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Roman

Trans, depressiv und hoffnungslos verliebt in Berlin

In Varina Walendas Debüt "Dopamin & Pseudoretten" wird die Geschlechtsidentität der Hauptfigur nicht problematisiert: Der 25-jährige Janis wohnt am Kotti, verliebt sich in eine deutlich ältere Kollegin, doch die weiß genauso wenig vom Leben wie er.


Symbolbild: Eingang zum U-Bahnhof Kottbusser Tor in Berlin (Bild: IMAGO / Ulli Winkler)

Schwäbischer Dialekt, Milch von Kühen, Deadname: In den ersten zehn Zeilen gibt es schon alles, was Berliner*innen, Betonung auf dem Sternchen, hassen. Wahrscheinlich zurecht, aber eben auch sehr abgegriffen. Und dann ist auch noch Weihnachten, das Fest der Familie, die Zeit, um aus der Wahlheimatsmetropole in die verhasste – nein, nicht so negativ: hinter sich gelassene – echte Heimat zurückzukehren. Weihnachten in Schwaben, zu neugierige Nachbarschaft inklusive: Es ist so leicht, die Provinz zu verachten.

Zum Glück ist Janis bald zurück in Berlin. Janis, Mitte 20, wohnt, wie sollte es anders sein, am Kottbusser Tor. Der Kotti, damit können ja alle was anfangen. Ein bisschen wild und kriminell, Drogen, Alkohol und Scherben, aber auch wahnsinnig cool, dank Südblock und Möbel Olfe mehr als nur queer angehaucht. Und eben wieder: abgegriffen. Berlin, schreibt der Ich-Erzähler, sei eine Verheißung gewesen. "Berlin war alles, was der Süden nicht war. Arm und so was wie Kunst."

Janis suhlt sich in seiner Überheblichkeit


"Dopamin & Pseudoretten" ist Ende Oktober 2023 im Verlag Voland & Quist erschienen

So was wie Kunst, das macht Janis beruflich: Er arbeitet als Kostümassistenz bei einem Theater, hilft den Darsteller*­innen während den Vorstellungen aus und in ihre Kleider. Am Theater lernt er Irina kennen, anfangs noch "Kostüm-Irina", doch das Attribut verschwindet bald, je besser die beiden sich kennenlernen. Eine Nachricht auf einer Dating-App verändert ihre Beziehung schließlich.

"Dopamin & Pseudoretten" (Amazon-Affiliate-Link ) ist der erste Roman von Varina Walenda. Neben ihrer künstlerischen Tätigkeit ist sie Ärztin in Weiterbildung zur Psychiaterin und Psychotherapeutin. Ihr Stil ist oft staccatoartig, viele Sätze bleiben ohne Verben. Das erhöht das Tempo der Erzählung, wirkt jung und hip und die kurzen Kapitel eher wie lange Tweets, doch bergen all die Hauptsätze die Gefahr, dass Leser*­innen schnell abstumpfen.

Genau wie von der Hauptfigur. Denn Janis ist an Klischees kaum zu übertreffen, und dabei auch noch ziemlich unsympathisch. "Ich bin fünfundzwanzig und depressiv. Ich weiß Bescheid." oder "meine Therapeutin (…) und ich wissen, dass ich längst verloren bin." sind richtige Augenroll-Sätze. Vielleicht ist es cool (oder ironisch?), mit Depressionen zu kokettieren, das alles nicht so ernst zu nehmen, sich in seiner Überheblichkeit zu suhlen, oder es zumindest vorzugeben. Aber eine Figur, der man trotz aller Widersprüche gerne folgt, für die man Empathie aufbringt, entsteht so leider nicht.

Sprachliche Finesse bringt zum Schmunzeln

Dabei hat "Dopamin & Pseudoretten" durchaus stilistische und erzählerische Höhepunkte. Das beginnt schon mit der Grundannahme, dass Janis' Geschlechtsidentität nicht problematisiert wird, sondern es ganz andere gewichtigere Probleme und Herausforderungen in seinem Leben gibt. Varina Walenda schreibt dazu auf Instagram: "Menschen brauchen meine therapeutische Hilfe nicht, weil sie trans* sind, sondern weil sie Minority-Stress, Diskriminierung und teilweise Gewalt ausgesetzt sind."

Janis hat außerdem ein äußerst sympathisches Coming-out bei seinen Eltern, und Varina Walende versteht es immer wieder, durch Janis' Abgebrühtheit zum Lachen oder durch sprachliche Finesse zum Schmunzeln zu bringen. Die titelgebenden Pseudoretten, "Selbstgedrehte mit ganz leichtem Tabak", sind nur ein Beispiel dafür.

Als "ein Buch über die Gegenwart und deren anarchische Kraft" preist der Verlag den Roman an. Und vielleicht liegt darin eines der größten Probleme. Zumal sich die Frage stellt, worin genau die anarchische Kraft der Geschichte liegen soll. Die Literaturwissenschaftlerin und Soziologin Carolin Amlinger hatte im Sommer in der "Süddeutschen Zeitung" über diesen inflationären Gegenwartsbezug auf dem deutschen Buchmarkt geurteilt, dass so die Literatur zugunsten von Zeitdiagnosen abgeschafft würde. Das ist ein vielleicht zu hartes Urteil, im Kern aber hat sie Recht – und es lässt sich auch auf "Dopamin & Pseudoretten" übertragen.

Infos zum Buch

Varina Walenda: Dopamin & Pseudoretten. Roman. 210 Seiten. Verlag Voland & Quist. Berlin 2023. Gebundene Ausgabe: 24 € (ISBN 978-3-863-91388-5). E-Book: 17,99 €

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