https://queer.de/?47429
Streamingtipp
Nach dem Cruisen erst Jahrzehnte später wiedergetroffen
Enea und Pietro lernen sich beim Cruisen kennen, doch das Schicksal trennt sie. Immer wieder verpassen sie einander, bis sie sich Jahrzehnte später wirklich treffen: "Nuovo Olimpo" ist ein angenehm kitschiger Liebesfilm.

Große Liebe: Enea (Damiano Gavino) und Pietro (Andrea Di Luigi) in "Nuovo Olimpo" (Bild: Netflix)
- Von
1. November 2023, 06:22h 3 Min.
Der griechische Göttervater Zeus ist bekannt für seine sexuellen Eskapaden. Es liegt also nahe, ein Kino in Rom nach dem Wohnort der Gött*innen zu benennen: Denn im "Nuovo Olimpo" geht es ähnlich heiß her wie in der griechischen Mythologie. Das Kino zeigt alte Schwarz-Weiß-Filme und Retrospektiven. Doch noch mehr interessieren sich die überwiegend männlichen Besucher für den Flur vor den Toiletten, wo sie rauchen, sich kennenlernen, Blicke tauschen, um dann gemeinsam in einer Kabine zu verschwinden. Klassisches Cruising in der italienischen Hauptstadt in den 1970er Jahren.
So lernen sich auch der aufstrebender Regisseur Enea und der schüchterne Medizinstudent Pietro kennen. Doch Pietro sucht gar keine schnelle Nummer – er möchte in der Kabine reden. Für Enea macht ihn das umso interessanter. Es beginnt eine kurze, intensive, leidenschaftliche Affäre, die noch dazu sehr sinnlich gedreht ist: Wie die beiden sich gegenseitig mit Marmelade füttern, ist ein echter Hingucker, erotisch, aber nicht plump. Doch das Schicksal trennt die jungen Männer.
Das Kino zeigt jetzt nur noch Pornos

Poster zum Film: "Nuovo Olympo" kann ab 1. November 2023 exklusiv auf Netflix gestreamt werden
Der italienische Regisseur Ferzan Özpetek hat mit "Nuovo Olimpo" seinen ersten Netflix-Film gedreht. Thematisch bleibt er sich aber treu: Schon "Die Ahnungslosen" (2001), "Männer al dente" (2010) und "Die Göttin Fortuna" (2019) handelten von schwulen Männern und ihren Problemen mit dem Partner oder der Familie. Auch unterdrückte Sexualität thematisierte der in der Türkei geborene Regisseur immer wieder.
"Nuovo Olimpo" wird vor allem vom Zufall weitergetrieben: 18 Jahre später verfilmt der mittlerweile etablierte Regisseur Enea die Geschichte der Affäre. Pietro sieht den Film und sucht seinen früheren Lover im titelgebenden Kino, das sein Programm ganz auf Pornos umgestellt hat. Vergeblich, er trifft – Zufall! – aber einen alten Bekannten von früher...
Normschöne und muskulöse Männer
Und so springt der Film noch zweimal in der Zeit, in die Jahre 1993 und 2015: Zuerst verpassen die beiden sich wieder. Enea und Pietro sind inzwischen so etwas wie gestandene Männer, mit vorzeigbarer Karriere und Familie. Erst 2015 lässt sie ein weiterer, sehr großer Zufall einander begegnen. Der führt, kein Spoiler, zu einem wirklich großen Ende des Films.
Natürlich ist das alles sehr kitschig. Aber es driftet nie ins Komische, Lächerliche oder Vorhersehbare ab. Damiano Gavino als Enea als auch Andrea Di Luigi als Pietro sind (wie alle anderen Männer) normschön und sehr muskulös. Doch sie strahlen eine authentische und Jahrzehnte überwindende Zuneigung zueinander aus, ohne allzu naiv oder hoffnungslos träumerisch daherzukommen. Deshalb steht auch die Frage "Was wäre, wenn?" nie wirklich im Vordergrund. Viel wichtiger als die Befürchtung, etwas verpasst zu haben, scheint die Hoffnung, wieder Zeit miteinander verbringen zu können.

Ein Zufall führt Enea und Pietro wieder zusammen (Bild: Netflix)
Herzen, die nicht vergessen
Noch dazu ist "Nuovo Olimpo" ganz großartig gedreht. Man merkt, insbesondere im ersten Drittel, wie viel Wert Regisseur Özpetek und sein Kameramann Gian Filippo Corticelli auf Gegenlicht-Bilder, auf ein zartes, ockerfarbenes Licht legen, die Farben der römischen Gebäude spiegelnd. Unterlegt werden die Szenen von einer wunderbar romantischen (wieder: nicht kitschigen) Musik, die von der israelischen Sängerin Yasmin Levy über Charles Aznavour bis zur legendären Mina reicht.
Insofern sticht der Liebesfilm doch qualitativ aus der Vielzahl an entweder überdrehten oder seichten Netflix-Produktionen heraus. "Nuovo Olimpo" ist ein erwachsenes Drama über die Macht des Zufalls und Herzen, die nicht vergessen.
|
Nuovo Olimpo. Romantik-Drama. Italien 2023. Regie: Ferzan Özpetek. Cast: Damiano Gavino, Andrea Di Luigi, Luisa Ranieri, Greta Scarano, Aurora Giovinazzo, Alvise Rigo, Giancarlo Commare. Laufzeit: 111 Minuten. Sprache: italienische Originalfassung. Untertitel: Deutsch (optional). Seit 1. November 2023 auf Netflix
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
23:30h, Arte:
Queens of Joy – Queerer Kampf für Freiheit
Der Dokumentarfilm porträtiert drei Menschen aus der Ukraine, die mit einer Drag-Show für Solidarität und Widerstand kämpfen.
Doku, F/UA 2025- 2 weitere TV-Tipps »















