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Folge 47 von 53
Schwule Symbole im Film: Luft
Die Luft um uns bietet vieles, was sich in schwulen Filmen wirkungsvoll einsetzen lässt: traumhaften Himmel, inspirierende Wolken, aufwühlende Stürme und unheimliche Nebel.

Blitze, mit denen man töten kann, in "1313. Bermuda Triangle" (2012)
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19. November 2023, 09:23h 20 Min. - Diese Artikelserie wurde gefördert von der Homosexuellen Selbsthilfe e.V., www.hs-verein.de.
Himmel und Wolken – dunkle Wolken am Horizont
Das Wetter beeinflusst unser äußeres und inneres Leben und wird in Filmen oft dazu verwendet, die Stimmung der Personen und ihre Situation zu erfassen. Der Himmel wird mit Religion in Verbindung gebracht und als Sitz von Gottheiten angesehen. Die Formen, die in Wolken gesehen werden, sind in Filmen oft vorgreifend, inspirierend und ahnungsvoll, dunkle Wolken verkünden Unheil. Auch in Redensarten finden sich symbolische Umschreibungen: eine Stimmung kann "verhagelt" und eine Stirn "umwölkt" sein. Manchmal jagt uns etwas "einen Schauer" über den Rücken.
Der helle Himmel – Religion, Spiritualität und Glück
Der Himmel hat in Filmen manchmal eine religiöse Bedeutung. Für Kinder sei Gott im Himmel, für Erwachsene sei er überall, heißt es in "And Thou Shalt Love" (2007). In der US-Serie "Queer as Folk" spielt der Himmel in einem eher allgemein spirituellen, weniger religiös festgelegten Sinn eine kleine Rolle: Emmett fragt sich, was passiert, "wenn ich in den Himmel komme" (Folge 1/4), und Brian sagt zum toten Vic: "Wenn das dein Himmel ist, muss das meine Hölle sein" (Folge 4/8). Der Film "Danny in the Sky" (2001), in dem der junge Danny Model werden möchte, hätte auch "Danny im Glück" heißen können. Das Cover und einzelne Szenen von Jan Krügers Film "Auf der Suche" (2011) zeigen den wunderschönen blauen Himmel von Marseille und auch die Rezension im "Tagesspiegel" (2011) mit der Überschrift "Blauer Himmel, gelbe Stadt" betont die durch den Himmel hervorgerufene Atmosphäre.

Der Himmel und die Religion in "And Thou Shalt Love" (2007)
Der helle Himmel – Poesie bei Julián Hernández
Dem mexikanischen Regisseur und Filmproduzenten Julián Hernández haben es der Himmel und die Wolken besonders angetan. In seinen fast stummen schwulen Kunstfilmen inszeniert er sie kunstvoll changierend zwischen Kitsch und Poesie. Der Originaltitel seines Films "Mil nubes – Liebessehnsucht" (2003) lautet "Mil nubes de paz cercan el cielo, amor, jamás acabarás de ser amor" (= "Tausend Wolken des Friedens belagern den Himmel, Liebe, du wirst nie aufhören, Liebe zu sein"). Es ist der Text eines kitschigen Film-Songs, den sich der junge Gerardo in seiner unstillbaren Sehnsucht nach Liebe immer wieder selbst vorspielt. Hernández' Filmtitel "Broken Sky" (2006) lässt sich mit "geteilter Himmel" übersetzen und verweist offenbar auf die Wunschvorstellung, das Glücksgefühl der Liebe mit mehreren Männern zu teilen. Der Werbetext zu seinem Film "Raging sun, raging sky" (= "Tobende Sonne, tobender Himmel", 2009; u. a. bei medimops nachzulesen) verrät ansatzweise, was sich der Regisseur mit dem Titel wohl vorgestellt hat: Kieri "weiß nicht, dass es das 'Corazón del cielo', das Herz des Himmels selbst ist, das den Liebenden auf seiner Suche führt und beschützt. (…) denn wer zur bedingungslosen Liebe fähig ist, wird vom Himmel nicht vergessen."

Der Himmel und sein Herz in "Raging sun, raging sky" (2009, Ausschnitt)
Der rote Himmel – Unheil, Tod und Blut
Als in "Beneath the Skin" (2015, 36:45 Min., hier online) zwei Männer die Nacht miteinander verbringen, ist der Himmel rot gefärbt. Zu diesem Zeitpunkt kennen die Zuschauenden bereits die drohende Gefahr, denn die beiden Männer (in einem weißen Auto) sind kurz zuvor von einem Mann (in einem roten Auto) heimlich verfolgt und fotografiert worden.
Ein blutroter Himmel verweist nie auf etwas Gutes: Meistens geht es um Gefahr, Bedrohung oder sogar den Tod. In "The living end" (1992) und "Electric City – Far from Normal" (2008) steht der rot gefärbte Himmel für die lebensgefährliche Bedrohung durch Aids. In "The living end" passt der rote Himmel am Ende des Films recht gut zu dem Motiv der untergehenden Sonne. In anderen Filmen, in denen der Tod eine Rolle spielt, gibt es einen unterschiedlich deutlichen Zusammenhang zwischen einem roten Himmel und Blut. Der Film "Cover boy: L'ultima rivoluzione" (2006, 12:55, 1:02:00 Min., hier online) spielt vor dem politischen Hintergrund der rumänischen Revolution von 1989 und zeigt einen blutroten Himmel. In "The Gay Bed and Breakfast of Terror" (2007) und in "Gefrorenes Herz" (2012) verweist der rote Himmel auf ermordete Schwule und in dem Animationsfilm "Arrival" (2016, 11:40 Min., hier online) in Verbindung mit Schnee und Kälte auf den Freitod des Protagonisten. Einen deutlichen Bezug zu Blut bietet der rote Himmel in "Drink me" (2015) mit seinen Vampirbezügen. Auf queer.de ist zu lesen "In dem Film 'Roter Himmel' (2023) über eine junge Ferienhaus-WG liegen Paradies und Katastrophe dicht beieinander" – und es ist genau dieser Kontrast, der symbolisch auch über den Filmtitel mit dem roten Himmel transportiert werden soll.

Freitod und ein roter Himmel in "Arrival" (2016)
Abenddämmerung – melancholische Gefühle zur blauen Stunde
Die besondere Färbung des Himmels während der Abenddämmerung wird häufig mit melancholischen Gefühlen assoziiert. Im Deutschen wird diese Tageszeit als "Blaue Stunde" bezeichnet, ähnliche Bezeichnungen gibt es auch in anderen Sprachen. Nach dieser Himmelsfärbung bzw. dem davon abgeleiteten Gefühl wurden offenbar die queeren Filme "Die blaue Stunde" (1992), "The Blue Hour" (OT: "Onthakan", 2015) und "Die blauen Stunden" (OF "After Love", 2015) benannt. In dem Kurzfilm "Mira Luna" (1987) ist nach Hermann J. Huber ("Gewalt und Leidenschaft", 1989, S. 213) die Abend- und Morgendämmerung die Klammer der hier erzählten Geschichte.

Die englische Fassung von "Die blaue Stunde" (1992, Ausschnitt)
Helle Wolken – Inspiration und Glück
Helle Wolken am Himmel zeigen in Filmen ein positives Lebensgefühl an, können Glück und Unbeschwertheit vermitteln und sogar witzig und inspirierend sein. In "Der Mann, der Yngve liebte" (2008) tauschen sich Jugendliche darüber aus, was sie in den Wolken sehen. Deutlicher bringt es der junge Steven Russell (D: Jim Carrey) in "I Love You Phillip Morris" (2009) auf den Punkt: "Ich sehe einen Schwanz." Die Wolke, die ihn dazu inspiriert, ist im Abspann des Films noch einmal zu sehen und dadurch besonders präsent.

Inspirierende Wolken in "I Love You Phillip Morris" (2009)
Die Dokumentation "The Reality Behind Closed Doors" (2009) geht auf das ein, was Schwule und Heterosexuelle in der Gesellschaft immer noch voneinander trennt, und zeigt im Abspann – offenbar als Zeichen der Hoffnung oder eines Happy Ends – fünf Symbolbilder mit hellen Wolken. In dem Liebesfilm "Beautiful Love" (2013) sind die hellen Wolken, mit denen der Film beworben wird und die auch in einer Filmszene vorkommen, Ausdruck der Glücksgefühle des Protagonisten Mike, dessen Liebe zu seinem Klassenkameraden William erwidert wird. In dem schon erwähnten Animationsfilm "Arrival" (2016, hier online) sind die hellen Wolken zu Beginn des Films und Szenen, die über den Wolken spielen, als Ausdruck von Lebensglück zu erkennen, auch deshalb, weil sie in deutlichem Kontrast zu den späteren Szenen mit einem blutroten Himmel (s. o.) inszeniert sind.
Dunkle Wolken – Vorverweis auf Unheil
Als Ennis und Jack in "Brokeback Mountain" (2005) zum ersten Mal Sex haben, ziehen dunkle Wolken auf, was einen Vorverweis auf eine Bedrohung darstellt. Was in "Brokeback Mountain" nach dem Sex passiert, passiert in "James" (2008) schon zu Beginn des Films: Die dunklen Wolken am Himmel sind ein Vorverweis auf das fehlende Happy End von James' sexueller Selbstfindung. Dunkle Wolken ziehen ebenfalls auf, als Steven Russell (D: Jim Carrey) in "I Love You Phillip Morris" (2009) von seiner Aids-Diagnose erfährt. In "My Fair Son" (2009) drücken die aufziehenden dunklen Wolken wohl die väterlichen Sorgen um den schwulen Sohn aus. Die dunklen Wolken in "American Vagabund" (2013) sind, ähnlich wie die verkommenen Straßen und das Leben unter den Brücken, Ausdruck der hoffnungslosen sozialen Situation der hier gezeigten Menschen. Szenen mit dunklen Wolken stehen in "Utopies" (2012) in Verbindung mit kalter Architektur und homophobem Mobbing. Die gesellschaftliche Anerkennung von Homosexualität ist hier nur eine Utopie und Wunschvorstellung.

Da braut sich was zusammen: Szene aus "Brokeback Mountain"
Die Macher der Doku "Papa, Papi, Kind" (2016) wählten einen außergewöhnlichen Weg, um Depressionen zu visualisieren, die Schwule aufgrund ihrer gesellschaftlichen Situation bekommen können: die Animation einer dunklen Regenwolke über dem Kopf eines Schwulen.

Regenwolken als Zeichen für Depression in "Papa, Papi, Kind" (2016)
Dunkle Wolken – Vorverweis auf den Tod
Kurz bevor St. Sebastian in dem homoerotischen Film "Der Heilige" (1996) von Bavo Defurne den Märtyrertod erleidet, ziehen dunkle Wolken auf. Dass der Regisseur Defurne ein besonderes Faible für Wolken hat, ist auch in seinen Filmen "Gerade jetzt im Frühling" (1996) und "Am Lagerfeuer" (1999) erkennbar, wobei beide Filme wegen ihrer religiösen Thematik auch die Frage nach einem Eingreifen Gottes aufwerfen. Der Titel "A Clouded Sky" (2009) bringt einen "getrübten Himmel" zum Ausdruck. Dies steht im Kontext mit dem Freitod eines Schwulen und hätte in ähnlicher Bedeutung auch "Der Himmel weint" heißen können.

Die Wolken künden von St. Sebastians Märtyrertod in "Der Heilige" (1996)
Dunkle Wolken und ein roter Himmel (s.o.) sind sich symbolisch recht nah – abgesehen davon, dass nur der rote Himmel auch Blut symbolisieren kann. Das Filmcover des Kurzfilms "Stay" (2013, 11:40 Min., hier online) zeigt dunkle Wolken, während der Film nach einem gefährlichen Drogendeal und einem Mord mit der Aufnahme eines roten Himmels endet. In dem Kurzfilm "Wastelands" (2013), der von Schwierigkeiten im Coming-out handelt, sind zunächst Szenen mit einem roten Himmel und später solche mit dunklen Wolken zu sehen, die austauschbar erscheinen.
Pornos – feuchte Träume auf Wolke 9
Wenn auf den Covern von Schwulenpornos helle Wolken abgebildet sind, liegt erkennbar Sex der Luft ("Sex in the air") und ein blauer Himmel vermittelt Optimismus ("Blue Sky", "Blue Sky Boys"). Der schwule Sex auf "Wolke 9" ("Bareback on Cloud 9") entspricht der deutschen Redensart von "Wolke 7". Mit einem schönen Himmel und weißen Wolken werden auch positive Träume verbunden ("Dream Ticket", "Teenage Wet Dream").
Das Filmcover von "Pacific Root" zeigt einen roten Himmel und bei "Incubus 2. The Final Chapter" korrespondiert ein solcher Himmel mit der Inhaltsbeschreibung, wonach der Film von einem metaphorisch so benannten sexuellen "Feuersturm" des Hauptdarstellers François Saga handelt. Hermann J. Huber ("Gewalt und Leidenschaft", 1989, S. 264) weist bezüglich des Pornos "Stryker Force" auf die wirkungsvollen "blutroten Sonnenuntergänge" hin, die hier offenbar für Erotik und Spannung stehen.
Auch in Pornos scheint es zwischen der Inszenierung eines roten Himmels und der von dunklen Wolken keinen großen inhaltlichen Unterschied zu geben. So sind dunkle Wolken als Zeichen von Bedrohung und Gefahr – wie im psychologischen Thriller "Obsession" – auf dem Filmcover zu sehen. Mit den dunklen Wolken auf dem Filmcover von "Tentations de Sodome" knüpft der Regisseur Jean Daniel Cadinot unmittelbar an die biblische Geschichte von Sodom an.

Der Himmel von Romantik bis Dramatik: "Teenage Wet Dream" und "Pacific Root"
Wind und Sturm – der Sturm der Leidenschaft
Der Wind spielt in der chinesischen Symbolik eine besondere Rolle: "ein einziger Frühlingswind" bezeichnet einmaligen Sex, mit "Südwind" (nan feng) lässt sich Homosexualität umschreiben ("Lexikon chinesischer Symbole", 1983, S. 94-95, 209) und "männlicher Wind" ist ebenfalls ein chinesischer Ausdruck für männliche Homosexualität (Wikipedia). Stürme verweisen darauf, dass ein Mensch aufgewühlt und von äußeren Umständen hin- und hergeworfen wird, die er nicht mehr im Griff hat. Sie künden oft vom inneren Chaos einer Figur und können als Warnung verstanden werden.
Der Wind als Metapher – "Rückenwind" und "der Wind dreht sich"
Die besondere chinesische symbolische Bedeutung liegt dem Titel des chinesischen schwulen Films "Das stumme Spiel des Windes" bzw. "Stummes Windspiel" (2009) zugrunde.
Es gibt einige Filmzitate, die aufzeigen können, wie der Wind für geistige Energie und energetische Kraft steht, zum Beispiel: "Getrieben vom Wind fick ich dich in den Arsch" ("Sommer wie Winter", 2000), "Lausch einfach dem Wind, lass dich davon beruhigen" ("Harry und Max", 2004) und "When a wind blows to your heart" (Liedzeile in "Kinky Boots", 2005). Das Zitat "Der Wind dreht sich, das Blatt wendet sich" in der US-Serie "Queer as folk" (Folge 5/12) bezieht sich auf die fortschreitende homosexuelle Emanzipation. Ähnliches gilt für zwei Filmtitel: Die Dokumentation "Hope Along the Wind" (2002) erzählt die Geschichte des schwulenpolitischen Aktivisten Harry Hay und Jan Krügers Filmtitel "Rückenwind" (2009) bezieht sich darauf, dass seine Protagonisten durch günstige Umstände unterstützt werden.

Der Wind als Metapher in "Das stumme Spiel des Windes" (2009) und "Hope Along the Wind" (2002)
Im Gegensatz zu Stürmen scheinen sich andere Winde in Filmen weniger gut symbolisch anzubieten. Zu den wenigen Ausnahmen gehört der schwule Zombiefilm "Zombadings 1" (2011): Bei einem Fluch und bei einem Outing weht ein kräftiger Wind, was als äußeres Zeichen einer mystisch-energetischen Kraft zu sehen ist.
Es wehen kältere Winde in "Tod in Venedig"
Den Interpretationen von Wilhelm Große ("Der Tod in Venedig von Thomas Mann. Textanalyse und Interpretation", 2012, S. 34-36) und Thorsten Zimmer ("Der Tod in Venedig. Interpretation, 2018, S. 64) zu Thomas Manns homoerotischer Novelle "Der Tod in Venedig" (1912) habe ich die nachfolgenden Hinweise entnommen, die meiner Meinung nach Luchino Visconti in seiner bedeutenden Verfilmung "Tod in Venedig" (1972) kongenial umgesetzt hat. Nach Wilhelm Große wird in der Novelle das "Wetter zur seelischen Befindlichkeit des Künstlers (Gustav Aschenbach) in Parallele gesetzt", was er an den Schilderungen eines lauwarmen Sturmwindes, der Luft mit ihren Fäulnisdünsten, des "falschen Hochsommers", des grauen Himmels, der widerlichen Schwüle und der brennenden Sonne verdeutlicht. Am Ende der Novelle wandelt Tadzio "im Meer vor dem Nebelhaft-Grenzenlosen". Auch Thorsten Zimmer geht auf Thomas Manns Beschreibung des "falschen Hochsommers", der Schwüle und der bedrückenden Hitze in der Novelle ein. Als Aschenbach stirbt, wehen "kältere Winde".
Der Sturm und stürmisches Leben
In einigen schwulen Filmen kommt ein Sturm vor, dessen auch symbolische Bedeutung vielleicht nicht immer sofort erkennbar ist. In den Filmen "Sturm über Washington" (1962, s. queer.de-Rezension), "Sommersturm" (2004), "Sturmland" (2014) und "A Stormy Night" (2020) geht es um stürmische Wetterlagen, die ihre Entsprechungen in den aufwühlenden Erlebnissen der schwulen Protagonisten haben. Auch der heftige Sturm, über den in "Das Herz will, was es will" (2004) im Fernsehen berichtet wird, findet in der Handlung des Films eine Parallele.

Stürme, die die aufwühlenden Erlebnisse schwuler Protagonisten verdeutlichen: "Sturm über Washington" (1962) und "Sommersturm" (2004)
Deutlich ist die Bedeutung des Sturms, wenn er im Film metaphorisch eingesetzt wird, wie im Filmtitel "Das stürmische Leben des Joe Orton" (1987). Mit einen "Sturm der Vorurteile" hatte Oscar Wilde während seines Prozesses wegen Homosexualität zu kämpfen, was sein Verteidiger in "Der Mann mit der grünen Nelke" (1960) vor Gericht betont.
Der Tornado in "Der Zauberer von Oz"

Der Tornado in "Der Zauberer von Oz" (1939)
Es ist nicht ganz einfach, die Bedeutung des Tornados in "Der Zauberer von Oz" (1939) zu bestimmen. Die Welt des Mädchens Dorothy (D: Schwulenikone Judy Garland) "wird auf den Kopf gestellt, nachdem sie der Wirbel eines Tornados in das magische Land Oz geschleudert hat" ("Das Buch der Symbole", 2011, S. 66). Dass der Film seit Jahrzehnten ein großes Identifikationspotenzial für Schwule bietet, liegt vielleicht nicht nur am bunten paradiesischen Land Oz, das sich Schwule wünschten, sondern vielleicht auch am Tornado als Ausdruck für die Schwierigkeiten auf dem Weg dorthin. Übrigens: Während des Films wurden rund 20 Drehbuchautoren und Regisseure verschlissen. Einer von ihnen war Victor Fleming, der im gleichen Jahr "Vom Winde verweht" drehte.
Pornos – Schwule wie ein Hurrikan

Der Porno "Storm Fighter" mit dem Hauptdarsteller "Lance Storm"
Mit der deutschen Redewendung "wie ein Wirbelwind" beschreibt man einen schwungvollen und energiegeladenen Menschen. In einem ähnlichen Sinne ist wohl auch der Pornotitel "Hurrican Twinks" zu verstehen. Vom Porno "Blue Summer Breeze" einmal abgesehen, verweisen Pornotitel mit Windmetaphern meist auf leidenschaftliche und energiegeladene Darsteller ("The Storm", "Passion Storm", "Barn Storm"). Der Pornotitel "Riders on the Storm" ist offenbar eine Referenz auf das gleichnamige Lied von "The Doors", "reiten" ist aber auch sexuell konnotiert. Der Porno "Storm Surge", also "Sturmwelle", bezieht sich in Verbindung mit dem Bildmaterial auf Urinspiele. Im Porno "Storm Fighter" sieht man einen Darsteller mit dem passenden Künstlernamen "Lance Storm". Ein kanadisches Pornolabel heißt "Darkwind"
Blitz und Donner – die energetische Naturgewalt von Sexualität
Blitz und Donner galten schon früh als Werkzeug von Gottheiten und als Symbol für Macht und Energie, die wie eine emotionale Entladung aufgestautem Zorns und als mahnendes Zeichen des himmlischen Strafgerichts wirkte. Auf antiken griechischen Vasen konnte der Blitz sogar eine "phallische Note" einbringen (Gundel Koch-Harnack: "Erotische Symbole", 1989, S. 64-66). Naturphänomene werden heute meistens nicht mehr als göttliche Zeichen gesehen, aber wir sind immer noch "wie vom Donner gerührt", wenn unsere Lebensumstände erschüttert werden.
Blitz und Donner – emotionale Entladungen
Blitz und Donner können wie eine Strafe Gottes inszeniert sein, wie in "Lot in Sodom" (1933, 0:40 Min., hier online), wo stilisierte Blitze und Feuer vom Himmel die Vernichtung von Sodom und Gomorrha bzw. der Sodomiter einleiten. Zu Beginn von Kenneth Angers "Fireworks" (1947, 00:10 Min., hier online) wird in einem Gewittertraum ein offenbar toter Mann auf Händen getragen.
Es ist nicht selten, dass ein Gewitter im Film seine Entsprechung in Wut, Gewalt und körperlichen Auseinandersetzungen findet. In "The Boys in the Band" (1969) prügeln sich Schwule parallel zum Gewitter und ein Gewitter ist im Kontext von Gewalt auf einem Cruisingplatz in "Lola und Bilidikid" (1999) zu sehen. Im Kurzfilm "Brotherly" (2008) wird ein Gewitter im Kontext einer schwierigen Kindheit mit alkoholkranken Eltern inszeniert und der schwule Alfredo in "Madre amadísima" (2009) wird während eines Gewitters von seinem Vater geschlagen. Ein Gewitter im Kontext von sexuellem Missbrauch an Kindern ist in "Pianese Nunzio" (1996) und "Camionero" (2012) zu hören. In "1313. Bermuda Triangle" (2012) werden Blitze durch übernatürlich Kräfte von Männern zum Töten erzeugt.
In anderen Filmszenen geht es zwar nicht um Gewalt, aber um große Emotionen: Das zeigt sich z. B. in "Lilies" (1996), als während eines Streitgesprächs Simons mit seiner Ehefrau Lydie-Anne ein zeitgleicher Blitz von einem Gast kommentiert wird: "Das hat eingeschlagen." In "Oscar Wilde" (1997) ist ein Gewitter zu hören, als Oscar Wilde infolge des Prozesses wegen Homosexualität ein gebrochener Mann ist. In "Die jungen Wilden" (2008) ist ein Gewitter in Verbindung mit unsafem Sex zu hören, was sich als Vorverweis auf Bedrohung und Unheil interpretieren lässt.
Ein Gewitter kann auch positiv besetzt sein, wie in der Äußerung Oscar Wildes zu Bosie in "Der Mann mit der grünen Nelke" (1960) über ein "Gewitter, das die Luft gereinigt hat". Ein Gewitter ist manchmal auch im Kontext von Leidenschaft zu sehen: In "Sommergewitter" (1995) tanzt Willi nackt im Regen und in "Bulgarian Lovers" (2003) tanzen zwei Männer in der Wohnung, während es draußen gewittert.
Blitz und Donner in "Die Katze auf dem heißen Blechdach"
Ein sehr bekanntes Beispiel dafür, wie Blitz und Donner als Symbole der emotionalen Entladung für Wut, Trauer und Verletzung stehen, ist der Film "Die Katze auf dem heißen Blechdach" (1958) nach einem Theaterstück von Tennessee Williams. Als in einem sehr lebhaften Gespräch zwischen Brick (D: Paul Newman) und seinem Vater das (homoerotische) Verhältnis zwischen Brick und Skipper angesprochen wird, meldet sich die Natur mit einem Gewitter laut zu Wort. Die Parallelisierung wird auch durch Big Daddys Kommentar deutlich: "Von welchem Sturm sprichst du? Von dem Sturm draußen oder von dem Tumult hier drinnen?" An diesem Tag "entlädt sich nicht nur in der Natur ein Gewitter, sondern auch all der über Jahre hinweg entstandene Frust" und alle Spannungen (Wikipedia). Diese Szene ist auch in der Dokumentation "The Celluloid Closet" (1995, 42:10 Min, hier online) zu sehen, die den homoerotischen Subtext und die frühere Zensur gut erläutert.

Big Daddy und ein emotionales Gewitter in "Die Katze auf dem heißen Blechdach" (1958)
Donner – Erotik und Orgasmus
In vielen Szenen ist das Unwetter nicht zu sehen, sondern – z. T. vielleicht aus Kostengründen – nur der Donner zu hören, was aber schon ausreicht, um den Zuschauenden die entsprechenden Emotionen zu vermitteln.
Aus der Traumforschung ist bekannt, dass "Donner in seiner plötzlichen und lauten Gestalt" einen Orgasmus verdeutlichen kann (Holger B. Flöttmann: "Träume zeigen neue Wege", 2013, S. 60), was sich auch in schwulen Filmen widerspiegelt. So kann Donner die positive akustische Untermalung einer erotischen Situation sein, wie in "Apartment Zero" (1988), wo der Donner in einer längeren Szene die Annäherung zwischen Jack und seinem Nachbarn auf der Couch untermalt. In "Gegen die Schwerkraft" (1997) lassen sich zwei Männer voller Leidenschaft drei Mal kurz hintereinander und parallel zu dreifachem Donner auf eine Couch fallen. Auch der Donner in "Cowboy" (2008, 18:40 Min., hier online) und "Drink me" (2015) korrespondiert deutlich mit der Heftigkeit schwulen Begehrens und lässt das sexuelle Verlangen wie eine kaum zu bändigende Naturgewalt erscheinen. In "Grande école" (2004) ist im Moment des Donners an den Körperreaktionen zweier Männer erkennbar, dass der Donner für einen Orgasmus steht.
"Wie vom Donner gerührt"
Als die Mütter in "Mamas kleiner Ole" (2003) und "Le fil" (2009) "wie vom Donner gerührt" von der Homosexualität ihres Sohnes erfahren, ist ein entsprechender Donner auch zu hören. In dem Film "In the name of the father" (2002) erfährt eine Mutter während es donnert, dass ihr Mann und ihr Sohn ein sexuelles Verhältnis haben. Ein Donner ist auch zu hören im Kontext von Einsamkeit ("The Everlasting Secret Family", 1988) und bei schwierigen Aussprachen ("Save me", 2007; "The Best Friend", 2013). Etwas irritierend finde ich die Äußerungen von Lindsay in der US-Serie "Queer as Folk" (Folge 2/11), die es tatsächlich für möglich hält, dass der Donner ein schlechtes Omen für die geplante Hochzeit mit ihrer Lebenspartnerin Melanie ist und dass "da oben" jemand etwas gegen diese Ehe hat. In einigen Filmen ist der einsetzende Donner sogar mit dem Tod der Protagonisten verknüpft, wie in Derek Jarmans "Caravaggio" (1986) und Bavo Defurnes "Der Heilige" (1996). In "Zurück in die Vergangenheit" (Folge 4/12) ist Donner im Kontext einer Scheinhinrichtung zu hören.
Pornos – Blitze als Ausdruck großer sexueller Energie
Es gibt einige Pornocover, auf denen Blitze zu sehen sind, die offenbar zum Ausdruck bringen, dass die Männer voll sexueller Energie stecken ("Boy's Juice", "Unleash the Beast", "Oi Black Majik", "Hell House", "Kiss My Dick", "Down Right Dancerous", "King in my dreams"). Aus diesem Grund hat sich wohl ein Darsteller auch zwei rote Blitze auf seine Brust tätowieren lassen ("Fuck me harder").
Die Wirkung der Blitze ist offenbar die gleiche, wenn sie nicht auf Naturgewalten basieren, sondern durch Magie ("Fucking Harry Palmer" als Parodie auf "Harry Potter") oder durch Elektrizität hervorgerufen werden ("Weird Science. A Gay XXX Parodie", "High Voltage", "Dr. Frankenfuck's Fist Lab").

Schwule Männer voll sexueller Energie in "Down Right Dancerous" und "Weird Science"
Nebel – Nackt bei Nacht und Nebel
Nebel kann eine magisch-mystische Stimmung erzeugen, die auch ins Erotische gehen kann – sowohl der Nebel in der Natur als auch durch Wasserdampf und Nebelmaschinen künstlich erzeugter Nebel. Nebel ist ein Symbol der emotionalen Verwirrung, bei der Unsicherheit und Sinnestäuschungen die klare Sicht nehmen. Nebel wird auch eingesetzt, um – surrealistisch inszeniert – einen Zustand zwischen Realem und Irrealem darzustellen. Nebel kann Verlorenheit zum Ausdruck bringen und die Protagonist*innen orientierungslos und handlungsunfähig erscheinen lassen.
Nebel – Erotik und Mystik
Nebel kann unglaublich erotisch inszeniert werden. In "Midnight Express" (1978) ist es zwar nur Wasserdampf, der von seiner Wirkung her aber mit Nebel gleichgesetzt werden kann und den Protagonisten die Möglichkeit bietet, anonym auf die Zärtlichkeiten eines anderen Mannes einzugehen. Erotische Szenen im Nebel lassen sich gut mit mystischen Erlebnissen in der Natur verbinden: Durch dichten Nebel werden in "Beautiful Thing" (1996) der Wald und in "När bromsvajern släpper" (2008) der Wassersteg in homoerotisch-mystische Orte verzaubert. Im Wald bzw. in der Natur verortet sind auch die homoerotischen Nebel-Szenen in "Felix" (2000), "Davy and Stu" (2006), "Brookton Hollow" (2010) und "Elicriso" (2013).
In "From Beginning to End" (2009) tanzen Francisco und Thomas in einer erotischen Traumsequenz nackt in rotem Nebel, was einen Zustand zwischen Realem und Irrealem erzeugt. Auch die Macher der US-Serie "Queer as Folk" verstehen es, den Nebel gut zu inszenieren. In der ersten Folge taucht Justin im offenen Hemd aus dem Nebel auf (Folge 1/1) und wird 83 Folgen lang die Serie prägen. Ähnlich geheimnisvoll wird in zwei Folgen das Verschwinden von Brian im Nebel in Szene gesetzt (Folgen 2/10, 17).

Justin taucht aus dem Nebel auf ("Queer as Folk", Folge 1/1)
Nebel – Unklarheit und Verwirrung
Der Nebel in "Lot in Sodom" (1933, 11:20 Min., hier online) steht mit der Ankunft des Engels und indirekt mit der Ankündigung in Verbindung, dass die Stadt Sodom vernichtet werden soll. In "Harry und Max" (2004) ist es das Verhältnis zweier Brüder und in "Férfiakt" (2006) die gemeinsame Zukunft zweier Männer, die im Nebel liegt und damit im Unklaren bleibt. In "Flames of Passion" (1989) hüllt der Dampf einer Dampflok an einem Bahnhof das Verhältnis zweier Männer in künstlichen Nebel.
In "Daybreak" (2008) denkt ein Mann an seinem nebligen Swimmingpool alleine über sich und seine Situation nach. Beeindruckend ist der aufwändig inszenierte Kurzfilm "The Last Time I Saw Richard" (2014, 14:50 Min., hier online), in dem Übernatürliches mit surrealistischen Traumsequenzen in nächtlichem Nebel gepaart ist. Solche im Nebel arrangierten Szenen sind meistens ruhige und besinnliche Momente, die allerdings manchmal genauso unklar bleiben, wie der Nebel, in dem sie stattfinden.

Surrealistische Träume in nächtlichem Nebel in "The Last Time I Saw Richard" (2014)
Nebel – Verfolgung, Mord und Tod
Nebel lässt sich auch gut in Verfolgungs- und Fluchtszenen einsetzen. In "Der Mann mit der grünen Nelke" (1960) wird Oscar Wilde von Lord Queensberry im Nebel verfolgt und in "Bent" (1997) verstecken sich Max und Rudi vor den Nazis im Wald, werden aber dort im Nebel gejagt und später nach Dachau deportiert. Starker Nebel herrscht in "Burnt Money" (2000) bei der Flucht nach einer Prügelei und in "Apartment Zero" (1988), als eine Leiche entsorgt wird.
In Horror- und Vampirfilmen gehört Nebel zum klassischen Standardrepertoire und löst Gefühle von Angst und Gefahr aus. Der schwule Vampir in "Disco Beaver from Outer Space" (1978) hat seinen großen Auftritt immer im Nebel, der einmal sogar zart rosa gefärbt ist. Im Horrorfilm "Hellbent" (2004) wird der Nebel mit den Gefahren in einem Sumpf und in "Zombadings 1" (2011) mit der Auferstehung der Toten auf einem Friedhof verbunden. In "Eulogy for a Vampire" (2009) versinkt der ganze Wald in blauem Nebel. Der Nebel, der in "Mommy's [Horror-]House" (2007) durch heißes Wasser in einer Dusche erzeugt wird, hat den gleichen Effekt.
Im schwulen Kannibalenfilm "Cannibal" (2006) werden zwei Männer beim Analverkehr im Nebel gezeigt. Dieser ist jedoch nicht lustvoll, sondern als schmerzender Gewaltakt wie ein Vorspiel zum Töten inszeniert, wozu auch die Überblendung zum Vollmond gehört, durch den man eher an einen reißenden Werwolf als an ein Liebespaar denkt. In der Person von Armin Meiwes, bekannt als "Kannibale von Rotenburg", hat diese Geschichte einen realen schwulen Hintergrund. Nebel überzeugt als ausdrucksstarkes und oft künstlerisch ansprechendes filmisches Mittel, das genreübergreifend sowohl erotische als auch spannende Momente in ihrer Wirkung verstärken kann.

Nebel im schwulen Kannibalenfilm "Cannibal" (2006)
Pornos – das Erotische und Spannende am Nebel
Auch auf den Filmcovern einiger Schwulenpornos wird Nebel mit seinen recht unterschiedlichen Wirkungen eingesetzt. Wie der Dampf in einer Dampfsauna eine erotische Wirkung hat ("Steamroom"), kann auch Nebel in Pornos erotisch inszeniert werden. Aus Inhaltsbeschreibungen geht hervor, dass Szenen im Küstennebel in "Seaside Sex" und ein Poolhaus im Nebel in "Heatstroke Highway" zu sehen sind.

Träume und Alpträume im Nebel in "I dream of Jim" und "Cream for me"
Nebel als Visualisierung einer Grauzone zwischen Realität und Irrealität lässt sich auch gut mit einem Traum verbinden ("I dream of Jim"). Durch Nebel lassen sich Einsamkeit und Angst zum Ausdruck bringen, wie in "Cream for me" – einer schwulen Porno-Parodie auf die vierteilige Thriller-Serie "Scream" (1996-2011).

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