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Ab Donnerstag im Kino
Hat die bisexuelle Sandra ihren Mann umgebracht?
Samuel ist tot – war es ein Unfall, Suizid oder Totschlag? Seine Ehefrau Sandra, die eine Affäre mit einer anderen Frau hat, ist die Hauptverdächtige. "Anatomie eines Falls" ist ein beeindruckendes Gerichtsdrama und gewann den Hauptpreis in Cannes.

Die Affäre von Sandra (Sandra Hüller) mit einer anderen Frau wird vor Gericht vom Staatsanwalt ausgeschlachtet (Bild: Les Films Pelleas / Les Films De Pierre)
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29. Oktober 2023, 11:14h 5 Min.
Alles ist blendend weiß. Die französischen Alpen sind ein echtes Winter-Wonderland. Das mehrstöckige Chalet fügt sich harmonisch in diese Postkartenlandschaft ein, als würde es genau hierhingehören. Doch 50 Cent stört die Idylle. Sein Track "P.I.M.P." über das Gangsta-Leben als Zuhälter beschallt in einer Akustik-Version das ganze Haus, vielleicht sogar das ganze Tal.
Sandra (Sandra Hüller) ist genervt davon, dass ihr Mann Samuel seine Musik so laut aufdreht und den Song auf repeat hört. Immerhin versucht eine Studentin, ein Interview mit der angesehenen Schriftstellerin zu führen. Doch der Lärm zwingt sie, das Gespräch zu vertagen. Ihr Sohn Daniel geht mit dem Hund Snoop Gassi, um dem Lärm zu entfliehen.
Als der Elfjährige zurückkommt, läuft die Musik immer noch. Und sein Vater Samuel liegt tot vor dem Chalet, eine Blutlache färbt den Schnee neben seinem Kopf tiefrot. Daniel ruft seine Mutter, Sandra stürzt hinunter.
Ein nervenaufreibender Indizien-Prozess
Die Polizei glaubt weder an einen Unfall noch an einen Suizid, und Samuels Frau ist die einzige Verdächtige. Die Beamt*innen verhören und ermitteln, stellen mögliche Tathergänge nach, werfen Puppen aus dem zweiten oder aus dem dritten Stock, lassen einen Sachverständigen die Größe und Lage der Blutspritzer untersuchen. Dann ein erster Erfolg für Sandra und ihren Anwalt und langjährigen Freund Vincent: Ihr Sohn Daniel, der einzige weitere Zeuge, darf weiterhin bei ihr wohnen.
Nach einem Zeitsprung von einem Jahr beginnt ein für alle Seiten nervenaufreibender Indizien-Prozess. Die Öffentlichkeit interessiert sich für den Fall, Kamerateams berichten vor dem Gerichtsgebäude, immerhin ist die Deutsche Sandra eine bekannte Autorin.
Immer mehr intime Details vor Gericht

Poster zum Film: "Anatomie eines Falls" startet am 2. November 2023 im Kino
Das französische Drama "Anatomie eines Falls" wird dann endgültig zum Gerichtsfilm, der den Gerichtssaal fast nicht mehr verlässt. Seit Fatih Akins "Aus dem Nichts" war ein Prozess im Kino nicht mehr packender. Das gelingt, weil nicht nur die Frage im Raum steht, was an diesem von außen so friedlichen Wintertag passiert ist – Sandra und Vincent sprechen von einem Suizid, der Staatsanwalt ist überzeugt, sie habe ihren Mann im Streit aus dem Fenster gestoßen. Sondern insbesondere, weil die Beziehung zwischen den Eheleuten von allen Seiten genauestens seziert wird. So kommen Stück für Stück weitere intimste Details ans Licht, die Sandra sowohl ent- als auch belasten.
So wenig von Samuels Tod klar ist, so sehr steht fest: Die Ehe der beiden war weder glücklich noch ausgeglichen. Das Drama erzählt von einer aus den Fugen geratenen Beziehung, von Partner*innen, die einander nicht guttun, von Neid und Missgunst, von Streit und immer stärker werdender Frustration, von Schuld und Anschuldigungen. Aus der Anatomie eines Falls wird die Anatomie einer Beziehung.
Die böse Bisexuelle, die ihren Mann loswerden will
Der Staatsanwalt (Antoine Reinartz) konfrontiert Sandra – und das Gericht – schließlich mit ihrer Bisexualität und den Affären, die sie angeblich pflegte. Er fragt die Literaturstudentin, ob Sandra mit ihr flirtete. Sein Argument: Sandra war in ihrer Ehe so unglücklich, dass sie ihren Mann umbrachte, um ihr zu entkommen. Die böse Bisexuelle, der ihr Mann nicht genügt, die ihn hintergeht und schließlich endgültig loswerden will – auf dieses Bild will der Staatsanwalt hinaus, doch es ist verzerrt. Denn die Sache ist komplexer.
Das Drama der französischen Regisseurin Justine Triet ist aus vielen Gründen ein herausragender Film: Das Drehbuch von ihr und Arthur Harari ist brillant, weil es seine Figuren genauestens beobachtet, dabei fesselt, emotional unter die Haut geht und realistisch (in ihren eigenen Worten: "sehr französisch" im Gegensatz zu viel spektakuläreren amerikanischen Vertretern des Genres) bleibt.
Sandra Hüller ist eine Wucht
Der Kameramann Simon Beaufils, mit dem Justine Triet schon bei ihren vergangenen zwei Filmen "Victoria – Männer & andere Missgeschicke" sowie "Sibyl – Therapie zwecklos" zusammenarbeitete bewegt sich frei im Gerichtssaal, nimmt subjektive Einstellungen ein, gleitet etwa bei Daniels Verhör von der Position des Verteidigers zu der des Staatsanwalts, ohne den Blick von dem Elfjährigen zu nehmen – ein großartiges Bild.
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Vor allem aber die deutsche Schauspielerin Sandra Hüller (spätestens seit ihrer Hauptrolle in "Toni Erdmann" bekannt und dieses Jahr bereits in "Sisi & Ich" im Kino zu sehen gewesen) als Sandra ist eine Wucht. Justine Triet schrieb Hüller die Rolle auf den Leib, und das merkt man. Sie verleiht Sandra eine beeindruckende Nuanciertheit, die diese komplexe und uneindeutige Figur verdient. Auch Milo Machado Graner, der den sehbehinderten elfjährigen Daniel spielt, verdient größte Anerkennung. "Anatomie eines Falls" nimmt häufig die Perspektive des zurückhaltenden Kindes ein und ergründet die Frage, was so ein Prozess, was all die intimen, gewaltvollen Details aus der Beziehung seiner Eltern mit ihm machen.
"Anatomie eines Falls" gewann bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes zurecht den Hauptpreis. Der Film über Recht und Unrecht urteilt am Ende fast weniger über den Fall als über die Beziehung von Samuel und Sandra. Egal, wie das Gericht urteilt: Gibt es am Ende überhaupt Gewinner*innen?
Anatomie eines Falls. Drama. Frankreich 2023. Regie: Justine Triet. Cast: Sandra Hüller, Swann Arlaud, Milo Machado Graner, Antoine Reinartz, Samuel Theis, Jehnny Beth. Laufzeit: 150 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Verleih: Plaion Pictures. Kinostart: 2. November 2023
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