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Interview
Ist das Coming-out heute einfacher, Olivier Peyon?
Das Drama "Hör auf zu lügen" erzählt eine schwule Liebesgeschichte in den 1980er Jahren. Wir sprachen mit Regisseur Olivier Peyon über den Film, der auf dem gleichnamigen Roman von Philippe Besson beruht und aktuell im Kino läuft.

Szene aus dem Film "Hör auf zu lügen" (Bild: TS Productions / 24 Bilder)
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19. November 2023, 10:19h 4 Min.
Olivier Peyon, 1969 in einem Vorort von Paris geboren, war schon etliche Jahre in der Filmbranche tätig, bevor er 2007 mit dem Spielfilm "Le Petites Vacances" sein Regiedebüt gab. Anschließend drehte er diverse TV- und Kino-Dokumentationen, unter anderem über Elisabeth Badinter oder die Relevanz der Mathematik in unserer heutigen Gesellschaft, sowie den Film "Tokyo Shaking" mit Karin Viard.
Seit Donnerstag läuft mit der Bestseller-Verfilmung "Hör auf zu lügen" sein bislang größter Erfolg in deutschen Kinos (Filmkritik von Fabian Schäfer). Wir haben dazu mit dem schwulen Regisseur gesprochen.

Regisseur Olivier Peyon (Bild: IMAGO / ABACAPRESS)
Monsieur Peyon, Ihr Film "Hör auf zu lügen" basiert auf dem gleichnamigen Roman von Philippe Besson, in dem ein schwuler Mann in seine Provinzheimat zurückkehrt. Die Thematik ist also nicht unähnlich wie etwa bei Didier Eribon oder Edouard Louis. Warum boomen solche Geschichten in Frankreich seit einiger Zeit?
Tja, da fragen Sie mich etwas. Bei Besson und Eribon liegt es nahe, dass man vielleicht in der zweiten Lebenshälfte an einen Punkt kommt, wo man wieder damit anfängt, sich mit seiner Jugend und Herkunft auseinanderzusetzen. Zumal wenn man in den 1970er und 1980er Jahren groß wurde, als Homosexualität in Frankreich noch sehr versteckt ausgelebt wurde. Erst 1982 wurde zum Beispiel das Schutzalter für homosexuelle Handlungen auf 15 Jahre herabgesenkt und damit dem Schutzalter für Heterosexuelle gleichgesetzt. Das waren also alles noch ganz andere, hochinteressante Zeiten, über die man viele Geschichten erzählen kann. Aber ich bin da auch wahrlich kein Experte.
Was reizte Sie selbst denn an der Geschichte?
Der größte Teil des Romans beschäftigt sich mit der Liebesgeschichte zwischen diesen beiden jungen Männern in den 1980er Jahren. Die fand ich toll, aber es gab dazu im Buch einen Prolog, der mich noch mehr begeistert hat: die Begegnung zwischen dem mittlerweile erwachsenen Schriftsteller und dem Sohn seiner früheren Jugendliebe. Im Buch ist das nur ein Gespräch in einem Café, aber was da an Tragik mitschwang, hat mich fasziniert. Gerade in der Dynamik zwischen dem Sohn, der die wichtigsten Dinge über das Leben seines Vaters nicht weiß, und dem Vater, der immer nur auf Schweigen und Verdrängen gebaut hat. Diesen Teil der Geschichte, alles, was da oft nur in wenigen Worten angedeutet war, wollte ich für den Film unbedingt ausbauen und vertiefen. Die Gegenwart interessierte mich einfach noch mehr als die Vergangenheit.
Auch weil vielleicht eine schwule Romanze in den 1980er Jahren heute nicht mehr so richtig relevant gewesen wäre?
Ich dachte zunächst tatsächlich, solche Liebesgeschichten, in jemand nicht ausleben und zeigen kann, wer er wirklich ist, seien ein Ding der Vergangenheit. Aber dann hatte ich schon während des Casting-Prozesses mit vielen jungen Schauspielern Kontakt, die mir erzählten, wie nahe ihnen die Geschichte des Romans ging, weil sie ihrer eigenen Situation so ähnlich sei. Dass junge Männer um die 20 heute so etwas heute noch immer wieder erleben, traf mich in meiner Großstadtblase eher unerwartet. Das war ganz gut, daran mal wieder erinnert zu werden: dass es eben auch heute noch nicht immer und überall leicht ist, sich zu outen. Zumal ich selbst ja das beste Beispiel dafür bin, dass das Finden der eigenen sexuellen Identität stets ein ganz individueller Prozess ist, für den es keine allgemeingültigen Regeln gibt.
Wie genau meinen Sie das?
Nun, ich habe Freunde, die wussten schon im Alter von sechs Jahren, dass sie schwul sind. Davon konnte bei mir keine Rede sein, weswegen mein eigener Coming-out-Prozess mit ihrem gar nicht zu vergleichen ist. Ich war mit einer Frau verheiratet und habe Kinder, erst sehr viel später im Leben habe ich für mich herausgefunden, dass ich schwul bin.
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Was hat eigentlich Philippe Besson selbst zu all den Änderungen gesagt, die Sie an seiner Geschichte vorgenommen haben?
Er hat mir da völlige Freiheit gelassen und hatte nicht die geringsten Vorbehalte gegen meine Ideen. Im Gegenteil. Aber weil sein Roman autobiografischer Natur ist, fühlte ich die Verantwortung, dass auch all meine Neuerungen in der Geschichte zumindest einen persönlichen Bezug zu Besson haben. Deswegen rief ich ihn immer mal wieder an und fragte nach Erinnerungen und Anekdoten aus seinem Leben. Wenn nun im Film der Protagonist Stéphane erzählt, wie er einmal in einer Schwulenbar in Los Angeles viel zu viel Pastis getrunken hat, dann basiert das tatsächlich auf etwas, das Besson mir erzählt hat. Nur dass Stéphane anschließend mit dem Barkeeper ins Bett gegangen ist, sei ihm so nie passiert, betont er immer wieder mit Nachdruck.
Hör auf zu lügen. Drama. Frankreich 2023. Regie: Olivier Peyon. Cast: Guillaume de Tonquédec, Victor Belmondo, Guilaine Londez, Jérémy Gillet, Julien De Saint Jean. Laufzeit: 98 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Verleih: 24 Bilder. Kinostart: 16. November 2023
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