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Interview
Phenix: "Ich merke mit steigender Bekanntheit immer mehr Hass"
Gerade erst war sie im "Tatort" zu sehen, dann erhielt sie einen Glamour Women of the Year Award. Mit queer.de spricht trans Shootingstar Phenix Kühnert über ihren langen Weg zum Erfolg, Gendersternchen und Transfeindlichkeit in Deutschland.

Phenix Kühnert veröffentlichte 2022 ihre Autobiografie "Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau – über trans Sein und mein Leben" (Bild: Sophia Emmerich)
- Von
18. November 2023, 08:56h 5 Min.
Künstlerin, Autorin, Model, Schauspielerin – die möglichen Berufsbezeichnungen von Phenix (Kühnert) sind schier endlos lang, denn die Wahlberlinerin ist inzwischen breit aufgestellt. Erst Ende Oktober war sie als erste trans Frau im Münchner Tatort "Königinnen" zu sehen. Als Aichacher Spargelkönigin Luise musste sie sich dort transfeindlich von dem Präsidenten des Bavaria-Bundes Josef Gehrling (gespielt von Wolfgang Fierek) beleidigen lassen (queer.de berichtete).
Glücklicherweise handelte es sich hierbei nur um eine fiktive Storyline, doch Transphobie ist auch in der Realität gegenwärtig. Darüber sowie über viele weitere Themen hat sich queer.de-Reporter Fabian Girschick mit Phenix, die am 2. November vom Magazin "Glamour" zum "Gamechanger of the Year" gekürt wurde, unterhalten.
Zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zum "Gamechanger"-Award. Wie viel bedeutet dir diese Auszeichnung?
Danke, ich freue mich sehr! Und ich glaube, es ist vor allem ein wichtiges Zeichen im aktuellen gesellschaftlichen Klima. Und: Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie unglaublich wichtig Repräsentation ist. Hätte ich damals Menschen wie Kim Petras nicht in den Medien kennengelernt, wäre ich sicher noch länger, noch verunsicherter gewesen. Ich sah sie ca. 2011 in einer Talkshow zum Thema ihrer Transition.
Für alle, die dich bisher vielleicht noch nicht so auf dem Schirm hatten: Inwiefern hast du das "Game" revolutioniert?
Inwiefern mein Tun eine Revolution ist, weiß ich nicht. Aber ich habe vor Jahren festgestellt, wie auch in einer Stadt wie Berlin nicht alle Menschen so aufgeklärt sind, wie man es sich vorstellen könnte, und so angefangen, Social-Media-Beiträge dazu hochzuladen. Heute bin ich vor allem als Musikerin und Schauspielerin unterwegs.
Was auf jeden Fall nicht abzuweisen ist, ist dein großer Erfolg, den du aktuell in vielerlei Hinsicht verzeichnest – sei es bei dieser Award-Verleihung, als eine der ersten trans Frauen im "Tatort" oder auf Social Media. Wie steinig war der Weg dorthin?
Der Weg war vor allem lang. Um heute hier zu stehen, liegen die Grundsteine in meiner Jugend oder sogar Kindheit. Vor allem unglaublich große Träume, die ich hatte. Meine größte Kritikerin war in all dieser Zeit wahrscheinlich ich selbst. Heute bin ich wahnsinnig stolz auf alles, was ich geschafft habe und auf alles, was noch kommt. Nicht zu vergessen, wenn ich über diesen Weg spreche, sind natürlich Privilegien, die ich auch als trans Frau innehabe.

Phenix als Spargelkönigin Luise im jüngsten Münchner "Tatort" (Bild: BR / Odeon Fiction GmbH / Luis Zeno Kuhn)
Lass uns noch mal kurz beim "Tatort" bleiben. Bayern wird von vielen Menschen nicht gerade als progressivstes Bundesland im Hinblick auf Diversity wahrgenommen. Wie divers fandest du das Endergebnis des Fernseh-Krimis?
Nach der Ausstrahlung kam auf meinen Kanälen nur positive Rückmeldung an. Mir wurde aber mitgeteilt, dass auf anderen Seiten des Internets die Stimmen durchaus sehr negativ ausfielen, was meine bloße Existenz im "Tatort" anging. Die grundsätzliche Diversität ist schwierig an einer Skala zu messen, Potential für mehr Repräsentation von marginalisierten Gruppen hätte es bestimmt gegeben.
Weniger divers ist Bayern (und sicherlich auch viele andere Bundesländer) etwa im Hinblick auf offizielle Dokumente von Behörden. Bayerische Hochschulen werden etwa darauf hingewiesen, nicht mehr mit Doppelpunkten oder Gendersternchen zu arbeiten. Wie ist deine Meinung hierzu?
Ich persönlich gendere inklusiv in meiner Sprache. Nicht weil ich per se der größte Fan von diesem Schriftbild bin, sondern weil ich mir der Relevanz bewusst bin, die Inklusion hat. In meinem Buch "Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau" habe ich auf mehreren hundert Seiten kein einziges Mal mit Doppelpunkt oder anderem Satzzeichen gendern müssen, da es oft galante "Umwege" gibt, sich einfach etwas anders aber dabei gender-inklusiv auszudrücken.
Warum denkst du, dass so viele Personen Probleme mit einer gendergerechten Sprache haben?
Veränderungen können anfangs schwerfallen, das kennen wir sicher alle.
Glaubst du, dass Aktivist*innen hieran langfristig etwas verändern können – oder müsste es hierzu zum Beispiel auch mal progressivere Statements von Politiker*innen wie dem Bundeskanzler oder dem Bundespräsidenten geben?
Die Vergangenheit zeigt, dass Aktivismus wahnsinnig viel bewegen kann. Durch Unterstützung der Politik können Ziele sicher schneller erreicht werden. Beziehungsweise führt in vielen Fällen ohnehin kein Weg daran vorbei.
Apropos Aktivist*innen: Mittlerweile gibt es sehr viele prominente Stimmen in der queeren Community. Du warst zuletzt auch auf der Buchpremiere von Riccardo Simonetti eingeladen. Unterstützt ihr euch alle gegenseitig – oder nimmst du auch Neid innerhalb der Szene wahr?
Ich habe vor einigen Jahren aufklärend gestartet, und meine Art des Aktivismus war im Regelfall nur das Teilen meiner Geschichte, um so für mehr Empathie, Toleranz und Akzeptanz zu sorgen. Von meiner Seite gibt es absolut keinen Neid, und ich erfahre viel Unterstützung von anderen Aktivist:innen, was auf Gegenseitigkeit beruht. Queere Repräsentation, von fast egal wem, freut mich immer.
Als eines deiner eigenen Vorbilder bezeichnest du Kim Petras. Wäre das auch ein Wunsch von dir, international bekannter zu werden?
Natürlich ist es spannend, auch international Erfolg zu haben. Zum aktuellen Zeitpunkt ist es noch keine Priorität. Und ich merke mit steigender Bekanntheit auch immer mehr Hass, der mir entgegenschlägt. Als trans Person in der Öffentlichkeit gibt es da leider einiges auszuhalten.
Wie beobachtest du Deutschland im weltweiten Vergleich, was das Thema Transfeindlichkeit angeht. Haben wir hier noch viel aufzuholen – und wo liegen die konkreten Stellschrauben?
Mein Gefühl war, dass sich Deutschland auf einem guten Weg befand. Wenn ich aktuelle Wahl- und Umfrageergebnisse betrachte, bin ich da unsicher. Ich denke, die wichtigste Stellschraube wäre, sich mindestens nicht zurückzuentwickeln. Ein respektvolles Miteinander, sollte doch das gemeinsame Ziel sein.
Links zum Thema:
» Phenix auf Instagram
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» Der Münchner "Tatort: Königinnen" in der ARD-Mediathek
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