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Roman

Queere Zukunft in der Kuppelstadt

Science-Fiction zwischen Utopie und Dystopie: Jol Rosenbergs zweiter Roman "Etomi – Erwachen" erzählt von gottgleichen KIs, optimierten Gesellschaften und dem unbändigen Drang nach Freiheit.


Symbolbild: Dystopische Kuppelstadt auf der Erde (Bild: CR Society)

Die Welt im 24. Jahrhundert: Nach verheerenden Naturkatastrophen leben die Menschen unter einer riesigen Kuppel in der Stadt Eos. Eine der Bewohner*innen ist Lea, die wie alle ein angenehmes, von Maschinen gesteuertes Leben genießt. Sex und Drogen befreien von Sorgen, und die Große Mutter genannte Zentralintelligenz weiß immer genau, was gut und richtig für ihre Schützlinge ist. Doch die Existenz in Eos hat auch ihre dunklen Seiten: Denn spätestens mit 45 Jahren werden die Einwohner*innen getötet. Wenige Tage vor ihrer Hinrichtung beschließt Lea, sich nicht mit diesem Schicksal abzufinden, und flieht aus Eos. Sie verlässt die ihr bekannte Welt und macht sich auf die Suche nach Etomi – einem mythischen Ort, an dem ein anderes Leben möglich sein soll.

Queerness als Normalität


"Etomi – Erwachen" ist Ende Oktober 2023 im Plan9 Verlag erschienen

Gute Zeiten für Fans queerer Science-Fiction: Nachdem vor einigen Wochen bereits Aiki Miras "Neurobiest" erschienen ist, legt nun Jol Rosenberg mit dem ersten Teil der "Etomi"-Dilogie nach (der zweite Part soll im Frühling folgen). Wie auch in Miras Werk gehört Queerness bei Rosenberg ganz selbstverständlich zum Alltag der Figuren dazu: Man stellt sich mit Pronomen vor, es werden Neopronomen benutzt, und Frauen in Führungspositionen sind ebenso wie nichtheteronormative Beziehungsmodelle eher die Regel als die Ausnahme.

Während der Umgang mit sexueller Identität, aber auch mit Behinderungen und Hautfarbe, ein progressiver ist, haben die Grundidee und die Geschichte etwas beinahe Nostalgisches. Denn vor allem zu Beginn sind es doch bekannte Versatzstücke aus Literatur, Kino und Videospielen, die "Etomi" ausmachen: Die alles beherrschende KI, die abgeschottete Wohlstandsgesellschaft und die Slums im Grenzland samt ihrer Arbeitssklaven sind vertraute, nicht besonders innovative Motive. Dennoch wird die Welt eindrücklich und lebhaft beschrieben.

Zwischen Tatendrang und Stillstand

Dieser Mischung aus einem Drang nach vorne und narrativem Stillstand durchzieht die gesamte Handlung: Denn auch wenn die Protagonistin Lea zunächst voller Elan die Kuppelstadt Eos hinter sich lässt, so steckt man als Leser*in doch oft mit ihr gemeinsam fest. Die ersten 100 Seiten verbringen wir größtenteils in einem engen Transportwagen, der Lea aus Eos bringt, und in einem winzigen Lagerraum. Auch später heißt es für die Heldin oft, auszuharren und zu warten, was geschieht. Dinge passieren einfach, ohne dass Lea wirkliche Handlungsmacht hätte, und wenn sie mal Entscheidungen trifft, dann meist die falschen.

Die Zeichnung der Protagonistin, die mal als wildes Partygirl, mal als verklemmte Städterin dargestellt wird, wirkt dabei leider ein wenig unentschlossen, und zumindest mir blieb Leas Verhalten oft rätselhaft. Zu oft verliert sich Rosenberg zudem in Redundanzen und Oberflächlichkeiten, beschreibt gewissenhaft wer nun eine Tätowierung, bunte Haarsträhnen oder einen großen Busen hat und vernachlässigt dabei, die Motivationen der Figuren zu erkunden.

Witzige und berührende Momente


Jol Rosenberg landete 1976 auf der Erde und suchte im Außen nach lebbaren Utopien

Trotzdem hat "Etomi" seine Momente, vor allem in den Details zeigen sich immer wieder Witz und Originalität. Der Mittelteil unterhält als unterhaltsame Fish-out-of-water-Story, in der wir in Slice-of-life-artigen Episoden Leas Alltag außerhalb der Kuppelstadt kennenlernen. Berührend fand ich außerdem den Handlungsstrang um den Arbeitsklon Nori, der entdeckt, dass er anders ist als die anderen stummen Klone, und zu einem Sammler von Menschenwörtern wird.

Die große Erzählung, die immer wieder angedeutet wird, nimmt schließlich auf den letzten 50 Seiten Konturen an. Es warten einige Überraschungen, die auf die Fortsetzung neugierig machen, aber vor allem tritt der Roman hier nicht mehr so sehr auf der Stelle: Die Figuren entwickeln sich glaubhaft, die Handlung spitzt sich zu, und endlich darf auch Lea zeigen, was in ihr steckt.

Es bleibt zu hoffen, dass diese Dynamik und Dramatik auch im zweiten Teil von "Etomi" erhalten bleiben.

Infos zum Buch

Jol Rosenberg: Etomi – Erwachen. Roman. ‎400 Seiten. Plan9 Verlag. Hamburg 2023. Taschenbuch: 20 € (ISBN 978-3-948700-83-6). E-Book: 11,99 €

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