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Roman
"Torero, ich hab Angst" ist ein queeres Meisterwerk
Alte Tunte liebt Guerillakämpfer während der Pinochet-Diktatur: In der Bibliothek Suhrkamp ist eine Neuausgabe des ersten, einzigen und absolut bemerkenswerten Romans von Pedro Lemebel erschienen.

Der chilenische Schriftsteller und Performancekünstler Pedro Lemebel (1952-2015) war eine queere Ikone
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4. November 2023, 08:03h 5 Min.
Zwar alles andere als unauffällig, aber ganz sicher unverdächtig: Kein Wunder, dass Carlos seine verbotenen Bücher (und mehr) ausgerechnet bei der selbsternannten Tunte von der Front unterbringen will. Bei der entrückten, ärmlichen, effeminierten Tunte würden die Truppen des Diktators Augusto Pinochet niemals ein Geheimlager der Patriotischen Front vermuten. Und sie, knapp 40, kann dem "feuchten Lilienmund" des bildhübschen Studenten natürlich nicht widerstehen. Sie interessiert sich eh nicht für Politik, dafür umso mehr für gutaussehende Männer. Win-Win, it's a match, hätte Tinder gesagt.
Und so geht Carlos mit seinen Unterstützer*innen mit schweren Kisten bepackt ab sofort im Haus der Tunte ein und aus. Sie lernen dort für die Uni, erklärt er, aber was es mit den verbotenen Schriften auf sich hat, erfährt seine Gastgeberin nicht. "Erkläre ich dir später", vertröstet der Student sie immer wieder – und sie gibt sich damit zufrieden, solange sie ihren Angebeteten um sich hat. Endlich eine zum Scheitern verurteilte Romanze, genau wie in den Liebesliedern, die sie die ganze Zeit im Radio hört. Dass sie unterschätzt wird, wird noch ihr großer Vorteil, von dem die ganze Gruppe profitiert.
Terrorist*innen versammeln sich bei der Tunte
Die Tunte von der Front, manchmal von der Erzählstimme ganz selbstbewusst auch lächerliche alte Tunte oder Schwuchtel genannt, lebt ein einfaches Leben in Chiles Hauptstadt Santiago. Sie ist gerade erst in ein heruntergekommenes Haus gezogen, aber durch ihr extravagantes Auftreten schon im Viertel bekannt, und verdient sich ein paar Pesos mit ihren bestickten Tischdecken: eine campe Diva, die das Drama liebt. Doch ihr Leben erfährt eine komplette Wendung, als Carlos zufällig in ihr Leben tritt.
Es ist Frühjahr 1986, die Diktatur von General Augusto Pinochet dauert bereits 13 lange Jahre. Pinochet hatte, von den USA unterstützt, gegen den sozialistischen Präsidenten Salvador Allende geputscht. Seine Feinde: Kommunist*innen und Homosexuelle gleichermaßen. Doch es regt sich Widerstand in der Hauptstadt: Straßenfeuer, "Ballerei" und "Molotowcocktailzärtlichkeit" bestimmen den Alltag in Santiago. Und plötzlich und unerwartet mittendrin: die Tunte von der Front, deren Zuhause zum Treffpunkt einer terroristischen Untergrundorganisation wird.
Pedro Lemebel war eine queere Ikone

"Torero, ich hab Angst" ist Ende Oktober 2023 in der Bibliothek Suhrkamp erschienen
"Torero, ich hab Angst" (Amazon-Affiliate-Link ), der erste und einzige Roman von Pedro Lemebel, spielt auf einer authentischen Bühne: Die Ereignisse rund um Pinochet, seine dauerquasselnde Frau Lucía Hiriart und dessen Stylisten Gonzalo sind überspitzt, die wesentlichen Fakten aber wahr. Und es spricht einiges dafür, dass die Geschichte autobiografische Züge trägt – Lemebel widmet sie in einem kurzen Vorwort unter anderem "dem Haus, wo in der purpurnen Nacht jener Tage elektrische Utopien flatterten".
Pedro Lemebel, 1952 in Santiago de Chile geboren, war eine queere Ikone. Lemebel nutzte männliche und weibliche Pronomen, setzte sich gegen autoritäre Regime ein, schrieb neben "Torero, ich hab Angst" Essays sowie Artikel und entwickelte Performances.
Sich selbst identifizierte Lemebel als "Loca": die feminine Form des spanischen Worts für "verrückt", das in Südamerika abwertend für weibische Männer verwendet wird. Doch in "Loca" steckt noch mehr, wie Melissa González in einem Artikel in "TSQ: Transgender Studies Quarterly" erläutert: Lemebel beschreibe damit männliche Homosexuelle, deren weibliche Seite die Grenzen ihres Geschlechts überschreitet, weil sie sich schminken, weibliche Kleidung tragen und nicht nur männliche Pronomen nutzen. Und "Loca" habe für Lemebel eine kapitalismuskritische Seite, die konsumorientierter Homosexualität widerspricht – und in einer immer kapitalistischeren Welt Lemebel zufolge bedroht ist.
Der erste queere Liebesroman der Weltliteratur?
Soweit die Theorie. Für "Torero, ich hab Angst" ist das deshalb relevant, weil die "Tunte von der Front" im Original "La Loca del Frente" heißt. Tunte ist (wie überhaupt der ganze Roman) dahingehend eine ganz treffende Übersetzung von Matthias Strobel, weil in dem Wort viel steckt, was auf "La Loca" zutrifft: die affektierte Art, die Abwertung der Mehrheitsgesellschaft, aber auch die emanzipatorische Kraft, die in der Selbstaneignung des Wortes liegt, auch wenn es schon lange aus der Mode gekommen ist. Etwas eigensinnig ist deshalb die Entscheidung des Suhrkamp-Verlags, die Neuausgabe mit der hellblau-rosa-weißen trans Flagge zu zieren: Das Werk erhält so ein sowohl in der Fahne wie im dahinterstehenden Begriff westliches Label, das weder Pedro Lemebel noch dem Roman gerecht wird, ihn in seiner Eindeutigkeit sogar verfälscht.
Dass der Verlag den bereits 2001 erschienen Roman zudem als "ersten queeren Liebesroman der Weltliteratur" bezeichnet, ist sicher eher kühne Behauptung zur besseren Vermarktbarkeit als literaturgeschichtlicher Fakt – aber das nur am Rande.
Ein stilistisches Vergnügen
Denn diese im wahrsten Sinne an der Oberfläche formulierte Kritik soll nicht überdecken, was der Roman ist: ein wortgewandtes, poetisches und genauso unterhaltsam pathetisch-melodramatisches wie ernsthaftes Werk über die Politisierung der Tunte von der Front durch die Liebe zu ihrem Guerilla-Studenten.
Pedro Lemebels beiläufige Vergleiche und die großartigen Tiermetaphern machen die Erzählung zu einem stilistischen Vergnügen: Falkenblick, Luchsaugenwimpern, Herz eines Kolibrikindes, je nach Situation Eichhörnchen- oder Lerchenhände – die Bandbreite scheint fast endlos. Mindestens genauso virtuos zeichnet Lemebel einen Traum, in dem die arme Heldin ihrem Studenten endlich an die Wäsche geht, seine "schläfrige Eidechse", "diese Kriegstrophäe von der Robustheit eines Zuckerrohrs" zum Greifen nah liegt.
"Torero, ich hab Angst" ist ein bemerkenswertes queeres Meisterwerk. Dass Suhrkamp den unter dem etwas arg kitschigen Titel "Träume aus Plüsch" bereits 2004 auf Deutsch erschienen Roman nun in einer durchgesehenen Übersetzung erneut veröffentlicht, ist ein großes Glück. Er erscheint zurecht in der Bibliothek Suhrkamp, die Klassiker der Moderne versammelt – Lemebel steht damit in einer Reihe mit Christa Wolf, Samuel Beckett oder Annie Ernaux. Durch die Wiederveröffentlichung erhält "Torero, ich hab Angst" (und Pedro Lemebel überhaupt) hoffentlich die Aufmerksamkeit, die dieser einmalige Roman verdient.
Pedro Lemebel: Torero, ich hab Angst. Roman. Aus dem Spanischen von Matthias Strobel. 216 Seiten. Bibliothek Suhrkamp 1551. Suhrkamp Verlag. Berlin 2023. Gebundene Ausgabe: 23 (ISBN 978-3-518-22551-6). E-Book: 19,99 €
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