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Interview
"Queere Menschen konsumieren Substanzen zuerst und vor der Mehrheitsgesellschaft"
Wir sprachen mit Conor Toomey vom senatsgeförderten Projekt "drugchecking.berlin" über die Nachfrage nach kostenlosen Drogentests, erste Ergebnisse, aktuelle Warnungen, neue Trends sowie Substanzgebrauch in der queeren Szene.

Symbolbild: Nach Angaben von Conor Toomey ist das Chemsex-Phänomen "in den letzten Jahren sehr stark angezogen" (Bild: Vice Media)
- Von Marcel Malachowski
19. November 2023, 12:22h 5 Min.
Seit dem 6. Juni 2023 läuft das noch vom früheren rot-rot-grünen Senat geförderte Projekt "drugchecking.berlin" im Routinebetrieb. Konsument*innen können Proben ihrer Drogen-Käufe in Sprechstunden an Dienstagnachmittagen bei drei Stellen anonym abgeben: den Suchtberatungs-Initiativen Fixpunkt und Vista sowie der Schwulenberatung. Vor der Abgabe der Droge gibt es eine Beratung. Das Ergebnis gibt es nach einigen Tagen.
Die Analyse erfolgt in einem neutralen Labor über das Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin. Das Angebot richtet sich an erwachsene Süchtige mit täglichem Konsum, aber auch an Partygänger*innen, die nur am Wochenende etwas einnehmen. Nicht un-tersucht werden pflanzliche Drogen wie Marihuana und Haschisch, Medikamente, Anabo-lika und Potenzmittel.
Conor Toomey ist fachlicher Leiter der Drogen- und Suchtberatung der Berliner Schwulenberatung und einer der Haupt-Initiator*innen von "drugchecking.berlin". Im Interview mit queer.de zieht er eine erste Bilanz des Projekts.
Euer Projekt ist jetzt seit gut einem halben Jahr am Start. Könnt Ihr denn für diese Zeit schon ein Fazit ziehen?
Es ist ein Riesen-Erfolg. Die Vorbereitung war ja sehr lang, über Jahre. Aber im Sommer sind wir dann in den vollständigen Regelbetrieb gestartet, die Monate zuvor waren wir schon im Probebetrieb. Jetzt können wir feststellen: Es wird total stark in Anspruch genommen. Es zeigt uns: Der Bedarf ist da. Aber mehr noch als das: Der Bedarf und die Nachfrage übersteigen derzeit unsere Kapazitäten. Wir bieten unseren "Service" ja derzeit an drei Standorten durch drei verschiedene Träger an – je nach verschiedenen Zielgruppen. Als Träger der Schwulenberatung ist unser Standort natürlich eher der Anlaufpunkt für Menschen aus der queeren Szene.
Und wie ist das Feedback bei Euren queeren Klient*innen?
Es kommt sehr gut an. Wir müssen einfach feststellen: Solch ein Projekt wie Drug Checking hat gefehlt.
Wie viele Klient*innen und Materialtestungen von Drogen hattet Ihr denn schon?
Wir haben in den letzten Monaten viele hundert Proben entgegengenommen. 30 Prozent waren auffällig.
Was heißt das?
Es geht vor allem um Überdosierungen. Es war zu viel Wirkstoff enthalten. So etwas kann sehr gefährlich bis lebensgefährlich sein. Bei den Proben, die wir getestet haben, betraf das vor allem Substanzen aus dem Bereich, den wir als den der Party-Drogen bezeichnen würden, also MDMA und Ecstasy etwa. Ein weiteres großes Problem waren Fehldeklarierungen. Junge Leute glaubten, sie kauften Kokain. Aber es waren auch andere Substanzen enthalten wie Narkosemittel. Die unerwünschte Wirkung dieser Substanzen geht dann weit über das hinaus, was die Konsument*innen als erwünschte Wirkungen erwartet hätten. Dies kann sehr gefährlich sein.
Ihr gebt dann nach den Testungen auch allgemeine und öffentliche Warnungen heraus?
Ja, unsere gesammelten Erkenntnisse aus unserer Arbeit stellen wir regelmäßig als allgemeine Warnungen an Drogengebrauchende auf unsere Website. Für alle einsehbar, damit sie sich präventiv vor Gefahren schützen können. Diese Warnungen auf unserer Homepage werden online sehr oft aufgerufen. Wir freuen uns sehr, dass unsere Arbeit so gut angenommen wird – auch von Menschen, die gar nicht in unsere Beratungen kommen. So können wir auch diese Leute erreichen, denen unsere Angebote persönlich zu hochschwellig sind. Das ist ein weiterer Erfolg des Projekts.

Um Gesundheitsschäden zu vermeiden, führt "drugchecking.berlin" chemische Analysen bewusstseinsverändernder Substanzen durch (Bild: Schwulenberatung)
Aus welchen Personengruppen kommen denn insgesamt die Klient*innen von Drug Checking?
Während wir eher der Anlaufpunkt für die queere Community sind, geht es bei Vista etwa eher um die Party-Szene generell in Berlin, Fixpunkt hat eine große Expertise für Opiate zum Beispiel.
Das heißt, Eure Klientel kommt fast aus der ganzen Gesellschaft?
Kann man fast so sagen… Eher jüngere sind natürlich viel vertreten, aber ansonsten geht es wirklich querdurch, auch altersmäßig. Sowohl in unserem Standort von der Schwulenberatung als auch bei den beiden anderen Trägern.
Konsumieren queere Menschen denn andere Drogen und konsumieren sie diese anders?
Wir können eines feststellen aus unserer Beobachtung: Queere Menschen konsumieren Substanzen zuerst und vor der Mehrheitsgesellschaft. Ketamin zum Beispiel ist ein sehr großes Thema. Es wurde jahrelang vor allem im Sex-Kontext der queeren Szene konsumiert. Jetzt muss man sagen: Es ist die Tanzflächen-Droge für alle geworden. Seit etwa 2015 war es uns im Chemsex-Kontext bekannt, jetzt im Party-Kontext. Ähnlich ist es mit Mephedron.
Würdet Ihr denn sagen, der Drogen-Konsum hat auch in der queeren Szene in letzter Zeit und seit Corona noch einmal zugenommen? Quantitativ und qualitativ?
Auf jeden Fall ist er nicht weniger geworden. Es gab ja während der Corona-Zeit von Fachleuten die Vermutung, der Drogenmarkt könnte durch die Lockdowns trockengelegt werden. Man muss feststellen, dies war nicht der Fall. Durch die Lockdowns haben Konsument*innen nach unserer Beobachtung eher weitergehende Probleme entwickelt – auch durch Einsamkeit. Es wird viel über illegalisierte Drogen geredet in der öffentlichen Wahrnehmung, aber Alkohol ist ein Riesen-Problem, auch in der queeren Szene. Nach unserer Beobachtung vor allem auch während der Pandemie. Es ist nur nicht so sichtbar. Auch Chemsex-Parties sind ja während der Club-Lockdowns weitergelaufen – nur dann im privaten Kontext. Vor allem das Chemsex-Phänomen ist in den letzten Jahren sehr stark angezogen – in Berlin, aber auch allgemein in vielen europäischen Großstädten. Bis vor ein paar Jahren war es nach meiner und unserer Beobachtung in der Drogenhilfe so: Die Hälfte der Ratsuchenden kam wegen Alkohol, die andere Hälfte wegen Party-Drogen. Jetzt ist jede*r Zweite wegen Chemsex-Drogen da.
Gibt es nach denn nach Eurer Beobachtung tatsächlich auch eine Crack- und Kokain-Schwemme? Das BKA und die DEA berichten seit zehn Jahren von durch die Kartelle gewollt herbeigeführten Dumping-Preisen im Kokain-Markt vor allem in Richtung Europa, um das Angebot zu fluten und so neue Zielgruppen zu teasen. Es gab in vielen europäischen Häfen und auch weltweit immer wieder Rekord-Funde an Kokain.
Im queeren Kontext können wir das nicht sagen. Kokain war in der Drogenhilfe immer schon ein Thema, es war nie nur die sogenannte "Manager-Droge", sondern es war auch bei anderen verbreitet. Vor allem das Crack-Problem ist ein öffentlich sehr sichtbares Phänomen. Ich denke, es ist sehr komplexes gesellschaftliches Phänomen, das nicht selten soziale Ursachen hat: Armut, soziale Ausgrenzung, Wohnungsnot, Obdachlosigkeit. Menschliche Not wird durch Crack-Konsument*innen im öffentlichen Raum sichtbar. Aber hinter der Sichtbarkeit dieser Einzelnen, die man sieht, stehen soziale Probleme der gesamten Gesellschaft, die verdrängt werden. Es gibt etwa eine direkte Verbindung zum Wohnraum-Problem. Darüber muss man reden.
Links zum Thema:
» Homepage von "drugchecking.berlin"














