht mehr unter Kontrolle habe und die Kontrolle auch nicht mehr zurück erlangen werde; der Austausch mit anderen Betroffenen und die Unterstützung seitens meiner Freund*­innen und meiner Familie; und die Suchttherapie, die ich seinerzeit bei der Schwulen­beratung in Berlin gemacht habe. Auch in punkto Sucht war mein offener Umgang mit dem Thema eine große Hilfe – dadurch wussten die Menschen in meinem Umfeld Bescheid und haben mir viel Zuspruch und Respekt entgegengebracht. Außerdem hat mich das bewahrt vor ständigen Aufforderungen zum Trinken, nach dem Motto: "Aber ein Glas zum Anstoßen ist doch wohl mal drin..."

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Hast du für dich selbst auch herausfinden können, was die Ursachen dieser Alkoholsucht waren?

Nein, nicht wirklich. Es gibt kleine Puzzleteilchen, aber es fügt sich nicht zu der einen großen Ursache zusammen. Ich bin auch mittlerweile nicht mehr auf der Suche nach diesem allumfassenden Grund. Ich bin glücklich, dass ich die Kurve gekriegt habe, und schaue nach vorn.

Suchtkranke, queere Menschen haben häufig mit einer Doppelbelastung zu kämpfen – zum einen mit den Suchterscheinungen, zum anderen mit Anfeindungen und Unsicherheiten aufgrund ihrer Queerness. Benötigen diese eine besondere, gezieltere Therapie?

Nun, ich bin kein Suchttherapeut, ich kann da also nur aus meiner eigenen Erfahrung berichten. Während meiner Therapie und in der Zeit danach, in der ich regelmäßig eine angeleitete queere Gruppe mit abstinenten Männern besuchte, war es eine große Hilfe, einen geschützten Raum zu haben, und sich und sein Leben nicht ständig erklären zu müssen. Einigen Betroffenen wäre es vielleicht in einem anderen Rahmen gar nicht möglich gewesen, sich so weit zu öffnen, wie es notwendig ist, um den eigenen Dämonen in die Augen zu sehen.

Lass uns beide uns zum Ende noch mal einer musikalischen Frage widmen: Wenn du dein Leben in einem Albumtitel zusammenfassen müsstest, wie würde dieser lauten?

Wird ja immer schöner, dieses Leben!

-w-