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Roman
Sinnsuche eines schwulen Autors
Mit "Mein Guru und sein Schüler" ist Christopher Isherwoods letztes und persönlichstes Buch jetzt in angenehm kunstvoller deutscher Übersetzung erschienen.
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12. November 2023, 05:43h 4 Min.
Es herrschte eine erwartungsvolle Stille in der Vedanta-Gesellschaft in Hollywood. Die Anwesenden sind alle hier, um der Predigt von Swami Prabhavananda beizuwohnen. Sie alle sind suchende Seelen, die Worte des Gurus sind ihnen ein wegweisendes Licht. Doch an jenem Tag schwieg die vertraute Stimme des Swami. Es war ein ungewöhnliches Ereignis – geradezu eine Anomalie. Wellen von leisem Flüstern wanderten durch die versammelte Gemeinde. Unter den vielen Schülern des Swami ist auch Christopher Isherwood. Auch eher fühlt den Schatten der Unsicherheit, der sich ausbreitet, wenn der erleuchtete Guru verstummt…
Nachdem zuletzt (queer.de berichtete"Begegnungen am Fluss") bereits neu übersetzt erschien, setzt der Verlag Hoffmann und Campe nun sein erfreuliches Vorhaben, das Werk Christopher Isherwoods zugänglich zu halten, fort. Mit "Mein Guru und sein Schüler" (Amazon-Affiliate-Link ), in angenehm kunstvoller Übertragung aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser, erscheint nun ein weiteres Buch aus dem Spätwerk des berühmten schwulen Schriftstellers.
Von der Suche nach Erleuchtung
Isherwood ist bekannt als eine der wegweisenden queeren Stimmen in der Literatur. Neben seiner eigenen sexuellen Identität und der literarischen Verarbeitung des queeren Zeitgeistes im 20. Jahrhundert durchzieht ein Thema das Leben des Autors wie kein zweites: die Suche nach Sinn, nach Erleuchtung. In "Mein Guru und sein Schüler" schreibt er in halb-autobiografischer Manier über seine komplexe Beziehung zu seinem spirituellen Lehrer Swami Prabhavananda. Erstmals erschien das englische Original "My Guru and His Disciple" zwar erst 1980, spielt allerdings in den 1940er und 1950er Jahren, als Isherwood noch am Beginn seiner Suche steht.
Das Buch, das trotz aller realer Anlehnung ganz ein Roman ist, schildert die Erfahrungen des jungen Schriftstellers Isherwood, der sich mit seinem Guru Swami Prabhavananda und der spirituellen Gemeinschaft der Vedanta Society in Hollywood auseinandersetzt. Es beobachtet und reflektiert das Wesen der Guru-Schüler-Dynamik von den Offenbarungen, die sie zu eröffnen vermag, bis zu den Herausforderungen, die sich daraus ergeben. Die detaillierte und intime Darstellung der sich entwickelnden Verbindung zwischen Lehrer und Schüler enthüllt die Verwicklungen und Konflikte innerhalb des Modells des Mentorenschaft.
Isherwoods Prosa zeichnet sich durch ihre Klarheit und gleichzeitige introspektive Tiefe aus. Er versteht es, in direkten Worten feine emotionale Nuancen zu zeichnen, lebhafte Beobachtungen zu schildern und dann wieder nachdenklich in Gedanken und dem Blick nach innen zu versinken. Diese unterschiedlichen Fäden werden derart gekonnt verwoben, dass Kontemplation und der Selbstentdeckung nicht nur geschildert, sondern zur unausweichlichen Leseerfahrung werden.
Einfühlsam kritisch

"Mein Guru und sein Schüler" ist Anfang November 2023 bei Hoffmann und Campe erschienen
Konsequent als Ich-Erzählung aus der Sicht des jungen Autors verfasst, der sich gern selbst zu Figur machte, führt "Mein Guru und sein Schüler" in intime Bereiche sowohl seines eigenen Seelenlebens, als auch der spirituellen Gemeinschaft der Vedanta Society in Hollywood. Durch eine Mischung aus memoirenartigen Erinnerungen und Erzählungen schafft Isherwood es, ein vermeintliches Gefühl von Objektivität zu bewahren. Die größte Kritik, die zu äußern ist, ist aber wahrscheinlich, dass die Erzählhaltung teilweise missionarische Züge annimmt. Es scheint dem Autor darum bestellt zu sein, ein Gefühl von zwanglosem Zwang zu erzeugen. Also für seine Überzeugung der spirituellen Erkenntnis zu werben, sie erscheinen zu lassen, ohne sie jedoch aufzuzwingen.
Von der geradezu propagandistischen Simplifizierung von Hermann Hesses "Siddhartha" zwar weit entfernt, ist "Mein Guru und sein Schüler" dennoch auch frei von dem selbstironischen WItz, der etwa Jack Kerouacs "Gammler, Zen und hohe Berge" überhaupt erst lesenswert macht. Isherwood widmet sich seinem Thema zwar mit Empathie, Liebe und Umsicht und auch nicht ohne Kritik, aber dennoch sehr ernst.
Einzigartiger Einblick in die Welt des Suchens
Durch alles hindurch trägt jedoch seine fantastische Sprache, die Hans-Christian Oeser gekonnt ins Deutsche überträgt. Nicht immer ganz frei von leicht manierierten Formulierungen, bereitet die Sprache dennoch durchgehend große Freude. Vielschichtig und mit scharfem Blick für Detail, bewegt "Mein Guru und sein Schüler" auf emotionaler Ebene – ohne sich dabei in der Reflexion und der Gedankenwelt zu verlieren! Mit wohl gesetzten Beschreibungen fängt Isherwood die Schauplätze der Vedanta-Gesellschaft lebendig ein und schildert das Leben ihrer Bewohner. Die suggestive Kraft der Sprache führt das Wesen der Gemeinschaft bildhaft vor und lädt beim Lesen in eine lebende Atmosphäre ein. Die zwischenmenschlichen Dynamiken innerhalb der Enklave von Suchenden werden greif- und erlebbar; die tiefgreifenden spirituellen Entdeckungen, die sich im Laufe des Buches entfalten, fühlbar.
"Mein Guru und sein Schüler" ist eine fesselnde und aufschlussreiche Erforschung der Komplexität der geistigen Sinnsuche und der Dynamik der Guru-Schüler-Beziehung. Verfasst von einem der einfühlsamsten Schreibenden des 20. Jahrhunderts, ist der Roman auch für all jene Skeptiker*innen lohnend, die eigentlich kein Interesse an seelischer und geistiger Selbst- und Welterkundungen haben. Die lebendige Prosa des Buches und die anschaulichen Beschreibungen der spirituellen Umgebung fesseln und bieten einen einzigartigen Einblick in die Welt des Suchens.
Christopher Isherwood: Mein Guru und sein Schüler. Roman. Übersetzt von Hans-Christian Oeser. 384 Seiten. Hoffmann und Campe Verlag. Hamburg 2023. Gebundenes Buch: 28 € (ISBN 978-3-455-01654-3). E-Book: 22,99 €
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