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Roman

Sex mit fremden Männern als Ablenkung

Bryan Washingtons neuester Roman "An einem Tisch" erzählt von Cam, dessen Partner Kai gerade tragisch gestorben ist. Also lenkt er sich mit einem Mann nach dem anderen ab und zieht zurück nach Houston.


Bryan Washington erhielt den Dylan Thomas Prize, war einer der Gewinner des National Book Award und Preisträger des Ernest J. Gaines Award for Literary Excellence (Bild: Dailey Hubbard)

Rumficken soll ja eine ganz gute Ablenkung sein. Die Jagd nach dem nächsten Schwanz betäubt andere Gefühle, zumindest für eine Weile, und dann braucht es eben den nächsten. So geht es Cam, dessen Partner Kai nicht mehr am Leben ist. Nach dem tragischen Tod der Liebe seines Lebens zieht er weg aus L.A., zurück nach Houston.

Und dort cruist er, grindrt er, fickt er, was das Zeug hält. Keine Eroberung, kein Orgasmus bringt ihm Kai zurück, aber sie verdrängen den Verlust. Sex mit fremden Männern bestimmt seinen Alltag, wenn er nicht gerade in der Schwulenbar eines befreundeten Paares hinter der Theke steht. Nicht gerade ein Ort, der sein ungesundes Verhalten zügeln würde.

Fuck, sagt TJ, als er Cam wiedersieht

Dort sitzt plötzlich TJ. Sein Jugendfreund, den er seit Jahren nicht gesehen hat. Und der mit schwulen Bars eigentlich nie etwas anfangen konnte. Es ist keine Begegnung, die auf beiden Seiten Freudestrahlen auslöst, wie man es vermuten würde. Denn ihre Freundschaft ist vorbelastet. Fuck ist schließlich das erste, was TJ zu Cam sagt, Fick dich selbst, antwortet der. Doch, wie es bei alten Freundschaften eben ist, raufen sie sich zusammen.

"An einem Tisch" (Amazon-Affiliate-Link ) ist nach "Dinge, an die wir nicht glauben" der zweite Roman des US-Schriftstellers Bryan Washington. Schon auf den ersten Blick fallen Gemeinsamkeiten der beiden Werke auf: Washington, selbst Schwarz und schwul, schreibt über Schwarze und ostasiatische Figuren, die Eltern beider Hauptfiguren sind tot, und mit Kai als Japanisch-Übersetzer ist wieder ein Bezug zu dem Land vorhanden, dessen Literatur ihn bis heute prägt.

Mehrfacher Perspektivwechsel


"An einem Tisch" ist am 17. November 2023 bei Kein & Aber erschienen

Und so ähneln sich nicht nur die Figuren und Konstellationen, auch einigen Themen bleibt der junge Autor treu: "An einem Tisch" gibt wieder dem Essen eine besondere, ja therapeutische Kraft. Denn TJ arbeitet immer noch in der koreanischen Bäckerei seiner Eltern und kann Cam ins Familiengeschäft einbinden. Die Wahlfamilie, die bereits früher bestand, ist wiedervereint, und doch ist bei Weitem nicht alles so, wie es mal war. Dennoch bleibt der Zusammenhalt der Familie und der Angestellten so vorbildlich wie tröstlich angesichts der vielen traurigen Ereignisse. Auch TJs Interesse an Noel, nichtbinär, bringt das nur kurz durcheinander.

Erzählt in etwas weniger als der ersten Hälfte des Romans noch Cam seine Geschichte als Ich-Erzähler, schwenkt die Perspektive kurz zu Kai, bevor er starb, um fast den Rest der Erzählung noch einmal zu wechseln, diesmal zu TJ, ebenfalls als Ich-Erzähler.

Dieser Erzähler-Wechsel ist vielleicht das größte Problem an "An einem Tisch". Denn obwohl drei sehr unterschiedliche Menschen nacheinander aus ihrer Perspektive erzählen, ändert sich der Ton kaum. Und kaum ist man als Leser*in in Cams durchaus emotionaler und herausfordernden Situation angekommen, die Trauer und Unsicherheit prägen, und dadurch großes Mitgefühl auslösen, übernimmt jemand anderes.

TJ, der motzende Antiheld

Zwar überschneiden sich natürlich alle drei Erzählungen, doch insbesondere mit TJ ändert sich der Fokus. Er hat seine ganz eigenen Konflikte: Die Beziehung zu Cam scheint unausgesprochen zu sein, genau wie zu seinen Eltern, und dann ist da noch Ian, der eigentlich eine Freundin hat, aber gerne auf TJ zurückgreift, wenn ihm danach ist.

TJ ist ein meist übel gelaunter, unsympathischer Antiheld, der vor allem gut schweigen oder motzen oder fluchen kann. Das ist über knapp 200 Seiten mit sehr geringer Entwicklung stellenweise nur schwer erträglich, wo "An einem Tisch" zu einem großen Teil aus Dialogen (ohne Anführungszeichen) besteht – und die manchmal sperrig wirkende Übersetzung macht es nicht einfacher.

Und so schleicht sich immer mehr das Gefühl ein, dass es viel angenehmer gewesen wäre, hätte Bryan Washington Cam seine Geschichte selbst weitererzählen lassen. Denn sein Teil ist dynamisch, sehr explizit, seine Figur ist ambivalenter und macht deutlich mehr Entwicklung durch. Stark wird es jedoch zum Ende erneut, wenn die Perspektive an Kai zurückgegeben wird, wenn auch nur für wenige Seiten. Hier zeigt Washington dann wieder sein erzählerisches Talent und sein Gespür für feine Emotionen.

Infos zum Buch

Bryan Washington: An einem Tisch. Roman. Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence. 368 Seiten. Kein & Aber. Zürich 2023. Gebundene Ausgabe: 24 € (ISBN 978-3-0369-5017-4). E-Book: 18,99 €

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